Jewish Chamber Orchestra Hamburg

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Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg (JCOHH) ist ein überkonfessionelles und überparteiliches Kammerorchester mit Sitz in Hamburg. Gegründet im Jahr 2018 ist es eine Erinnerung an das historische Jüdische Kammerorchester Hamburg, das 1934 vom Komponisten und Dirigenten Edvard Moritz ins Leben gerufen und 1935 aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung jüdischer Künstler aufgelöst wurde.

Das Ensemble tritt an verschiedenen Orten auf, darunter regelmäßig in der Elbphilharmonie. Unter der Leitung des jungen Dirigenten Emanuel Meshvinski und des Creative Director Josh Kasthönig' beschreibt das Orchester seinen Ansatz als Verbindung von Musik, Erinnerungskultur und Bildungsarbeit. Das Orchester verfolgt neben seiner Konzerttätigkeit einen interdisziplinären Ansatz, der klassische Musik mit Vermittlungsformaten, dem gesellschaftlichen Dialog und kultureller Bildung verbindet. Im Jahr 2026 hat das JCOHH unter anderem beim Matthiae-Mahl im Hamburger Rathaus, bei eigenen Salonabenden, der Konzertreihe „Büschen Meschugge“ und dem Clubformat „Ami Technu – Classic meets Techno“ gespielt.

Wirken

Das JCOHH in der Elbphilharmonie

Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg bringt jüdische und nicht-jüdische Musikerinnen und Musiker aus 15 Nationen und diversen kulturellen Hintergründen zusammen. Es ist in klassischen Konzertsälen ebenso zu finden wie in Schulen, Theatern, Clubs, im Planetarium und an außerschulischen Bildungsstätten. Ein Anliegen des Orchesters ist es, jüdische Musiktradition ins Rampenlicht der gesellschaftlichen Mitte zu stellen und die Geschichte sowie die Gegenwart jüdischer Musikerinnen und Musiker zu beleuchten – vor allem im Zusammenhang mit der Verfolgung durch den Nationalsozialismus. Das Ensemble hat mit seinen Formaten gleichzeitig das Ziel, ein möglichst breites, diverses und junges Publikum zu erreichen. Neben Konzerten umfasst die Arbeit des JCOHH auch Bildungsprojekte, Workshops und Formate, die historische Themen mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen verknüpfen, wie Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

Idee

Die Gründungsidee des JCOHH steht in direktem Zusammenhang mit der historischen Lage im Jahr 1934. Das Jüdische Kammerorchester Hamburg wurde als Antwort auf die Ausgrenzung jüdischer Musiker aus dem öffentlichen Leben gegründet. Das heutige JCOHH versteht sich als zeitgenössische Fortführung des damaligen Orchesters.

Das Ziel des JCOHH ist es, jüdische Kultur als einen lebendigen und bereichernden Teil der Gegenwart zu zeigen, während gleichzeitig an die Verfolgung und Zerstörung des jüdischen Lebens während des Nationalsozialismus erinnert wird. Das Orchester verfolgt einen erweiterten Kultur- und Bildungsansatz, der Musik als Werkzeug für gesellschaftliche Verständigung und Begegnung nutzt. Programme verbinden die klassische Aufführungspraxis mit moderierten, szenischen und narrativen Elementen, um neue Wege zu historischer und kultureller Bildung zu finden. So etwa durch künstlerische Kooperationen mit Schauspielerinnen und Schauspielern wie Iris Berben, Gustav Peter Wöhler, dem Ensemblehidden shakespeare oder David Ali Rashed, Musikerinnen und Musikern wie Levi Schechtmann sowie Begegnungen mit dem Holocaust-Überlebenden und Buchautoren Manfred Eisner.

Geschichte

Historisches Jüdisches Kammerorchester Hamburg, 1934–1935

Im Herbst 1934 gründete der Komponist, Musikpädagoge, Dirigent, Bratschist und Pianist Edvard Moritz (geb. 23. Juni 1891 in Hamburg; gest. 30. September 1974 in New York City) das Jüdische Kammerorchester Hamburg. Das Ensemble bestand aus Musikerinnen und Musikern jüdischer Herkunft und arbeitete mit Solisten wie Ilse Urias, Jakob Sakom und Hertha Kahn zusammen. Das Kammerorchester, das durch einen Spendenfonds sowie Konzerteinnahmen finanziert wurde und bald nach der Gründung der Jüdischen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft (der Vorläuferin des Jüdischen Kulturbundes in Hamburg) beitrat, gab innerhalb von fünf Monaten insgesamt fünf Konzerte – teilweise mit Wiederholungsterminen. Dann musste es seine Tätigkeit einstellen.

