| Judith mit ihrer Magd |
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| Domenico Ghirlandaio (zugeschrieben), um 1489 |
| Pappelholz |
| 44,5 × 31,3 cm |
| Inv. Nr. 21, Gemäldegalerie Berlin |
Das Tafelbild mit der Darstellung der alttestamentarischen Heldin Judith und ihrer Dienerin ist Ende der 1480er Jahre entstanden und wird dem Florentiner Maler Domenico Bigordi genannt Ghirlandaio zugeschrieben. Es befindet sich heute in der Gemäldegalerie in Berlin.
Das kleine hochrechteckige, mit einem zeitgenössischen, aber nicht zugehörigen Rahmen versehene Gemälde zeigt Judith und ihre Magd nach der Ermordung des Holofernes. Dessen von Judith abgetrennten Kopf trägt die Dienerin in einem flachen Korb auf dem Kopf. In ihrer linken Hand hält sie einen Krug. Die mit dem großen Schwert des assyrischen Heerführers bewaffnete Judith steht in der Pose einer Siegerin zum Betrachter gewandt, dreht ihr Gesicht aber der Dienerin entgegen, die mit einem großen Schritt von links ins Bild zu eilen scheint; ihr Gewand schwingt weit nach hinten aus.
Die beiden Frauen befinden sich in einen prächtigen, aufwändig mit antikisierenden Pilastern und Reliefs geschmückten Innenraum, dessen Fenster sich zu einer weiten Landschaft hin öffnet. Neben den steilen Felsen und der Toranlage auf der linken Seite sind in der Ferne Küstenstädte und ein Schiff zu erkennen. Der Raum muss zu einem Palast der von Holofernes’ Truppen belagerten Bergsiedlung Betulia gehören, aus der die beiden Frauen aufgebrochen sind. Beide Frauen tragen stoffreiche, antikisierende Gewänder mit aufwändigen Verzierungen.
Wie in der mittelitalienischen Malerei üblich, besteht der Bildträger aus Pappelholz. Die dünne Malschicht liegt über einer Grundierung aus Gips und Leim („gesso“) und besteht aus Pigmenten und Eigelb (Tempera), zum Teil mit Ölzusatz (sog. Tempera grassa). Die Konstruktionslinien der sorgfältig mit einem Lineal vorbereiteten Architektur und des inkrustierten Marmorbodens sind gut zu erkennen. Weiße Lichtpunkte und Goldhöhungen sind – wie beispielsweise im Haar der beiden Frauen und an den Reliefs zu sehen – mit einem feinen Pinsel aufgesetzt. Bei dem Gold handelt es sich um Muschelgold.
Das Bild ist trotz kleiner Schäden und des altersbedingten Craquelés insgesamt in einem guten Zustand. Pigmentveränderungen wie bei dem vermutlich mit Bleiweiß gemalten Schwert lassen heute manche Partien durchsichtig erscheinen. Im Zentrum der Darstellung, etwa auf der Höhe des Korbes auf dem Kopf der Dienerin, sind feine senkrechte Rissspuren zu erkennen. Die weitgehend vom Rahmen verdeckte untere Malkante ist – vor allem an der linken Ecke – schadhaft.
Vermutlich handelt es sich bei dem Gemälde der Judith mit ihrer Magd um eine Auftragsarbeit des Florentiner Patriziers Francesco Sassetti (1421–1490). Dies ließe sich nach Auffassung des früheren Kurators der Alten Pinakothek in München, Andreas Schumacher, sowohl an der „feinmalerischen Präzision“ als auch an den antikisierenden Elementen der Darstellung erkennen.
Die Tafel im linken Relief ist mit einer Jahreszahl in römischen Ziffern versehen. Da die letzten Ziffern nicht mehr genau zu identifizieren sind, schwankt die Datierung des Gemäldes zwischen 1487 und 1489.
Das Gemälde gehörte zur Sammlung Giustiniani und wurde durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. während seines Aufenthaltes in Paris 1815 für das geplante Berliner Museum erworben. Es befindet sich heute im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und ist in der Gemäldegalerie ausgestellt.
Das Gemälde wird von der kunstwissenschaftlichen Forschung inzwischen einhellig als Arbeit Domenico Ghirlandaio anerkannt. Im frühen 19. Jahrhundert galt es jedoch als Werk des Malers Andrea Mantegna (1431–1506), wie unter anderem dem Katalog der Galeria Giustiniani von Charles Paul Landon (1760–1826) zu entnehmen ist. Landon gibt in seinem Katalog irrtümlich an, dass Judith selbst das Haupt des Holofernes trage.
Die Legende der Judith aus Betulia, die ihre belagerte (und heute nicht mehr zu lokalisierende) Heimatstadt durch die Tötung des feindlichen Anführers rettet, ist Teil des Alten Testaments (Buch Judith, Kapitel 13, Verse 6 – 8). Holofernes’ Enthauptung bzw. die siegreiche Judith mit dem abgeschlagenen Kopf gehören in der christlichen Kunst der Frühen Neuzeit zu den am häufigsten dargestellten alttestamentarischen Motiven. Auf dem Gemälde wird der Kopf anders als in der Bibel geschildert nicht in einem Sack, sondern offen in einem Korb transportiert.
