Johann Puch

Johann Puch gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Johann Puch, slowenisch Janez Puh, (* 27. Juni 1862 in Sakuschak bei Jurschinzen, Untersteiermark, Kaisertum Österreich; † 19. Juli 1914 in Zagreb, Österreich-Ungarn) war ein Kunstschlosser, Industrieller und Begründer der Styria-Fahrradwerke und der Puch-Werke.

Jugend und Familie

Historische Drehbank, gefunden im Grazer Reinerhof. Zeitweise von Puch selbst genutzt.
Johann Puch und seine Ehefrau Maria mit Puch 4 HP Beiwagenmaschine 1905

Janez Puh wurde in eine slowenischsprachige Familie von Kleinbauern (Keuschler) geboren. Nach neueren Forschungen war er das zweite – nicht das siebte – Kind von Franc Puh aus Zagorje und Neža, geb. Cizerl (Ziserl) aus Sakušak. Janez „wurde als österreichischer Staatsbürger slowenischer Nationalität in der Steiermark, in der Bezirkshauptmannschaft Pettau, in der Pfarre St. Lorenz, in der Gemeinde Sakušak und dem Weiler Oblaček (in den Geburtsmatriken wird er auch Oblačjak genannt) geboren“. Sein älterer Bruder Martin (* 1858) leitete später in Budapest die Niederlassung für die Puch-Werke. Mit acht Jahren verließ Johann sein Elternhaus und war zunächst Helfer bei einem Müller in Friedau (heute Ormož). Die näheren Umstände seiner Unterbringung, Verpflichtungen und Entwicklung bei dem Müller sind ungewiss.

Mit zwölf Jahren begann er eine Lehre beim Schlossermeister Johann Kraner im Dorf Rotman in der Pfarre Juršinci, was im Gebiet der Gemeinde von Pettau (heute Ptuj) liegt. Am Ende seiner Lehre erhielt er am 21. Februar 1877 seinen Abschluss, ging auf Wanderschaft und war unter anderem in Marburg an der Drau. „Zur Volksschulzeit Johann Puchs hatte Juršinci eine einklassige Schule, in der Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Im Jahr 1879 wurde sie in eine zweiklassige Schule umgewandelt. In dieser zweiklassigen Schule soll auch Johann Puch (1879 siebzehnjährig) angemeldet gewesen sein, und zwar schon zu einer Zeit, als er die Schlosserlehre absolvierte.“ Beim Schlossermeister Anton Gerschack in Bad Radkersburg hatte Puch für längere Zeit eine Gesellenstelle. Bei der Festungsartillerie leistete er im Schweren Artillerie-Regiment Nr. 6 vom 1. Oktober 1882 bis 1885 seinen Militärdienst für die Österreichisch-Ungarische Artillerie. Am 26. November 1882 wurde er zum Grazer-Artillerie-Ergänzungsdepot versetzt. Wegen seiner Geschicklichkeit wurde er dort als Regimentsschlosser des Landeszeughauses in Graz eingesetzt. 1885 wechselte er für kurze Zeit zur Schlosserei Lapp, um sich danach in den Fahrradwerkstätten von Matthias Almer mit Franz Benesch (Graz, Wienerstraße 31) und dann bei Johann Luchscheider (Graz, Sackgasse 20) im Fahrradbau weiterzubilden. Bei der Näh-, Walk- und Waschmaschinenwerkstatt und der späteren Graziosa Fahrradwerke Benedict Albl begleitete er die Entwicklung der Fahrradwerkstätten, aus denen auch die Meteor-Fahrradwerke in Graz entstanden. Puch war am Trabersport und der Hundezucht interessiert. Außerdem war er als Radsportler aktiv und zählte zur Mannschaft des Grazer Radfahrer-Clubs. Puch heiratete am 18. September 1889 Maria Anna Reinitzhuber, eine Tochter seines wohlhabenden Förderers Karl Reinitzhuber. Als Nachfahre von Puch ist Johann Véghely-Puch bekannt, der Kundendienstleiter der Puch-Werke war und das Vorwort eines Buches von Friedrich F. Ehn zu Puch geschrieben hat.

Erste Firmengründungen mit Fahrradfertigung

Ab 1889 besuchte Puch mit dem Privatier Victor Kalman mehrere Fahrradhersteller und reiste mit ihm zu einer Fahrradausstellung nach Leipzig. Er machte sich selbständig und übernahm in der Folgezeit die Vertretung der englischen Humber-Werke und des deutschen Herstellers Winklhofer & Jännicke (später Wanderer-Werke AG).

