Jacques Jouet (* 9. Oktober 1947 in Viry-Châtillon) ist ein französischer Schriftsteller, Essayist, Performer und bildender Künstler.

Nach einem 1968 abgebrochenen Literaturstudium arbeitete Jouet zuerst als Betreuer, dann als Leiter eines MJC-Jugendzentrums. Nachdem er 1978 an einem Schreibkurs von Paul Fournel, Georges Perec und Jacques Roubaud teilnommen hatte, kündigte er diese Anstellung, um Schriftsteller zu werden. 1977 debütiert er mit dem Gedichtband 14 réguliers comprenant leur désir, und 1978 erscheint sein erster Roman Guerre froide, mère froide. Seit 1983 ist er Mitglied der Werkstatt für Potentielle Literatur (OuLiPo), die mit formalen Einschränkungen (contraintes) Potentielle Literatur produziert.
Für seinen Gedichtzyklus „107 âmes“ (107 Seelen) von 1984 verwendete Jouet einen anonymen Fragebogen. Darin gaben die Befragten Auskunft über ihre soziale, berufliche und familiäre Situation. Die in ihren Antworten enthaltenen Formulierungen bilden das Wortmaterial der Gedichte. Auf diese Weise bewahrt Jouet die Individualität der präsentierten 107 Personen und zeigt zugleich ein Panorama der französischen Gesellschaft.
Seit Anfang der 1990 betreibt Jouet seine „expériences littéraires spatialisées“ (Experimente verräumlichter Literatur), bei denen er mit räumlichen, zeitlichen und gesellschaftlichen Contraintes arbeitet. Dazu zählt z. B. die „écriture mobile“, die er ab 1994 im oulipotischen Gedichtprojekt „Poème du Métro“ realisierte: Dabei folgte er u. a. am 18. April 1996 einer Route, die er mit Hilfe des Mathematikers Pierre Rosenstiehl geplant hatte: Jouet sollte auf der Fahrt durch die komplette Métro Paris so selten wie möglich umsteigen oder zu bereits besuchten Stationen zurückkehren müssen. Die während der Fahrzeit erdachten Verse mussten während der Haltezeit in den Stationen notiert werden. In 15,5 Stunden Fahrzeit schrieb er 490 Zeilen, die 1998 unter dem Titel Frise du metroparisien erschienen. Sie sind aus Zitaten mitgehörter Gespräche, Schlagzeilen, Beschreibungen der Passagiere sowie der U-Bahn-Geräuschen montiert, sind also „heteronom und polyphon – ihre Quellen entspringen dem Leben der städtischen Gemeinschaft“.
Seit 1992 arbeitet Jouet an seinem Projekt Le Poème du jour und schreibt täglich ein Gedicht. Die gesammelten Gedichte der ersten vier Jahre erschienen 1999 unter dem Titel Navet, linge, œil-de-vieux, die der folgenden Jahre als Du jour ont paru (2013) und Dos, pensée (poème), revenant (2019). Nach 15 Jahren waren es bereits 5.475 Gedichte. 2013 variierte er dieses Projekt zu Le poème adressé du jour bzw. Projet poétique planétaire, mit dem erklärten, wissentlich „unerreichbaren“ Ziel, jedem einzelnen Erdenbürger ein Gedicht zu schreiben und per Post zu schicken. Im Jahr 2023 waren bereits über 10.000 Gedichte zusammengekommen.
Im Jahr 2009 schrieb Jouet auf der Place de la Bataille-de-Stalingrad 5 Tage und 8 Stunden lang vor den Augen des Pariser Publikums an Agatha de Paris. Diese literarische Performance unter dem Motto Tentative d’épuisement d’un auteur (dt. Versuch der Erschöpfung eines Autors) war eine Variation über Georges Perecs Tentative d’épuisement d’un Lieu parisien. Mit dieser „Ausstellung des arbeitenden Autors“ folgte Jouet seinem Ansatz, „die Literatur zu entzaubern und ihr den Status eines Handwerks zurückzugeben“ sowie ihre grundlegende Verflechtung mit dem öffentlichen Leben anzuerkennen. Die dabei entstandenen 32 Kapitel veröffentlichte er 2011 in Agatha de Mek-Ouyes.
Seit 2022 schreibt Jouet nach eigenen Angaben nur noch auf Deutsch, als weitere sprachliche Contrainte, die er sich und seinen Leser auferlegt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Jouet, Jacques |
| ALTERNATIVNAMEN | Masson, Jean-Michel |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Schriftsteller, Essayist, Performer, bildender Künstler und Mitglied von Oulipo |
| GEBURTSDATUM | 9. Oktober 1947 |
| GEBURTSORT | Viry-Châtillon |