Die Figur der Judith ist neben David, der den Riesen Goliath erschlug, für die Republik Florenz Ende des 15. Jahrhunderts ein wichtiges Thema. Beide gelten als Vorbilder bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins, die trotz ihrer Unterlegenheit – die eine als Frau, der andere als Hirtenjunge – aufgrund ihrer überlegenen Moral die von fremden Heeren bedrohte Heimat retten können. Als solche wurden sie von der einflussreichen Familie Medici und ihrer Parteigänger benutzt, um ihren Mitbürgern sowohl Bescheidenheit als auch die entschlossene Verteidigung der kommunalen Freiheit zu kommunizieren. Unter Cosimo de’ Medici il Vecchio wurde eine Bronzeplastik der Judith und des Holofernes sowie eine wahrscheinlich bereits etwas früher entstandene David-Figur, beide von Donatello geschaffen, im Hof bzw. im Garten des Palazzo Medici aufgestellt. Nach der Vertreibung der Medici-Familie und ihrer wichtigsten Anhänger Ende des 15. Jahrhunderts wurden beide Statuen im bzw. vor dem Palazzo della Signoria (heute Palazzo Vecchio), dem Rathaus der Stadt Florenz, aufgestellt. Ihre Bedeutung blieb im Kern dieselbe: Die Befreiung der Stadt von einer drohenden Tyrannenherrschaft.
Zum Tafelbild hat sich eine auf blauem Papier mit Tusche und Weißhöhungen ausgeführte Vorstudie erhalten, die sich im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt befindet. In Übereinstimmung mit dem Gemälde zeigt sie den Oberkörper der Judith, ihre Arme und das Schwert. Nach der Kunsthistorikerin Jean K. Cadogan habe der Künstler hier bereits „das Licht am Torso und die Positionierung und Modellierung der Hände genau ausgearbeitet“.
Die Reliefs im Gemälde hatten anscheinend reale Vorbilder. So erkannte Hermann Egger, dass es Ähnlichkeiten zwischen dem Relief hinter der Dienerin und einer Zeichnung im Codex Escurialensis, einem der Werkstatt Ghirlandaios zugeschriebenen Skizzenbuch, gibt. Sie zeigt ein Sarkophagrelief, das sich lange in der Kirche San Francesco a Ripa in Rom befand und heute im Louvre in Paris aufbewahrt wird. Wie auf dem Gemälde ist auch auf der Zeichnung im Codex Escurialensis in der Mitte ein Kentaur (konkret ein See-Kentaur mit Flossen statt Hufen) mit einer Frau auf dem Rücken dargestellt, im Vordergrund spielt ein – in der Zeichnung geflügeltes – Kind. Anders als auf der Darmstädter Zeichnung hält der See-Kentaur auf dem Gemälde einen Stab mit einer Tafel (Tabula ansata), auf der der Maler die heute nicht mehr eindeutig lesbare Datierung eingetragen hat. Das Relief hinter der Judith zeigt eine Schlachtszene mit kämpfenden Männern. Es weist Ähnlichkeiten mit einem Relief an der Ostfassade des Konstantinbogens in Rom auf. Auf ihm ist eine Szene aus den Dakerkriegen des römischen Kaisers Trajan im 1. Jahrhundert n. Chr. dargestellt.
Die Dienerin ähnelt einer der Figuren in Ghirlandaios Fresken in der Tornabuoni-Kapelle in Florenz. Sie scheint fast eine spiegelverkehrte Kopie der von rechts hereinschreitenden Frau im Bildfeld mit der Geburt von Johannes dem Täufer zu sein. Beide Frauen halten mit einer Hand den Korb auf dem Kopf und in der anderen jeweils einen Krug. Unter Bezugnahme auf eine These des Kunst- und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, der diesen Figurentyp als „ninfa“ bzw. „Nympha Fluida“ bezeichnet und auf antike Reliefdarstellungen zurückführt, beschreibt auch der Kunsthistoriker Michael Rohlmann die schreitende Frau als Idealfigur. Wie bereits von Warburg festgestellt, ist dieser Figurentyp auch bei anderen Künstlern dieser Jahre zu finden, unter anderem bei Filippo Lippi (1406–1469) und Sandro Botticelli (1445–1510). Einige Jahrzehnte älter ist eine Statue Donatellos, die ebenfalls dieser Motivgruppe zuzurechnen ist: die Dovizia, eine zwischen 1428 und 1430 geschaffene Macigno-Skulptur, die auf einer Säule auf dem Mercato Vecchio (der heutigen Piazza della Repubblica), stand und heute verloren ist. Bei der Dovizia (eigentlich Abbundanzia) handelt es sich um die Personifikation des Überflusses und des Reichtums; sie symbolisierte den Wohlstand der Stadt Florenz. Dargestellt ist sie mit einem Korb auf dem Kopf und einem Füllhorn im Arm. Das Aussehen von Donatellos Dovizia belegen mehrere bildliche Darstellungen und Varianten aus glasierter Terrakotta, die von der Della-Robbia-Werkstatt angefertigt wurden.