Kentaur

Kampf eines Kentauren gegen einen Lapithen am Parthenon in Athen (um 435 v. Chr.)
Kentaur im Kampf gegen Raubkatzen (Ausschnitt)
(Mosaik aus der Villa Hadriana bei Tivoli, 118–138 n. Chr., Altes Museum, Berlin)
Kentaur (Terrakotta, Staatliche Antikensammlungen, München, 8. Jh. v. Chr.)
Unüblicherweise sind die Genitalien hier bei den Vorder- und nicht bei den Hinterläufen.

Ein Kentaur (altgriechisch Κένταυρος Kéntauros, latinisiert Centaurus) oder Zentaur ist ein Mischwesen der griechischen Mythologie aus Pferd und Mensch.

Mythos

Die Kentauren sollen von Ixion, dem König der Lapithen in Thessalien, und einer Wolke (griechisch Nephele) abstammen, der Hera auf den Rat des Zeus ihre Gestalt gegeben hatte, als der betrunkene Ixion sie bei einem Gelage der Götter belästigte. Als Ixion das Trugbild „anstach“, zeugte er damit entweder einen Bastard, den Kentauros, der sich später mit den Stuten Magnesias paarte und damit die Kentauren schuf, oder aber die Kentauren entstanden direkt aus dieser Wolke.

Dementsprechend werden die Kentauren als unbeherrschtes und lüsternes Volk bezeichnet, ganz im Gegensatz zu den Lapithen, die nach älterer Auffassung als Sturmdämonen beziehungsweise als Personifikationen des Sturms galten, und deren König Peirithoos von so edler Gestalt war, dass er den ebenso edlen Theseus für eine lebenslange Freundschaft gewinnen konnte.

Der Name „Kentaur“ wird unterschiedlich hergeleitet. Seine Deutung als Kombination von „ich steche“ (griechisch κεντῶ kentṓ) und „Stier“ (ταῦρος taúros) soll darauf zurückzuführen sein, dass berittene Bewohner des Dorfes Nephele die Rinder des Ixion mit Speeren töteten, weswegen sie als „Kentauren von Nephele“ bezeichnet wurden. Die Kombination von „ich steche“ und „Wolke“ ist eine ebenfalls mögliche etymologische Deutung, weil Ixion in eine Wolke „gestochen“ hat.

Des Weiteren wird das Wort „Kentaur“ vom lateinischen centuria (etwa „hundertköpfige Kriegsbande“) abgeleitet. Eine Herkunft aus dem Sanskritwort gandharva wird ebenfalls diskutiert. Es bezeichnet altindische niedere Gottheiten, die in Aussehen und Charaktereigenschaften mit den Kentauren verwandt sind.

Die Kentauren waren die Erzfeinde der Lapithen und wurden von diesen aus Thessalien auf die Peloponnes vertrieben, als sich die Zentauren bei der Hochzeit des Königs der Lapithen, Peirithoos, „vom Wein erhitzt“ über deren Frauen hermachten (Kentauromachie). Der berühmteste Kentaur, Cheiron, stammt nicht von dem Lapithenkönig Ixion, sondern von dem Titanen Kronos ab; er war als einziger Kentaur nicht brutal und lüstern, sondern weise und gütig. Er verstand sich auf die Jagd und die Heilkunde und soll viele griechische Helden erzogen haben, etwa Achilleus und Asklepios. Der Sage nach wurde Cheiron von Zeus in ein Sternbild verwandelt.

Kentauren und Namen

Während der Name der Spezies „Kentaur“ selbst „noch nicht mit überzeugender Sicherheit erklärt worden ist,“ lässt sich über ihre Eigennamen eine Menge sagen. In ihnen spiegeln sich wider sowohl die ursprünglich naturbezogenen Pferdemenschen als auch die später von den antiken Autoren dazu erfundenen anthropomorphen Ergänzungskentauren. Einige Namen passen nicht in diese Kategorien. Beispiele: Astylos, Echecles, Eurynomos, Hodites, Medon, Thereus.

