Jean Vanier

Jean Vanier (2012)

Jean Vanier, CC, GOQ (* 10. September 1928 in Genf, Schweiz; † 7. Mai 2019 in Paris, Frankreich) war ein kanadischer römisch-katholischer Theologe und Philosoph und der Gründer der Arche (französisch: L’Arche), einer internationalen ökumenischen Organisation, welche Gemeinschaften gründet, in denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung in christlicher Weise zusammenleben. Gleichzeitig hat er 1971 zusammen mit Marie-Hélène Mathieu die ebenfalls weltweite Bewegung Glaube und Licht begründet. In den 1.612 Gruppen in 81 Ländern treffen sich Menschen mit Behinderung, deren Familien und Freunde regelmäßig zum Austausch, Gebet und Feiern.

Vanier beging von 1952 bis kurz vor seinem Tod 2019 sexuellen Missbrauch an mindestens 25 Frauen. Als geistlicher Schüler des Dominikanerpaters Thomas Philippe (1905–1993) übernahm er dessen Missbrauchspraktiken und deckte sie jahrzehntelang. Eine interdisziplinäre Studienkommission arbeitete die Missbrauchsfälle beider Männer 2023 umfassend auf.

Leben

Jean Vanier war das vierte Kind des späteren Generalgouverneurs von Kanada, Georges Vanier, und seiner Frau Pauline, geborene Archer. Er kam in Genf zur Welt, weil sein Vater dort Vertreter Kanadas beim Völkerbund war. Er wurde auch in Genf katholisch getauft, aber er wuchs später in Kanada, England und Frankreich auf, weil die Familie wegen der diplomatischen Arbeit seines Vaters oft umziehen musste. Die Mutter dagegen wurde von Depressionen geplagt. Er besuchte Schulen der Jesuiten. Im Jahr 1941, als er dreizehn Jahre alt war, reiste er von Kanada nach England und trat auf eigenen Wunsch ins Britannia Royal Naval College im südenglischen Dartmouth ein. Zuletzt diente er als Marineoffizier auf dem kanadischen Flugzeugträger HMCS Magnificent.

Im September 1950 nahm er nach einer Wallfahrt nach Lourdes von der Marine Abschied, um in der Kommunität und im Bildungszentrum L’Eau vive bei Paris zu leben, das Thomas Philippe 1946 gegründet hatte. Hier lernte er als dessen geistlicher Sohn seine Theologie, Spiritualität und Seelsorgepraxis kennen, bis dieser am 3. April 1952 vom Heiligen Offizium abgesetzt wurde. Bis im Mai 1956 wurde Vanier faktischer Leiter von L’Eau vive, und er wurde in die mystisch-sexuellen Praktiken seines Vorgängers eingeführt, wobei die Nonne Jacqueline d'Halluin eine maßgebliche Rolle dabei spielte. Das Offizium auf Antrag von Kommissar Paul Philippe schloss am 28. Mai 1956 das Zentrum und verurteilte Thomas Philippe und enthob ihn des Amts, weil ihm seine mystischen Sonderlehren und sexuellen Übergriffe bekannt geworden waren. Da Vanier eigentlich katholischer Priester werden wollte, begann er bereits 1950 ein Theologie- und Philosophiestudium im Bildungszentrum L'Eau vive, dann in der dominikanischen Hochschule Le Saulchoir in Étiolles bis August 1952 und schließlich am Institut catholique de Paris. Die Idee für seine Doktorarbeit über Aristoteles entstand im Dialog mit seinem Mentor Thomas Philippe, dessen Bruder, dem Philosophen Marie-Dominique Philippe und mit Abbé Lallement. Sie trug den Titel Le bonheur, principe et fin de la morale aristotélicienne (deutsch: Das Glück, Prinzip und Ende der aristotelischen Moral) und wurde 1962 angenommen. Danach lehrte er etwa ein Jahr am St. Michael’s College an der University of Toronto.

Der Plan, zum katholischen Priester geweiht zu werden, scheiterte sowohl 1956 als auch noch 1975 an der Glaubenskongregation, weil Paul Philippe, der inzwischen Kardinal geworden war, infolge seinen Kenntnissen der Geschehnisse eine Weihe von Vanier ablehnte. Vanier dagegen begründete seine fehlende Priesterweihe mit seinen Schwierigkeiten mit der kirchlichen Hierarchie.

Bereits 1963 zog Vanier mit Père Thomas Philippe ins nordfranzösische Trosly-Breuil bei Compiègne, sie nahmen am 5. August im Folgejahr zwei geistig behinderte Männer (Raphaël und Philippe) in ihr Häuschen auf, das das erste Haus der Arche wurde. Er entdeckte „die Tiefe ihres Leidens und ihren Schrei nach wahrhaftiger Beziehung, aber auch ihre Freude an der Gemeinschaft mit Menschen“ (Zitat Vanier). Er wollte ihnen helfen und merkte auf einmal, wie sie ihm halfen. 1965 übernahm Vanier die Leitung des Behindertenheimes in Val Fleuri, wo 32 Männer mit einer geistigen Behinderung lebten. Er veränderte das Heim dahin, dass Behinderte und Nichtbehinderte in Hausgemeinschaften miteinander lebten, woraus die Arche-Bewegung entstand. 1969 wurden erste Archegemeinschaften außerhalb Frankreichs, „Daybreak“ im kanadischen Toronto und „Asha Niketan“ im indischen Bangalore, gegründet. In den 1970er Jahren wurden Strukturen, gemeinsame Leitlinien und eine Charta der Archegemeinschaften entwickelt, doch Vanier blieb bis 1979 die alleinige Autoritätsperson, weil er sich als Erzieher, Vater und Hirte der Gemeinschaft sah und ausgab.

