Karl Sudhoff

Karl Sudhoff

Karl Friedrich Jakob Sudhoff (* 26. November 1853 in Frankfurt am Main; † 8. Oktober 1938 in Salzwedel) war ein deutscher Arzt und der bedeutendste Medizinhistoriker seiner Zeit, unter anderem als Paracelsus-Forscher. Sein Institut in Leipzig war das weltweit erste Institut dieser Disziplin.

Leben

Grabstätte Karl Sudhoff auf dem Südfriedhof in Leipzig

Karl Sudhoff, Sohn des Theologen Karl Jakob Sudhoff (1820–1865), besuchte Gymnasien in Frankfurt und Zweibrücken sowie das Königlich Preußische Gymnasium in Bad Kreuznach (heute Gymnasium an der Stadtmauer), dessen Internat damals viele Kinder evangelischer Bürger aus einem weiten Umkreis aufnahm. Dort legte er 1871 das Abitur ab und studierte anschließend bis 1876 in Tübingen, Erlangen und in Berlin Medizin; die Promotion erfolgte 1875 in Erlangen. Dort war er auch im Wintersemester 1871/72 der christlichen Studentenverbindung Uttenruthia im Schwarzburgbund beigetreten. Nach Assistenzjahren in Augsburg und Wien nahm er 1878 seine Tätigkeit als Praktischer Arzt zuerst in Bergen bei Frankfurt auf, zudem war er kurze Zeit als Armenarzt der niederbergischen Gemeinde Millrath (heute zu Erkrath) tätig gewesen. Von 1883 bis 1905 war er Hüttenarzt der Hochdahler Eisenhütte. Er bekam dort den preußischen Titel Sanitätsrat verliehen. Ab 1894 war er auch im Gemeinderat tätig.

Seit seiner Gründung der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften im Jahr 1901 war er deren Vorsitzender.

Im Jahr 1904 wurde Sudhoff zum nichtplanmäßigen außerordentlichen Professor der Medizingeschichte an der Medizinischen Akademie Düsseldorf berufen. Im Jahr darauf folgte er dem Ruf als Extraordinarius für Geschichte der Medizin an die Universität Leipzig (seit 1913 Honorarprofessor) und wurde dann Inhaber des von der Witwe Theodor Puschmanns gestifteten Lehrstuhls für Medizingeschichte am selben Ort. Am 1. April 1906 wurde das Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, das seit 1938 seinen Namen trägt, als erstes medizinhistorisches Institut weltweit eröffnet. Sudhoff gilt als Neubegründer des Faches Geschichte der Medizin, das ihm einen zunehmenden Einfluss auf das ärztliche Denken im 20. Jahrhundert verdankte. Seit 1919 (bis zur Emeritierung 1925) war er Ordinarius. Für 1922/23 wählte ihn seine Fakultät zum Dekan.

Politisch pflegte er eine deutschnationale Haltung; 80-jährig trat er zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.545.752). Am 27. November 1933 wurde er in Baltimore im Institut seines Schülers Henry E. Sigerist anlässlich seines achtzigsten Geburtstages mit Festvorträgen geehrt. 1939 beschrieb Sigerist seinen Lehrer Sudhoff: „Er war eine ausgesprochene Persönlichkeit, eine Führernatur, wie er sich selbst gern nannte, heftig in seinen Sympathien und in seinen Antipathien.“

Er starb kurz vor Vollendung des 85. Lebensjahrs bei einem Besuch seines Sohnes Walther Sudhoff, der von 1924 bis 1946 Chefarzt des Kreiskrankenhauses Salzwedel war.

Forschungsschwerpunkte

Sudhoff ist vor allem durch seine Studien über mittelalterliche medizinische Handschriften bekannt geworden. Er war der Herausgeber der bis heute maßgeblichen Paracelsus-Ausgabe. Sudhoff legte umfangreiche medizinhistorische Sammlungen an und verfügte über eine außerordentlich große Privatbibliothek.

