Die Landreform in Chile (spanisch Reforma Agraria en Chile) bezeichnet einen Landumverteilungsprozess, der sich im Wesentlichen zwischen 1962 und 1973 auf Grundlage der Landreformgesetze von 1962 und 1964 vollzog. Ziel des Prozesses war die Zerschlagung des historisch gewachsenen Großgrundbesitzes (Latifundismus), die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und die Integration der verarmten Landbevölkerung (Campesinos und Inquilinos) in das wirtschaftliche und politische System des Landes. Die chilenische Landreform vollzog sich über ein Jahrzehnt hinweg schrittweise und im Rahmen der bestehenden Verfassungsorgane unter drei aufeinanderfolgenden Regierungen unterschiedlicher politischer Ausrichtung – Jorge Alessandri, Eduardo Frei Montalva und Salvador Allende –, bevor sie nach dem Militärputsch von 1973 durch die Diktatur Augusto Pinochets gewaltsam gestoppt und zu großen Teilen rückabgewickelt wurde.
Bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die chilenische Landwirtschaft durch ein quasi-feudales System mit einer Vorherrschaft des Großgrundbesitzes (Latifundien) geprägt. Riesige Ländereien (Haciendas oder Fundos) im fruchtbaren Zentraltal (Valle Central) befanden sich im Besitz einer kleinen, traditionellen Oligarchie, während die Mehrheit der Landbevölkerung als landlose Pächter (Inquilinos) oder Tagelöhner unter extrem armen Bedingungen lebte und in sozialer und politischer Abhängigkeit von den Patrones gehalten wurde. Zu Beginn der 1960er Jahre kontrollierten weniger als 5 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe rund 80 Prozent des gesamten chilenischen Ackerlandes, wovon jedoch große Teile brachlagen oder ineffizient bewirtschaftet wurden, was zu chronischen Nahrungsmittelengpässen und einer hohen Importabhängigkeit des Landes führte.
Der entscheidende Anstoß für den Beginn der ersten Landreform in Chile war außenpolitischer Natur. Nach dem Erfolg der Kubanischen Revolution von 1959 befürchtete die US-Regierung unter John F. Kennedy ähnliche linke Umstürze in anderen Ländern Lateinamerikas. Im Rahmen der 1961 ins Leben gerufenen Allianz für den Fortschritt (Alianza para el Progreso) knüpfte Washington finanzielle Entwicklungshilfe strikt an die Bedingung, agrarische und steuerliche Reformen zur Befriedung des ländlichen Raums durchzuführen.
Unter diesem internationalen Druck verabschiedete die konservative Regierung von Präsident Jorge Alessandri am 27. November 1962 das Landreformgesetz Nr. 15020 (Ley de Reforma Agraria). Mit diesem Gesetz wurden die zentralen bürokratischen Institutionen des Reformprozesses geschaffen: die staatliche Landreformgesellschaft CORA (Corporación de la Reforma Agraria) und das Institut für landwirtschaftliche Entwicklung INDAP (Instituto de Desarrollo Agropecuario).
In der Praxis blieb die Umsetzung unter Alessandri jedoch minimal, weshalb das Gesetz von zeitgenössischen Kritikern und der politischen Linken als Reforma Macaroni (Makkaroni-Reform) verspottet wurde – in Anspielung darauf, dass es zwar eine äußere Struktur besaß, im Inneren jedoch hohl war. Das Gesetz sah langwierige juristische Entschädigungsverfahren vor und konzentrierte sich primär auf die freiwillige Aufteilung von bereits im Staatsbesitz befindlichen Ländereien sowie den Ankauf schlecht bewirtschafteter Güter zu Marktpreisen. Bis zum Ende von Alessandris Amtszeit im Jahr 1964 wurden lediglich rund 1500 bäuerliche Familien auf eigenem Land angesiedelt, wodurch die bestehende Latifundienstruktur nahezu unangetastet blieb.
Mit dem Wahlsieg des Christdemokraten Eduardo Frei Montalva im Jahr 1964 erfuhr die Landreform eine massive Beschleunigung. Frei trat mit dem ambitionierten Reformprogramm einer „Revolution in Freiheit“ (Revolución en Libertad) als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus an und stellte seine Agrarpolitik unter das Motto „Land für den, der es bearbeitet“ (La tierra para el que la trabaja).
