
Karl Maria Alois Rawer (* 19. April 1913 in Neunkirchen (Saar); † 17. April 2018 in March) war ein deutscher Physiker und Forscher im Bereich Hochatmosphäre und Ionosphäre. Er entwickelte 1940 ein Verfahren für die Vorhersage der Ausbreitung von Kurzwellen, mit dessen Hilfe die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihre Nachrichtenverbindungen auf Kurzwelle zureichend einrichten konnte.
Karl Rawer, Sohn von Luise Rawer, geborene Menzinger, und des Zahnarztes Peter Rawer, war katholisch, seit 1925 Mitglied im katholischen Bund Neudeutschland, übte in den Jahren 1931 bis 1937 Funktionen in dessen „Älterenbund“ aus und war von 1937 bis 1939 Koordinator der noch bestehenden Studenten-Gruppen des Bundes. Nach Studium der Mathematik in Freiburg im Breisgau an der Universität Freiburg bei Gustav Doetsch, dann der Physik in München der Technischen Hochschule München bei Arnold Sommerfeld und Doktorvater Jonathan Zenneck, das er 1937 mit der Diplomhauptprüfung abschloss, behandelte er in seiner Dissertation die partielle Reflexion an einer ionisierten Schicht mithilfe der komplexen Gammafunktion und wurde damit 1939 zum Dr. rer. nat. promoviert.
Johannes Plendl, Erfinder wichtiger Navigationsverfahren der Luftwaffe, beauftragte ihn 1940, einen Beratungsdienst für deren Funkverbindungen auf Kurzwelle einzurichten. Das von ihm entwickelte analytische Verfahren berücksichtigt detailliert die Eigenheiten der Ausbreitung auf mehreren Zick-Zack-Wegen zwischen Erde und Ionosphäre und bestimmt, abhängig von der Tageszeit, für jeden dieser Wege den brauchbaren Frequenzbereich sowie (statistisch) dessen Variation von Tag zu Tag. Die (wichtige) Veränderung der Sonnenaktivität wird aufgrund eines veröffentlichten Verfahrens des Astronomen Wolfgang Gleißberg vorhergesagt.
Im Frühjahr 1946 engagierte Yves Rocard ihn mit einigen seiner deutschen Mitarbeiter für vergleichbare Aufgaben in der französischen Marine, für die er zehn Jahre bis 1956 als wissenschaftlicher Direktor den ionosphärischen Prognosedienst (Service de prévision ionosphérique de la Marine; später Service de Prévision Ionosphérique Militaire – SPIM) wissenschaftlich verantwortlich leitete. SPIM – zu dieser Zeit in March ansässig – errichtete mehrere Lotungsstationen in Afrika und eine schwimmende vor der Küste von Adélieland. 1954 war Rawers Gruppe mit einem Experiment am ersten wissenschaftlichen Aufstieg einer Véronique-Rakete der französischen Armee beteiligt. Später wurde das Ionosphären-Institut nach Breisach verlegt, an Deutschland übergeben und zunächst dem Fernmeldetechnischen Zentralamt der Bundespost angegliedert. Rawer war von 1956 bis 1969 Direktor des Instituts. In dieser Zeit führte die Forschungsgruppe um Rawer weitere Untersuchungen der Hochatmosphäre mit solchen Raketen in Hammaguir (Sahara) und Kourou (Französisch-Guayana) durch, danach auch in Zusammenarbeit mit der European Space Research Organisation ESRO. Von 1964 bis 1983 war Rawer Vorsitzender des Landesausschusses vom Committee on Space Research.
Im Jahr 1955 habilitierte sich Rawer an der Universität Freiburg und begann seine Lehrtätigkeit als Privatdozent. 1961 wurde er dort zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Von 1958 bis 1964 war er Professeur associé und (ab 1960) Professeur d’échange an der Universität von Paris (Sorbonne).
Rawer war in den frühen 1960er Jahren einer der ersten Deutschen, der nach dem Zweiten Weltkrieg an der Sorbonne als Gastdozent seines Freundes Étienne Vassy Vorlesungen hielten. Für viele Jahre fuhr Rawer dafür wöchentlich von March nach Paris. 1963 gründete Rawer in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft die Freiburger Arbeitsgruppe für Physikalische Weltraumforschung (APW), welche im Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik mündete. Rawer leitete diese bis zu seinem Ruhestand 1979 und war von 1969 bis 1979 Direktor des Instituts für physikalische Weltraumforschung.
Mit den 1972 und 1975 gestarteten Aeros-Satelliten wurde die Aeronomie der Ionosphäre insofern untersucht, als einerseits als Ursache die extrem ultraviolette Strahlung der Sonne, andererseits als Folge die Zustandsgrößen der neutralen und ionisierten Gase gemessen wurden. Die Ergebnisse waren für das von der URSI und dem Committee on Space Research (COSPAR) gemeinsam getragene Projekt International Reference Ionosphere (IRI) von Bedeutung, das Rawer während fast zwei Jahrzehnten leitete. 1972 wurde auch die BND-Außenstelle Rheinhausen gegründet, welche unter dem Decknamen Ionosphäreninstitut dem Institut in Breisach angegliedert war welches Rawer leitete. An der Beschaffung der markanten Gitter-Parabolantenne, welche später zum Europapark verkauft wurde, war Rawer (mit seinen Kindern) maßgeblich beteiligt. Im Jahr 1975 war er Gastprofessor der Université catholique de Louvain in Belgien.
Rawer war aktiv an der Vorbereitung des Internationalen Geophysikalischen Jahres beteiligt (Gold button 2007) und verfasste mit William Roy Piggott die bis heute gültige Anweisung zur Auswertung von Standardmessungen der Ionosphäre. In COSPAR, der internationalen Weltraumforschungsorganisation, und in der URSI hatte er verschiedene Ämter inne, unter anderem war er Vorsitzender (Chairman) der Kommission Ionosphäre (Comm. III) der Union Radioscience Internationale (URSI) von 1969 bis 1972 und des westdeutschen COSPAR-Landesausschusses 1969 bis 1983.
Rawer war seit dem 28. August 1939 verheiratet mit Hans Hiens jüngerer Schwester Waltraut Rawer, geborener Hien (1919–2006). Aus der Ehe gingen drei Söhne und vier Töchter hervor. Er war Ehrendoktor der Universität Düsseldorf (ab 1978), korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ab 1982) und der International Academy of Astronautics.
Karl Rawer wurde mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2013 geehrt.
Ab 1946 lebte Rawer mit seiner Familie in March bei Freiburg im Breisgau. Er starb zwei Tage vor seinem 105. Geburtstag.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Rawer, Karl |
| ALTERNATIVNAMEN | Rawer, Karl Maria Alois (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Physiker |
| GEBURTSDATUM | 19. April 1913 |
| GEBURTSORT | Neunkirchen (Saar) |
| STERBEDATUM | 17. April 2018 |
| STERBEORT | March |