Zunächst wurde Moritz als „nicht-arisches“ Mitglied in die Reichsmusikkammer aufgenommen. Am 19. August 1935 wurde er als sogenannter „Volljude“ aus dieser Zwangsberufsorganisation wieder ausgeschlossen. Dies bedeutete ein Berufsverbot. Am 19. November 1936 wurde er aufgefordert, seinen „hinfällig“ gewordenen Unterrichtserlaubnisschein zurückzugeben und keine „arischen“ Jugendlichen mehr zu unterrichten. Erst am 4. Juni desselben Jahres trat ein in Berlin neu gegründetes jüdisches Kammerorchester unter Leitung von Moritz erneut in Hamburg vor die Öffentlichkeit und spielte wieder Werke von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und mit dem Sänger Walter Olitzki Lieder von Moritz selbst. Es blieb bei diesem einen Auftritt.

Edvard Moritz ging zunächst nach Schweden ins Exil und scheint dort für sich keine Entwicklungsmöglichkeiten gesehen zu haben. So wanderte er im September 1937 mit einem in Göteborg ausgestellten Visum auf dem Dampfer SS Königstein von Antwerpen in die USA weiter und ließ sich in New York City nieder. Er debütierte am 2. Mai 1938 mit dem von ihm gegründeten Edvard Moritz Chamber Orchestra in der New Yorker Town Hall. 1940 wurde er Lehrer für Klavier und Komposition an der La Follette School of Music in New York. Zu seinen Schülern gehörte der Popsänger Bobby „Chain Gang“ Scott.

1941 verlor Moritz gemäß Reichsbürgergesetz seine deutsche Staatsbürgerschaft; 1943 wurde er in die USA eingebürgert. 1963 erhielt er aus Deutschland 3.200 DM zur Erstattung von Eigentumsschäden. Er starb am 30. September 1974 im Alter von 83 Jahren in New York City.

Neugründung, ab 2018

Emanuel Meshvinski (2023)

Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg wurde 2018 vom Cellisten und Dirigenten Pjotr Meshvinski sowie seiner Ehefrau Natalia Alenitsyna und deren Schwester Anna Alenitsyna-Herber ins Leben gerufen. Die Absicht war es, nach über 80 Jahren wieder ein jüdisches Kammerorchester in Hamburg zu etablieren. Nach dem Tod von Pjotr Meshvinski im Jahr 2021 übernahm sein Sohn Emanuel Meshvinski die künstlerische Leitung. Im Jahr 2023 kamen Josh Kasthönig, Christine Robuste sowie als Beirat und Koberer for the Good Lutz Johannsen hinzu. Das Ensemble entwickelt unter seiner Führung Konzertformate, die klassische Musik mit Theater, Tanz, Lesungen und elektronischer Musik verbinden.

Repertoire, Bildungsarbeit und gesellschaftliche Wirkung

Das Repertoire des JCOHH umfasst Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Ein besonderer Fokus liegt auf den Kompositionen jüdischer Künstlerinnen und Künstler – einschließlich solcher, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, verfemt, ins Exil getrieben oder nur selten aufgeführt wurden. Darüber hinaus entwickelt das Orchester interdisziplinäre Programme, die Musik mit Lesungen, Theater, Tanz oder digitalen Medien verbinden. Beispiele hierfür sind Konzertreihen wie „Büschen Meschugge“ sowie die Deutschland-Premiere der „Cantata Bolivia“ von Erich Eisner.

Ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeit ist die Bildungsarbeit. In Kooperation mit Schulen wie dem Helene-Lange-Gymnasium Hamburg und kulturellen Einrichtungen realisiert das JCOHH Projekte zur Vermittlung von NS-Unrecht sowie jüdischer Geschichte und Gegenwartskultur. Diese Formate kombinieren die musikalische Praxis mit biografischem Lernen, Workshops und digitalen Vermittlungsangeboten. Das Ziel ist es, ein historisches Verständnis, Empathie und eine demokratische Haltung zu entwickeln.

