Ilse Lichtenstein-Rother

Ilse Lichtenstein-Rother (* 10. Dezember 1917 in Wilsdruff, Sachsen; † 6. Oktober 1991 in Augsburg) war eine deutsche Grundschulpädagogin, die sich besonders für den Anfangs- und den Sachunterricht engagierte. In der Zeit des Nationalsozialismus war sie in verschiedenen Funktionen für das NS-Regime tätig. Sie war ab 1973 als Professorin für Pädagogik Lehrstuhlinhaberin an der Universität Augsburg und kann mit ihren richtungsweisenden didaktischen Arbeiten zur Heimatkunde/Weltkunde/Sachkunde als Wegbereiterin des modernen Sachunterrichts bezeichnet werden.

Leben und Wirken

Lichtenstein-Rother war die erste Tochter des Eisenbahnbeamten Friedrich Kurt Rother und dessen Ehefrau Rosa Rother, geborene Hertel. Ihr Vater starb bereits November 1918. Aus der zweiten Ehe der Mutter ging die Tochter Jutta hervor. Seit 1935 war Ilse Rother „Jungmädelführerin“ im BDM (Bund Deutscher Mädel). Nach ihrer Ausbildung zur Volksschullehrerin an der Hochschule für Lehrerbildung in Dresden studierte Ilse Rother von 1941 bis 1943 Psychologie, Pädagogik sowie Philosophie an der Technischen Hochschule Dresden. Sie war zudem an der Universität Münster und der Universität Innsbruck immatrikuliert. Rother war evangelisch und Sprecherin des örtlichen nationalsozialistischen Studentenbundes und überdies in der Studentenführung des Gaus Sachsen tätig. Im Sommer 1940 meldete sie sich freiwillig zum „Osteinsatz“ und war in der Nähe des Ghettos Litzmannstadt als Lehrerin tätig. Im Februar beantragte sie die Mitgliedschaft in der NSDAP, die am 1. April desselben Jahres bewilligt wurde (Mitgliedsnummer: 8966107). Bei ihrem Entnazifizierungsverfahren 1946 vertuschte Rother ihre Tätigkeit im von Deutschland überfallenen Polen und verschwieg ihre NSDAP-Mitgliedschaft, ebenso in einem 1989 veröffentlichten Interview, in dem sie über ihre NS-Vergangenheit befragt wurde. Während der Bombardierung Dresdens soll ihre fast fertige Dissertation ein Opfer der Flammen geworden sein. Als die Russen in die Stadt an der Elbe einmarschierten, flüchtete sie. Über diese Zeit berichtete Lichtenstein-Rother:

„Ich bin in Richtung Teplitz-Schönau gelaufen, habe in Wäldern geschlafen, wurde buchstäblich ausgezogen und ausgeraubt, habe also noch das Wenige verloren, was mir vor dem Luftangriff geblieben war. Nach etwa zwei Wochen bin ich dann wieder langsam zurück nach Dresden... Ich bin dann dort bis 1946 geblieben und bei einer Freundin untergekommen. In deren Wohnung regnete es zwar rein, aber es war wenigstens noch eine Wohnung.“

Nachdem sie Dresden verlassen hatte, arbeitete Rother kurze Zeit als Hauslehrerin beim Zirkus Belli.

Im Jahr 1946 übernahm sie Aufbau und Leitung eines Jugendzentrums für Kinder und Jugendliche mit sozialen Defiziten in der Lüneburger Heide. Dabei handelte es sich um eine Tagesstätte mit voller Verpflegung für 300 zum Teil unterernährte Kinder und Jugendliche, die in 28 verschiedenen Arbeitsgemeinschaften betreut wurden. Der „Club“, der „zu einer Art Kinder- und Jugendvolkshochschule geworden war“, wurde von über 300 jungen Menschen besucht.

1948 wurde sie Dozentin für Praktische Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Adolf-Reichwein-Hochschule Celle, wo sie als Lehrerin einer Beispielklasse wirkte und sich besonders intensiv mit Arbeitsmitteln beschäftigte. In dieser Zeit schrieb sie gemeinsam mit Liselotte Nerlich von Diesterweg das 1955 veröffentlichte Buch Schulanfang (mehrfach aufgelegt). Sie entwickelte sich in ihren Vorschlägen für den Unterricht von der damals dominierenden Heimatkunde hin zur Sachkunde.

