Interozeption (von lateinisch inter „inmitten von“ und recipere „aufnehmen“) ist der Oberbegriff für diejenigen Komponenten der Wahrnehmung von Lebewesen, die Informationen nicht über die Außenwelt, sondern aus eigenen Körperabschnitten und über eigene Körperabschnitte erfassen. Dabei unterscheidet man die Propriozeption (Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum) und die Viszerozeption (Wahrnehmung von Organtätigkeiten).
Möglicherweise ist Interozeption eine Voraussetzung für emotionales Empfinden. Und korreliert dabei mit dem Bauchgefühl, wobei der Bauch als zweites Gehirn mit enterischem Nervensystem fungiert.
Die Wahrnehmung der Außenwelt wird als Exterozeption bezeichnet.
Die zentrale Forschungsfrage der Interozeption befasst sich damit, wie Körperwahrnehmungen die Entstehung von Gefühlen und Entscheidungen beeinflussen. Dazu formulierte Antonio Damasio die sogenannte Somatic Marker Hypothesis. Demnach sind Entscheidungen nicht nur bloße und rationale Abwägungen. Vielmehr beschreibt Damasio diese als sogenannte somatische Marker, körperliche Empfindungen wie ein beschleunigter Herzschlag oder ein Gefühl der Anspannung, die auf vergangene Erfahrungen zurückzuführen sind. Diese Marker entstehen, sobald das Gehirn anfängt, die Konsequenzen einer bevorstehenden Handlung zu antizipieren. Dabei wird ein Körperzustand ausgelöst, der infolge das Verhalten einer Person bewusst oder unbewusst lenkt. Diese Reaktion wird als „Als-ob-Körperschleife“ bezeichnet. Dieser Zustand muss nicht zwingend real eintreten, um trotzdem zu wirken.
Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Bauchgefühl“: Bevor über eine riskante oder unangenehme Entscheidung nachgedacht wird, wird ein meist unangenehmes und warnendes Gefühl verspürt. Diese Gefühle setzen eine funktionierende Interozeption voraus. Andernfalls könnten keine körperlichen Signale in eine bevorstehende Entscheidung einfließen.
Die Interozeption gilt in der psychiatrischen Forschung heute als „transdiagnostischer Faktor“, der bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen eine zunehmend wichtige Rolle annimmt. Zu besagten Erkrankungen, wie beispielsweise Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Essstörungen, wird eine veränderte Wahrnehmung der körperlichen Signale beobachtet. Ein praktisches Beispiel hierfür ist die Anorexia nervosa: Hier nehmen betroffene Patienten Hunger- und Sättigungssignale oft verändert wahr. Dies wird als möglicher Grund zur Aufrechterhaltung der Erkrankung angeführt und diskutiert. Bezüglich dieser Annahme wurde ein Ansatz namens „interozeptive Konfrontation“ (Interoceptive Exposure) entwickelt. Ursprünglich sollte dieser Ansatz zur Behandlung von Panikstörungen genutzt werden, wurde später jedoch auch auf Essstörungen übertragen. Dabei werden die Betroffenen mit körperlichen Empfindungen konfrontiert, die normalerweise vermieden werden. Ziel ist es, schrittweise eine höhere Toleranz gegenüber den Empfindungen zu schaffen. Der Ansatz gilt konzeptionell als vielversprechend, kontrollierte Studien konnten die Wirksamkeit speziell bei Essstörungen jedoch bislang nicht eindeutig belegen.
In der Forschung wird Achtsamkeitsmeditation mit einer verbesserten Wahrnehmung von körperinneren Signalen verbunden. Praktiken wie Atembeobachtung oder der sogenannte Body Scan lenken die Aufmerksamkeit gezielt auf die Körperempfindungen. Studien zu strukturierten Achtsamkeitsprogrammen wie dem Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) zeigen, dass solche Übungen mit Veränderungen in Hirnregionen einhergehen, die an der Verarbeitung von körperlichen Signalen beteiligt sind. Eine aktuelle Analyse, die auf die Ergebnisse verschiedener Studien zurückgreift, zeigt, dass Achtsamkeitstraining die selbstberichtete Wahrnehmung von körperlichen Signalen verbessert. Dieser Effekt wird zwar als klein bis mittel eingestuft, ist aber über viele Studien hinweg konstant. Auch die Reduktion von psychischen Belastungen steht in einem Zusammenhang mit einer verbesserten interozeptiven Wahrnehmung. Der genaue Ursachen- und Wirkmechanismus ist hierbei jedoch noch nicht vollständig geklärt.