Als Kampflied bezeichnet man Lieder herausfordernd selbstbewussten oder hymnenartigen Charakters, die in konflikthaften Situationen von organisierten Kollektiven und Massen zur Einschüchterung des Gegners und zur Stärkung der eigenen Identität Verwendung finden.
Funktion
Kampflieder wurden und werden in Auseinandersetzungen verschiedener Nationen bzw. Staaten, Klassen, ethnischen Gruppierungen, politischen Parteien, Bürgerrechtsbewegungen, Religionen bei Massenveranstaltungen meist unisono im Chor gesungen. Sie wurden oft in historischen Zusammenhängen eigens komponiert, vielfach aber, wie dies bei Volksliedern auch sonst beobachtbar ist, unter Verwendung gängiger Hymnen und Lieder für bestimmte Ereignisse umgestaltet. Dabei dienen sie nicht nur der Demonstration der eigenen Stärke gegenüber dem Gegner, sondern vor allem der Identifikation mit der eigenen Gruppierung und der Bekräftigung der eigenen Zuversicht. Dem Komponisten Hanns Eisler ging es etwa bei vielen seiner Kampflieder darum, „Methoden zu finden auch den Sänger selbst nicht nur als Interpreten zu betrachten, sondern ihn zu revolutionieren“ und „daß es falsch wäre, ein Kampflied nur anzuhören.“
Dass ein einmal bekanntes Kampflied in ganz verschiedenen geschichtlichen Zusammenhängen, sogar von gegensätzlichen politischen Richtungen gleichermaßen verwendet werden kann, zeigt sich am Beispiel des Andreas-Hofer-Liedes. Das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Lied über das tragische Ende des Anführers der Tiroler Freiheitskämpfe, Andreas Hofer im Jahre 1810 in Mantua wurde vielfach umgetextet. Zuerst wurde die Melodie für zwei Lieder über die Hinrichtung des Mitglieds der Deutschen NationalversammlungRobert Blum im Anschluss an den Wiener Oktoberaufstand 1848 verwendet, später für Soldatenlieder im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und im Deutsch-Französischen Krieg von 1870. Eine weitere bekannte Textfassung ist das als Lied der Jugend 1910 in der Zeitschrift Arbeiter-Jugend veröffentlichte und später als Kampflied der Arbeiterjugend verwendete Dem Morgenrot entgegen. Von den Nationalsozialisten beansprucht wurde das historische Lied mit einem Text über die Hinrichtung Albert Leo Schlageter 1923.
Geschichte
Keltischer und germanischer Schlachtengesang ist schon aus der Antike überliefert. Der Barritus ist ein seit dem 1. Jahrhundert schriftlich belegter Schlachtgesang germanischer Stämme. Dazu zählt auch weitgehend das Soldatenlied als traditioneller Bestandteil der Militärmusik.
In der Alten Eidgenossenschaft kursierten diverse Lieder über militärische Erfolge in Schlachten und Kriegen. Sie wurden von Gelehrten gesammelt und in Form von Flugschriften verbreitet.
In den politischen Auseinandersetzungen der 1920er- und 1930er-Jahre wurden zum Teil dieselben Melodien (mit unterschiedlichem Text) als politische Kampflieder der Rechten und Linken eingesetzt, beispielsweise das Lied Auf, auf zum Kampf!. Das vornehmlich in der KP gepflegte Lied der Jugend („Dem Morgenrot entgegen, ihr Kampfgenossen all …“) verwendete die Melodie des Andreas-Hofer-Liedes. Die sentimentale Ballade vom Tod des Kleinen Trompeters existiert ebenfalls in einer „Rotgardisten“- und einer „Hakenkreuzler“-Variante. Aus Brüder, zur Sonne, zur Freiheit wurde schon ab 1927 bei den Nationalsozialisten „Brüder in Zechen und Gruben“ und in der SA Brüder formiert die Kolonnen.
Heute werden politische Kampflieder in Europa selten gesungen, im massenhaften (Männer-)Gesang dominieren die „Fußball-Schlachtgesänge“, häufig Varianten bekannter Popsongs. Britische Fans singen aber bei Länderspielen auch den patriotischen Refrain von Rule, Britannia!.
We Shall Overcome, ursprünglich von der amerikanischen Gewerkschafts- und der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ausgehend, fand das Lied in den 1960er- und 1970er-Jahren Eingang in die westeuropäische Jugend- und Friedensbewegung
Venceremos, ein politisches Kampflied aus Chile zur Zeit der Unidad Popular hat heute in der spanischsprachigen Welt eine ähnliche Bedeutung wie We Shall Overcome.
Einige dieser Lieder wurden in der Melodie später von den Nationalsozialisten aufgegriffen und auch an den Text teilweise angelehnt, um einen Wiedererkennungseffekt zu erzeugen.