Puch erste offizielle Fahrradherstellung
Puch erste offizielle Fahrradherstellung
Styria Joh. Puch & Compagnie
Styria Joh. Puch & Compagnie

Nach mehreren Anläufen erhielt er am 25. September 1889 die Betriebserlaubnis für eine Fahrrad-Werkstatt auf dem Gelände seiner Schwiegereltern. Im selben Jahr wurde das erste Puch-Fahrrad, ein Sicherheitsniederrad, unter dem Markennamen Styria ausgeliefert. Der Markenname (lat.) Styria steht für das Bundesland Steiermark, in dessen Landeshauptstadt Puch seinen Betrieb aufbaute. Schon Mitte 1890 erwies sich die Werkstatt als zu klein, und Puch zog mit finanzieller Unterstützung eines Partners in ein größeres Gebäude um. 1891 wurde die Handelsgesellschaft „Johann Puch & Comp.“ eingetragen und beschäftigte 34 Arbeiter. Den Durchbruch für das weitere Wachstum des Unternehmens und für das Styria-Rad brachte der dritte Platz des Rennfahrers Franz Gerger bei der Distanzradfahrt Wien–Berlin 1893; Puch hatte auch den Sieger des ersten Rennens Paris–Roubaix, Josef Fischer, sowie den mehrfachen Hochradmeister und Wien-Berlin-Teilnehmer Bruno Büchner unter Vertrag. Styria-Räder wurden bis nach England und Frankreich exportiert.

1893 erkrankte Puch am Herzen und musste kürzertreten. Da die Nachfrage nach Rädern weiterhin groß war, trat die Bielefelder Maschinenfabrik Dürkopp als Kommanditistin in das Unternehmen ein. 1895 beschäftigte Puch schon 330 Arbeiter, die jährlich rund 6000 Fahrräder produzierten. Ebenfalls 1895 kam es zu Streiks und blutigen Demonstrationen der Arbeiter, deren Resultat kürzere Arbeitszeiten und Lohnerhöhungen waren. 1897 verließ Puch wegen Unstimmigkeiten mit den neuen Partnern das Unternehmen, das inzwischen als Johann Puch & Comp., Styria Fahrradwerke und später als Styria-Fahrrad- und Dürkopp-Werke -A.G. aus Graz formierte. Puch verpflichtete sich bei der Trennung, zwei Jahre lang keinen Konkurrenzbetrieb zu eröffnen.

Wachstum und Gründung der Puch-Werke

Puch Voiturette von 1906
Puch Voiturette mit Johann Puch am Steuer 1906

Puch wollte dennoch weiterhin Fahrzeuge bauen und umging das Wettbewerbsverbot auf besondere Art. Sein ehemaliger Werkmeister Anton Werner und der ehemalige Prokurist Martin Nöthing gründeten die Grazer Fahrradwerke Anton Werner & Compagnie und ließen sie am 17. Dezember 1897 im Grazer Handelsregister eintragen. Als Marke nutzte das neue Unternehmen die Bezeichnung „Styria-Original“ und später eine Wort-Bildmarke mit der Nymphe Styria für den Verkauf der Räder. Dagegen klagte Dürkopp erfolgreich auf Unterlassung, was die Wernerschen Werke nicht am Wachstum hinderte. Das neue Werk des Unternehmens wurde auf dem Areal einer ehemaligen Wassermühle in Puntigam (Graz) errichtet.

Als die Wartezeit des Wettbewerbsverbotes abgelaufen war, wurde Puch offiziell als Eigentümer der Wernerschen Fahrradfabrik eingetragen. Am 14. April 1899 ließ Puch persönlich das Markenzeichen „Puch-Rad“ mit dem Zusatz „Johann Puch Fahrradwerke - Graz“ im Markenregister der Steiermark eintragen. Am 18. Mai 1899 wurde die alte Wernersche Firma gelöscht und am 27. September 1899 ließ Puch die Johann Puch – Erste steiermärkische Fahrrad-Fabriks-Actien Gesellschaft in Graz in das Handelsregister eintragen. Die Erwerbung der Puch-Fahrradwerke war eines der ersten Geschäfte dieser Aktiengesellschaft. Es wurden neben Fahrrädern ab 1903 auch Motorräder und ab 1906 Automobile in Serienfertigung hergestellt. Die Entwicklung der Autos wurde ein besonderes Anliegen von Puch. 1903 wurde zusätzlich eine Werksvertretung für Mannesmann-MULAG-Lastkraftwagen übernommen und ab 1906 die österreichische Generalvertretung für Dixi-Automobile aus Eisenach. Bis zum Juli 1912 leitete Puch das Unternehmen als Generaldirektor. Danach zog er sich wegen neuerlicher Gesundheitsprobleme am Herzen von der Betriebsleitung zurück und widmete sich seinen Hobbys und Rennpferden.

Im Frühjahr 1914 übernahm Puch eine Position im Verwaltungsrat des 1914 in die Puch-Werke Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmens. Dieses beschäftigte inzwischen 1400 Arbeiter im Grazer Betrieb und hatte ein umfangreiches Programm von „Fahr- und Motorrädern, Sport- und Luxusautos, Last- und Lieferwagen, Omnibussen, Feldbahnmotoren und tragbaren Scheinwerferaggregaten“. Am 19. Juli 1914 starb Puch an einem Herzschlag in Zagreb. Nur zehn Tage später, am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Im folgenden Verlauf des Ersten Weltkrieges war das Unternehmen wichtiger Lieferant des k.u.k. Heeres.

