Kraan

Kraan
Kraan in Wiesbaden (2008)

Kraan in Wiesbaden (2008)

Allgemeine Informationen
Herkunft Ulm, Deutschland
Genre(s) Jazzrock
Aktive Jahre 1971–1990; ab 2000
Auflösung
Website www.kraan.de
Aktuelle Besetzung
Peter Wolbrandt
Bass, Gesang
Hellmut Hattler
Jan Fride (Wolbrandt)
Keyboard
Martin Kasper (seit 2020)
Ehemalige Mitglieder
Ingo Bischof (1975–2007, † 2019)
Johannes „Alto“ Pappert (bis 1976)
Schlagzeug
Udo Dahmen (ca. 1977–1980)
Trompete, Keyboard
Joo Kraus (ca. 1987–1992)
Schlagzeug
Gerry Brown (ca. 1982/1983)
Gitarre
Eef Albers (ca. 1982/1983)
Gesang, Keyboard
Mark McMillen (ca. 1982/1983)

Kraan ist eine deutsche Jazzrock-Band, die in den 1970er und 1980er Jahren zu den bekanntesten Vertretern des Genres in Deutschland gehörte.

Geschichte

Kraan formierten sich 1971 in Ulm, nachdem sich das vorangegangene Free-Jazz-Trio der drei Gründer 1970 aufgelöst hatte. Zuvor hatten die Brüder Peter Wolbrandt (* 29. Oktober 1949 in Krefeld) und Jan Fride (* 8. März 1952 in Düsseldorf) in diversen Jazzbands gespielt und konnten 1968 Hellmut Hattler (* 12. April 1952 in Ulm) überzeugen, mit ihnen die Band Inzest zu gründen. Johannes „Alto“ Pappert (Saxophon) stieß 1971 dazu. Die Musiker inspirierten Alben wie Frank Zappas Hot Rats (1969), Chapter Three von Manfred Mann (1969) und Third von Soft Machine (1970).

Auf der Suche nach einem Probenort wurde man 1970 bei Peter Wolff Metternich zur Gracht fündig, der sein Gut Wintrup im Teutoburger Wald zur Verfügung stellte. Die einsame Lage bei Sandebeck machte Proben rund um die Uhr möglich. Im Mai 1972 nahm die Band in Eigenproduktion ihr erstes Album auf, das im Pop-Poll der Zeitschrift Sounds in der Sparte Newcomer auf Platz eins landete.

Im Sommer 1973 erschien zum Tourneebeginn das Album Wintrup, auf dem die Improvisationen weitgehend ausgearbeiteten Kompositionen mit Gesangsteilen wichen. Hermann Haring hörte darin, wie er in der deutschen Musikzeitschrift Sounds schrieb, „einen dicken, dämpfenden und manchmal ein wenig verfilzten Klangteppich“. Das musikalische Spektrum sei „recht farbig“, die Arrangements seien „meist gut durchdacht“. Zuweilen spüre man jedoch „eine Verkrampfung, die leider für viele deutsche Gruppen typisch ist“.

Der Journalist Barry Graves befand nach einem vom RIAS veranstalteten Rundfunkfestival, die Gruppe sei inzwischen so gut wie Yes. Das dritte Album Andy Nogger verkaufte sich 120.000 Mal. In den USA und Kanada erschien es am 31. Januar 1975. Bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung in Amerika stand das Album in der Liste der meistgespielten LPs der FM-Sender von Billboard vom 8. März 1975 auf Platz 9. Billboard verglich den Sänger abwechselnd mit Jack Bruce und Jimi Hendrix und hob die jazzigen Stücke als die gelungensten hervor. Für den Musikexpress war es die „Platte des Jahres“. Für Großbritannien fand Manager Walter Holzbaur Anfang 1975 nach langen Verhandlungen mit Gull Records, vertrieben von Decca, eine Plattenfirma, die das Album bis April 1975 herausbringen wollte. Der Vertrag schloss weitere Veröffentlichungen in Frankreich, Skandinavien, Australien und Südafrika ein.

