Als Integrale Theorie, auch „integrales Denken“ oder „integrale Weltsicht“, bezeichnet sich eine Schule von Weltanschauungen, die sich um eine umfassende Sicht des Menschen und der Welt, oft auch des Geistigen und Göttlichen bemüht. Es handelt sich nicht um eine einheitliche und präzise Theorie im engeren Sinne, sondern um einen Versuch, im Rahmen eines weltweit wachsenden offenen Diskurses verschiedene natur-, human- und geisteswissenschaftliche Denkansätze zu integrieren. Elemente prämoderner, moderner und postmoderner, östlicher und westlicher Weltsichten, sowie rationale und spirituelle Gedanken sollen in einen kohärenten Zusammenhang gestellt werden.
Ihr in einem engeren Sinn zugehörig sind die Autoren Ken Wilber, Aurobindo Ghose, Jean Gebser, Johannes Heinrichs und deren Schüler. Dabei berufen diese sich auf die Traditionen anderer Autoren wie Lessing, Hegel oder Teilhard de Chardin. Eine eng verwandte Theorie ist „Spiral Dynamics“. Denker wie Hermann Lotze, Max Scheler und Nicolai Hartmann oder Pitirim Sorokin gelten heutigen Vertretern der Integralen Theorie als integrale Denker avant la lettre.
Die von Ken Wilber entwickelte „Integral Theory“ entstand ab den 1970er Jahren als Versuch, unterschiedliche Ansätze der Philosophie, Psychologie, Spiritualitätsforschung und Systemtheorie in einem umfassenden Metamodell menschlicher Entwicklung zu integrieren. Frühere Werke wie The Spectrum of Consciousness (1977) zeigen bereits den Grundgedanken eines gestuften Bewusstseinsmodells, das sowohl westliche Entwicklungspsychologie als auch östliche Meditations- und Bewusstseinslehren miteinander verbindet.
Zentrale frühe Einflüsse auf Wilbers Denken stammen aus der Entwicklungspsychologie, insbesondere von Jean Piaget, Lawrence Kohlberg und Jane Loevinger. Diese Forscher lieferten Modelle für kognitive, moralische und ich-strukturelle Entwicklung, die Wilber später in seine Vorstellung „vertikaler“ Bewusstseinsstufen integrierte. Ergänzt wurde dies durch Einflüsse aus der Systemtheorie, der transpersonalen Psychologie sowie durch indische und buddhistische Philosophie, etwa bei Sri Aurobindo.
In den 1990er Jahren kam es zu einer wichtigen Erweiterung der „Integral Theory“ durch die Integration des Modells „Spiral Dynamics“. Dieses geht auf die Arbeiten des Psychologen Clare W. Graves zurück und wurde später von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan systematisiert und popularisiert. „Spiral Dynamics“ beschreibt die Entwicklung menschlicher Wertsysteme als evolutionären, stufenförmigen Prozess, der sich in einer spiralförmigen Abfolge unterschiedlicher Weltanschauungen ausdrückt.
Wilber übernahm dieses Modell insbesondere als Ausdifferenzierung seiner bereits bestehenden Entwicklungsskala innerhalb des sogenannten „All Quadrants, All Levels“-Modells (AQAL). Dabei bot „Spiral Dynamics“ eine anschauliche und differenzierte Darstellung der vertikalen Entwicklungsdimension („Levels“) und wurde von Wilber in die integrale Architektur eingebettet. Diese Integration führte zu einer breiteren Rezeption von „Spiral Dynamics“ im Kontext der „Integral Theory“, insbesondere im Bereich Organisationsentwicklung, Coaching und Systemtheorie.
Gleichzeitig bleibt hervorzuheben, dass „Spiral Dynamics“ nicht die Grundlage der „Integral Theory“ bildet, sondern ein nachträglich integriertes Entwicklungsmodell darstellt. Wilbers theoretischer Rahmen war bereits vor der Begegnung mit „Spiral Dynamics“ weitgehend etabliert, insbesondere in seiner Grundstruktur der vier Quadranten sowie der Unterscheidung von Entwicklungsstufen und Entwicklungslinien.
