
Thomas Philippe, geboren als Jean Marie Joseph Philippe (* 18. März 1905 in Cysoing, Frankreich; † 4. Februar 1993 in Saint-Jodard, Frankreich), war ein französischer Dominikanerpater. Er war der Bruder von Marie-Dominique Philippe und Neffe von Thomas Dehau, beide ebenfalls Dominikaner. Jean Vanier gründete 1964 die Gemeinschaft L’Arche, in der Menschen mit und ohne geistige Behinderung zusammenleben; Thomas Philippe begleitete die Gründung als geistlicher Mentor Vaniers und prägte die spirituelle Ausrichtung der Gemeinschaft maßgeblich.
Thomas Philippe beging über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch an Frauen – zunächst in der von ihm gegründeten Gemeinschaft L’Eau vive, später in L’Arche. Bereits 1956 hatte das Heilige Offizium ihm deshalb jeglichen priesterlichen Dienst verboten, doch das Verbot blieb ohne nachhaltige Wirkung. L’Arche dokumentierte die Missbräuche 2015 und 2020; eine unabhängige Historikerkommission arbeitete den Fall 2023 umfassend auf.
Jean Marie Joseph Philippe war das dritte Kind von zwölf Kindern des Notars Henri Philippe und seiner Frau Elisabeth Dehau (* 1878), die 1901 geheiratet hatten. Der Großvater mütterlicherseits war der sozialkonservative Landwirt und Gemeindepräsident Félix Dehau (1846–1934), der zehn Kinder hatte und 15 von 53 seiner Enkelkinder traten in einen katholischen Orden ein. Ein Neffe war Pierre Dehau (1870–1956) mit dem Ordensnamen Thomas, der älteste Sohn von Félix, der einen großen Einfluss auf die Familie Philippe hatte und auch Jean wesentlich geistlich beeinflusste, so dass dieser in den Dominikanerorden eintrat. Vorher besuchte Jean das Jesuiten-Kollegium Saint-François in Sales d’Évreux, das 1918 zum College Saint-Joseph von Lille und Umgebung wurde, das er im Oktober 1923 abschloss. Danach begann er das Noviziat in Amiens, in der dominikanischen Provinz von Frankreich. Ende November wurde er eingekleidet und erhielt den Namen Thomas. In der Schule von Le Saulchoir in Kain studierte er drei Jahre Philosophie und vier Jahre Theologie. 1927 legte er den Profess ab, 1929 wurde er zum Priester geweiht und 1931 beendete er seine Studien.
Thomas Philippe lehrte Metaphysik und Logik am Le Saulchoir, dem dominikanischen Studienzentrum bei Paris, zwischen 1931 und 1936 sowie am Angelicum in Rom von 1936 bis 1939. Ab dem 6. Juni 1942 übernahm er vertretungsweise die Leitung des Saulchoir. Im Oktober 1948 wurde er von dieser Aufgabe entbunden und widmete sich fortan vollständig L’Eau vive, einer von ihm gegründeten geistlichen Bildungsgemeinschaft. Jean Vanier kam dort 1950 mit Philippe in Kontakt und wurde sein enger geistlicher Schüler.
Seit den Anfängen von L’Eau vive beging Thomas Philippe an einem Großteil der dort lebenden Frauen sexuelle Übergriffe, die er durch mystische Deutungen rechtfertigte und die auf der Ausnutzung seiner geistlichen Autorität beruhten. Eines seiner Opfer, Anne de Rosanbo, karmelitische Novizin des Klosters Nogent-sur-Marne, trieb am 8. September 1947 ein Kind von ihm ab, um einen Skandal zu vermeiden. Das tote Baby wurde noch getauft und als Relikt bis 1952 aufbewahrt, wovon sein Onkel, Bruder Pierre-Thomas Dehau, Kenntnis haben musste.
Jean Vanier selbst wurde am 15. Juni 1952 von Jacqueline d’Halluin, einer anderen Frau aus L’Eau vive, in die mystisch-sexuellen Praktiken Thomas Philippes eingeweiht und setzte diese später selbst fort.
Thomas Philippe wurde am 3. April 1952 infolge der Aussagen zweier Opfer, Madeleine Guéroult und Madeleine Brunet, aus L’Eau vive gedrängt. Trotz klarer Anzeigen ergriff das Heilige Offizium zwischen Juni 1952 und Oktober 1955 keinerlei Maßnahmen gegen ihn – ein Versagen, das der Kommissionsbericht auf institutionelle Umstände zurückführt, darunter die Erkrankung des zuständigen Kommissars und eine längere Vakanz der Ordensleitung. In dieser Zeit lebte Philippe zeitweise im Kloster Saint-Dominique de Corbara auf Korsika (Dezember 1953 bis September 1954), hielt aber mit aktiver Unterstützung Vaniers weiterhin heimliche Treffen mit Frauen aus L’Eau vive ab.