Am 28. Juli 1967 verabschiedete die Regierung Frei das Landreformgesetz Nr. 16640, welches das rechtliche Fundament für systematische Enteignungen schuf. Das Gesetz führte eine mathematische Standardeinheit ein: Hectárea de Riego Básico (HRB – Basis-Bewässerungshektar). Jedes landwirtschaftliche Gut, dessen Fläche den Maximalwert von 80 HRB überschritt, wurde gesetzlich enteignungsfähig. Zudem durfte der Staat Ländereien unabhängig von ihrer Größe einziehen, wenn sie nachweislich schlecht bewirtschaftet oder von ihren Besitzern verlassen worden waren.
Um wirtschaftliche Einbrüche während der Übergangsphase zu verhindern, etablierte die CORA das System der Asentamientos (Siedlungen). Enteignete Güter wurden nicht sofort parzelliert und privatisiert, sondern für einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren gemeinschaftlich von den dortigen Bauern unter der technischen Leitung der CORA bewirtschaftet, um sie im Genossenschaftswesen zu schulen.
Flankiert wurde die Landreform durch das zeitgleich verabschiedete Gesetz zur gewerkschaftlichen Organisation der Bauern (Ley de Sindicalización Campesina, Nr. 16.625). Dieses Gesetz führte zu einer Politisierung und gewerkschaftlichen Mobilisierung der zuvor isolierten Landbevölkerung, wodurch die Machtbasis der oligarchischen Patrone zurückgedrängt wurde. Bis zum Ende der Amtszeit Freis im Jahr 1970 wurden etwa 1300 Großbetriebe mit einer Gesamtfläche von rund 3,5 Millionen Hektar enteignet und mehr als 20.000 Familien in Asentamientos angesiedelt.
Nach dem Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende und seines Linksbündnisses Unidad Popular im Jahr 1970 erreichte die chilenische Landreform ihre intensivste und zugleich konfliktreichste Phase. Allende verzichtete aus machttaktischen Gründen auf den Entwurf eines neuen Agrargesetzes, da er im chilenischen Kongress keine Mehrheit besaß. Stattdessen nutzte seine Regierung das unter seinem Vorgänger Frei verabschiedete Gesetz Nr. 16.640 mit radikaler Konsequenz aus. Das erklärte Ziel der Unidad Popular war die vollständige Beseitigung des Latifundismus innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb von nur zwei Jahren wurden fast alle verbliebenen Großbetriebe, die die gesetzliche Obergrenze von 80 Hectáreas de Riego Básico (HRB) überschritten, von der Reformbehörde CORA enteignet.
Parallel zu den offiziellen staatlichen Enteignungen kam es zu irregulären Landnahmen. Landlose und radikale Organisationen wie die Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) organisierten eigenmächtige, spontane Landbesetzungen (Tomas de terrenos) und „Zaunverschiebungen“ (Corridas de cercas). Diese Besetzungen betrafen häufig auch mittlere landwirtschaftliche Betriebe, die rechtlich unterhalb der Enteignungsgrenze lagen, was zu einer tiefen Verunsicherung des ländlichen Mittelstandes führte. Die Regierung Allende weigerte sich in den meisten Fällen, das Militär oder die Polizei zur Räumung gegen die Bauern einzusetzen, und versuchte stattdessen, die Besetzung der Güter nachträglich durch die CORA zu legalisieren.
Um den Agrarsektor wirtschaftlich neu zu organisieren, schuf die Regierung neue Strukturen wie die Centros de Producción (CEPRO, „Produktionszentren“). Diese staatlich gelenkten und finanzierten Großbetriebe sollten im Gegensatz zu den christdemokratischen Asentamientos dauerhaft im Eigentum des Staates verbleiben, wobei die Landarbeiter Festlöhne erhielten. Dies stieß jedoch auf den Widerstand vieler Bauern, die ein starkes Interesse an der Aufteilung des Landes in individuelles Privateigentum besaßen. Die zunehmende Polarisierung, illegale Landnahmen, Sabotageakte der enteigneten Großgrundbesitzer und der Mangel an Transportmitteln führten ab 1972 zu einem drastischen Einbruch der chilenischen Agrarproduktion und verschärften die allgemeine Versorgungskrise im Vorfeld des Militärputschs massiv.
Der Militärputsch vom 11. September 1973 unter Führung von General Augusto Pinochet setzte der chilenischen Landreform ein abruptes und gewaltsames Ende. Die Militärjunta zerschlug umgehend die ländlichen Gewerkschaften und die bäuerlichen Organisationsstrukturen. Tausende Aktivisten, Gewerkschaftsführer und Mitarbeiter der Reformbehörden CORA und INDAP wurden verhaftet, gefoltert, ermordet oder gingen ins Exil.
