

Abū l-Walīd Muhammad ibn Ahmad Ibn Ruschd (arabisch أبو الوليد محمد ابن أحمد ابن رشد, DMG Abū l-Walīd Muḥammad ibn Aḥmad Ibn Rušd), kurz Ibn Ruschd, latinisiert Averroes – auch Averroës oder Averrhoës – (geboren am 14. April 1126 in Córdoba; gestorben am 10. Dezember 1198 in Marrakesch), war ein andalusischer Philosoph, muslimischer Gelehrter, Jurist, Arzt und arabischsprachiger Schriftsteller. Er war Hofarzt der berberischen Dynastie der Almohaden von Marokko.
Averroes verfasste eine medizinische Enzyklopädie und fast zu jedem Werk von Aristoteles einen Kommentar. In der christlichen Scholastik des Mittelalters, auf die er großen Einfluss ausübte, wurde er deshalb als „der Kommentator“ bezeichnet (italienisch il commentatore, geprägt von Dante), so wie Aristoteles gelegentlich nur „der Philosoph“ genannt wurde. Eine Darstellung von Averroes wurde sogar von Raffael in sein Fresko Die Schule von Athen aufgenommen.
Averroes sah in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen, glücklich zu werden. Die aristotelische Logik lieferte für ihn die Möglichkeit, aus den Daten der Sinne zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen. Die Logik war für ihn das Gesetz des Denkens und der Wahrheit.
Averroes wurde 1126 in Córdoba in eine Juristenfamilie geboren. Er studierte Recht, Medizin und Philosophie und war auch darüber hinaus ein sehr gebildeter Mensch. Im Jahre 1168 oder 1169 soll er von Ibn Tufail dem Fürsten Abu Yaqub Yusuf I. vorgestellt worden sein, welcher ihn in einem Gespräch fragte, was denn die Ansicht der Philosophen über die Ewigkeit des Himmels sei. Averroes aber war eingeschüchtert und behauptete, sich nicht mit Philosophie zu beschäftigen. Also begann der Fürst ein Gespräch mit Ibn Tufail und zeigte dabei seine große Kenntnis der islamischen Philosophie und ihrer Fragestellungen. Averroes begann sich dann doch in das Gespräch einzumischen und bekam schließlich den Auftrag, alle Werke von Aristoteles neu zu ordnen und zu kommentieren, um dem Islam »rein und vollständig die Wissenschaft« zu geben. Er führte ein vielfältiges, auch die Beschäftigung mit Politik nicht aussparendes Leben, so war er 1169 Richter in Córdoba und Sevilla und 1182 wurde er Leibarzt des mittlerweile zum Kalifen gewordenen Abu Yaqub. Jedoch hielt er auch diese Stellung nur kurz und wurde wieder Richter in seiner Heimatstadt. Wie für alle spanisch-arabischen Philosophen waren auch für Ibn Ruschd die politischen Verhältnisse jener Zeit ungünstig. Die islamischen Herrscher bedurften eher der Unterstützung durch Theologen. Averroes’ Aufforderungen an die Menschen, ihre Vernunft zu gebrauchen, brachten ihn in Konflikt mit den Sichtweisen der islamischen Orthodoxie. Unter Kalif Yaʿqūb al-Mansūr (1184–1199), dem Sohn und Nachfolger von Abu Yaqub, stand Averroes zunächst in der Gunst des Herrschers, doch 1195 fiel er in Ungnade. Der Kalif, der sich auf einem Feldzug in Spanien befand, meinte auf die Unterstützung orthodoxer Kräfte angewiesen zu sein. Daher wurde Averroes nach Lucena, einer Kleinstadt südlich von Córdoba, verbannt; seine Werke wurden verboten und ihre Verbrennung angeordnet. Averroes durfte erst 1197 nach Marrakesch zurückkehren, wo er ein Jahr später verstarb. Er wurde zuerst in Marrakesch begraben, später wurde sein Leichnam zum Familiengrab nach Córdoba gebracht.

