Ilse Orth geb. Pellmann (* 11. Januar 1936 in Berlin) ist eine deutsche Psychotherapeutin, Leibtherapeutin und führende Protagonistin im Bereich der Kunsttherapie, der Therapie mit Kreativen Medien sowie der Poesie- und Bibliotherapie. Sie ist Mitbegründerin der Integrativen Therapie und der Intermedialen Kunsttherapie.
Ilse Orth weilte 1953 als Austauschschülerin in den USA. In Heidelberg, Wien, Paris und Bonn absolvierte sie ein Studium der Germanistik, Anglistik, Philosophie und Pädagogik, u. a. bei Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith und Benno von Wiese. Schwerpunkte setzte sie im Bereich der Rhetorik, des Dramas (eigene Theaterarbeit) und der Frauenliteratur. Für ihr Staatsexamen verfasste sie 1960 eine Arbeit über George Eliot. Ein Aufbaustudium zur Supervision schloss sie 1996 an der FU Amsterdam als Diplomsupervisorin ab. Ein Studium der Psychotherapie beendete sie 2007 an der Donau-Universität Krems mit einem Master of Science.
Ab 1961 absolvierte sie bereits Psychotherapieausbildungen an der „Existentialpsychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte“ in Todtmos-Rütte als Schülerin von Karlfried Graf Dürckheim, die Leibtherapie bei Marianne Müller, die Jungsche Analyse bei Maria Hippius Gräfin Dürckheim und war ab 1972 dort Mitarbeiterin. Ilse Orth arbeitet psychotherapeutisch, leibtherapeutisch, kunsttherapeutisch und supervisorisch in eigener Praxis. Es folgten Weiterbildungen in experimenteller Therapie und Gestalttherapie, u. a. bei Udo Derbolowsky, Ruth Cohn und John Brinley. Ab 1972 schloss sich die Bewegungstherapie- und Psychotherapieausbildung am „Fritz Perls Institut“ (FPI) Düsseldorf bei Hilarion Petzold an und sie erwarb den Abschluss als Integrative Psychotherapeutin. Seit 1976 ist Ilse Orth am FPI Mitarbeiterin, wurde Lehrtherapeutin und nahm von 1978 bis 1982 an der Supervisionsausbildung teil, die sie als Lehrsupervisorin (DGSv) abschloss. In dieser Zeit (1976–1979) erfolgte auch eine Körperpsychotherapie-Ausbildung bei Malcolm Brown. Ilse Orth übernahm 1982 die Leitung der 1972 von Johanna Sieper und Katharina Martin am „Fritz Perls Institut“ begründeten Ausbildung für „Kunstpsychotherapie und therapeutische Arbeit mit kreativen Medien“ und seit 1992 die Leitung des Fachbereichs „Kunst- und Kreativitätstherapie“ an der „Europäischen Akademie für Biopsychosoziale Gesundheit“ (EAG), staatlich anerkannte Weiterbildungsakademie in Hückeswagen am Beversee, wo sie seitdem Mitglied des Leitungsgremiums ist. Nachdem sie schon seit Mitte der 1970er Jahre mit Hilarion Petzold und Irma Petzold-Heinz – Pionierin für Biographiearbeit, Schreibwerkstätten und Erzählprojekte – Weiterbildungen für therapeutische Arbeit mit Schreiben und Texten durchführte und in ihrer Praxis Patienten mit diesen Ansätzen behandelte, wurde sie 1984 Leiterin der ersten deutschsprachigen Ausbildung für Poesie- und Bibliotherapie und mit Petzold u. a. Mitbegründerin der „Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie“ (DGPB), in der sie über lange Jahre als Vorstandsmitglied wirkte. Ebenfalls langjähriges Vorstandsmitglied war sie in der „Deutschen Gesellschaft für Kunsttherapie“ (DGKT), die sie 1985 mitbegründet hatte. Mit Hilarion Petzold organisierte sie die ersten deutschsprachigen Tagungen und Kongresse im Bereich der künstlerischen Therapieformen. Ilse Orth übernahm internationale Seminar- und Lehrtätigkeiten im Bereich Psychotherapie, Poesie- und Bibliotherapie, Kunsttherapie, Bewegungstherapie, Supervision an verschiedenen Institutionen und Universitäten (Amsterdam, Krems).