Naturbezug

Ursprünglich sind die Kentauren Personifikationen der aus den hohen Bergen herabstürzenden Gewässer, die in ihrer unbändigen Kraft und mit Getöse Geröll und Bäume ins Tal und in die Ebene mitreißen. Sie wohnen in Bergwäldern, in Höhlen und kämpfen ihrer Flussnatur gemäß mit Felsbrocken und Bäumen. Dazu passt ihr Aussehen, denn sie „haben die Gestalt von Rossen, die von jeher Symbole der sich gleichsam bäumenden Meereswogen oder schnellfließenden Ströme und Quellen gewesen sind.“

Aus diesen Vorstellungen lassen sich viele althergebrachte Namen erklären, die ihre naturbezogenen Funktionen – Fluss, Wasser, Ross, Wald, Höhlen, Lärm, Rauschen – widerspiegeln. Beispiele: Abas, Argeios, Bromos, Chromis, Chthonios, Clanis, Daphnis, Dryalus, Elymus, Erygdupus, Eurytion/Eurytus, Hippasos, Hylaeus, Hyles, Hylonome, Kyllaros, Nessos, Oureios, Petraeus, Phlegraeus, Pholos, Rhoetus, Teleboas.

Anthropomorphismen

Später wurden von den antiken Autoren neue anthropomorphe Kentaurengestalten hinzuerfunden, „deren Namen und Eigenschaften nur noch entfernt an die ursprüngliche Bedeutung erinnern: aus den brausenden, ungestümen Bächen des Waldgebirges sind wilde und furchtbare Halbmenschen geworden.“

Römisches Fresko, 1. Jh., Cheiron unterrichtet Achilleus.
Eros reitet den Zentaur, der nach dessen Genitalien greift.

Vermenschlichte Kentauren sind wild, roh, jagd- und kampfeslustig, sexuell übergriffig und besitzen individuelle Züge, was sich ebenfalls in ihren Namen ausdrückt. Beispiele: Agrios, Amykos, Antimachos, Aphareus, Apheidas, Areos, Arktos, Asbolos, Bianor, Cheiron, Demoleon, Dorylas, Gryneus, Imbreus, Iphinoos, Latreus, Lykabas, Lykidas, Lykos, Melaneus, Mermeros, Mimas, Nedymos, Orneios, Perimedes, Petraios, Phaiokomes, Pholos, Phrixos, Pyrakmos, Pyretos, Pyr(r)os, Ripheus, Styphelos.

Hederich: Liste der Kentauren (1770)

Bekannte Kentauren und eine Kentaurin

Einige Kentauren und eine Kentaurin haben große Popularität erlangt. Beispiele: Asbolos, Bianor, Cheiron, der weise und gütige Erzieher vieler griechischer Helden; Elatos, Eurytion, ein thessalischer und arkadischer Kentaur; Hylonome, die einzige Kentaurin; Kyllaros, Nessos, der für den Tod des Herakles verantwortlich ist; Pholos, Thereus.

Kentauren kursiv: zwar von Hederich gelistet, aber sonst unbekannt, siehe Bild, Kentauren-Liste; (Kentauren) in Klammern: abweichende und alternative Namen. ᴷKentauren mit hochgestelltem K nehmen an der Kentauromachie teil, ᴴKentauren mit hochgestelltem H gehören zum herakleischen Sagenkreis, es gibt kaum Überschneidungen zwischen den beiden Gruppen (Ausnahmen: Dupon, Erigdupus, Pholos).