Die Projekte des Orchesters erreichen ein größeres Publikum über Aufführungen, Workshops und digitale Formate, während sie gleichzeitig die aktiv beteiligten Teilnehmenden einbeziehen. Die Arbeit des JCOHH wird von verschiedenen öffentlichen und privaten Förderern unterstützt. Im Rahmen der Haushaltsberatungen zum Bundeshaushalt 2026 wurde eine Förderung des Orchesters durch den Deutschen Bundestag vorgesehen.

Rezeption

Die Entwicklung des Jewish Chamber Orchestra Hamburg stieß in der regionalen sowie überregionalen Kulturberichterstattung auf eine breite positive Resonanz.

Das Hamburger Abendblatt beschrieb das Ensemble als einen außergewöhnlichen Klangkörper, dessen Auftritte in renommierten Häusern wie der Elbphilharmonie regelmäßig vor „restlos ausverkauft[en]“ Saal stattfinden. Dem Orchester wird dabei nachgesagt, eine bemerkenswerte „Reihe genialer Uraufführungen“ und moderner Kompositionen auf die Bühne zu bringen.

Besondere Anerkennung fand die spezifische Mischung der dargebotenen Konzertformate, die weit über den klassischen Konzertbetrieb hinausgeht. Rezensenten heben hervor, dass das Orchester auch in schweren gesellschaftlichen Zeiten ein klingendes Fest mit „Schmäh und Schwung“ kreieren kann. Die Kombination aus musikalischer Virtuosität und jüdischer Alltagskultur gilt dabei als einnehmend. Kulturkritiker betonen zudem die stilistische Bandbreite, die von sakraler jüdischer Tradition bis hin zu moderner Avantgarde reicht und unterschiedlichste Musikrichtungen miteinander verbindet.

Neben der künstlerischen Qualität erfährt auch das zivilgesellschaftliche Profil des Orchesters eine starke mediale Beachtung. Berichterstatter weisen darauf hin, dass das JCOHH als Nachfolger des historischen, vom NS-Regime vernichteten Jüdischen Kammerorchesters von 1934 agiert. Es wird in Porträts und Fachartikeln als wichtiges Symbol für die Bewahrung und Fortführung des musikalischen Erbes verfolgter Künstler gewürdigt.

Die Konzerte des Ensembles wurden in der Tagespresse als bedeutende Plattformen für interkulturelle Verständigung und Erinnerungskultur eingeordnet. So heben Medienberichte hervor, dass Gedenkveranstaltungen des Orchesters – wie etwa zur Reichspogromnacht – von einem breiten zivilgesellschaftlichen Netzwerk, darunter auch Geflüchteten anderer Religionsgemeinschaften, aktiv unterstützt werden.

