Iyad Ag Ghali

Iyad Ag Ghali (arabisch إياد أغ غالي; * 1954 in Abeïbara, Französisch-Sudan), auch unter seinem Kampfnamen Abu al-Fadl (arabisch أبو الفضل, DMG Abū al-Faḍl) bekannt, ist ein malischer Dschihadist der Tuareg und ehemaliger Musiker. Seit 2017 ist er Gründer und Anführer der Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn (JNIM).

Frühes Leben

Iyad Ag Ghali wurde 1954 in der Region Kidal in Mali geboren. Er gehört einer Adelsfamilie der Stammesgruppe der Ifoghas an, eines einflussreichen Berber- beziehungsweise Tuareg-Clans in der Region Kidal. Obwohl er sich später von der Musik distanzierte, war Ag Ghali früher Perkussionist des Musikkollektivs Tinariwen.

Laufbahn

Rolle bei der Tuareg-Rebellion ab 1990

In der Nacht zum 28. Juni 1990 leitete Ag Ghali Angriffe der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MPLA) auf Tidermène und Ménaka, bei denen 18 Menschen getötet wurden, darunter mindestens vier Soldaten der malischen Armee. Diese nächtlichen Angriffe markierten den Beginn einer erneuten Tuareg-Rebellion in Mali.

Von 1991 bis zu einem formellen Waffenstillstand mit der malischen Regierung im Jahr 1996 führte Ag Ghali die Volksbewegung des Azawad, eine von vier Splittergruppen, die nach dem Zerfall der MPLA entstanden waren. Zuvor hatte Ag Ghali im Januar 1991 in Algerien im Namen der für einen unabhängigen Azawad kämpfenden Tuareg die Abkommen von Tamanrasset unterzeichnet.

Nach der Unterzeichnung der Vereinbarungen wurde Ag Ghali Berichten zufolge in die südmalische Hauptstadt Bamako eskortiert. Offenbar war er nach Unterzeichnung der umstrittenen Vereinbarung nicht in der Lage, die MPLA zusammenzuhalten. Letztlich setzte jedoch ein Staatsstreich im März 1991 die Vereinbarungen außer Kraft, woraufhin die Kämpfe weitergingen.

1995 bezeichnete Radio France Internationale Ag Ghali als den „unbestrittenen Führer“ der Tuareg-Rebellenbewegung. Nach dem Waffenstillstand von 1996 normalisierte Ag Ghali die Beziehungen zur malischen Regierung.

2003 spielte er eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen über die Freilassung von 14 deutschen Touristen, die von der später als Al-Qaida im islamischen Maghreb bezeichneten Organisation, damals unter dem Namen Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf, als Geiseln gehalten wurden. In einer später veröffentlichten diplomatischen Depesche der Vereinigten Staaten bezeichnete der Verfasser Ag Ghali als einen „sprichwörtlichen falschen Fünfziger“, der stets wieder auftauche, wenn eine westliche Regierung den Tuareg Geld zahlen müsse.

Sein angebliches Talent für strategisches Denken brachte ihm den Spitznamen „der Stratege“ ein.

2008 wurde er zum Diplomaten Malis in Saudi-Arabien ernannt. Präsident Amadou Toumani Touré berief ihn als Mitglied des diplomatischen Personals Malis nach Dschidda.

Ag Ghali, einst ein „großer Fan von Zigaretten, Alkohol und Partys“, der sich für Musik und Dichtung interessierte und Verbindungen zur Tuareg-Band Tinariwen besaß, wurde von einem pakistanischen islamischen Gelehrten zu einer strengeren Form des Islam bekehrt. Diese waren mit der missionarischen Bewegung Tablighi Jamaat verbunden.

In Saudi-Arabien erlebte er eine „religiöse Erweckung“, ließ sich einen langen Bart wachsen und traf sich mit Dschihadisten. Letzteres führte dazu, dass er nach Bamako zurückgerufen wurde.

Krieg ab 2012

Nach seiner Rückkehr nach Mali arbeitete Ag Ghali zunächst als Verbindungsmann zwischen der malischen Regierung und Tuareg-Kämpfern, die nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis 2011 aus Libyen zurückkehrten. Berichten zufolge nutzte er diese Position, um zu versuchen, die Führung der Tuareg-Gruppe Kel Adagh sowie der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) zu übernehmen. Als ein möglicher Grund für sein Scheitern wurde angeführt, dass deren Führung von adeligen Tuareg-Clans dominiert wurde, denen Ag Ghali nicht angehört.