Zeitleiste im Leben und Wirken von Johann Puch

Diesen 2-Zylinder-Boxermotor entwickelte Puch 1898
Puch-Flugmotor von 1909, Patent AT 48877
Puch-MULAG-Sprengwagen aus dem Modellprogramm 1913 für Lastkraftwagen von Puch

Nachfolgend eine Übersicht von Ereignissen im Leben und Wirken von Johann Puch:

Nachgang:

Patente von Johann Puch und seinen Unternehmen

Johann Puch meldete etliche Patente seiner Entwicklungen an, die teils auf ihn persönlich und später im Rahmen seiner Unternehmen registriert wurden. Nachfolgend Verweise auf einige dieser Patente (unvollständig):

Ehrungen

Grabstätte

Das Grab des Johann Puch/Janez Puh in Graz

Johann Puch, der Begründer der steirischen Fahrradindustrie, wurde auf dem Grazer Zentralfriedhof (Ehrengrab) in der (Familiengruft Puch, (Feld 13b II)) beigesetzt.

Literatur

Commons: Johann Puch – Sammlung von Bildern und Videos

Einzelnachweise

  1. 1 2 Taufbuch Jurschinzen, tom. 1836–1864, fol. 250 (Faksimile), abgerufen am 4. Januar 2024
  2. 1 2 Kristina Šamperl Purg et al.: Janez Puh - Johann Puch. Človek, izumitelj, tovarnar, vizionar. Juršinci : Občina : Društvo rojaka Janeza Puha, Juršinci 2012, ISBN 978-961-93286-0-6 (Kristina Šamperl Purg: Johann Puch / Janez Puh – ein Abriss).
  3. 1 2 3 „Johann Puch gestorben.“ (Nachruf auf der Titelseite). In: Allgemeine Automobil-Zeitung. Band 11, Nr. 30. Wien 26. Juli 1914, S. 17–20 (Online-Vorschau).
  4. 1 2 Wolfgang M. Buchta: „Frisch, saftig, steirisch!“ In: Austro Classic. Nr. 2021/01. Kierling 2021 (Online-Vorschau).
  5. 1 2 Gerhard Pferschy: Johann Puch, ein Pionier des Fahrzeugbaues. In: Sonderbände der Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Nr. 9, 1965, S. 58–64 (historischerverein-stmk.at (Memento vom 26. Juni 2022 im Internet Archive) [PDF; 2,3 MB]).
  6. 1 2 Hilde Harrer: Johann Puch und seine Förderer. In: Blätter für Heimatkunde, Sonderbände der Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Nr. 75, 2001, S. 59–68 (historischerverein-stmk.at (Memento vom 26. Juni 2022 im Internet Archive) [PDF; 3,8 MB]).
  7. 1 2 Wolfgang Wehap: Eintrag: Johann Puch. In: Radlexikon-Steiermark. 2012, S. 106–108 (Online Vorschau).
  8. 1 2 3 4 5 6 Hans Seper: 100 Jahre Steyr-Daimler-Puch A.G. (1864–1964). S. 40–55 (2-pedals.org [PDF; 6,2 MB]).
  9. ↑ Friedrich F. Ehn: Das PUCH-Automobil-Buch. 1. Auflage. Weishaupt, Gnas 2019, ISBN 978-3-7059-0524-5.
  10. ↑ AUTOMOBILISMUS. In: Allgemeine Sport-Zeitung, Heft 25/1914, S. 805 (online bei ANNO).
  11. ↑ Hans Seper, Helmut Krackowitzer, Alois Brusatti: Österreichische Kraftfahrzeuge von Anbeginn bis heute, Wels, 1982, S. 68.
  12. ↑ https://anno.onb.ac.at/cgi-content/annoshow?call=nwg|19331112|20|100.0|0
  13. ↑ Ulreich, Geschichte der Puch-Fahrräder, Seite 309
  14. ↑ sekretaer: Der Puch-Marsch. In: Johann Puch Museum. 31. März 2013, abgerufen am 3. April 2013.
  15. ↑ Johann Puch Automotive Awards ausgeschrieben | FFG. Abgerufen am 5. Juli 2018.
  16. ↑ https://www.flickr.com/photos/bridgink/5841536964/ Fotos: Puch-Brücke in Ptuj (Slowenien)
  17. ↑ http://de.structurae.de/structures/data/index.cfm?id=s0036182/ Strukturdaten der Puch-Brücke in Ptuj (Slowenien)
  18. ↑ Karin Derler, Ingrid Urbanek: Planung für die Unendlichkeit – Der Grazer Zentralfriedhof. Steirische Verlagsgesellschaft, 2002, ISBN 3-85489-086-9.
  19. ↑ Puch-Projektarbeit (abgefragt am 16. Jänner 2010; PDF; 713 kB)

Koordinaten: 47° 2′ 40,7″ N, 15° 25′ 37,2″ O

Personendaten
NAME Puch, Johann
ALTERNATIVNAMEN Janez Puh (slowenisch)
KURZBESCHREIBUNG Ingenieur und Industrieller
GEBURTSDATUM 27. Juni 1862
GEBURTSORT Sakušak bei Georgendorf bei Pettau, Untersteiermark
STERBEDATUM 19. Juli 1914
STERBEORT Zagreb