In den darauffolgenden Jahren leitete das Regime eine als Contrarreforma Agraria („Land-Gegenreform“) bezeichnete Politik ein, bei der das zuvor enteignete Land in einem dreistufigen Prozess neu aufgeteilt wurde:
Flankiert wurde diese Besitzumverteilung von einer radikalen neoliberalen Schocktherapie, die von den sogenannten Chicago Boys entworfen wurde. Das Regime schaffte sämtliche agrarischen Schutzzölle, staatliche Preiskontrollen und günstige Kredite für Kleinbauern ab und öffnete den Sektor vollständig für den freien Weltmarkt. Da die neu angesiedelten Kleinbauern (Parceleros) ohne staatliche Unterstützung und Agrarkredite nicht wettbewerbsfähig waren, sahen sich viele von ihnen in den späten 1970er und 1980er Jahren gezwungen, ihr neu erworbenes Land zu Niedrigpreisen an Großkonzerne zu verkaufen. Das traditionelle, ineffiziente Latifundien-System kehrte zwar nicht zurück, wurde jedoch durch hocheffiziente, stark konzentrierte transnationale Agrar- und Forstkonzerne ersetzt, die sich auf den lukrativen Export von Obst, Wein und Holz konzentrierten, während die verarmte Mehrheit der Landbevölkerung erneut in die Rolle von rechtlosen, saisonalen Tagelöhnern (Temporeros) gedrängt wurde. Als Folge der Landkonzentrationsprozesse unter Pinochet war die Ungleichverteilung des Landbesitzes 1997 größer als vor 1955.
Eine besondere soziale und ethnische Eigendynamik entwickelte der Reformprozess im Süden Chiles, insbesondere in der Provinz Cautín und der Region Araucanía, der historischen Heimat der Mapuche. Für die indigene Bevölkerung war die Landreform nicht nur ein Instrument sozialer Umverteilung, sondern eng verknüpft mit der Forderung nach Restitution ihres Ahnenlandes, das ihnen der chilenische Staat im Zuge der militärischen „Befriedung Araukaniens“ Ende des 19. Jahrhunderts zugunsten weißer Großgrundbesitzer (Winkas) entzogen hatte.
Mit dem Amtsantritt Salvador Allendes im Jahr 1970 radikalisierte sich die indigene Landbewegung. Unterstützt von linksrevolutionären Gruppierungen wie dem MCR (Movimiento Campesino Revolucionario, dem bäuerlichen Flügel des MIR) warteten viele Mapuche-Gemeinschaften (Reducciones) nicht auf die bürokratischen Enteignungsverfahren der CORA. In einer als Cautinazo bekannten Welle agrarischer Rebellion besetzten sie eigenmächtig hunderte Güter gleichzeitig und verschoben durch Corridas de cercas (Zaunverschiebungen) die Grenzen der Haciendas zugunsten ihrer Dörfer.
Um die Situation rechtlich zu ordnen, verabschiedete die Regierung Allende im September 1972 das spezifische Indigenengesetz Nr. 17.729 (Ley Indígena). Dieses Gesetz schuf die juristische Grundlage, um unrechtmäßig angeeignete Ländereien direkt und gemeinschaftlich an die Mapuche zurückzugeben – unabhängig von der allgemeinen 80-HRB-Obergrenze der regulären Landreform. Mindestens 150.000 Hektar Land wurden so restituiert.
Aufgrund ihrer radikalen Methoden und der Zerschlagung des ländlichen Großgrundbesitzes waren die Mapuche nach dem Militärputsch von 1973 der härtesten Repression durch das Pinochet-Regime ausgesetzt. In Kooperation mit den zurückgekehrten Großgrundbesitzern führten Militär und Polizei brutale „Säuberungsaktionen“ auf dem Land durch. Hunderte indigene Anführer wurden gefoltert, hingerichtet oder „verschwundengelassen“ (Desaparecidos). Mit dem Dekret 2568 hob die Junta 1979 das kollektive Eigentumsrecht der Indigenen auf, parzellierte das Land zwangsweise und verkaufte die waldreichen Flächen zu Niedrigstpreisen an regierungsnahe private Forstmonopole. Die Zerschlagung der agrarischen Errungenschaften der Mapuche von 1972 gilt in der Geschichtswissenschaft als zentraler Entstehungsgrund des bis heute andauernden chilenischen Mapuche-Konflikts.