IchundIch

IchundIch (auch: Ich und Ich) ist eine Tragödie in sechs Akten von Else Lasker-Schüler, die vermutlich 1940 entworfen wurde und im Winter auf das Jahr 1941 in Jerusalem geschrieben wurde. Das Fragment aus dem Nachlass der Autorin wurde am 10. November 1979 von Michael Gruner in Düsseldorf uraufgeführt. Margarete Kupper gab das Schauspiel ein Jahr darauf im Kösel-Verlag in Buchform heraus. Henri-Alexis Baatsch übertrug dieses letzte Bühnenstück der Autorin 1990 ins Französische, Virginia Bezzola 1992 ins Italienische und Jane Curtis 2005 ins Englische.

Hintergrund

Ihre letzten sechs Lebensjahre – vom Frühjahr 1939 bis zum 22. Januar 1945 – verbrachte die Dichterin im palästinensischen Exil. Die „Verzweiflung über die Abwesenheit Gottes“ brachte die Autorin auf die Idee, sich mit dem Bösen zu identifizieren.

Inhalt

Überblick

Ort der Handlung ist Jerusalem – im letzten Akt der Garten eines Augenarztes und sonst die Hölle; genauer, der Höllengrund nahe beim Jerusalemer Davidsturm. Über die ersten fünf Akte hinweg wird die tiefer greifende Dialogführung hauptsächlich von Mephisto und Dr. Faust in Anlehnung an Goethe bestritten.

Im ersten Akt gibt „die Dichterin der Tragödie“ – als Else Lasker-Schüler gut vorstellbar – dem Zuschauer als dramatis persona Fingerzeige zum Verständnis des titelgebenden IchundIch. Es handelt sich – für die Aufführdauer der Tragödie nur – um eine Ichspaltung der Dichterin in „Tugenden und Sünden“. „Das eigentliche Spiel beginnt.“

Im zweiten Akt treten von Schirach, Goebbels, Heß und Göring im Höllenpalast auf. Göring und Heß machen den Besuchsgrund der Nazis in der Hölle klar; bitten um Petroleum für Deutschland. Mephisto geht auf den „Wirtschaftspakt“ ein und fordert im Gegenzug ein „Städtchen an der Eifel“.

Im dritten Akt möchte die schwerhörige Frau Marthe Schwerdtlein liebend gerne mit Goebbels anbandeln.

Faust fragt im vierten Akt den Teufel – also Mephisto – ein wenig unsicher, ob er den „Störenfried aus Braunau“ holen könne. Der Teufel meint, das könne er schon. Nazisoldaten, Ley und Göring marschieren in die Hölle ein; versinken mit einem „Heil Hitler!“ in der Lava.

Göring taucht im fünften Akt noch einmal auf und hat eine letzte Kontroverse mit Goebbels. Als weitere „Naziheere“ nahen, will Faust die deutschen Landsleute vor der die Besucher verschlingenden Lava warnen, wird jedoch von Mephisto daran gehindert. So erscheint Hitler in Begleitung von Ribbentrop, Himmler sowie Rosenberg. Die Nazis werden allesamt zum Teufel gejagt; also, sie sterben in zischender, brodelnder, qualmender Lava. Nach getaner Arbeit – alle Besucher sind gestorben – deutet Mephisto als väterlicher Freund dem staunenden Doktor Faust das Wunder seiner Unsterblichkeit via geteiltes Ich –

„...durch das wiederum Entfalten
Des IchundIch
Komm ich geklärt und pfingstgeläutert ich zu mir!“

Das Publikum im Parkett, so Mephisto, möge sich daran ein Beispiel nehmen.

Faust, der gerne moralisiert, fügt schließlich eine dritte Deutung des Werktitels hinzu. Demnach repräsentiert wohl er die Tugenden und sein Widerpart die Sünden: „Uns beide – stillvereint im Leibe: IchundIch.“

Nebendinge

Max Reinhardt tritt als Regisseur des Stücks auf. Aribert Wäscher und Karl Hannemann spielen Hauptrollen. Marinus van der Lubbe streicht irrsinnig trällernd zwischen den Kulissen einher.