In der späteren Rezeption kam es teilweise zu Kontroversen über die Interpretation und Anwendung von „Spiral Dynamics“ innerhalb der „Integral Theory“, insbesondere hinsichtlich der Frage, inwieweit die ursprüngliche Theorie von Graves korrekt übernommen und weitergeführt wurde.
Die Integrale Theorie ist ein systematisches Modell für eine holistische, evolutionäre Welterklärung ohne materialistische Reduktion, stattdessen unter Einbeziehung der Eigenart und Wirksamkeit des Geistigen im Kosmos. Sie geht davon aus, dass die in der modernen Wissenschaft stark ausdifferenzierten Wirklichkeitsbereiche von Natur, Mensch, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur in der Realität vielfältig verflochten sind. Eine zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung erfordere daher neben den Einzel- oder Fachwissenschaften auch neue, integrierende Denkansätze, Forschungen und Theorien, die die Welt als Ganzes betrachten.
Ken Wilber, einer der wichtigsten gegenwärtigen Vertreter der Integralen Theorie, vertritt die Auffassung, dass auch mystische und spirituelle Erfahrungen dem Menschen Wissen vermitteln können und deshalb in einem umfassenden Weltmodell ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden müssen. Mittels geeigneter Übungsmethoden wie der Meditation sei es sogar möglich, diese intersubjektiv zu überprüfen. Dies begründet er mit der Verbreitung dieser spirituellen Erfahrungen quer durch die Kulturen und Epochen und der schriftlichen Zeugnisse darüber.
Seiner Ansicht nach bestehe die Aufgabe eines integralen Theoretikers nicht darin, die existierenden Theorien zu betrachten und zu entscheiden, welche davon „richtig“ sei. Vielmehr müsse er klären, in welchem Kontext diese Ideen sich als zutreffend erweisen. Denn all diese Theorien werden ja in Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft etc. tatsächlich angewandt, und daher sei zu fragen, wie die Struktur des Kosmos beschaffen sei, die ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen gestatte. Es sei also die Frage nach der Architektur des Universums selbst zu stellen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt Integraler Theorie besteht darin, zwischen den verschiedenen Ansätzen zur menschlichen Subjektivität zu vermitteln. Die Bedeutung des Ich als zentrale Instanz individueller Denk- und Handlungsfähigkeit wird ausdrücklich betont. Damit grenzt sich die Integrale Theorie von spirituellen Ansätzen ab, die dieses in universeller Einheit auflösen möchten. Dennoch sei das individuelle Ich oder Ego nicht die höchste Stufe des Menschen, sondern könne in einem komplexeren transpersonalen Selbst aufgehen, das auch andere Wesen im eigenen Denken, Fühlen und Handeln berücksichtige und subjektiv die Einheit mit dem Absoluten Sein verwirkliche.
Davon abweichend ist der integrale Ansatz des Komponisten/Philosophen Heinrich Johannes Wallmann. Er geht von der gegenseitigen Bedingtheit von Idee und Materie aus, widerspricht den Vereinseitigungen von Idealismus und Materialismus und denkt auf dieser Grundlage Moderne und Anthropozän neu.
Die Rezeption des Ansatzes, die Zersplitterung der Disziplinen zu überwinden und sie stattdessen zusammenzuführen, ist in den letzten Jahren gewachsen, so liegen inzwischen Anwendungen u. a. aus dem Bereich des Management, der Organisationstheorie, der Psychotherapie und der Ökologie vor.
Neben Ken Wilber gelten Don Beck, Jean Gebser, Ervin László und Michael Murphy als Vertreter einer derartigen Weltsicht. Weitere sind Aurobindo Ghose, Susanne Cook-Greuter, Stanislav Grof, Steve McIntosh und Johannes Heinrichs.
Im deutschen Sprachraum hat das Integrale Forum e. V. das Bestreben, die Integrale Theorie insbesondere nach dem Ansatz von Ken Wilber bekannter zu machen. Der Verein ist gleichzeitig übergeordneter Verbund verschiedener „Integraler Salons“ (in der Tradition der literarischen Salons) in Deutschland, Österreich und Luxemburg. In der Schweiz vertritt das Integrale Forum Schweiz ähnliche Ziele.