1981 nahm Jean Vanier ein Sabbatjahr und übergab seine Leitungsfunktion an andere Mitverantwortliche. 1999 legte er die internationale Verantwortung in jüngere Hände. Seither gab er seine Erfahrungen im Zusammenleben mit geistig behinderten Menschen weltweit in Vorträgen und Veröffentlichungen weiter.

In Deutschland existieren drei Arche-Gemeinschaften in Tecklenburg, Ravensburg und Landsberg am Lech. Weltweit gibt es 154 Archen in 38 Ländern auf allen fünf Kontinenten. In der kanadischen Arche Daybreak verbrachte der Psychologe und Schriftsteller Henri Nouwen seine letzten zehn Lebensjahre.

Vanier erlitt im Oktober 2017 einen Herzinfarkt und überstand eine anschließende Operation. Er starb am 7. Mai 2019 im Alter von 90 Jahren in Paris.

Missbrauch und Aufarbeitung

Laut dem im Januar 2023 veröffentlichten Bericht einer unabhängigen Expertenkommission beging Vanier von 1952 bis kurz vor seinem Tod 2019 sexuellen Missbrauch an mindestens 25 Frauen, indem er seine geistliche Autorität ausnutzte, um Frauen bei Seelsorgegesprächen zu manipulieren und zu sexuellen Handlungen zu drängen. Bereits ab 1952 half Vanier seinem Mentor Thomas Philippe aktiv, kirchliche Sanktionen zu umgehen, übernahm dessen Missbrauchspraktiken und deckte sie nach der Gründung von L’Arche 1964 jahrzehntelang, während Philippe dort mindestens 30 weitere Frauen missbrauchte.

Die Aufarbeitung begann, als sich ab 2014 mehrere Frauen an die Leitung von L'Arche wandten. Eine erste Untersuchung von 2015 blieb lückenhaft. Als sich Judy Farquharson im Mai 2016 erneut meldete, führte das nur zu unergiebigen Gesprächen mit Vanier, der die Vorfälle zu verharmlosen versuchte. Erst eine externe Untersuchung von 2019–2020 bestätigte die Missbräuche an sechs Frauen. Die im Herbst 2020 eingesetzte interdisziplinäre Kommission aus Historikern, Psychiatern, Psychoanalytikern, Soziologen und Theologen analysierte Briefe, kirchliche Akten und führte 119 Interviews mit 89 Personen, um Ursachen, Mechanismen und Netzwerk der Missbrauchsfälle zu dokumentieren.

Ehrungen

Schriften (Auswahl)

Vaniers Veröffentlichungen wurden bis im Jahr 2019 weithin beachtet und in 29 Sprachen übersetzt. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse der Studienkommission entschied der Neufeld Verlag im Februar 2023, die Biographie und Schriften von Jean Vanier nicht mehr zu verbreiten.