Ilse Orth leistete wichtige Beiträge zur Entwicklung der Integrativen Therapie, ihrer Methoden und Praxeologie. Sie war eine der ersten, die systematisch „Kreative Medien“ in die psychotherapeutische Arbeit einbezog und zusammen mit Hilarion Petzold und Johanna Sieper eine „Integrative und intermediale Kunsttherapie“ (IKT) und „Integrative Poesie- und Bibliotherapie“ (IPBT) entwickelte, in Ausbildungscurricula umsetzte, lehrte und Kreativmethoden in die Supervision einführte. Ihr Ansatz ist – ihren Studien entsprechend – einer „künstlerischen und philosophischen Therapeutik“ verpflichtet. Ausgangspunkt wurde eine phänomenologisch-tiefenhermeneutisch (Paul Ricœur) und sozialkritisch orientierte „Anthropologie des schöpferischen Menschen.“ Sie gründet im „totalen Sinnesorgan des Leibes“ (Maurice Merleau-Ponty), der gendersensibel betrachtet werden muss. Er hat vielfältige Wahrnehmungsvermögen, denen jeweils Ausdrucksvermögen entsprechen. Beide sind bei Patienten – so Orths Krankheitskonzept – durch die „Domestizierung des Leibes“ und „multiple Entfremdung“ häufig eingeschränkt und müssen in der Therapie „restituiert“ werden: Das Wahrnehmungsvermögen der Audition führt zum Ausdrucksvermögen (Sprache/Gesang/dramatisches Spiel) und eröffnet den Behandlungsweg therapeutischer Vokalarbeit, Dramatherapie, über die kinästhetischen Sinne zu Bewegung und Tanz, zur therapeutischen Bewegungsarbeit, Tanztherapie oder über den Gesichtssinn zu bildnerischem Gestalten und der therapeutischen Arbeit mit Formen, Farben, Ton, Materialien usw. Mit den „Modalitäten“ wird konfliktzentriert-aufdeckend, übungszentriert-funktional oder erlebniszentriert-stimulierend gearbeitet. Orth, Petzold und Sieper inaugurierten die Begriffe und Methodik der „Kreativen Medien“, „Intermedialität“ und „Multimodalität“, wie sie schon in den Tempelkrankenhäusern des Asklepios praktiziert wurde. Sie findet sich durchgängig bei Kindern und ermöglicht, entwicklungspsychologisch spezifische Milieus anzusprechen: z. B. mit Fingerfarben, Ton, Bewegung den Frühbereich der „sensomotorischen Phase“, mit Poesietherapie die „sprachsensible Phase“, mit Dramatechniken die „rollenspielsensible Phase“ – stets in der Vielstimmigkeit (Michael M. Bachtin) sozialer Netzwerke. Im Austausch und gemeinsamer Entwicklungsarbeit wurden dann Konzepte und Methodiken, wie „narrative Praxis“, „dichte Beschreibungen“, „integrative Biographiearbeit“, für die Integrative Therapie inauguriert und erprobt. Immer werden von Orth – als Germanistin und Psychotherapeutin – Verbalität und Nonverbalität, Leib und Sprache in ihrem Metamorphose-Modell verschränkt. Eindruck/Impuls führt zu Wahrnehmen/Erleben, das führt zu cerebralem Verarbeiten/hermeneutischem Auslegen, dieses zu Ausdruck/Handeln, ein „Polylog“ von „Du, Ich, Wir in Kontext und Kontinuum“. Ziele solcher prozessualer Therapie sind Symptombeseitigung, Persönlichkeitsentwicklung, Kulturarbeit u. a. durch die „heilende Kraft ästhetischer Erfahrung“, eine „Ästhetik der Existenz“ und „Lebenskunst“ (Michel Foucault), in der das „Selbst Künstler und Kunstwerk“ (Hilarion Petzold) ist, „Integration“ und „persönliche Souveränität“ gewonnen und Traumaerfahrungen überwunden werden. Das Charakteristikum der IKT: Veränderungen, „Transgressionen“ im konkreten „Alltag als Übung“ (Karlfried Graf Dürckheim) und im „sozialen Gestaltungsraum“ (Augusto Boal) werden jenseits symbollastiger Mythologisierungen ermöglicht. Orth entwickelte mit Petzold und Sieper eine differenzierte projektive/semiprojektive Diagnostik mit „Kreativen Medien“ und eine aktionale, intermediale Therapeutik, die vom „eigenleiblichen Spüren“ (Hermann Schmitz) ausgehend, „mouvement produced information“ nutzt, um eigenes Denken, Fühlen, Wollen und Handeln im „sozialen Raum“ wahrzunehmen, gemeinsam in sprachlicher und nicht-sprachlicher Hermeneutik auszulegen und veränderungswirksam zu gestalten. Denn: „jeder Mensch ist ein Künstler“ (Joseph Beuys) und deshalb sind gelungene soziale Situationen für Ilse Orth Ergebnis „sozialer Gestaltungen“, die auf humanes Miteinander, auf „Konvivialität“ (Jacques Derrida) und in Prozessen der „Integration als Lebensaufgabe“ auf die „persönliche Souveränität des Subjekts“ abzielen. In der IKT wird nach Orth, Petzold und Sieper an die sozialphilosophisch und machttheoretisch reflektierte „kulturkritische Aufgabe von Kunst“ angeknüpft. Deshalb haben sie neben „aktiver Kunsttherapie“ (eigenes Malen, Schreiben, Theaterspielen) auch Formen „rezeptiver Kunsttherapie“ (Kunstbetrachtung, Bibliotherapie, Theaterbesuch) und kultureller und politischer Projektarbeit entwickelt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Orth, Ilse |
| ALTERNATIVNAMEN | Pellmann, Ilse (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Psychotherapeutin, Leibtherapeutin und Protagonistin der Kunsttherapie |
| GEBURTSDATUM | 11. Januar 1936 |
| GEBURTSORT | Berlin |