In Deutschland wurde 2004 die Integralis-Akademie gegründet, um die Theorie in der modernen Persönlichkeitsentwicklung praktisch umzusetzen. Sie bildet deutschlandweit Integrale Berater aus und bietet ein Netzwerk von praktizierenden Integralis-Beratern. Sie wurde von Ken Wilber 2020 zum Zwecke der Umsetzung seiner Theorie ins Praktische empfohlen.
Die Integrale Akademie mit Sitz in Basel bietet seit 2022 eine Integrale Grundausbildung an, welche explizit die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins (Growing up) fördert.
Seit 2012 bietet die Genossenschaft IntegralSchweiz (früher: Verein für Integrales Leben) ein Kursprogramm an, welches auf der Integralen Theorie nach Ken Wilber beruht. Die Ausführung orientiert sich an der Integralen Lebenspraxis, welche von Wilber et al. 2006 im gleichnamigen Buch vorgestellt wurde.
Die Aktiengesellschaft IntegralWorks unterhält ein ähnliches Angebot für Organisationen.
Unter dem Namen Integrale Politik Schweiz besteht in der Schweiz seit 2011 eine kleine politische Partei, die ein Welt- und Menschenbild gemäß der integralen Theorie vertritt.
Der Verein für Integrale Architektur und Lebensraumgestaltung (VIAL), ebenfalls in der Schweiz, vertritt eine Integrale Architektur, die sich unter anderem bei der Durchführung von Bauvorhaben auf die Integrale Theorie nach Wilber stützt, und als übergeordnetes Ziel formuliert, „durch die gleichberechtigte Integration und Verbindung objektiver, subjektiver, kultureller und systemischer Aspekte bei der Planung und Errichtung von Bauwerken, menschliche Bedürfnisse und Interessen mit der natürlichen Umwelt in Einklang zu bringen.“
Die Integrale Lebenspraxis ist ein Konzept der Persönlichkeitsentwicklung, das auf der Integralen Theorie beruht.
Auf der Grundlage des sogenannten AQAL-Modell (für: all quadrants, all levels), das wiederum auf das Quadrantenmodell von Ken Wilber zurückgeht, soll eine ausgewogene Entwicklung in möglichst vielen Bereichen des persönlichen Lebens und in sozialen Gemeinschaften, wie z. B. in der Familie und in der Partnerschaft, im Berufsleben, in religiösen Gemeinschaften, der Nachbarschaft usw. erreicht werden. Für die Anwendung der Integralen Lebenspraxis wird empfohlen, aus jedem der folgenden Bereiche mindestens ein Modul zur regelmäßigen, möglichst täglichen Übung Praxis zu finden. Somit wird die Entwicklung in allen vier Quadranten und in allen Linien gefördert – und damit sowohl das Wachstum durch die Strukturen des Bewusstseins, als auch die Schulung der meditativen Zustände. Körper, Geist (engl. mind), Schatten und GEIST (engl. spirit).
Der Bereich der Körperpraxis, auch "Körpermodul" genannt, umfasst sämtliche Ansätze und Praktiken, die sich dem Körper widmen – sowohl dem grobstofflichen als auch dem feinstofflichen (subtilen) und dem kausalen Körper, der im spirituellen Kontext auch als der "formlose Körper" oder der Körper des Tiefschlafs bezeichnet wird. Mögliche Übungen in diesem Modul können aus den Bereichen Yoga, Krafttraining, Ernährung, Schlaf etc. kommen.
Gemäß dem Metzler Lexikon Philosophie wird die Integrale Theorie oftmals wegen des stark zur Esoterik tendierenden Ansatzes, der nicht mit herkömmlicher Analytik fassbar ist, kritisiert.
Der Autor, Journalist und HR-Experte Patrick Vermeren bezeichnet Ken Wilbers Integrale Theorie als spekulativ und unwissenschaftlich. Er nennt dafür folgende Argumente: