
Jean Gebser (* 20. August 1905 in Posen als Hans Karl Rudolf Hermann Gebser; † 14. Mai 1973 in Wabern bei Bern) war ein deutsch-schweizerischer Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer. Er gilt als einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstseinsforscher, die ein Strukturmodell der Bewusstseinsgeschichte des Menschen etabliert haben. Jean Gebser war ein weitgehend autodidaktisch gebildeter Kulturphilosoph. Obwohl er kein Hochschulstudium absolvierte, erwarb er sich durch intensives Selbststudium und den Austausch mit Künstlern und Intellektuellen ein außergewöhnlich breites Wissen und Sprachkenntnisse, das die Grundlage seines kulturphilosophischen Werks bildete.
Sein Vater war der evangelisch-lutherisch geprägte, promovierte Jurist und königlich preußische Konsistorialrat Friedrich Wilhelm Gebser (1869–1923) und seine Mutter Margarete Charlotte Gebser, geborene Grundmann (1880–1944). Darüber hinaus war er ein Cousin des Kanzlers Theobald von Bethmann Hollweg aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Gebser besuchte als Kind eine Privatschule in Breslau, ein Humanistisches Gymnasium in Königsberg und die Klosterschule Roßleben. Seine jüngere Schwester Charlotte (1907–1995) überlebte ihn, seine ältere Schwester Ilse (1904–1907) starb früh.
Gebsers Vater war zunächst von Stettin nach Posen versetzt worden. Dort wurden sowohl seine ältere Schwester Lotte als auch er selbst geboren. Später führte die berufliche Laufbahn des Vaters an das „Oberkirchencollegium zu Breslau“. Im ersten Jahr des Ersten Weltkriegs, 1914, wurde die Familie schließlich nach Königsberg versetzt.
In Königsberg wirkte bereits Gebsers Urgroßvater August Rudolf Gebser als Superintendent und Domprediger. Für Gebsers Vater endete dort jedoch seine kirchenjuristische Laufbahn überraschend früh. Mit nur 48 Jahren schied er aus dem kirchlichen Dienst aus. In der Hoffnung auf einen Neuanfang bemühte er sich mithilfe seines Onkels Theobald von Bethmann Hollweg um eine Anstellung in der preußischen Staatsverwaltung. Diese Bemühungen blieben jedoch erfolglos. Daraufhin übersiedelte die Familie nach Berlin, wo Gebsers Vater eine neue berufliche Existenz als Rechtsanwalt aufbaute.
Ostern 1918 meldete Gebsers Vater ihn im Internat Lebensschule Kloster Walkenried in Roßleben an, das in der Goldenen Aue, unweit von Gebesee, lag. Die insgesamt fünf Schulwechsel innerhalb von zehn Jahren sowie die familiären Krisen, finanzielle Schwierigkeiten und schließlich der Tod des Vaters prägten seine Jugend nachhaltig. Ostern 1921 kehrte er nach Berlin zurück.
An seiner Schule in Berlin kam es häufig zu Absentismus. Aus finanziellen Gründen nahm Gebsers Mutter Margarete Gebser im Herbst 1922 einen japanischen Gastprofessor, zur Untermiete auf. Dieser übte auf Gebser einen nachhaltigen Einfluss aus. Dennoch war Ostern 1923 seine Versetzung in die vorletzte Gymnasialklasse gefährdet. Schließlich wurde er vom Gymnasium genommen und begann mit einem schlechten Abgangszeugnis eine Banklehre. Sie wurde Ende Februar bzw. Anfang März 1923 begonnen.
Nach einer Banklehre – bei der Deutschen Bank und seiner Freisprechung im Herbst 1925 – absolvierte er eine Ausbildung als Buchhändler in Berlin. Dort schrieb er sich 1924/1925 auch für wenige Semester als Werkstudent ein bzw. immatrikulierte mit „Kleiner Matrikel“. Er besuchte unter anderem Vorlesungen bei Werner Sombart und bei Romano Guardini.
Während seiner Banklehre knüpfte Gebser enge Kontakte zu den späteren Schriftsteller und Verleger Victor Otto Stomps, der ebenfalls eine Banklehre absolvierte sowie zu dessen Freund Herbert Guthau. Sie ermutigten ihn, selbst Gedichte zu schreiben, und förderten seine ersten literarischen Ambitionen. Aus dieser Zusammenarbeit ging 1926 gemeinsam mit Stomps die „Rabenpresse“ hervor, in der Gebser zunächst als Mitbegründer und Autor tätig war. Der 20-Jährige schlug eine Stelle bei der Deutschen Bank aus und entschied sich stattdessen für eine Tätigkeit in der Druckerei von Victor Otto Stomps. Der kleine Betrieb verfügte zunächst über eine Handpresse, die in einem möblierten Zimmer in der Poschingerstraße in Berlin-Friedenau untergebracht war. Bald darauf übersiedelte die Druckerei in einen Keller, wo eine von Stomps und Gebser gemeinsam erworbene Tiegeldruckpresse (Heidelberger Automat) aufgestellt wurde. Im Frühjahr 1926 wurden Stomps und Gebser offiziell Gesellschafter der gemeinsamen Druckerei in Berlin-Kreuzberg, der ein kleiner Verlag – die Rabenpresse – angegliedert war.
Nach einem Aufenthalt von 1928 bis 1930 in Florenz verließ er 1931 München und lebte bis 1936 in Spanien, wo er mit Federico García Lorca und weiteren spanischen Dichtern Kontakte knüpfte, so u. a. Rafael Alberti, Vicente Aleixandre, Luis Cernuda und Miguel Hernández, (Generación del 27). 1936 erschienen seine Übertragungen spanischer Gedichte ins Deutsche unter dem Titel Neue spanische Dichtung im Verlag Rabenpresse von Victor Otto Stomps. Im selben Jahr begann er (zunächst auf Spanisch) mit der Ausarbeitung der Schrift Rilke und Spanien, die erst 1940 auf Deutsch erschien.
Vor Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zog er nach Paris. Im Herbst 1936 verließ Gebser, nachdem er sich im selben Jahr hatte einbürgern lassen, Spanien in Richtung Frankreich. Mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 war die republikanische Regierung vielfach nicht mehr in der Lage, ihre im Ausland befindlichen Staatsangehörigen konsularisch zu betreuen. Im Rahmen einer von der Regierung des mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas geförderten Hilfsaktion übernahm das mexikanische Unterrichtsministerium eine Gruppe spanischer Intellektueller, darunter auch Gebser, und stellte ihnen mexikanische Reisedokumente aus. Gebser wurde als „Delegierter des mexikanischen Unterrichtsministeriums für Europa“ (vom spanisch Secretaría de Educación Pública (SEP)) eingesetzt.
Ab 1936 bis 1939 lebte er, zusammen mit seinem neuseeländischen Freund Roy Hewin Winstone (1900–1986), in der französischen Hauptstadt, zunächst im XIV. Arrondissement, später VI. Arrondissement (3, rue Delavique). Hier änderte er auch seinen Vornamen von ‚Hans‘, zu ‚Juan Gebser Clarisél‘. Dort lernte er u. a. die französischen Dichter Eluard, Aragon und Malraux sowie den Maler Picasso kennen. In einer Notiz aus dem Jahre 1939 werden Begegnungen mit Georges Braque und Salvador Dalí, Jean-Paul Sartres Freund Paul Nizan erwähnt. Man traf sich im Quartier Saint-Germain-des-Prés und in verschiedenen Ateliers im Quartier Latin.
Vor dem Hintergrund des deutschen Westfeldzugs verließ Gebser Frankreich und gelangte in die Schweiz. Im August 1939 ließ Gebser sich in der Schweiz nieder, die ihm zur Wahlheimat wurde und 1951 das Bürgerrecht erteilte. Das auf fünf Jahre befristete mexikanische Reisedokument verlor aber 1942 seine Gültigkeit. Gegenüber den eidgenössischen Polizeibehörden erklärte Gebser im Juni 1948, eine Verlängerung sei nicht möglich gewesen, da Mexiko entsprechende Dokumente ausschließlich für in Frankreich lebende republikanische Spanier verlängert habe. Auch nach dem Krieg blieben Versuche Gebsers einen Ausweis durch die spanischen Behörden des franquistischen Spanien zu erhalten erfolglos. Einzig den Status des staatenlosen Ausländers ohne Aufenthalts- und Beschäftigungserlaubnis in der Schweiz zu umgehen, war die Eheschließung mit einer Schweizerin.
So war er vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zusammen mit dem englischen Übersetzter Hewin Winstone im Jahre 1939, in die Schweiz emigriert. Dort lernte Gebser 1941 die Malerin und Pianistin Gentiane Schoch (1913–1996) in Saanen kennen. Sie stammte aus Burgdorf (Kanton Bern) und war die Tochter des Fabrikanten und Kaufmanns aus der Familie Schoch. Nach der Heirat im Jahr 1942 übersetzten beide gemeinsam Theaterstücke von Thornton Wilder und T. S. Eliot in die deutsche Sprache. Gebser zog mit seiner Frau Gentiane Gebser-Schoch nach Burgdorf und lebte dann während der Trennungszeit 1955 bzw. nach der Scheidung in der Kramgasse 52 in Bern. Die Ehe wurde 1956 geschieden. 1943 erschien sein „Abriss der Ergebnisse moderner Forschung“ unter dem Titel Abendländische Wandlung, dann Der grammatische Spiegel (1944) und Lorca oder das Reich der Mütter (1949). 1946 wurde er Dozent am Psychologischen Seminar des Instituts für Angewandte Psychologie in Zürich.

Im Winter 1947 hatte er mit der Ausarbeitung seines Hauptwerks Ursprung und Gegenwart begonnen. 1949 wurde der erste Band beendet und veröffentlicht. Von 1950 bis 1952 arbeitete er am zweiten Band, der 1953 erschien. Auf zahlreichen Kongressen und Vortragsreihen, die meist in Buchform erschienen sind, sprach er mit anerkannten Wissenschaftlern und Denkern über den Anbruch eines „aperspektivischen“ Zeitalters, wie er ihn in Ursprung und Gegenwart aufzuzeigen versuchte, und über die neue, „aperspektivische“ Weltsicht. Zu seinen Freunden zählten Carl Gustav Jung, Adolf Portmann, Karl Kerényi und der Maler Siegward Sprotte. Sein engster Freund war der Historiker Jean Rodolphe von Salis.
Nach seiner Scheidung von Gentiane Schoch reiste er 1957 in die Provence sowie nach Paris und im Herbst 1958 brach er zu einer Griechenland-Reise auf. Vom Frühling bis Sommer 1961 unternahm er eine ausgedehnte Asienreise, die ihn von Indien, Nepal, Pakistan, Burma, Thailand, Kambodscha, Hongkong, Formosa und Japan bis nach China führte. Diese Asienreise fand ihren Niederschlag in dem Buch Asien lächelt anders (erschienen 1968). 1967 wurde er Honorar-Professor für Vergleichende Kulturlehre an der Universität Salzburg. Sein letztes Werk, Verfall und Teilhabe (erschienen 1974) schloss er kurz vor seinem Tod ab.
Nach dem Ende seiner ersten Ehe lernte Jean Gebser 1968 Johanna Schneeberger (genannt „Jo“), geborene Wentzel kennen. Zwei Jahre später, 1970, heirateten sie. Johanna begleitete Gebser in den letzten Jahren seines Lebens, die nach seinem gesundheitlichen Zusammenbruch im Jahr 1966 von Krankheit geprägt waren. 1966 erlitt Gebser einen schweren gesundheitlichen Zusammenbruch. Ende November musste er sich in Baden-Baden nachts einer Notoperation unterziehen. Ursache war ein Magendurchbruch (Magenperforation).
Die Ehe mit Jo Gebser dauerte bis zu seinem Tod. Über ihre Person sind in den veröffentlichten Quellen nur wenige weitere Angaben überliefert, weder Geburts- und Sterbedaten noch biographische Einzelheiten sind bislang bekannt.
Jean Gebser starb am 14. Mai 1973 in seiner Wohnung in Bern. Gebser war ein starker Raucher; er starb an den Folgen einer chronischen Lungenerkrankung in Verbindung mit einer Hepatitis. Bestattet wurde er auf dem Friedhof neben der reformierten Kirche von Wabern, in der Gemeinde Köniz. Sein Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv.
Gebser war Mitglied im „Pegnesischen Blumenorden“.
Nach Gebser befindet sich das menschliche Bewusstsein in einem fortwährenden Wandel. Die Übergänge zwischen den einzelnen Bewusstseinsstrukturen erfolgen jedoch nicht kontinuierlich, sondern in Form von „Mutationen“. Diese qualitativen Sprünge sind mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen sowohl des Geistes als auch des Körpers verbunden.
Gebser unterschied folgende Strukturen des Bewusstseins:
Nach Gebser entwickelt sich das menschliche Bewusstsein in fünf Strukturen: Das „archaische Bewusstsein“ ist bewusstlos und ichlos. Im „magischen Bewusstsein“, dessen Symbol der Punkt ist, erlebt sich der Mensch als Teil einer von magischen Kräften bestimmten Welt und versucht, diese rituell zu beeinflussen. Das „mythische Bewusstsein“, symbolisiert durch den Kreis, erschließt die Innenwelt und deutet die Wirklichkeit in symbolischen Bildern und Polaritäten. Das „mentale Bewusstsein“, das mit der Linie bzw. dem perspektivischen Raum verbunden ist, bringt rationales Denken, Individualität und die Trennung von Subjekt und Objekt hervor. Im „integralen Bewusstsein“, dessen Symbol die Kugel ist, werden die vorherigen Bewusstseinsstrukturen bewusst integriert, sodass eine ganzheitliche Wahrnehmung von Wirklichkeit möglich wird. Gebser wird heute meist assoziiert mit der Bewusstseinsgeschichte, welcher der erste Band von Ursprung und Gegenwart (mit dem Titel Die Fundamente der aperspektivischen Welt. Beitrag zu einer Geschichte der Bewusstwerdung) gewidmet ist.
Gebsers Methode ist die kulturphänomenologische Betrachtung der Relikte vergangener Zeiten (Bilder, Statuen, Schriftstücke) und die Untersuchung der Worte und ihrer Wurzeln (Etymologie). Er ist der Meinung, dass sich vier Bewusstseinsstrukturen nachweisen lassen, die den heutigen europäischen Menschen konstituieren und die in seiner Kulturgeschichte aufeinanderfolgend in Erscheinung traten. Er nennt diese Bewusstseinsstrukturen die archaische, die magische, die mythische und die mentale. In unserer Zeit ereignet sich seiner Meinung nach der „Durchbruch einer neuen, integralen Bewusstseinsstufe, deren Grundthema die Überwindung („Entprojizierung“) des nur mentalen (linearen) Verhaftetseins an Raum und Zeit durch die Konkretion der Zeit (als zeitfrei erfahrbare Qualität ganzheitlich realisierter Gegenwart) ist“.
Die Bewusstseinsstrukturen werden gelegentlich als „Bewusstseinsphasen“ bezeichnet. Dies kann den Eindruck erwecken, als seien die Bewusstseinsstrukturen aufeinander gefolgt, indem eine Struktur die andere ablöste. Doch jede Struktur bleibt wirksam, auch nachdem eine neue Struktur aus ihr „herausmutiert“ ist. Deshalb spricht Gebser von Bewusstseinsstrukturen, und nicht von „Phasen“. Auch den räumlichen Ausdruck „Bewusstseinsebenen“ meidet er, denn die Bewusstseinsstrukturen sind „nicht bloße Raumgefüge“, sondern können „vor allem auch Gefüge raumzeitlicher, ja selbst raumzeitfreier Art“ sein. Ferner ist Gebser der Meinung, dass das Bewusstsein sich nicht kontinuierlich „entwickelt“ hat, sondern dass sprunghafte, diskontinuierliche Wandlungen der Strukturen geschahen: sobald eine Struktur „defizient“ wird, sobald sie also erschöpft ist und sich destruktiv auszuwirken beginnt, gelangt eine andere Bewusstseinstruktur zum Durchbruch, die keine kontinuierliche Weiterführung der alten Bewusstseinsstruktur, sondern etwas vollkommen Neues ist. Den sprunghaften, diskontinuierlichen Charakter der Bewusstseinswandlung bringt Gebser zum Ausdruck, indem er von „Bewusstseinsmutationen“ spricht.
Denker wie Hegel, Comte und Herbert Spencer glaubten in der menschlichen Bewusstseinsgeschichte eine fortschreitende Höherentwicklung zu erkennen, in deren Verlauf frühere Bewusstseinsformen als „Irrtümer“ erkannt und von neuen, „besseren“ Bewusstseinsformen abgelöst werden. Gebser dagegen meint, keine neue Struktur sei „besser“ als die alte, aus der sie herausmutiert. Jede Bewusstwerdung sei zugleich Gewinn und Verlust. Sie sei ein Verlust, insofern sie den Menschen aus dem Ganzen herauslöst. Sie sei jedoch ein Gewinn, insofern sie die Chance zur wachsenden Distanzierung von Raum und Zeit und damit zur Überwindung des Raumes und der Zeit, zur Gewinnung der Raum-Zeit-Freiheit birgt, womit wieder der Grundgedanke Gebsers berührt ist.
Gebser weist ausdrücklich darauf hin, dass Begriffe wie „Evolution“, „Entwicklung“ oder „Fortschritt“ zur Beschreibung der Transformationen der Bewusstseinsstrukturen ungeeignet sind. Sie suggerieren eine kontinuierliche, lineare und zielgerichtete Bewegung, die seinem Verständnis der Bewusstseinsentfaltung widerspricht. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die in historischen Artefakten und kulturellen Ausdrucksformen konkretisierten Wandlungen des Bewusstseins. Diese Veränderungen beschreibt Gebser bewusst nicht als evolutionären Prozess. Der Begriff der „Evolution“ ist für ihn an biologische Anpassungsprozesse gebunden, in denen sich Organismen an eine jeweils begrenzte Umwelt angleichen. Die Entfaltung des Bewusstseins hingegen stellt keinen Anpassungsprozess dar, sondern einen Vorgang zunehmender Öffnung und Transparenz gegenüber der Wirklichkeit. Ebenso lehnt Gebser teleologische Deutungen der Bewusstseinsgeschichte ab. Jede Annahme einer vorgegebenen Entwicklungsrichtung oder eines feststehenden Endziels beruht nach seiner Auffassung auf einem mental-rationalen und linearen Zeitverständnis, das selbst nur Ausdruck einer bestimmten Bewusstseinsstruktur ist. Auch der Begriff des Fortschritts erweist sich aus diesem Grund als problematisch: Fortschritt bezeichnet stets eine Bewegung auf etwas hin und zugleich eine Entfernung von etwas anderem. Die Transformationen der Bewusstseinsstrukturen lassen sich daher weder als kontinuierlicher Fortschritt noch als evolutionäre Höherentwicklung begreifen. Die Zukunft der Menschheit bleibt für Gebser grundsätzlich offen. Weder ist sie durch eine vermeintliche Evolution auf ein bestimmtes Ziel hin determiniert, noch durch die Vorstellung eines idealen Endzustands abgesichert. Gerade diese Offenheit bildet eine wesentliche Voraussetzung menschlicher Freiheit. Ein endgültiger Abschluss der Bewusstseinsentfaltung wäre für Gebser vielmehr die eigentliche Tragödie, auch wenn diese Möglichkeit prinzipiell bestehen bleibt.
