Jean Maitron

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Jean Maitron (* 7. Dezember 1910 in Sardy-lès-Épiry; † 16. November 1987 in Créteil) war ein französischer Historiker. Er ist vor allem durch sein Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français (Biografisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung), kurz Le Maitron, bekannt.

Leben

Jean Maitron wuchs in einer kommunistischen, libertären und antiklerikalen Familie auf (sein Großvater Simon Maitron, Schuh- und Stiefelmacher in La Charité-sur-Loire, war laizistischer Kommunarde, sein Vater Marius Maitron, libertärer Sozialist, war Mitglied der Französischen Arbeiterpartei). Beide Eltern waren Grundschullehrer. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Nevers trat er 1929 in die Vorbereitungsklasse des Lycée Louis-le-Grand ein, wo er der Union fédérale des étudiants und im folgenden Jahr der Parti communiste français beitrat, die er 1933 nach einer „bestürzenden“ Reise in die Sowjetunion wieder verließ. 1935 trat er nach einer kurzen Zeit in der Ligue communiste wieder in die KP ein, die er 1939 nach dem Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt endgültig verließ. Seine politische Heimat fand er danach im Umfeld von La Révolution prolétarienne (Die proletarische Revolution) bei Personen wie Maurice Chambelland, Pierre Monatte und Alfred Rosmer.

Ab 1936 arbeitete er als Lehrer. Im selben Jahr heiratete er Marcelle Gourdon, Lizentiatin in Geschichte und Geographie, die selbst aus einer protestantischen Familie aus den Cevennen stammte und eine Nachfahrin des Kamisardenführers Rolland war. Das Paar hatte drei Kinder.

Die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Partei war so heftig, dass er sich während des Zweiten Weltkriegs nicht an der Résistance beteiligte. Stattdessen unterstützte er mit Geldsammlungen unterdrückte Lehrer und politische Gefangene sowie die Evakuierung von Kindern aus Paris in ländliche Gemeinden. 1948/49 trug er zur Gründung des Institut français d’histoire sociale bei.

1950 promovierte er mit einer Dissertation über die Geschichte der anarchistischen Bewegung in Frankreich vor 1914 (seine zusätzliche Arbeit war dem anarchosyndikalistischen Aktivisten Paul Delesalle gewidmet). Sein Doktorvater Pierre Renouvin sorgte dafür, dass er von 1955 bis 1963 an das CNRS abgeordnet wurde und ernannte ihn anschließend zum Oberassistenten an der Sorbonne mit dem Auftrag, das Centre d’Histoire du Syndicalisme zu gründen (1966). Seine Laufbahn beendete er 1976 an der Universität Paris 1.

Als Pionier der Arbeitergeschichte in Frankreich führte er diese an der Universität ein und gab ihr die archivalischen Grundlagen. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Standardwerke wie das Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français (Biographisches Lexikon der französischen Arbeiterbewegung), das über seinen Tod hinaus fortgeführt wurde und allgemein als Le Maitron bekannt ist, sowie eine Geschichte des Anarchismus in Frankreich. Jean Maitron gründete und leitete zwei Zeitschriften: L'Actualité de l’histoire (1953–1960) und anschließend Le Mouvement social (seit 1960). Als Historiker der Bewegung und des Anarchismus war er allerdings kein Anarchist, obwohl dies viele glaubten.

Sein Werk wird von einem Team unter der Leitung von Claude Pennetier im Rahmen des Centre d'histoire sociale du XXe siècle (CNRS / Universität Paris 1) weitergeführt. Im Jahr 2006 erschien eine neue Reihe des Lexikons in zwölf Bänden. Sie trägt den Titel Dictionnaire biographique, mouvement ouvrier, mouvement social und wurde 2016 abgeschlossen; sie umfasst den Zeitraum 1940–1968. Das Unternehmen wird mit der Aktualisierung der Einträge und der Erstellung neuer Einträge durch die Digitalisierung des „Maitron online“ fortgesetzt.

Ehrungen

1996 hat die Fédération de l’Éducation nationale (heute UNSA Éducation) den Prix Jean Maitron ins Leben gerufen, der sein Werk fortsetzt und mit dem eine Masterarbeit (ursprünglich Magisterarbeit) ausgezeichnet wird. Die Jury des Maitron-Preises, derzeit unter dem Vorsitz von Antoine Prost, setzt sich zur Hälfte aus Akademikern und zur Hälfte aus Gewerkschaftern zusammen. Eine Reihe von Büchern zur Sozialgeschichte trägt ebenfalls seinen Namen im Verlag Éditions de l’Atelier.

2016 veröffentlichte der Journalist Edwy Plenel das Buch Voyage en terres d’espoir (Reise in das Land der Hoffnung), eine „Hommage an die Vergessenen und Unbekannten, die für die Emanzipation gekämpft haben“. Der Autor erklärte: „Ich wollte dem Maitron gerecht werden, benannt nach dem Historiker Jean Maitron, dem Begründer dieses großen Werkes: des biographischen Wörterbuchs der Arbeiterbewegung und der sozialen Bewegung“.

1982 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, 1985 zum Ritter des Ordre des Arts et des Lettres.

Le Maitron

Le Maitron ist der Gebrauchsname einer Reihe von biografischen Wörterbüchern der Arbeiterbewegung, die bis zu seinem Tod 1987 von Jean Maitron und danach von seinem Nachfolger Claude Pennetier geleitet wurden. Laut Pennetier besteht das Wörterbuch „sowohl aus wichtigen, wissenschaftlich erstellten Biografien als auch aus kürzeren Notizen, die die Erinnerung an einen Namen bewahren“.