  1. ᴷAbas
  2. ᴴAgrios
  3. ᴴAmphion
  4. Amydas
  5. ᴷAmykos
  6. ᴴAnchios
  7. ᴷAntimachos
  8. ᴷAphareus
  9. ᴷApheidas
  10. ᴷAreos
  11. ᴴArgeios
  12. ᴷArktos
  13. ᴷAsbolos
  14. ᴷAstylos
  15. ᴷBianor
  16. Bravenor
  17. Bretus
  18. ᴷBromos
  19. ᴴCheiron,
  20. ᴷChromis
  21. ᴷChtonios
  22. ᴷClanis
  23. ᴷCrenaeus
  24. Criton
  25. ᴴDaphnis
  26. ᴷDemoleon
  27. ᴷDiktys
  28. Dorpus
  29. ᴷDorylas
  30. ᴷDryalos
  31. ᴴDupon
  32. Dynaeus
  33. ᴷEcheklos (Oïklos)
  34. ᴴElatos
  35. ᴷElymus (Helimus)
  36. Emmachius
  37. Enopion
  38. ᴷErigdupus
  39. ᴷEurynomos
  40. ᴴEurytion, arkadisch
  41. ᴷEurytion/
    Eurytus
    ,
    thessalisch
  42. Foaly
  43. ᴷGryneus
  44. Gryphaeus
  45. Harmandio
  46. Harpagus
  47. ᴷHelops
  48. ᴷHippasos
  49. Hippe
  50. ᴴHippotion
  51. ᴷHodites (Odites)
  52. ᴷHylaeus
  53. ᴷHyles
  54. ᴷHylonome, Kentaurin
  55. ᴷImbreus
  56. ᴷIphinoos
  57. ᴴIsoples
  58. ᴷKyllaros
  59. ᴷLamios
  60. ᴷLatreus
  61. ᴷLykabas
  62. Lycetus
  63. ᴷLykidas
  64. ᴷLykus
  65. ᴷLykotas (Lycopes)
  66. ᴷMedon
  67. ᴷMelaneus
  68. ᴷMermeros
  69. ᴷMimas (Melanchaites)
  70. ᴷMonychos
  71. ᴷNedymnus
  72. ᴷNessos
  73. Nykton
  74. ᴷOrneios
  75. ᴷOureios (Oreios)
  76. Paeantor
  77. ᴷPeisenor
  78. ᴷPerimedes
  79. ᴷPetraeus
  80. ᴷPhaeocomes
  81. ᴷPhlegraios
  82. ᴴPholos
  83. ᴴPhrikios
  84. ᴴPhrixos
  85. Phryxus
  86. ᴷPisenor
  87. ᴴPylenor (Polenor)
  88. Praxion
  89. ᴷPyrakmos
  90. ᴷPyretos
  91. ᴷPyrrhos (Pyros)
  92. ᴷRipheus
  93. ᴷRhoikos
  94. ᴷRhoetus
  95. ᴷStyphelos
  96. ᴷTeleboas
  97. ᴷThaumas
  98. Theramon
  99. ᴷTherandros
  100. ᴷThereus
  101. Theroktonus
  102. Thonius
  103. Thurius

Darstellung

Darstellung eines weiblichen Kentauren (Hylonome), Mosaik im Nationalmuseum von Bardo

Meistens werden diese Mischwesen mit dem Kopf, dem Rumpf und den Armen eines Mannes und dem Körper und den Beinen eines Pferdes dargestellt. Seltener sind dagegen Darstellungen von Kentauren mit menschlichen Vorderfüßen, so z. B. auf dem im Louvre zu besichtigenden Vasenbild Herakles und der Kentaur Pholos (um 550 v. Chr.). Offenbar ist das bestimmende Merkmal eines Kentauren die Ausbildung von sechs Extremitäten: zwei Arme und vier Beine. Kentauren wurden auch magnentes („Große“) genannt. In späthellenistischer Zeit brachte die zeitgenössische Kunst auch weibliche Kentauren hervor, die in krassem Widerspruch zum betont maskulinen Grundcharakter dieser wilden und auch als lüstern geschilderten Wesen stehen. Ein Beispiel für einen weiblichen Kentauren ist Hylonome, Ehefrau des Kentauren Kyllaros (beides Kinder von Ixion und Nephele). Sie ist im Nationalmuseum von Bardo in Tunis auf einem aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammenden römischen Mosaik zu besichtigen.

Laut Robert von Ranke-Graves wurde die früheste Kentaurendarstellung auf einem Schmuckstück aus Mykene gefunden. In der Darstellung stehen sich Kentauren gegenüber und tanzen. Der Pferdekult, bei dem Männer mit Pferdemasken tanzten, diente dazu, Regen herbeizuführen.

Kentaur auf Rückseite einer Billonmünze des Gallienus

Auch auf den Rückseiten römischer Münzen wurden Kentauren gelegentlich abgebildet.

Rezeption

Bildende Kunst

In der Kunst der Spätantike kommen antike Mischwesen nicht vor. Erst in der Romanik erleben sie eine Wiederauferstehung; sie symbolisieren das heidnisch Wilde, Ungezähmte und Sündige. Seit der Gotik verschwinden die bereits von Bernhard von Clairvaux in der um 1125 entstandenen und an Cluny gerichteten Apologia als „lächerliche Mißgeburten“ charakterisierten Kreaturen wieder für Jahrhunderte aus dem Repertoire der Künstler.

