
Joaquim Maria Moreira Cardozo, auch Cardoso, (geboren am 26. August 1897 in Recife, gestorben am 4. November 1978 in Olinda) war ein brasilianischer Ingenieur, Architekturtheoretiker, Dichter und Hochschullehrer. Seine Berechnungen und Materialanalysen eröffneten dem Stahlbetonbau neue Wege. Zwischen 1941 und 1964 arbeitete er mit Oscar Niemeyer und realisierte mit ihm einen Großteil der Bauten in Pampulha und Brasília. Aufgrund seines komplexen Wissens galt er in Brasilien als Universalgelehrter. Außerhalb des Landes erfuhr er keine eingehendere Würdigung.
Als Sohn eines Buchhändlers begeisterte sich Cardozo schon als Jugendlicher für Literatur und publizierte ab 1913 Kurzgeschichten und Karikaturen. 1915 begann er ein Ingenieurstudium an der Escola Livre de Engenharia de Pernambuco in Recife, konnte dieses jedoch wegen finanzieller Schwierigkeiten und der Einberufung zum Militär erst 1930 abschließen. Zwischenzeitlich arbeitete er als Topograph und technischer Berater bei Bewässerungsprojekten und im Straßenbau, 1924–1927 fungierte er als Mitherausgeber der Revista do Norte.
Ab 1931 war Cardozo im Bauamt Secretaria Estadual de Viação e Obras Públicas angestellt, ab 1934 in der Behörde Diretoria de Arquitetura e Urbanismo do Recife (DAU). Dort traf er auf den Architekten Luiz Nunes und den Landschaftsgestalter Roberto Burle Marx, der sein Interesse für die Integration tropischer Vegetation in den Stadtraum weckte. Im Auftrag der DAU gestaltete das Team 1935 den Pavillon Pernambucos auf der Jahrhundertausstellung in Porto Alegre (Exposição Internacional Agrícola e Industrial de Comemoração do Centenário da Farroupilha). 1935/36 errichteten Nunes und Cardozo die Alberto Torres-Schule in Recife mit spektakulären Rampen über Parabelbögen; die Konstruktion gilt als eines der Pionierwerke der brasilianischen Moderne. Gleichzeitig lehrte Cardozo an der Escola de Engenharia und ab 1936 an der Escola de Belas Artes, wo er den Lehrstuhl Architekturtheorie und -philosophie bekleidete. 1938 reiste er nach Europa und besuchte Frankreich, Spanien und Portugal.
Aufgrund von Repressalien durch den Estado Novo verließ Cardozo 1939 die Hochschule von Recife und ließ sich als Ingenieur in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro nieder. Es war dies die Zeit, in der Lúcio Costa und Oscar Niemeyer mit ihren Arbeiten und insbesondere mit dem Ministério da Educação e Saúde (Ministerium für Gesundheit und Erziehung, 1936–1945, heute Palácio Capanema) ein neues Kapitel in der Architektur Brasiliens aufschlugen. In diesem Ambiente profilierte sich Cardozo als Spezialist für statische Berechnungen, brillierte aber ebenso als Schriftsteller und Dichter. Ab 1940 gehörte er der Denkmalbehörde SPHAN (Serviço do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional, heute IPHAN) an.

1940 beauftragte der Bürgermeister von Belo Horizonte (Minas Gerais) und spätere Staatspräsident Brasiliens, Juscelino Kubitschek, Niemeyer mit der Ausgestaltung des Freizeitortes Pampulha am Rand der Stadt. Das Projekt umfasste die Anlage eines künstlichen Sees samt Freizeiteinrichtungen wie Jachtclub, Tanzpavillon und Casino sowie der Kirche des Hl. Franz von Assisi. Die in nur wenigen Jahren ausgeführten Bauten lassen eine bis dahin ungekannte plastische Ausgestaltung und eine spielerische Leichtigkeit erkennen, die sich effektvoll von der Rigorosität des Internationalen Stils absetzte. Die Berechnungen der in Stahlbeton ausgeführten Bauten oblag Cardozo. Zum Inbegriff dieser „brasilianischen Moderne“ wurde die Franziskuskirche, deren parabelförmigen Stahlbetongewölbe wellenartig Dach und Seitenwände bilden. Die kühne Konstruktion fungiert als versteifte Hülle, die sich durch ihre eigene Statik trägt. Jeder Kubikmeter Beton wurde so berechnet, dass maximale Steifigkeit bei minimaler Masse erreicht wurde. Mit dieser Technik reihte sich Cardozo in die Reihe der Pioniere des Schalenbaus ein, zu denen auch der Spanier Eduardo Torroja und der Mexikaner Félix Candela gehörten.