Im Oktober 1974 hatte Conny Plank bei Konzerten im Berliner Quartier Latin die Aufnahmen für das Doppelalbum Kraan Live mitgeschnitten. Es erhielt gute Kritiken und gilt als eines der herausragenden Jazzrock-Alben jener Tage. Bernd Mohrhoff nannte das Doppelalbum in Riebe’s Fachblatt eine „weitere Steigerung und erneuter Beweis ihres Könnens“.

1975 kam der Keyboarder Ingo Bischof, der zuvor bei Karthago gespielt hatte, zu Kraan. Mit ihm entstand das Album Let It Out, das die Band nicht im Studio, sondern auf Gut Wintrup mit der mobilen Aufnahmeanlage von Conny Plank einspielte. Bernd Mohrhoff fand in Riebe’s Fachblatt, Kraan sei zu kommerziell geworden: Die jazzigen Improvisationen fehlten fast völlig, die neue Besetzung habe sich noch nicht freigespielt, und Papperts Saxophon komme erst spät zur Geltung. Als stärksten Titel nannte er das Titelstück, als nuanciertesten Heimweh nach Übersee. Insgesamt sei die Musik „zu glatt, ohne Reibungsflächen“ und laufe Gefahr, in Routine zu erstarren. Pappert ging im Spätsommer 1976.

1977 ging die Band auf Tournee und brachte das Album Wiederhören heraus. Ende 1978 erschien das Album Flyday mit Hattler, Wolbrandt, Bischof und Udo Dahmen am Schlagzeug.

Für den 1979 entstandenen Film Warum die UFOs unseren Salat klauen lieferte Kraan die Musik. Bis 1983 spielte Kraan unter wechselnder Besetzung. Von 1984 bis 1987 gab es eine Pause, bevor Hattler, Wolbrandt und Fride und Joo Kraus ein Comeback starteten. Kraus und Hattler verstanden sich auf Anhieb so gut, dass sich 1990 Kraan wieder trennte und Hattler und Kraus als Duo Tab Two gemeinsam auftraten.

2000 dann, nach fast 20 Jahren Abstinenz in der Kombination Hattler, Wolbrandt und Fride und Bischof und 10 Jahren Kraan-Abstinenz, gelang ein erneutes Comeback mit einem Konzert in Ulm. 2001, zum dreißigjährigen Bestehen, folgten eine ausgedehnte Tournee und ein neues Live-Album. 2003 erschien das Kraan-Album Through, am 23. März 2007 dann das Album Psychedelic Man (letzteres bei EMI auf dem Harvest-Label, auf dem bereits die Alben Wiederhören, Flyday und Tournee veröffentlicht worden waren). Im März 2010 erschien das Album Diamonds.

Am 9. November 2013 gab die Band ihr Abschiedskonzert in Neuss. Schon eine Woche später verkündeten die Musiker über Facebook ein Konzert auf dem Burg-Herzberg-Festival 2014 und dem Finki Open Air 2014 in Finkenbach (Oberzent) im Odenwald. 2019 starb Ingo Bischof.

Ende 2020 wurde zum Bandjubiläum ein neues Studioalbum mit dem Titel Sandglass veröffentlicht. Am 13. August 2022 hatte Kraan auf dem Finkenbach-Festival einen Auftritt, bei dem auch Stücke aus dem jüngsten Album Sandglass vorgestellt wurden. Auf dem 2023 veröffentlichten Album Zoup wirkte auch das Gründungsmitglied Pappert mit und es sind musikalische Beiträge des verstorbenen Bandmitglieds Ingo Bischof enthalten. Mit dem Album Aladin Tapes wurde eine Live-Aufnahme im Bremer Kultclub „Aladin“ aus dem Jahr 1980 veröffentlicht; enthalten sind die beiden bisher unbekannten Stücke „Berg und Tal“ und „She’s Gone“. Seit 2020 wird Kraan durch den Keyboarder Martin Kasper verstärkt, der auch auf den Studioalben Sandglass, Zoup und All In mitarbeitete.