Le Maitron lässt sich in mehrere Teile untergliedern:

Die Website Le Maitron en ligne (MEL), die für den Zeitraum 1789–1968 über 186.000 Einträge enthält, ist frei und kostenlos.

Verein der Freunde des Maitron

Die 1982 gegründete Association des amis du Maitron ist ein Verein nach dem Gesetz von 1901, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Le Maitron aufzuwerten. Nachdem der Verein lange Zeit von der Historikerin Madeleine Rebérioux und dann von Antoine Prost (2005–2012) präsidiert wurde, wird er seit 2012 von den Historikern Jean-Louis Robert und Claude Pennetier geleitet. Im Februar 2023 trat Jean-Louis Robert als Co-Präsident der Vereinigung zurück.

Werke von Jean Maitron

Literatur

im Text zu Jean Maitron verwendet
zu Jean Maitron, im Text nicht verwendet
im Text zu Le Maitron verwendet
zu Le Maitron, im Text nicht verwendet
zu Jean Maitron
zu Le Maitron

Anmerkungen

  1. ↑ Die Union fédérale des étudiants war eine Studentenorganisation, die von 1926 bis 1938 Studenten vereinte, die Mitglieder der Kommunistischen Partei Frankreichs waren oder ihr nahestanden. Siehe weiterführend dazu fr:Union fédérale des étudiants in der französischsprachigen Wikipédia.
  2. ↑ Das Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, Dokumentationen und Privatarchive über die soziale Bewegung und ihre Akteure zusammenzutragen. Dazu auch fr:Institut français d'histoire sociale in der französischsprachigen Wikipédia.
  3. ↑ Siehe hierzu weiterführend fr:Centre d'histoire sociale des mondes contemporains in der französischsprachigen Wikipédia.
  4. ↑ Die Fédération de l’Éducation nationale (FEN) war eine französische Berufsorganisation, die sich ursprünglich auf die Beschäftigten des Bildungswesens bezog und später auch die Beschäftigten in den Bereichen Forschung und Kultur einschloss (ihr Organisationsbereich umfasste bis zu acht Ministerien). Sie vereinigte mehrere Gewerkschaften. Siehe hierzu weiterführend fr:Fédération de l'Éducation nationale in der französischsprachigen Wikipédia.
  5. ↑ Siehe auch fr:Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français in der französischsprachigen Wikipédia.
  6. ↑ Siehe auch fr:Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier international in der französischsprachigen Wikipédia.
  7. ↑ Siehe auch fr:Dictionnaire biographique, mouvement ouvrier, mouvement social in der französischsprachigen Wikipédia.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Perrot 1991
  2. ↑ Maurice Chambelland (1901–1966). (PDF) In: Revolutionproletarienne. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  3. ↑ Bianco 1987
  4. ↑ Joinet 1999
  5. 1 2 3 Claude Pennetier: MAITRON Jean. In: Le Maitron. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  6. ↑ Pennetier 2008
  7. ↑ Matthieu Villeroy: Dans les années 1930, le Nivernais Jean Maitron effectuent deux voyages initiatiques en URSS et en Allemagne nazie. In: Le journal du centre. 6. März 2021, abgerufen am 6. November 2023.
  8. ↑ Claude Pennetier: L’histoire collective de Jean Maitron. In: La Vie des idées. 13. Oktober 2017, abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  9. 1 2 3 4 Vaccaro 2011
  10. ↑ Colette Chambelland: DELESALLE Paul. In: Le Maitron. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  11. ↑ RENOUVIN Pierre. In: La France savante. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  12. ↑ Sirinelli 1988
  13. ↑ Presse et revues: L’Actualité de l’histoire : bulletin de l’Institut français d'histoire auf Gallica
  14. ↑ Pennetier 1994
  15. ↑ Claude Pennetier. In: La Vie des idées. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  16. ↑ Bruno Poucet, Madeleine Singer: PROST Antoine, Marie, François. In: Le Maitron. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  17. ↑ Prix Jean Maitron. In: EDU. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  18. ↑ Collection Jean Maitron. In: bibliotheques-admin.paris.fr. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  19. ↑ Angaben zu Edwy Plenel in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  20. ↑ Plenel 2016
  21. ↑ Pennetier 1996
  22. ↑ Dictionnaire biographique mouvement ouvrier mouvement social, vol 12, 2016, Präsentationshinweis, S. 7
  23. ↑ Ankündigung und Inbetriebnahme anlässlich des 30. Journée du Maitron.
  24. ↑ Angaben zu Michel Cordillot in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  25. ↑ Michel Cordillot, Damien Dole, Gabriel Pornet: Michel Cordillot : «Dégager la Commune de Paris de tous les mythes et les fantasmagories». In: Libération. 20. Januar 2021, abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  26. ↑ ASSOCIATION DES AMIS DU MAITRON. In: République Française. Abgerufen am 6. November 2023 (französisch).
  27. ↑ Angaben zu Jean-Louis Robert in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
Personendaten
NAME Maitron, Jean
KURZBESCHREIBUNG französischer Historiker
GEBURTSDATUM 7. Dezember 1910
GEBURTSORT Sardy-lès-Épiry
STERBEDATUM 16. November 1987
STERBEORT Créteil