Eine neuzeitliche plastische Darstellung eines Kentauren steht auf dem Marktplatz in Frohburg (Sachsen). Die Plastik aus Bronzeguss zeigt einen Kentauren, der mit einem Drachen kämpft. Die Figurengruppe sollte im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen werden, sie wurde jedoch nach Kriegsende zufällig in einem Garten in Leipzig wiedergefunden. Seitdem ziert sie wieder den Brunnen auf dem Frohburger Marktplatz. Aus derselben Epoche stammt der Zentaurenbrunnen in Bremen, der den Kampf mit einer Riesenschlange zeigt.

Die monumentale Marmorgruppe des klassizistischen Künstlers Antonio Canova von 1805–1819 wurde von Napoleon Bonaparte für den Corso in Mailand in Auftrag gegeben. Nach dem Sturz des französischen Kaisers (1815) wurde sie auf Veranlassung Franz’ I. nach Wien gebracht und steht dort heute im Kunsthistorischen Museum.

Belletristik

Karikatur auf den Oberaufseher Leutnant Johann Nieß
Joseph Anton Koch, Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart

Sonstiges

Literatur

Commons: Kentaur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Kentaur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Pindar, Pythische Oden 2,42–48
  2. ↑ Diodor, Bibliotheca historica 4,69
  3. ↑ Preller, Seite 16.
  4. ↑ Ausführliche Untersuchung dieser und der folgenden Namen in Roscher, Eigenamen, siehe Literatur.
  5. ↑ Roscher, Kentaurennamen, Seite 421.
  6. ↑ Roscher, Kentaurennamen, Seite 422.
  7. ↑ Roscher, Kentaurennamen, Seite 425.
  8. ↑ Moderne Romanfigur in der Serie Artemis Fowl (2002–2012).
  9. ↑ Von Hedrich gelistet, aber wohl eher Harpagos, ein Pferd der Dioskuren, siehe Wilhelm Drexler: Harpagos. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 1,2, Leipzig 1890, Sp. 1834 f. (Digitalisat).
  10. ↑ Wohl keine Kentaurin, die Tochter des Kentauren Cheiron wurde aber in ein Pferd verwandelt.
  11. ↑ Ursula Kampmann, Die Münzen der römischen Kaiserzeit, Nr. 90.49 als Beispiel
  12. ↑ Bernhards Kunstkritik zur Klosterkirche von Cluny findet sich im Abschnitt 29 der Apologia. Deutsche Übersetzung: Bernhard von Clairvaux: Apologie an den Abt Wilhelm. In: Gerhard B. Winkler (Hrsg.): Sämtliche Werke. Band II. Tyrolia, 1992, ISBN 3-7022-1772-X, S. 138–204, 197: „Aber wozu dienen in den Klöstern, vor den Augen der lesenden Brüder, jene lächerlichen Mißgeburten, eine auf wunderliche Art entstellte Schönheit und schöne Scheußlichkeit? Was bezwecken […] die widernatürlichen Zentauren, die halbmenschlichen Wesen, die gefleckten Tiger?“ Bernhards Kunstkritik richtete sich dabei aber ausschließlich gegen die Verwendung solcher Skulpturen in Klosterkirchen, nicht in anderen Kirchen. Anders als früher vielfach angenommen zielt die Kunstkritik nicht primär gegen die damalige Klosterkirche von Cluny, da neueren Analysen zufolge die kritisierten Motive dort nicht vorkamen. Siehe dazu Anmerkung 19 auf S. 203 und: Conrad Rudolph: Bernard of Clairvaux’s Apologia as a Description of Cluny, and the Controversy over Monastic Art. In: Gesta. Band 27, Nr. 1/2, 1988, S. 125–132, JSTOR:767000.
  13. ↑ Der Theseustempel und Antonio Canovas dislozierte Plastik. Abgerufen am 17. Februar 2024.
  14. ↑ Client Challenge. In: Phantasy Star Wiki. Abgerufen am 17. Februar 2026.