Mitgliederübersicht

Die von einigen personellen Wechseln geprägte Bandgeschichte von Kraan um den „harten Kern“ – bestehend aus Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt und Jan Fride (Wolbrandt) – ist hier anhand der Besetzungen dargestellt.

ErscheinungsjahreBesetzungAlben
1972–1975Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Johannes PappertKraan, Wintrup, Andy Nogger, Kraan Live
1975Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Johannes Pappert, Ingo BischofPorta Westfalica 1975 (veröffentlicht 2023), Let It Out
1977Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Ingo BischofWiederhören
1978–1980Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Udo Dahmen, Ingo BischofFlyday, Tournee, Aladin Tapes 1980 (veröffentlicht 2025)
1982Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Gerry Brown, Ingo BischofNachtfahrt
1983Hellmut Hattler, Eef Albers, Gerry Brown, Ingo Bischof, Mark McMillenX
1988–1991Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Joo KrausLive 88, Dancing in the Shade, Soul of Stone
2001–2007Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Ingo BischofLive 2001, Through, Live at Finkenbach Festival, Psychedelic Man
2010–2019Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan FrideDiamonds, The Trio Years, The Trio Years – Zugabe!
ab 2020Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt, Jan Fride, Martin KasperSandglass, Zoup (mit Johannes Pappert und Beiträgen von Ingo Bischof), All In

Keiner Besetzungsphase zugeordnet ist Berliner Ring, eine Zusammenstellung bis dahin unveröffentlichter Studio-, Demo- und Liveaufnahmen aus den Jahren 1982 bis 1990.

Diskografie

Chartplatzierungen
Erklärung der Daten
Alben
Sandglass
 DE10009.10.2020(1 Wo.)
All In
 DE6325.04.2026(1 Wo.)

Literatur

Commons: Kraan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Kraan. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 27, Mai 1975, S. 12–13.
  2. 1 2 3 4 5 Jubiläum einer einzigartigen Band: 50 Jahre Kraan! In: Sticks. 23. Mai 2021, archiviert vom Original; abgerufen am 22. August 2021 (deutsch).
  3. ↑ Jens-Christian Schulze: Kraan: 50. Geburtstag! In: Jazz over Hannover. 6. Mai 2021, abgerufen am 31. Oktober 2026.
  4. ↑ Das Haus. Abgerufen am 18. Mai 2026.
  5. ↑ Andreas Fasel: Rockmusikgeschichte aus deutschen Landen. In: Die Welt. 28. Juni 2003 (welt.de [abgerufen am 6. Mai 2021]).
  6. ↑ Hermann Haring: Platten aus Deutschland. In: Sounds. Nr. 9, September 1973, S. 54.
  7. 1 2 Kurz notiert. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 25, März 1975, S. 10.
  8. ↑ Kurz notiert. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 26, April 1975, S. 9 (Meldung ohne Verfasserangabe).
  9. ↑ Bernd Mohrhoff: Neue Langspielplatten vorgestellt und besprochen. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 26, April 1975, S. 14.
  10. ↑ Bernd Mohrhoff: Neue Langspielplatten vorgestellt und besprochen. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 32, Oktober 1975, S. 26–27.
  11. ↑ Kraan: Flyday Tracks & Reviews | AllMusic. Abgerufen am 31. Oktober 2026 (englisch).
  12. ↑ Ronald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction-Films. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-11860-X, S. 995.
  13. ↑ Kraan - Diamonds. 2010, abgerufen am 31. Oktober 2026.
  14. ↑ Marin Horn: „Kraan“-Abschied in der Wetthalle – Ende einer Ära? In: NGZ-Online. 11. November 2013, abgerufen am 4. März 2015.
  15. ↑ 38. Finkenbach-Festival 2022. musix.de, 30. Mai 2022, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 6. März 2023 (englisch).
  16. ↑ Info, Lebenslauf, Bio. Abgerufen am 4. Juni 2026.
  17. ↑ Projekte, Bands. Abgerufen am 4. Juni 2026.
  18. ↑ Titelliste auf der Rückseite der CD Berliner Ring and Other Exotic & Unreleased 80ies Material 1983–1990, BASSBALLrecordings.
  19. ↑ Chartquellen: Deutschland