Joseph Boris Schechtman (* 6. September 1891 in Odessa; † 1. März 1970 in New York City) war ein russischer Journalist und Sozialwissenschaftler. Er arbeitete zunächst im Auftrag zionistischer Organisationen und verfasste, nachdem er 1941 in die USA gelangt war, Studien zu den Bevölkerungsverschiebungen im Europa während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die als Pionierarbeiten und Standardwerke anerkannt werden.
Schechtman studierte zwischen 1911 und 1915 Recht an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und der Neurussischen Universität in Odessa. Zugleich arbeitete er als Berlin-Korrespondent der Wochenzeitung Rassviet. Bereits seit 1915 unterstützte er Wladimir Zeev Jabotinsky und dessen revisionistischen Zionismus. 1917 wurde er in das Parlament der Volksrepublik Ukraine, die Zentralna Rada, gewählt und wurde dort Mitglied des jüdischen nationalen Sekretariats. Er gehörte auch dem Allukrainischen Zionistischen Zentralkomitee an, ohne dass viel über seine Tätigkeiten während der ukrainischen Revolution bekannt wäre. Im Parlament engagierte er sich nicht zuletzt gegen antijüdische Pogrome und schlug vor, jüdische Einheiten zur Selbstverteidigung aufzustellen.
Von 1919 bis 1920 arbeitete Schechtman für die Prodput, eine Kooperative der Eisenbahnarbeiter. Er sah sich indes vor allem als Journalist und entschloss sich während der Herrschaft der Bolschewiki, das Land zu verlassen. Über Bessarabien ging er zunächst nach Deutschland.
1927 verfasste Schechtman gemeinsam mit Leo Motzkin eine Studie über antijüdische Pogrome in der Ukraine und veröffentlichte 1932 einen Band für eine geplante mehrbändige Geschichte der ukrainischen Pogrome. Im selben Jahr zog Schechtman nach Warschau, wo er bei der jiddischen Zeitung Der Moment arbeitete und zwischen 1936 und 1939 als Botschafter Jabotinskys agierte. Dabei verhandelte er mit der polnischen Regierung über die „Evakuierung“ von 1,5 Millionen Juden aus Polen und über eine internationale Konferenz zur Lösung der Frage jüdischer Ansiedlung außerhalb Europas. Ziel war es, über Polen Druck auf die britische Regierung auszuüben, damit diese eine großangelegte Ansiedlung von Juden in Palästina gestatte. Schechtman musste sich dabei gegenüber Vorwürfen verteidigen, man wolle das jüdische Leben in Europa zerstören. Im Juni 1939 ging er nach Frankreich und von dort 1941 in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1970 bleiben sollte.
In den USA begründete Schechtman das Research Bureau on Population Movements und begann mit der Arbeit an einer Studie über Bevölkerungsbewegungen in Europa. Mit der Unterstützung des Office of Strategic Services (OSS), des American Jewish Congress und des International Labor Office schloss er 1942 die Arbeit an einem ersten Band über von den Nationalsozialisten 1939 bis 1941 organisierten Umsiedlungen („Heim ins Reich“) ab. Er arbeitete 1944/45 als Analyst für den OSS. Schechtmans schließlich 1946 veröffentlichtes Hauptwerk European Population Transfers 1939–1945 gilt immer noch als eine der gründlichsten Arbeiten zum Thema Zwangsmigration. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs reiste Schechtman nach Polen, um die Vertreibung der Deutschen vor Ort zu untersuchen.
Schechtman befürwortete Bevölkerungsverschiebungen und Zwangsmigrationen in Europa als eine mögliche Lösung von Minderheitenproblemen. In einer Broschüre über Population Transfers in Asia schlug er einen Bevölkerungsaustausch zwischen palästinensischen Arabern und irakischen Juden vor. Die israelische Regierung beauftragte Schechtman mit Studien zur Situation der Juden in den arabischen und muslimischen Ländern. In den folgenden Jahren widmete sich Schechtman aber vor allem seiner zweibändigen Biographie Jabotinskys.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schechtman, Joseph |
| ALTERNATIVNAMEN | Schechtman, Joseph Boris (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | russischer Journalist und Sozialwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 6. September 1891 |
| GEBURTSORT | Odessa |
| STERBEDATUM | 1. März 1970 |
| STERBEORT | New York City |