Kontextinterview

Die Kontextinterviews (auch Kontextuelles Interview, englisch Contextual Inquiry) ist eine ethnografische Feldstudie im Bereich des Human-Centered Designs, bei der Nutzer in der natürlichen Umgebung eingehend beobachtet und befragt werden. Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis der Arbeitspraktiken, Verhaltensweisen und des gesamten Nutzungskontextes zu gewinnen.

Die Untersuchung findet in der natürlichen Umgebung der Nutzer statt, während sie ihre Aktivitäten wie gewohnt ausführen. Die natürliche Umgebung kann ihr Zuhause, ihr Büro oder ein ganz anderer Ort sein, an dem sie ein Produkt, ein System oder eine Dienstleistung nutzen oder sonst eine Aktivität ausführen. Die Forscher beobachten dabei den Nutzer bei der Ausführung seiner Tätigkeit und bitten um Informationen, um zu verstehen, wie und warum die Nutzer tun, was sie tun. Kontextinterviews sind also eine Kombination von zwei Methoden: Beobachtung und halbstrukturierten Interview.

Die Methode kann in vielen Gebieten eingesetzt werden. Es gibt jedoch Situationen, in denen die Personen nicht unterbrochen werden können z. B. bei Fluglotsen oder in Operationssälen. In diesen Fällen könnten eine Beobachtung und allfällige Videoaufnahme mit nachträglicher Befragung eine Lösung sein.

Grundsätze von Kontextinterviews

Kontextinterviews basieren auf vier Grundsätzen:

Durchführung

Ein kontextuelles Interview wird normalerweise in einer zwei- bis dreistündigen Sitzung durchgeführt. Wie viele Personen befragt werden müssen, hängt vom Umfang des Projekts und der Tätigkeit ab, die untersucht werden soll. Es sollten aber mehrere Personen in verschiedenen Nutzungskontexten befragen, bevor die Synthese der Ergebnisse der Kontexinterviews beginnen kann.

Auswertung

Nach den verschiedenen Kontextinterviews sollten die Ergebnisse strukturiert dokumentiert werden. Das bedeutet, dass die Antworten auf die vorher festgelegten Fragen identifiziert und entsprechend kategorisiert werden müssen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass Forscher und Designer zusammenkommen, um die Erkenntnisse auszutauschen und die Ergebnisse zu interpretieren. Workshop-Übungen zur Themenfindung in qualitativen Daten, wie z. B. Affinity-Mapping, helfen dem Team, sich auf Muster und Themen auszurichten.

Ziel

Mit Kontextinterviews können Erkenntnisse über Nutzer, Arbeitsaufgaben, Abläufe, Abfolge von Aufgaben, die Artefakte und Werkzeuge, die sie dabei verwenden sowie die Auswirkungen und der Einfluss der physischen und sozialen Umgebung auf die Tätigkeit gewonnen werden. Dies sind wesentliche Elemente des Nutzungskontextes. So können anschließend Erfordernisse und Nutzungsanforderungen an das Produkt, die sich konkret aus dem speziellen Nutzungskontext ergeben, abgeleitet werden. Ebenfalls können die Daten zur Erstellung von Aufgabenanalysen nützlich sein.

Vor- und Nacheile

Das Kontextinterview bietet gegenüber anderen Methoden folgende Vorteile:

Nachteile von Kontextinterviews:

Geschichte der Methode

Contextual Inquiry wurde erstmals als phänomenologische Forschungsmethode in einem Aufsatz von Whiteside, Bennet und Holtzblatt aus dem Jahr 1988 erwähnt, in dem ein Großteil der Rechtfertigung für den Einsatz qualitativer Forschungsmethoden im Design dargelegt wird. Als eigenständige Methode wurde sie erstmals 1990 von Wixon, Holtzblatt und Knox ausführlich beschrieben, wobei Vergleiche mit anderen Forschungsmethoden angestellt wurden. Am ausführlichsten wurde sie von Holtzblatt und Beyer 1995 beschrieben.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 World Leaders in Research-Based User Experience: Contextual Inquiry: Inspire Design by Observing and Interviewing Users in Their Context. Abgerufen am 16. Januar 2024 (englisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Bruce Hanington, Bella Martin: Universal Methods of Design. Rockport Publishers, 2012, ISBN 978-1-61058-199-8, S. 46–47.
  3. 1 2 3 Contextual Inquiry (Kontextuelles Interview). Abgerufen am 16. Januar 2024.
  4. 1 2 3 Contextual Inquiry in User Research. 24. Januar 2018, abgerufen am 16. Januar 2024 (amerikanisches Englisch).
  5. ↑ J. Whiteside, J. Bennett, K. Holtzblatt: Usability Engineering: Our Experience and Evolution. In: M. Helander (Hrsg.): Handbook of Human Computer Interaction. North Holland, New York 1988.
  6. ↑ D. Wixon, K. Holtzblatt, S. Knox: Contextual Design: An Emergent View of System Design. In: Proceedings of CHI '90: Conference of Human Factors in Computing Systems. Seattle, WA 1980.
  7. ↑ Beyer, H., Holtzblatt, K.: Apprenticing with the Customer. In: Communications of the ACM. Mai 1995.