Der Baal, die biblischen Könige Saul, David und Salomo erscheinen auf der Bühne, tragen aber keine wesentliche Handlung. Höchstens der Baal spielt eine Nebenrolle, als es gilt, Hitler in die todbringende Lava zu locken.

Else Lasker-Schüler kann langjährige Theaterpraxis nicht abgesprochen werden. Ein Attentäter – Herschel Grynszpan und sogar eine dreiköpfige Komikertruppe dürfen nicht fehlen – die Ritz Brothers.

Andere Premieren

Rezeption

Neuere Äußerungen

Literatur

Textausgaben

Erstausgabe

Andere Ausgaben

Sekundärliteratur

Anmerkungen

  1. ↑ Bauschinger (S. 420): Höllental oder Höllengrund nennt Else Lasker-Schüler das Hinnomtal.
  2. ↑ Gretchen tritt bei Else Lasker-Schüler nicht in persona auf.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ anno 1980: Nachwort von Margarete Kupper zum Theaterstück in der verwendeten Ausgabe, S. 303, 11. Z.v.o. sowie Editorische Notiz zur verwendeten Ausgabe, S. 350, 8. Z.v.u.
  2. ↑ frz. Henri-Alexis Baatsch
  3. ↑ Eintrag bei viaf.org
  4. ↑ Eintrag bei viaf.org
  5. ↑ Eintrag bei WorldCat
  6. ↑ Bauschinger, S. 411, 3. Z.v.o.
  7. ↑ Feßmann, S. 264, 6. Z.v.o. und S. 268 Mitte
  8. ↑ Feßmann, S. 266 oben
  9. ↑ Verwendete Ausgabe, S. 273, 9. Z.v.u.
  10. ↑ Verwendete Ausgabe, S. 288, 9. Z.v.u.
  11. ↑ Verwendete Ausgabe, S. 289, 2. Z.v.u.
  12. ↑ Westdeutsche Zeitung: Schauspiel Wuppertal stemmt Großprojekt zum 150. Geburtstag von Else Lasker-Schüler. Abgerufen am 14. Dezember 2018.
  13. ↑ Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH: ICHUNDICH. In: Schauspielaus Wuppertal. Archiviert vom Original am 3. Juli 2020; abgerufen am 11. Juni 2019.
  14. ↑ Bauschinger, S. 425, 9. Z.v.u.
  15. ↑ Gottgetreu, zitiert bei Kupper anno 1980, S. 304, 6. Z.v.o in der verwendeten Ausgabe
  16. ↑ Kupper anno 1980, S. 311, Mitte in der verwendeten Ausgabe
  17. ↑ Kupper anno 1980, S. 312, 9. Z.v.o. in der verwendeten Ausgabe
  18. ↑ Kupper anno 1980, S. 320 Mitte in der verwendeten Ausgabe
  19. ↑ Kupper anno 1980, S. 312 unten in der verwendeten Ausgabe
  20. ↑ Kupper anno 1980, S. 310, 8. Z.v.u in der verwendeten Ausgabe
  21. ↑ Kupper anno 1980, S. 313 oben in der verwendeten Ausgabe
  22. ↑ Kupper anno 1980, S. 314, 4. Z.v.o. in der verwendeten Ausgabe
  23. ↑ Kupper anno 1980, S. 325 unten in der verwendeten Ausgabe
  24. ↑ Kupper anno 1980, S. 323 Mitte in der verwendeten Ausgabe
  25. ↑ Kupper anno 1980, S. 326 oben in der verwendeten Ausgabe
  26. ↑ Kupper anno 1980, S. 335 oben in der verwendeten Ausgabe
  27. ↑ Feßmann, S. 261–272
  28. ↑ Bauschinger, S. 421 Mitte
  29. ↑ Bauschinger, S. 423 oben