Da es ihm nicht gelang, innerhalb der MNLA, der wichtigsten Tuareg-Rebellengruppe, eine Führungsrolle einzunehmen, kündigte Ag Ghali in einer Videobotschaft die Gründung der islamistischen Organisation Ansar Dine an, die seinen Angaben zufolge große Teile des nordöstlichen Mali kontrollierte. Ag Ghali erklärte außerdem, seine Kämpfer seien für einen blutigen Angriff auf die Gemeinde Aguelhok zwei Monate zuvor verantwortlich gewesen. Die Gruppe werde weiterkämpfen, bis in ganz Mali die Scharia eingeführt sei.

Die Ankündigung führte zu Spannungen mit der säkularen MNLA, die für die Unabhängigkeit des Azawad von Mali kämpfte. Dazu gehörten auch frühere Verbündete Ag Ghalis, die ihn aufforderten, seine mutmaßlichen Verbindungen zu Al-Qaida im islamischen Maghreb abzubrechen. Nachdem Ag Ghali sich Berichten zufolge geweigert hatte, jede Verbindung zum Al-Qaida-Ableger zu dementieren, bezeichnete ihn die MNLA als „Kriminellen“ und erklärte, das von Ag Ghali angestrebte „theokratische Regime“ widerspreche den „Grundlagen der [Tuareg-]Kultur und Zivilisation“.

Obwohl Ag Ghalis Kämpfer bei der Einnahme von Kidal offenbar mit der MNLA zusammenarbeiteten, berichtete die Associated Press, dass Ansar-Dine-Kämpfer einen Tag nach der Einnahme der Stadt die Flaggen des Azawad entfernten, die ihre Mitkämpfer von der MNLA überall in der Stadt angebracht hatten.

Jeremy Keenan, Professor an der School of Oriental and African Studies in London, erklärte, der militärische Beitrag von Ag Ghalis Kämpfern sei im Vergleich zur wesentlich größeren MNLA gering gewesen:

„Was offenbar geschieht, ist, dass die MNLA, wenn sie in eine Stadt einrückt, die Militärbasis ausschaltet – wobei es nicht viel Widerstand gibt –, und Iyad dann in die Stadt geht, seine Flagge aufstellt und beginnt, allen Vorschriften über das Scharia-Recht zu machen.“

Keenan zufolge unterhielt Ag Ghali Verbindungen zum algerischen Geheimdienst Département du Renseignement et de la Sécurité.

Am 3. April gab Ag Ghali in Timbuktu ein Radiointerview, in dem er ankündigte, dass in der Stadt die Scharia durchgesetzt werde. Dazu gehörten die Verschleierung von Frauen, die Steinigung von Ehebrechern und die verstümmelnde Bestrafung von Dieben. Nach Angaben des Bürgermeisters von Timbuktu führte die Ankündigung dazu, dass nahezu die gesamte christliche Bevölkerung der Stadt floh.

Am 26. Februar 2013 stufte das Außenministerium der Vereinigten Staaten Ag Ghali als Specially Designated Global Terrorist ein.

Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn

Am 2. März 2017 schwor Ag Ghali dem Al-Qaida-Führer Aiman az-Zawahiri und dem Führer der Taliban, Hibatullah Achundsada, die Treue und gründete die Dschamāʿat Nusrat al-Islām wa-l-Muslimīn. Ag Ghali verwendete als Dschihadistenführer auch die Kunya Abu al-Fadl.

Seit 2023 halten Ag Ghalis dschihadistische Kräfte eine anhaltende Blockade der Stadt Timbuktu aufrecht. In dem blockierten Gebiet herrschen Nahrungsmittelknappheit und Gewalt. Anfang 2026 gelang in Zusammenarbeit mit der Befreiungsfront von Azawad eine erfolgreiche Offensive gegen die malische Regierung, bei der Gebiete eingenommen und Malis Verteidigungsminister Sadio Camara getötet wurde.