Rother wurde 1957 als Professorin für Schulpädagogik an die PH Bielefeld berufen. 1958 heiratete sie den Pädagogen und Hochschullehrer Ernst Lichtenstein († 1971). Ebenfalls In dieser Zeit erprobte sie in enger Verbindung mit Schulen ihre Vorschläge zum Anfangsunterricht. Fachbezeichnungen wie Sachunterricht und Weltkunde hat sie in dieser Zeit schon deutlich vertreten. Sie arbeitete maßgeblich an den neuen niedersächsischen Richtlinien für Volksschulen mit und entwickelte sehr früh in ihren Schriften wie auch in den Richtlinien Niedersachsens die Fachbezeichnung „Sachunterricht“.

In den Jahren 1964 bis 1973 wirkte Lichtenstein-Rother als Professorin für Schulpädagogik an der PH Westfalen-Lippe, Abt. Münster, wo sie Leiterin des Instituts für Strukturfragen der Volksschule war.

„Hier war sie maßgebend an der Reform der nordrhein-westfälischen Grund- und Hauptschulen beteiligt. Besonderen Einfluß nahm sie dabei auf den Primarbereich.“

Grabstätte von Lichtenstein-Rother

Von 1972 bis 1974 leitete sie das Internat Schloss Salem. Anschließend nahm sie den Lehrstuhl Pädagogik mit Schwerpunkt Grundschuldidaktik an der Universität Augsburg (1973 bis 1986) wahr. Sie verfasste in dieser Zeit auf der Basis ihrer anthropologischen Orientierung Schriften zur grundlegenden Bildung und gab zahlreiche Lehrwerke heraus. Sie war Mitglied der Deutschen und Internationalen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Von 1981 bis 1985 war sie Vizepräsidentin der Universität Augsburg. Während dieser Zeit wurde ihr ehemaliger Mentor, der evangelische Religionspädagoge Helmuth Kittel, zum Ehrendoktor der Universität Augsburg ernannt. Kittel hatte zuvor durch seine Mitgliedschaften in SA und NSDAP sowie durch seine Nähe zur Bewegung Deutsche Christen eine deutlich belastete Rolle im Nationalsozialismus eingenommen. Nach eigener Aussage verdankte Lichtenstein-Rother ihm grundlegende „christliche Überzeugungswerte“ und ein „vertieftes Verständnis des Erzieher-Seins“.

Nach der 1986 erfolgten Emeritierung hat sie weiterhin die pädagogische Debatte beeinflusst und eine an der Schulwirklichkeit orientierte schulpädagogische Theoriebildung vertreten.

Ihre Karriere als nichtpromovierte und habilitierte Hochschullehrerin ist beachtlich. In einem Interview berichtete sie, das ihr nach 1945 immer wieder angeraten wurde, zu promovieren:

„Sowohl Wilhelm Flitner als auch Herman Nohl waren bereit, mich anzunehmen, mit beiden hatte ich gesprochen, beide hatte ich inzwischen auch kennengelernt. Ich hätte auch bei Döpp-Vorwald in Münster promovieren können oder bei Brezinka in Innsbruck, an dessen Universität ich mich zeitweise immatrikuliert hatte. Ich habe dort in Innsbruck sogar eine Arbeit eingereicht, die als Dissertation angenommen wurde, aber dann auf das Rigorosum verzichtet.“

Ilse Lichtenstein-Rother lebte in Stadtbergen und starb am 6. Oktober 1991 im Alter von 73 Jahren in Augsburg. Sie fand ihre letzte Ruhestätte auf dem dortigen Protestantischen Friedhof, wo ihr Grab erhalten ist.

Ehrungen

Lichtenstein-Rother Schule (kurz: Liroschule) in Augsburg

Schriften (Auswahl)

als Herausgeberin
als Autorin

Literatur

Commons: Ilse Lichtenstein-Rother – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Winkel 1989, S. 216.
  2. ↑ Winkel 1989, S. 201 und 220.
  3. ↑ Dosch 2025.
  4. ↑ Dosch 2025.
  5. ↑ Dosch 2025.
  6. ↑ Dosch 2025.
  7. ↑ Röbe 2025, S. 67.
  8. ↑ Winkel 1989, S. 223.
  9. ↑ Winkel 1989, S. 225.
  10. ↑ Findel/Löffler/Schmucker 2006, S. 99.
  11. ↑ Winkel 1989, S. 212.
  12. ↑ Winkel 1989, S. 230 f.
  13. ↑ Ausgezeichnete Persönlichkeiten der Universität. In: uni-wuppertal.de. Abgerufen am 15. Mai 2018.
Personendaten
NAME Lichtenstein-Rother, Ilse
ALTERNATIVNAMEN Rother, Ilse (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Grundschulpädagogin
GEBURTSDATUM 10. Dezember 1917
GEBURTSORT Wilsdruff, Sachsen
STERBEDATUM 6. Oktober 1991
STERBEORT Augsburg