Jochen Fahrenberg (* 18. September 1937 in Berlin; † 21. September 2026) war ein deutscher Persönlichkeitspsychologe und Psychophysiologe.
Jochen Fahrenberg studierte Psychologie, Philosophie und Soziologie in Freiburg, London und Hamburg und wurde 1962 in Freiburg im Breisgau mit einer experimentellen Arbeit über Schreibmotorik (Graphometrie) promoviert. An die Forschungsassistenz bei dem Kardiologen Ludwig Delius in der Herz-Kreislauf-Klinik Bad Oeynhausen schloss sich 1966 in Freiburg die Habilitation zum Thema Psychophysiologische Persönlichkeitsforschung an. Gemeinsam mit Michael Myrtek gründete er 1970 aus Mitteln der VolkswagenStiftung die Freiburger „Forschungsgruppe Psychophysiologie“. Im Jahr 1973 wurde Fahrenberg auf den Lehrstuhl für Psychologie seines akademischen Lehrers, des Philosophen und Psychologen Robert Heiß, Gründer des Freiburger Instituts, berufen. In den folgenden Jahrzehnten engagierte er sich für den beträchtlichen Ausbau des Instituts und die Studienreform. Mit Fahrenbergs Emeritierung im Jahre 2002 endete seine Doppelfunktion als Leiter der Abteilung für Persönlichkeitspsychologie und als einer der beiden Projektleiter der Forschungsgruppe Psychophysiologie am Institut für Psychologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Er war verheiratet mit der pädagogischen Psychologin Brigitte Fahrenberg, geb. Beckhaus (1933–2011), Lehrbeauftragte an der PH Freiburg i.Br., die sich außerdem in der Weiterbildungsarbeit mit Frauen nach der Familienphase engagierte, Modelle für unterschiedliche Zielgruppen entwickelte und evaluierte (Biografische Weiterbildung).
In ihrem 35-jährigen Bestehen hatte die Forschungsgruppe Psychophysiologie Schwerpunkte in der multivariaten Aktivierungs- und Stressforschung („Partituren psychophysischer Prozesse“), psychophysiologischen Persönlichkeitsforschung, Forschung zu Herz-Kreislauf-Rehabilitation, Krankheitsverhalten und Lebenszufriedenheit. Das Labor der Forschungsgruppe war durch die VolkswagenStiftung mit acht Stellen, mit computer-unterstützen Messplätzen und klinisch-chemischem Labor großzügig ausgestattet worden. Über die neue Labormethodik und das ambulante Assessment hinaus wurden mehrere Testverfahren und Persönlichkeitsfragebogen konstruiert, darunter der im deutschen Sprachraum am häufigsten eingesetzte Persönlichkeitsfragebogen, das Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI, sowie der Fragebogen zur Lebenszufriedenheit und die Freiburger Beschwerdenliste.
Insbesondere die kardiovaskuläre Psychophysiologie bildete den Schwerpunkt von umfangreichen Labor- und Felduntersuchungen mit Methodenentwicklungen und kritischen Theorieüberprüfungen – von der biologischen Persönlichkeitsforschung bis zur Psychosomatik. So wurde Hans Jürgen Eysencks damals breit akzeptierte biopsychologische Persönlichkeitstheorie der Emotionalität (auch als Emotionale Labilität oder Neurotizismus bezeichnet) in experimentellen und klinischen Studien systematisch geprüft. Die Untersuchungsergebnisse widerlegten die Behauptung eines systematischen Zusammenhangs von typischen Persönlichkeitsmerkmalen (Fragebogen-Skalen) und vegetativer Labilität (Hyperreaktivität des autonomen Nervensystems). Ein zweiter Forschungsschwerpunkt war das ambulante Assessment (Monitoring): psychophysiologische Untersuchungen unter Alltagsbedingungen, auch in Beruf und Freizeit, mit Verhaltensrekordern und physiologischen Mess-Systemen. Mit diesen Arbeitsgebieten gehörte die Freiburger Psychophysiologie zur Spitzengruppe der internationalen Forschung; die Publikationsliste umfasst mehr als 400 Arbeiten. Die wichtigsten Datensätze sind open access archiviert. Jochen Fahrenberg rief im Jahre 1972 die „Arbeitstagung für psychophysiologische Methodik (APM)“ ins Leben, aus der 1982 die „Deutsche Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung (DGPA)“ hervorging. Die Freiburger Tagungen zum Ambulanten Assessment führten 2009 zur Gründung der internationalen „Society for Ambulatory Assessment“.
Die späteren Arbeiten galten anderen Gebieten: der Psychologischen Anthropologie (mit Umfragen über die Menschenbilder von Studierenden), der Wissenschaftstheorie und Kategorienlehre der Psychologie sowie der Theoretischen Psychologie. Außerdem entstanden mehrere Publikationen über den Gründer der modernen Psychologie Wilhelm Wundt. Diese Serie wurde zum 100. Todesjahr Wundts mit einer Centenarbetrachtung von Wundts Werk, dessen Rezeption und Aktualität abgeschlossen.
Aus dem Nachlass des Auschwitz-Überlebenden John Michael Steiner wurden die von ihm erhobenen, noch nicht publizierten Lebensläufe von vier zu lebenslänglicher Haft verurteilten Tätern in KZ-Kommandos und von sechs Offizieren der Waffen-SS, darunter Adjutanten von Himmler und Hitler, wiedergegeben und psychologisch interpretiert. Steiner war nach dem Krieg als amerikanischer Professor der Soziologie nach Deutschland zurückgekehrt, um sich in dieser relativ seltenen Täterforschung zu engagieren (im Unterschied zum großen Bereich der Opferforschung innerhalb der Holocaustforschung). Aufgrund der psychologischen und soziologischen NS-Täterforschung ergeben sich kritische Fragen zur „Erziehung nach Auschwitz“ und zum heutigen Schulunterricht im Bereich der Ethik.
Eine Auswahl der Schriften:
Forschungsdaten (open access):
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Fahrenberg, Jochen |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Psychologe |
| GEBURTSDATUM | 18. September 1937 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 21. September 2026 |