Literatur

Commons: Jean Vanier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Ludwig Ring-Eifel: Sexuelle Praktiken des Arche-Gründers geben Aufschluss. Ein Lehrbeispiel "geistlichen Missbrauchs": Der Fall Jean Vanier, Website katholisch.de (17. Februar 2023, abgerufen am 4. August 2025)
  2. ↑ Jean Vanier. Einige Fakten zum Gründer der Arche. Die Missbrauchstaten von Jean Vanier, Website arche-deutschland.de (abgerufen am 5. August 2025)
  3. ↑ Celine Cooper, Mac Freeman, Clayton Ma: Jean Vanier, Website thecanadianencyclopedia.ca (2. März 2008, ergänzt am 28. August 2024, abgerufen am 7. August 2025)
  4. ↑ Zusammenfassender Bericht der Internationalen Arche, Website arche-deutschland.de (pdf, deutsche Übersetzung C. Michel & H. Finus, 22. Februar 2020, abgerufen am 7. August 2025)
  5. 1 2 3 Thomas Isler: Ein Heiliger seiner Zeit. In: NZZ am Sonntag. 11. Mai 2019, abgerufen am 12. Mai 2019.
  6. ↑ Zusammenfassender Bericht der Internationalen Arche, Website arche-deutschland.de (pdf, deutsche Übersetzung C. Michel & H. Finus, 22. Februar 2020, abgerufen am 7. August 2025)
  7. ↑ Missbrauch und Einflussnahme, Untersuchung zu Thomas Philippe, Jean Vanier und der Arche. Zusammenfassung des Berichts der Studienkommission im Auftrag der Internationalen Arche, Website commissiondetude-jeanvanier.org (30. Januar 2023, deutsch, S. 2–12, abgerufen am 5. August 2025)
  8. ↑ Regula Pfeifer: Arche-Mitarbeiterin über Missbrauchs-Enthüllungen zum Gründervater: «Die Arche ist nicht Jean Vanier», Website kath.ch (23. Mai 2023, abgerufen am 5. August 2025)
  9. ↑ Missbrauch und Einflussnahme, Untersuchung zu Thomas Philippe, Jean Vanier und der Arche. Zusammenfassung des Berichts der Studienkommission im Auftrag der Internationalen Arche, Website commissiondetude-jeanvanier.org (30. Januar 2023, deutsch, S. 12–24, abgerufen am 5. August 2025)
  10. ↑ Jean Vanier. In: Website Arche Im Nauen. Archiviert vom Original am 27. Januar 2017; abgerufen am 7. Mai 2019.
  11. ↑ Martina Werle, Sandro Göpfert: Begegnung mit Jean Vanier. In: Zeitschrift AufAtmen 2/2017, S. 48–51.
  12. ↑ Diözese Innsbruck: Gründer der Arche-Gemeinschaften gestorben, Website dibk.at (7. Mai 2019, abgerufen am 6. August 2025)
  13. ↑ Jean Vanier, le fondateur de L’Arche, est décédé. In: arche-france.org. 7. Mai 2019, abgerufen am 7. Mai 2019 (französisch).
  14. ↑ Regula Pfeifer: Arche-Mitarbeiterin über Missbrauchs-Enthüllungen zum Gründervater: «Die Arche ist nicht Jean Vanier», Website kath.ch (23. Mai 2023, abgerufen am 5. August 2025)
  15. ↑ Ludwig Ring-Eifel: Sexuelle Praktiken des Arche-Gründers geben Aufschluss. Ein Lehrbeispiel "geistlichen Missbrauchs": Der Fall Jean Vanier, Website katholisch.de (17. Februar 2023, abgerufen am 4. August 2025)
  16. ↑ Eric Quintin, Marie-Pierre Raimbault: Gottes missbrauchte Dienerinnen – Die ganze Doku. In: Arte.tv. 2017, abgerufen am 23. August 2026.
  17. ↑ Die Missbrauchstaten von Jean Vanier und P. Thomas Philippe. In: arche-deutschland.de. 2020, abgerufen am 8. März 2022.
  18. ↑ Missbrauch und Einflussnahme, Untersuchung zu Thomas Philippe, Jean Vanier und der Arche. Zusammenfassung des Berichts der Studienkommission im Auftrag der Internationalen Arche, Website commissiondetude-jeanvanier.org (30. Januar 2023, deutsch, S. 43, abgerufen am 5. August 2025)
  19. ↑ Zusammenfassender Bericht der Internationalen Arche, Website arche-deutschland.de (pdf, deutsche Übersetzung C. Michel & H. Finus, 22. Februar 2020)
  20. ↑ Anne Preckel: Frankreich: Untersuchung deckt Missbrauch durch Arche-Gründer auf. In: Vatican News. 22. Februar 2020, abgerufen am 2. März 2020.
  21. ↑ Missbrauch und Einflussnahme, Untersuchung zu Thomas Philippe, Jean Vanier und der Arche. Zusammenfassung des Berichts der Studienkommission im Auftrag der Internationalen Arche, Website commissiondetude-jeanvanier.org (30. Januar 2023, deutsch, S. 1, 61–63, abgerufen am 5. August 2025)
  22. ↑ Jean Vanier. Einige Fakten zum Gründer der Arche. Die Missbrauchstaten von Jean Vanier, Website arche-deutschland.de (abgerufen am 5. August 2025)
  23. ↑ Bericht der Studienkommission über Jean Vanier, Website Arche Schweiz (abgerufen am 5. August 2025)
  24. ↑ Diözese Innsbruck: Gründer der Arche-Gemeinschaften gestorben, Website dibk.at (7. Mai 2019, abgerufen am 6. August 2025)
  25. ↑ Étienne Fortin-Gauthier: Scandale Jean Vanier: des écoles pourraient changer de nom, Website onfr.tfo.org (24. Februar 2020, abgerufen am 7. August 2025)
  26. ↑ Gründer der Arche-Gemeinschaft gestorben, Website pro-medienmagazin.de (8. Mai 2019, abgerufen am 6. August 2025)
  27. ↑ David Neufeld: Erschütterung über Jean Vanier, Website neufeld-verlag.de (24. Februar 2020, Ergänzungen Februar 2023, abgerufen am 6. August 2025)
  28. ↑ https://ojs.szh.ch/zeitschrift/article/view/842
Personendaten
NAME Vanier, Jean
KURZBESCHREIBUNG kanadischer Philosoph, Gründer von L’Arche, Täter sexuellen Missbrauchs
GEBURTSDATUM 10. September 1928
GEBURTSORT Genf
STERBEDATUM 7. Mai 2019
STERBEORT Paris