Kampflied der Nationalsozialisten (Die braunen Soldaten)
Deutschland erwache
Hitlerleute, angelehnt an die Hymne der faschistischen Bewegung Italiens Giovinezza
Deutschland du Land der Treue
Das Hakenkreuzlied
Die Hitlerleute (Kameraden, lasst erschallen)
Durch Groß-Berlin marschieren wir/ Durch deutsches Land marschieren wir
70 Millionen, ein Schlag
In München sind viele gefallen, angelehnt an das Arbeiterlied Bei Leuna sind viele gefallen, Lied in Gedenken an die ums Leben gekommenen Nationalsozialisten des Münchner Hitlerputsches
Hitlernationale, Verballhornung der sehr bekannten Hymne der Arbeiterbewegung Die Internationale
Rußlandlied (Von Finnland bis zum Schwarzen Meer ...)
SS marschiert in Feindesland
Sieg Heil, Viktoria
Flieg deutsche Fahne, Flieg
Lied der Leibstandarte SS Adolf Hitler
Lied der Panzergrenadiere
diverse weitere Lieder, die erst durch umfangreiche Veränderung des Textes missbraucht und zu nationalsozialistischen Propagandaliedern gemacht wurden, zum Beispiel Als die goldne Abendsonne, Mein Regiment, mein Heimatland
Soldatenlieder zur Zeit des Nationalsozialismus, die keine Anspielungen auf das NS-Regime aufweisen
Lasst die Banner wehen, Kampflied (ursprünglich) des bewusst katholischen Teils der Jugendbewegung
Liste bekannter Kampfliederbücher
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei, Gau Koblenz-Trier (Hrsg.): Sturm- und Kampf-Lieder für Front und Heimat, Verlag: Propaganda-Verlag Paul Hochmuth, ab 1940/1941, 126 Seiten
Hilmi Abbas: Altkurdische Kampf- und Liebeslieder. Bechtle, München/Esslingen 1964.
Walter Blankenburg: Das christliche Kampflied. In: Wilhelm Stählin (Hrsg.): Vom heiligen Kampf. Beiträge zum Verständnis der Bibel und der christlichen Kirche. Stauda, Kassel 1938.
Günter Hartung: Deutschfaschistische Literatur und Ästhetik: gesammelte Studien. Leipzig 2001.
Diemar Klenke: Der singende deutsche Mann – Gesangvereine und deutsches Nationalbewusstsein von Napoleon bis Hitler. Waxmann, Münster etc. 1998, ISBN 3-89325-663-6 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche).
Aufnahmen/Tonträger
Wann wir schreiten Seit an Seit. Hymnen und Kampflieder der Arbeiterbewegung. Audio-CD, Phonica (Das Ohr), 2004
↑Zitiert nach: Hanns Eisler: Musik und Politik. Notizen. Textkritische Ausgabe, herausgegeben von Günter Mayer. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1973, S. 114 und Monica Steegmann: Musik und Industrie.ISBN 3-7649-2156-0, S. 104.
↑Vgl. „Diese Taktik, der Mischkampf, der Schlachtengesang, die Wagenburg, die Gefolgschaft ist den Kelten mit den Germanen gemeinsam.“ Julius Cramer: Die Verfassungsgeschichte der Germanen und Kelten. 1906; archive.org, siehe speziell Kapitel IV S. 31–36.
↑Publius Cornelius Tacitus:Tacitus und die wichtigsten antiken Schriftstellen über Deutschland. Hrsg.: Herbet Ronge. 5. Auflage. Ernst Heimeran Verlag, München 1944, S.17.
↑Rainer Hugener: Gesungene Geschichte(n). Eidgenössische Schlachtlieder in Chroniken und Flugschriften (Teil 1 und 2). In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte. 72, 2022, S. 257–273, DOI:10.24894/2296-6013.00107, S. 425–445, DOI:10.24894/2296-6013.00113.
↑Brief an Schlüter, 1885. In: Karl Marx und Friedrich Engels über Kunst und Literatur. Berlin 1948, S. 241f. Zitiert nach: Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 1. Akademie-Verlag, Berlin-DDR 1955, S. XXXV.
↑komponiert als Chant de guerre pour l’armée du Rhin, also als Kriegslied für die Rheinarmee
↑„Es soll nicht verschwiegen werden, daß in dieser Zeit häufig vaterländisches und patriotisches Liedgut ein Schwerpunkt des Singens darstellte“, heißt es in einer im Web abrufbaren Geschichte des Chorgesanges (Memento vom 9. November 2011 im Internet Archive)
↑Zur Umdichtung von Arbeiterliedern durch die NS-Propaganda vgl. Günter Hartung: Deutschfaschistische Literatur und Ästhetik: gesammelte Studien, Leipzig 2001, S. 176 (onlinein der Google-Buchsuche).
↑Das Lied der Konföderierten, Maryland, My Maryland, Schlachtlied der Südstaaten-Konföderation, enthielt den für Kampflieder typischen Appell, „die Ketten der Tyrannen zu sprengen“. Es wurde gesungen zur Melodie von O Tannenbaum
↑mit Zeilen wie Um sie [näml. die allerseligste Jungfrau] drängt sich zum Streite die Kriegsschar voll Vertraun. In der NS-Zeit entwickelte sich die sechste Strophe mit den Zeilen Die Reihn stehn fest geschlossen in hohem Glaubensmut zur kämpferischen Antwort auf die Nationalsozialisten bzw. insbesondere deren Horst-Wessel-Lied.