Die Inkunabeln der Institutsbibliothek Sudhoffs wurden im Zweiten Weltkrieg sicher verwahrt. Die wertvollsten Bücher wurden im Keller des Instituts gelagert; von diesen wurden 144 Kisten zum Schutz im Mai 1943 in den Felsenkeller des Mutzschener Schlosses ausgelagert, aber nach dem Ende des Krieges in die Sowjetunion verbracht. Seither gelten sie als vermisst.

In seinen Beiträgen zur Geschichte der Chirurgie im Mittelalter bediente sich Sudhoff als erster Medizinhistoriker einer textgeschichtlichen Arbeitsmethode, legte damit den Grundstein für spätere Fachprosaforschungen und ermöglichte neue Sichtweisen auf die mittelalterliche Chirurgie.

Ehrungen und Benennungen

Schriften

Online

Auswahl

Literatur

Wikisource: Karl Sudhoff – Quellen und Volltexte
Commons: Karl Sudhoff – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Hermann Goebel (Hrsg.): Mitgliederverzeichnis des Schwarzburgbundes. 8. Auflage. Frankfurt am Main 1930, S. 139, Nr. 3193.
  2. ↑ Barbara I. Tshisuaka: Sudhoff, Karl. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin 2005, S. 1366.
  3. ↑ Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 61.
  4. ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/43891097
  5. ↑ Bulletin of the Institute of the History of Medicine. Band 2, 1934, S. 3–6.
    Henry E. Sigerist: Karl Sudhoff, the Man and the Historian. S. 7–9.
    Fielding Hudson Garrison: Karl Sudhoff as Editor and Bibliographer. S. 10–15.
    John Rathbone Oliver: Karl Sudhoff as Classical Philologian. S. 16–21.
    Owsei Temkin: Karl Sudhoff, the Rediscoverer of Paracelsus. S. 22–25.
    Henry E. Sigerist: Karl Sudhoff the Mediaevalist.
  6. ↑ Henry E. Sigerist: Karl Sudhoff (1853-1938). In: Bulletin of the History of Medicine. Band 7, 1939, S. 804. Im Original: “He was an outspoken personality, a Führernatur as he liked to call himself, violent in his sympathies and antipathies.”
  7. ↑ I. Kästner: Zum Schicksal der Paracelsus-Bibliothek Karl Sudhoffs. In: Sudhoffs Archiv. Band 79, 1995, S. 115–119.
  8. ↑ Dagmar Geithner: Die Bibliothek des Karl-Sudhoff-Institutes für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften in Leipzig – ein historischer Abriss. In: GMS Med Bibl Inf. Band 12, Nr. 1–2, 2012, Doc10, DOI:10.3205/mbi000246 (Online).
  9. ↑ Karl Sudhoff: Beiträge zur Geschichte der Chirurgie im Mittelalter. 2 Bände, Leipzig 1914/1918 (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 10/12.)
  10. ↑ Gundolf Keil: Sudhoffs Sicht vom deutschen medizinischen Mittelalter. In: Nachrichtenblatt der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Band 31, 1981, S. 94–129.
  11. ↑ Sönke Drewsen: Was leistet die transzendental-gnoseologische Auffassung der Wissenschaftstheorie für Medizintheorie und Medizingeschichte? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 8, 1990, S. 33–40, hier: S. 37 f.
  12. ↑ Verzeichnis der Ehrenpromotionen. Archiv der Universität Leipzig, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 22. Januar 2021; abgerufen am 6. November 2020 (Ordnung nach Graduierungsjahr).
  13. ↑ Mitgliedseintrag von Karl Sudhoff bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 23. Juni 2016.
  14. ↑ Karl Sudhoff: Ein historisches Museum der Heilkunde (1901). In: derselbe: Skizzen. Leipzig 1921, S. 196–217.
  15. ↑ Eckart Roloff, Karin Henke-Wendt: Erste Schritte in ein neues Fach: die Geschichte der Medizin. In: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7776-2510-2, S. 206–207.
  16. ↑ Sabine Fahrenbach: Die Medizinische Sammlung des Karl-Sudhoff-Instituts – ein Situationsbericht. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, 2005, 24, S. 282–292.
  17. ↑ Buchbesprechung dazu von Karl Sudhoff in: Bulletin of the History of Medicine. Band 33, 1959, S. 480–482.