Fahndungen und Haftbefehle

ISIL-(Da'esh)- und Al-Qaida-Sanktionsausschuss

2013 setzte ein Ausschuss des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen Ag Ghali auf die Sanktionsliste des ISIL-(Da'esh)- und Al-Qaida-Sanktionsausschusses.

Das US-Außenministerium stufte Ag Ghali im Februar 2013 als Specially Designated Global Terrorist ein.

Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs

Am 18. Juli 2017 erließ der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Ag Ghali. Ihm wird vorgeworfen, während der Tuareg-Rebellion Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begangen zu haben. Dazu gehört unter anderem die Hinrichtung malischer Soldaten, die während der Schlacht von Aguelhok in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Am 21. Juni 2024 wurde der zuvor unter Verschluss gehaltene Haftbefehl auf Antrag der Anklagebehörde von einer Vorverfahrenskammer veröffentlicht.

2026 setzte die malische Regierung eine Belohnung von zwei Milliarden CFA-Franc, entsprechend rund 3,5 Millionen US-Dollar, für Informationen aus, die zur Festnahme oder Tötung Ag Ghalis führen.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Steve Metcalf: Iyad Ag Ghaly – Mali's Islamist leader. In: BBC News. 17. Juli 2012, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  2. ↑ North Africa: Holy Wars and Hostages – Aqim in the Maghreb. In: AllAfrica. 29. März 2012, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  3. ↑ Whiskey-Drinking Rocker Transforms Into West Africa's Most Dangerous al Qaeda Leader. In: The Wall Street Journal. Abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
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  9. 1 2 3 4 5 Julius Cavendish: The Fearsome Tuareg Uprising in Mali: Less Monolithic than Meets the Eye. In: Time. 31. März 2012, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  10. ↑ Iyad ag Ghali: How preachers from Pakistan converted this rocker into a dreaded terrorist. In: The Times of India. 1. April 2025, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  11. ↑ Samuel Misteli Nairobi: Vom Whisky-Liebhaber zum mächtigsten Jihadisten Afrikas: Wer ist Iyad Ag Ghali? 6. Mai 2026, abgerufen am 16. August 2026.
  12. ↑ Andy Morgan: Mali: no rhythm or reason as militants declare war on music. In: The Guardian. 23. Oktober 2012, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  13. ↑ Morten Bøås: Sahel: The Perfect Storm. Hurst & Company, London 2025, ISBN 978-1-78738-564-1, S. 40–41 (englisch).
  14. ↑ Mali – Ançar Dine, le deuxième visage de la rébellion touarègue. In: Slate Afrique. 21. März 2012, abgerufen am 16. August 2026 (französisch).
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  17. ↑ Tim Lister: Disaster looms for people of Mali as country is split by revolt. In: CNN. 13. April 2012, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
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  20. ↑ Terrorist and Hostage-Taking Related Designations of JNIM and al-Murabitoun Leaders. United States Department of State, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
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  22. ↑ إياد غالي: المجاهدون وأنصار الدين تعاهدوا على نصرة الشريعة وقتال الرافضين لها. In: Nouakchott News Agency. 4. April 2012, abgerufen am 16. August 2026 (arabisch).
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  24. ↑ Terrorangriffe in Mali gegen Einrichtungen der Militärregierung. Abgerufen am 16. August 2026.
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  26. ↑ Lisa Ginsborg: The United Nations Security Council’s counter-terrorism Al-Qaida sanctions regime: Resolution 1267 and the 1267 Committee. In: Research Handbook on International Law and Terrorism. Edward Elgar Publishing, 2014, ISBN 978-0-85793-881-7, doi:10.4337/9780857938817.00045 (englisch).
  27. ↑ Terrorist Designations of Iyad ag Ghali. United States Department of State, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  28. ↑ Situation in Mali: ICC unseals arrest warrant against Iyad Ag Ghaly. International Criminal Court, 21. Juni 2024, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
  29. ↑ Mali junta's offers $3.5M reward for jihadist leader. In: Africanews. 5. Juni 2026, abgerufen am 16. August 2026 (englisch).
Personendaten
NAME Ghali, Iyad Ag
ALTERNATIVNAMEN Abu al-Fadl (Kampfname)
KURZBESCHREIBUNG malischer Dschihadist der Tuareg und Musiker
GEBURTSDATUM 1954
GEBURTSORT Abeïbara, Französisch-Sudan