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Bewusstseinsstrukturen ist nach Gebser ihre jeweilige Beziehung zu Raum und Zeit. Veränderungen des Bewusstseins manifestieren sich daher stets auch in einer veränderten Erfahrung und Gestaltung dieser beiden Grunddimensionen. Die mythische Struktur ist durch ein zyklisches beziehungsweise rhythmisches Zeitverständnis gekennzeichnet. Zeit erscheint als Wiederkehr, eingebunden in die Rhythmen der Natur und des Kosmos. Der Raum wird entsprechend als geschlossenes und sinnhaft geordnetes Ganzes erfahren.
Gebser entwickelte die Begriffe „Effizienz“ und „Defizienz“ im Rahmen seiner Theorie der Bewusstseinsstrukturen, die er seit den 1930er-Jahren ausarbeitete. Eine erste Ausformulierung findet sich in Abendländische Wandlung (1943), ihre systematische Darstellung erfolgte jedoch in seinem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart, dessen erster Band 1949 und zweiter Band 1953 erschien. Mit den Begriffen beschreibt Gebser zwei Entwicklungsphasen jeder Bewusstseinsstruktur. In ihrer „effizienten Phase“ entfaltet eine Struktur ihre schöpferischen und kulturprägenden Möglichkeiten, während sie in ihrer „defizienten Phase“ ihre ursprüngliche Lebendigkeit verliert und sich in Einseitigkeit, Übersteigerung oder Erstarrung äußert. Effizienz und Defizienz sind dabei keine moralischen Bewertungen, sondern strukturgeschichtliche Kategorien, mit denen Gebser den Wandel des menschlichen Bewusstseins erklärt.
Quelle:
Gebsers Werk bildete die Grundlage für eine Reihe späterer kulturtheoretischer und integraler Ansätze (Integrale Theorie). Die folgenden Beispiele stellen nur eine Auswahl der wichtigsten Rezeptionen dar. In der akademischen Rezeption wird Gebser dabei überwiegend außerhalb des Mainstreams verortet und eher als kulturphilosophische Synthesearbeit denn als empirisch abgesicherte Theorie behandelt, wenngleich er in einzelnen theoretischen Kontexten weiterhin rezipiert wird.
Ken Wilber bezieht sich in Up from Eden (1981) sowie in späteren Arbeiten mehrfach auf Gebser und integriert dessen Modell der Bewusstseinsstrukturen in seine eigene integrale Theorie. Dabei versteht er Gebsers Ansatz als wichtigen Vorläufer seiner eigenen Entwicklungsmodelle, ergänzt ihn jedoch um zusätzliche Stufen bzw. Zustände des Bewusstseins, die über Gebsers „integrale Struktur“ hinausgehen.
William Irwin Thompson setzt sich in Coming into Being (1996) kritisch und vergleichend mit Gebsers Bewusstseinsmodell auseinander. Er stellt Parallelen zwischen Gebsers Strukturen und der medienhistorischen Entwicklung nach Marshall McLuhan her – von der oralen Kultur über Schrift und Druck bis hin zur elektronischen Kultur. In Transforming History: A Curriculum for Cultural Evolution (2001) überträgt Thompson diese Perspektive auf Fragen kultureller Evolution und Bildungstheorie. Gemeinsam mit dem Mathematiker Ralph Abraham erweitert er in Self and Society: Studies in the Evolution of Consciousness (2004) den Vergleich zusätzlich auf mathematische und wissenschaftshistorische Entwicklungsstufen (von Arithmetik über Geometrie und Algebra bis hin zu Dynamik und Chaostheorie) sowie auf musikgeschichtliche Entwicklungen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gebser, Jean |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-schweizerischer Bewusstseinsforscher, Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 20. August 1905 |
| GEBURTSORT | Posen |
| STERBEDATUM | 14. Mai 1973 |
| STERBEORT | Wabern bei Bern |