1956 wurde ihm nach einer kanonischen Untersuchung wegen sexuellen Missbrauchs an mehreren Frauen die Ausübung jeglichen priesterlichen Dienstes sowie die geistliche Begleitung verboten. Auch seine Schwester, Mutter Cécile Philippe, Priorin des Dominikanerinnenklosters Bouvines, sowie sein Onkel Thomas Dehau wurden für mitverantwortlich erklärt.
Zur Rechtfertigung seiner Handlungen berief sich Thomas Philippe auf angeblich empfangene mystische Gnaden vor dem Fresko Mater Admirabilis im Konvent der Trinità dei Monti (1938) sowie auf eine angebliche Offenbarung über inzestuöse Beziehungen zwischen Jesus und Maria.
Obwohl das Heilige Offizium den Mitgliedern von L’Eau vive untersagt hatte, sich neu zusammenzuschließen, ließen sich Jean Vanier und Thomas Philippe 1964 in Trosly-Breuil nieder und gründeten L’Arche. Mehrere Frauen aus dem früheren Kreis von L’Eau vive waren von Beginn an beteiligt: Jacqueline d’Halluin schlug den Namen der Gemeinschaft vor, verfasste ihr Gebet und leitete das spirituelle Zentrum La Ferme, wo Philippe seine Übergriffe fortsetzte. Das Schweigen über diese Verbindungen war laut Kommissionsbericht bewusst, um die römischen Behörden nicht auf die verbotene Neuformierung des Kreises aufmerksam zu machen. Auch Anne de Rosanbo, eines der früheren Opfer Philippes, ließ sich in Trosly-Breuil nieder und unterstützte L’Arche und La Ferme durch bedeutende finanzielle Zuwendungen.
Laut den Kommissionsberichten von 2023 schuf Thomas Philippe durch die geistliche Prägung mehrerer Gemeinschaftsgründer ein Netzwerk, in dem dieselben Abhängigkeits- und Schweigestrukturen entstanden, die bereits in L’Eau vive und L’Arche Missbrauch ermöglicht hatten. Gérard Croissant („Bruder Éphraïm“), Gründer der Gemeinschaft der Seligpreisungen, stand unter seinem Einfluss; laut Kommissionsbericht soll Philippe dessen sexuelle Übergriffe ausdrücklich gebilligt haben. Thierry de Roucy, Gründer von Points Cœur, stand ebenfalls unter Philippes Einfluss und wurde 2018 wegen sexueller Übergriffe und Machtmissbrauchs aus dem Klerikerstand entlassen.
Thomas Philippe starb am 4. Februar 1993 im Priorat von Saint-Jodard bei der Gemeinschaft vom heiligen Johannes. Sein Bruder Marie-Dominique Philippe hielt die Trauerfeier in der Arche-Gemeinschaft in Trosly-Breuil, wo er zunächst begraben wurde. 2021 wurde sein Leichnam im Zuge der öffentlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle aus dem Gelände der Arche-Gemeinschaft exhumiert und auf dem Gemeindefriedhof von Trosly-Breuil neu beigesetzt.
2015 ordnete Erzbischof Pierre d’Ornellas von Rennes eine zweite kanonische Untersuchung an. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Thomas Philippe zwischen den 1970er Jahren und 1991 Frauen unter dem Deckmantel der geistlichen Begleitung sexuell missbraucht hatte – und belegte damit, dass der Missbrauch trotz des Verbots von 1956 jahrzehntelang weiterging. Für die Untersuchung wurden vierzehn Personen befragt, darunter etwa zehn Opfer. Die Arche-Gemeinschaft räumte die Vorfälle in einer offiziellen Stellungnahme ein.
Anfang 2016 veröffentlichte die Avref, eine französische Hilfsorganisation für Opfer von Missbrauch in religiösen Gemeinschaften, unter Pseudonym den Erfahrungsbericht einer ehemaligen Karmelitin, Michèle-France Pesneau, in dem sie sexuellen Missbrauch durch Thomas Philippe und seinen Bruder schilderte. Daraufhin meldeten sich zwei weitere Frauen mit übereinstimmenden Aussagen.
Nach der Veröffentlichung des Berichts von L’Arche am 22. Februar 2020 beauftragten die Dominikaner, L’Arche und die Gemeinschaft vom heiligen Johannes insgesamt vier unabhängige Kommissionen damit, die Missbräuche der Brüder Philippe und die sie begünstigenden Strukturen historisch zu untersuchen. Zwei Kommissionen veröffentlichten ihre Berichte am 30. Januar 2023 und stellten fest, dass der Missbrauch durch gezielte Abhängigkeits- und Schweigestrukturen innerhalb der Gemeinschaften systematisch ermöglicht worden war. Der Bericht der Gemeinschaft vom heiligen Johannes erschien am 26. Juni 2023.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Philippe, Thomas |
| ALTERNATIVNAMEN | Philippe, Jean Marie Joseph (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Dominikanerpater |
| GEBURTSDATUM | 18. März 1905 |
| GEBURTSORT | Cysoing, Frankreich |
| STERBEDATUM | 4. Februar 1993 |
| STERBEORT | Saint-Jodard, Frankreich |