Mit der Wahl Kubitscheks zum Staatspräsidenten wurde der Ausbau Brasílias als neuer Hauptstadt entschieden vorangetrieben: 1957 entwickelte Costa den Generalplan (Plano Piloto), dessen Grundriss entfernt an ausgebreitete Vogelschwingen erinnert. Die repräsentativen Regierungs- und Verwaltungsbauten wurden maßgeblich von Niemeyer in kongenialer Zusammenarbeit mit Cardozo geplant, wobei ersterer als Entwerfer und letzterer als „Rechner“ agierte. Davon zeugt zuallererst die symbolträchtige Praça dos Três Poderes, der Platz der Drei Gewalten, mit seinen skulpturalen Gebäuden: Der auf einem flachen Sockel ruhende Komplex des Nationalkongresses (Legislative) vereint augenfällig die Kuppel des Senats mit der Schale des Abgeordnetenhauses. Die Exekutive im Palácio de Planalto und die Judikative im Supremo Tribunal Federal präsentieren sich als filigrane Stahl-Glaskörper unter ausladenden Flachdächern, die von segelförmigen Betonstützen getragen werden. Ähnlich, doch zierlicher, erscheint der Palácio da Alvorada, der Wohnsitz des Präsidenten am künstlichen See Lago do Paranoá. Die mit Betonträgern rhythmisierten, an klassische Tempelfronten erinnernden Fassaden des Justiz-Palastes und des Außenministeriums (Palácio Itamarati), spiegeln sich effektvoll im Blau der Wassergärten von Burle Marx. Schließlich erhebt sich an der Nahtstelle zwischen Regierungs- und Wohnvierteln der zeltartige Rundbau der Kathedrale: Ihr Tragwerk von 16 parabelförmigen Betonstützen vereint sich zu einer expressiven, den Innenraum überspannenden Krone. Wie auch die anderen Bauten scheint die Konstruktion über dem Grund zu schweben und die irdische Schwere zu negieren. Niemeyers schöpferische Kraft und Cardozos technisches Knowhow sind in diesen Werken eine ideale Verbindung eingegangen. 1987 wurde Brasília zum Weltkulturerbe erhoben, ohne dass Cardozos Rolle gewürdigt wurde.
Die unmittelbare Zusammenarbeit der beiden endete mit dem Militärputsch des Jahres 1964 und der Emigration Niemeyers 1967 nach Paris. Überschattet wurde die jahrzehntelange freundschaftliche Verbindung durch ein tragisches Ereignis: 1971 stürzte der von beiden geplante Ausstellungspavillon Pavilhão da Gameleira in Belo Horizonte während des Baus ein und begrub 65 Arbeiter unter den Betonmassen. Cardozo als in Brasilien Verbliebener wurde für das Unglück zur Rechenschaft gezogen und inhaftiert. Aufgrund einer Petition von Lúcio Costa wurde er nach zwei Jahren entlassen und von allen Anklagepunkten freigesprochen. Niemeyer und Cardozo trafen sich kurz vor Cardozos Tod in Rio wieder.
Cardozo veröffentlichte eine Vielzahl von theoretischen Schriften, die Themen der historischen wie der zeitgenössischen Baukunst widerspiegeln. Immer wieder erscheint das Motiv der Mathematik und Geometrie als Grundlage architektonischer Neuerung. Gleichzeitig reflektiert er die Positionen der CIAM, von Le Corbusier und André Lurçat und plädiert für eine Verbindung europäischer Theorie mit vernakulärer Baukultur. In den eher technologisch orientierten Beiträgen erweist er sich als profunder Kenner der Entwicklung des Stahlbeton- und Betonschalenbaus, von Eugène Freyssinet über Robert Maillart und Dywidag bis hin zu Félix Candela und Eduardo Torroja. Unter Eindruck von Niemeyer traten die rationalistischen und funktionalistischen Argumente zurück, so dass er schließlich bekannte: „As estruturas planejadas pelos arquitetos modernos são verdadeiras poesias. Trabalhar para que se realizem esses projetos é concretizar uma poesia.“ „Die von modernen Architekten entworfenen Strukturen sind echte Poesie. Sie zu realisieren heißt Poesie zu verwirklichen.“ (Übersetzung des Autors).
Cardozos literarisches und dramaturgisches Werk ist tief in seiner nordostbrasilianischen Heimat verwurzelt. Frühe Gedichte publizierte er in der Revista do Norte zusammen mit Ascenso Ferreira. Sein erstes Buch, die Gedichtsammlung Poemas, erschien allerdings erst 1947. In den 1960er und 1970er Jahren widmete er sich dem Schauspiel und schuf eine Trilogie, die auf der indigenen Legende des Bumba meu boi (etwa: Steh auf, mein Ochse!) basiert. Das vor allem im Norden des Landes beliebte volksfestartige Spektakel geht mit ekstatischen Tänzen und Trommeln einher. In seinen letzten Werken überwogen sozialkritische Aspekte, die sich gleichfalls mit dem Leben in Amazonien und Pernambuco auseinandersetzen. Cardozo beherrschte angeblich 15 Fremdsprachen und lieferte zahlreiche Übersetzungen. Niemeyer nannte ihn überschwänglich „o brasileiro mais culto que existia“, „der gelehrteste Brasilianer, der je existierte“.
Cardozo galt als scheu und unprätentiös. Er war nicht verheiratet und starb ohne Nachkommen und ohne Nachlass. Während er als Literat zeit seines Lebens vielfältig wahrgenommen wurde, setzte die Aufarbeitung seines architektonischen Schaffens erst 2007 in Zusammenhang mit der 50-Jahr-Feier des Plano Piloto ein. Seine Heimatstadt Recife widmete ihm ein Denkmal im Rahmen des Circuito da Poesia (2005/2006).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Cardozo, Joaquim |
| ALTERNATIVNAMEN | Cardozo, Joaquim Maria Moreira (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | brasilianischer Ingenieur, Architekturtheoretiker, Dichter und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 26. August 1897 |
| GEBURTSORT | Recife |
| STERBEDATUM | 4. November 1978 |
| STERBEORT | Olinda |