Commons: Jewish Chamber Orchestra Hamburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Homepage. In: jco-hamburg.de. Jewish Chamber Orchestra Hamburg, abgerufen am 16. Juli 2026.
  2. ↑ Das Jüdische Kammerorchester Hamburg 1934/35. In: gedenkstaetten-hamburg.de. Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, abgerufen am 16. Juli 2026 (deutsch).
  3. 1 2 Peter Helling: Hamburg Journal - Uraufführung in Hamburg: „Nachtmusik“ von Edvard Moritz. In: ardmediathek.de. NDR, 2. April 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  4. ↑ Sandra A. Borchert: Ein musikalisches Fest der Erneuerung: Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg eröffnet neue Konzertreihe. In: raawi.de. RAAWI: Jüdisches Magazin, 25. März 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  5. ↑ „Hava Nagila Hamburg“ – Let us be happy. In: elbphilharmonie.de. Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft mbH, 6. Dezember 2025, abgerufen am 16. Juli 2026 (englisch).
  6. ↑ Rebecca Vaneeva: Dirigent Emanuel Meshvinski: People of Hamburg. In: fink.hamburg. FINK.HAMBURG, 27. November 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  7. 1 2 3 4 5 Gedenkkonzert. In: gymnasium-eppendorf.de. Gymnasium Eppendorf, 29. Januar 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  8. 1 2 Matthiae Mahl im Hamburger Rathaus. In: hamburg.de. Senatskanzlei Hamburg, 6. März 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  9. 1 2 „Büschen Meschugge“ – Hoffnung. Aufblühen. Neuanfang. In: zeit-stiftung.de. Zeit Stiftung Bucerius, abgerufen am 16. Juli 2026.
  10. ↑ Helmut Peters: Elbphilharmonie: Alles andere als ein bisschen meschugge. In: abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 4. April 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  11. ↑ Ami Technu. In: ra.co. Resident Advisor, abgerufen am 16. Juli 2026.
  12. 1 2 Tikkun Olam – Bar Zemach & JCO Hamburg. In: shalom-musik.koeln. SHALOM MUSIK KOELN, abgerufen am 16. Juli 2026 (deutsch).
  13. ↑ Helmut Peters: Konzert als Erinnerung und Mahnung. In: abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 10. November 2023, abgerufen am 16. Juli 2026.
  14. 1 2 Verena Fischer-Zernin: Warum jüdische Musiker in einer Hamburger Toreinfahrt spielten. In: abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 9. September 2024, abgerufen am 16. Juli 2026.
  15. ↑ Armin Levy: Woche des Gedenkens – ein historischer Moment: Das Jewish Chamber Orchestra Hamburg erstmals im Esther-Bejarano-Saal. In: juedischeunion.de. Jüdische Union, 1. Februar 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  16. ↑ Jewish Chamber Orchestra Hamburg. In: phoenix-festival.de. PHŒNiX festival, abgerufen am 16. Juli 2026.
  17. ↑ Konzert: Jewish Chamber Orchestra Hamburg. In: ij-n.de. Israel Jacobsen Netzwerk, 12. November 2024, abgerufen am 16. Juli 2026.
  18. ↑ Heinrich Oehmsen: Schauspielerin Remé verblüfft mit spontanem Gedicht. In: abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 21. März 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  19. 1 2 3 Helmut Peters: Jewish Chamber Orchestra Hamburg liefert eine Reihe genialer Uraufführungen. In: abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 7. Dezember 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  20. 1 2 Stefanie Tilgner: Das Jüdische Kammerorchester Hamburg 1934/35 – Vortrag von Sophie Fetthauer. In: gedenken-eimsbuettel.de. Monat des Gedenkens in Eimsbüttel, 4. Mai 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  21. 1 2 3 Edvard Moritz (1891–1974). In: musica-reanimata.de. musica reanimata, abgerufen am 16. Juli 2026.
  22. 1 2 3 Edvard Moritz. In: uni-hamburg.de. Universität Hamburg, abgerufen am 28. Juni 2026.
  23. 1 2 3 Claus Friede: Pjotr Meshvinski, Leiter der „St. Petersburg Virtuosen“ und des „Jewish Chamber Orchestra Hamburg“ gestorben. In: kultur-port.de. KulturPort.De, 6. November 2021, abgerufen am 16. Juli 2026 (deutsch).
  24. 1 2 Heike Linde-Lembke: Musikalisches Erbe – Emanuel Meshvinski ist Bratscher und führt das Jewish Chamber Orchestra. In: juedische-allgemeine.de. Jüdische Allgemeine, 15. Dezember 2024, abgerufen am 16. Juli 2026.
  25. ↑ Miriam Amro: „Mensch, Emu! Was soll jetzt noch kommen?“ In: zeit.de. Die Zeit, 5. Mai 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  26. ↑ Miriam Amro: „Wir sind doch keine Ingenieure!“ In: zeit.de. Die Zeit, 25. März 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  27. ↑ Corinna Below: „Cantata Bolivia“: Deutsche Uraufführung im Dom zu Lübeck. In: ndr.de. NDR, 27. Januar 2026, abgerufen am 16. Juli 2026.
  28. ↑ Babette Radtke: Ihr seid nicht vergessen. In: hlg-hamburg.de. Helene-Lange-Gymnasium Hamburg, abgerufen am 16. Juli 2026.
  29. ↑ Redaktion (ig): Haushaltsausschuss stärkt kulturelle Vielfalt und Erinnerungskultur. In: zwd.info. ZWD, 16. November 2025, abgerufen am 16. Juli 2026.
  30. ↑ Verena Fischer-Zernin: Erntedank mit Schmäh und Schwung. In: www.abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 23. Oktober 2025, abgerufen am 13. September 2026.
  31. ↑ Helena Vollbrecht: Junge Muslime helfen bei Gedenkkonzert für Juden in Hamburg. In: www.abendblatt.de. Hamburger Abendblatt, 8. November 2024, abgerufen am 13. September 2026.