Averroes war ein offener und kritischer Geist seiner Zeit. In seiner Beschäftigung mit Aristoteles ging er so systematisch wie nur möglich voran und interpretierte ihn wie niemand zuvor. Er schrieb Kommentare in mehreren Abstufungen, kürzere, mittlere und größere und machte sich als Kommentator von Aristoteles einen Namen. Sogar Dante erwähnt ihn in dieser Funktion in seiner Göttlichen Komödie. Aristoteles ist dabei für Averroes der vollkommenste Mensch, der im Besitze der unfehlbaren Wahrheit gewesen sei und sich den Menschen aber nur einmalig gezeigt habe. Er sei die inkarnierte Vernunft gewesen. Seine eigene Philosophie baut sehr auf Logik auf, wie es von einem großen Aristoteliker auch nicht anders zu erwarten wäre. Sie beginnt zunächst mit der Frage, ob man überhaupt philosophieren dürfe, ob es vom religiösen Gesetz her erlaubt, verboten, empfohlen oder notwendig sei. In Koranversen wie „Denkt nach, die ihr Einsicht habt!“ findet Averroes nicht nur die Aufforderung an die Muslime, über ihren Glauben nachzudenken, sondern auch, die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden, und diese sieht er eindeutig in der Philosophie und zumal in der aristotelischen Beweisführung gegeben. Aber auch Averroes schränkt ein, dass nicht alle Menschen sich mit Philosophie beschäftigen können, sondern nur jene, die einen starken Intellekt besitzen. In Reaktion auf al-Ghazālī teilt er den Koran und dessen Exegese in seinem Werk „Die entscheidende Abhandlung“ in drei Gruppen ein:
Noch viel direkter greift er al-Ghazālī dann aber in seiner Schrift Die Inkohärenz der Inkohärenz an, der Titel ist in Anlehnung an al-Ghazālīs Die Inkohärenz der Philosophen gewählt. Dort hatte al-Ghazālī die Philosophen vor allem deswegen angegriffen, da sie Unglauben auf Grund von drei Dingen lehrten:
Averroes antwortete auf diese drei Punkte folgendermaßen:
Hier setzt sodann sein eigenes philosophisches System an. Allerdings gibt es hier keine eigenständigen Werke mehr, sondern seine Lehre erstreckt sich auf seine zahlreichen Kommentare und Kompendien zu griechischen Autoren, wiewohl er nicht des Griechischen mächtig war. Die Wahrheit sei nach Aristoteles verloren gegangen. Avicenna (Ibn Sina) und anderen wirft er vor, Philosophie mit Theologie verbunden zu haben und somit die Philosophie für Leute wie al-Ghazālī überhaupt erst angreifbar gemacht zu haben. Auch Averroes beschäftigte sich – wie fast alle islamischen Philosophen – mit dem Intellekt bzw. der Vernunft. So habe nicht jeder Mensch seinen eigenen individuellen potenziellen Intellekt, der ihm die Glückseligkeit ermögliche. Denn es gebe nur „einen“ universalen potenziellen Intellekt. Das Individuum verfüge aber nur über jene Tätigkeiten, die mit der körperlichen Existenz zusammenhängen, die von einer Seele koordiniert würden, einer Seele, die mit dem Körper verbunden sei und mit ihm vergehe. Die geistige Erkenntnis gehöre also nicht in den Bereich des Individuellen.
Jacob Anatoli (um 1194–1256) übersetzte die Werke des Averroes aus dem Arabischen ins Hebräische.
In seinen von der Philosophie durchdrungenen medizinischen Werken setzte sich Averroes mit der Fieberlehre Galens und Avicennas auseinander. In kleineren Werken befasste er sich zudem mit Arzneimitteln und der Pharmakologie. Das bedeutendste medizinische Werk ist sein Kitāb al-kullĩyāt fī'ț-țibb (wörtl. Das Buch der gesammelten Werke über die Heilkunde, ins Lateinische als Liber universalis de medicina übersetzt). Die Wirkungsgeschichte dieses Buches war weitreichend. Averroes galt im Mittelalter als Autorität und hat die Medizin des Abendlandes entscheidend beeinflusst. Averroes befasste sich hier mit Anatomie, mit der Physiologie und der Pathologie. Auch Nahrungsmittellehre, Heilmittellehre, Hygiene und Therapeutik wurden behandelt. An vielen Stellen wurde Kritik an Galen deutlich, so nicht nur in der Fieberlehre, sondern auch in einem Traktat über Elemente und Krankheitssymptome. Er zitierte Galen auch häufig kritisch in seinem Theriak-Traktat (Maqāla fī't-tiryāq), der sich auch theoretisch mit Dosierungen befasst und dessen Rezeption Grundlage war für eine komplex quantifizierende Pharmazie.


| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Averroes |
| ALTERNATIVNAMEN | Averroës; Ibn Ruschd; Abu l-Walid Muhammad Ibn Ahmad Ibn Ruschd; Averrhoës |
| KURZBESCHREIBUNG | arabischer Philosoph, Arzt |
| GEBURTSDATUM | 14. April 1126 |
| GEBURTSORT | Córdoba |
| STERBEDATUM | 10. Dezember 1198 |
| STERBEORT | Marrakesch |