Leisure Sickness

Das Phänomen Leisure Sickness (deutsch: Freizeitkrankheit) ist in der modernen Arbeitswelt weit verbreitet. Laut einer repräsentativen Studie der IU Internationalen Hochschule aus dem Jahr 2025 haben rund 71,9 % der Arbeitnehmer in Deutschland bereits erlebt, an freien Tagen oder im Urlaub krank zu werden oder sich massiv erschöpft zu fühlen. Etwa 19,3 % der Befragten leiden sogar regelmäßig (immer oder häufig) unter diesem Syndrom. Besonders betroffen sind Leistungsträger, da diese oft erst bei nachlassendem Druck körperliche Symptome wahrnehmen.

Ursachen und physiologische Grundlagen

Wissenschaftlich wird das Phänomen häufig mit dem sogenannten „Let-down-Effekt“ erklärt. In Phasen hoher Belastung aktiviert der Körper das sympathische Nervensystem, was zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin führt. Diese Hormone halten den Körper leistungsfähig und unterdrücken kurzfristig Entzündungsprozesse. Parallel dazu steigt der Spiegel des Stresshormons Cortisol, welches das Immunsystem dämpft (Immunsuppression).

Fällt die Belastung schlagartig weg (z. B. am ersten Urlaubstag), sinkt der Adrenalinspiegel schnell ab, während der Cortisolspiegel nur langsam zurückgeht. In dieser Phase ist das Immunsystem durch das restliche Cortisol noch immer geschwächt, während die schützende „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion des Adrenalins bereits fehlt. Dies schafft ein Zeitfenster, in dem bereits vorhandene, aber unterdrückte Infekte ausbrechen oder neue Erreger leichter eindringen können.

Weitere wissenschaftliche Modelle, das LS-Syndrom ebenfalls erklären:

Risikofaktoren und Einordnung

Leisure Sickness ist derzeit keine eigenständige klinische Diagnose im ICD-11. Es wird jedoch als psychosomatisches Warnsignal für chronischen Stress und eine mangelhafte Work-Life-Balance gewertet. Besonders gefährdet sind Personen mit:

Einige Experten sehen im wiederholten Auftreten von Leisure Sickness ein potenzielles Frühwarnzeichen für ein beginnendes Burnout-Syndrom.

Symptomatik

Die Symptome treten typischerweise unmittelbar zu Beginn der Freizeit auf. Häufige Beschwerden sind:

Wirtschaftliche Aspekte

Das LS-Syndrom stellt auch ein ökonomisches Risiko für Unternehmen dar. Schätzungen zufolge sinkt die Leistungsfähigkeit von betroffenen Mitarbeitern nach einem nicht erholsamen Wochenende um bis zu 40 %. Dies führt zu massiven versteckten Kosten durch Präsentismus oder spätere krankheitsbedingte Ausfälle.

Forschung

Die Psychologen Ad Vingerhoets und Maaike van Huijgevoort untersuchten das Phänomen erstmals 2001 systematisch.

Ergänzend zu den frühen Untersuchungen von Vingerhoets lieferte eine Studie von Viktoriya Maydych et al. (2017) experimentelle Belege für die verzögerte Reaktion des Immunsystems auf Stress. Die Forscher wiesen nach, dass die Anzahl und Aktivität bestimmter Immunzellen (wie natürliche Killerzellen und Monozyten) nicht unmittelbar während der Belastung, sondern erst mit einer zeitlichen Verzögerung in der darauffolgenden Erholungsphase signifikant absinkt. Dieser „Time-Lag“-Effekt untermauert die physiologische Basis des Let-down-Effekts und erklärt, warum Infekte gehäuft zu Beginn einer Ruhephase ausbrechen.

Eine aktuelle Untersuchung der IU Internationale Hochschule (2025) bestätigte zudem den Zusammenhang zwischen der Schwierigkeit, kognitiv von der Arbeit zu distanzieren, und der Schwere der Symptome. Demnach korreliert insbesondere die ständige Erreichbarkeit (Digital Stress) signifikant mit dem Auftreten von Leisure Sickness.

In einem Interview im Januar 2026 betonte auch der Mediziner Reinhard Friedl die Bedeutung der „Herz-Hirn-Achse“ bei der Entstehung von Erschöpfungssymptomen im Urlaub.

Ferner beschreiben Reinhard Friedl und Shirley Michaela Seul Leisure Sickness nicht als bloßen Zufall, sondern als Warnsignal der Seele und des Körpers. Es ist das Resultat einer Lebensweise, bei der die Verbindung zum eigenen Herzrhythmus und die Achtsamkeit für die im Blut zirkulierenden Belastungssignale verloren gegangen sind. Das Blut „erzählt“ die Geschichte der Überlastung, und das Herz quittiert den plötzlichen Rhythmuswechsel mit einer vorübergehenden Anfälligkeit.

Aktuelle Statistiken (2025)

Während erste Studien von Ad Vingerhoets (2002) die Prävalenz auf etwa 3 % der Bevölkerung schätzten, deuten neuere Untersuchungen auf eine weitaus höhere Betroffenheit hin. Eine repräsentative Studie der IU Internationale Hochschule aus dem Jahr 2025 ergab, dass rund 20 % der Arbeitnehmer in Deutschland häufig oder immer unter Symptomen von Leisure Sickness leiden. Insgesamt gaben knapp 72 % der Befragten an, das Phänomen zumindest gelegentlich an sich beobachtet zu haben.

Neuere Erhebungen aus dem Jahr 2025 zeigen eine steigende Tendenz dieses Phänomens in westlichen Industriegesellschaften:

Prävention

Arbeitsorganisatorische Maßnahmen

Physiologische Strategien

Wissenschaftliche Leitlinien zur Psychosomatik empfehlen heute das sogenannte Pacing, um den Urlaubs-Crash zu vermeiden:

Psychologische Faktoren

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Stefanie André: Leisure Sickness: Erschöpft statt erholt. In: IU Internationale Hochschule. 25. Juni 2025, abgerufen am 12. Februar 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 Birte Balsereit: Das LS-Syndrom – Warum Leistungsträger oft in der Freizeit erkranken. In: Peter Buchenau (Hrsg.): Chefsache Gesundheit I. 2. Auflage. Springer Gabler, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-16580-2.
  3. ↑ Elisabeth Rauh: Immer krank im Urlaub – leiden Sie an „Leisure Sickness“? Apotheken Umschau, 17. Juli 2024, abgerufen am 26. Januar 2026.
  4. ↑ DocCheck Community: Leisure Sickness. Abgerufen am 22. Januar 2026.
  5. ↑ Was ist Leisure Sickness und was kann man gezielt dagegen tun? AOK-Mediendienst, 7. Oktober 2024, abgerufen am 26. Januar 2026.
  6. ↑ Stefanie André: Das Leisure Sickness Syndrom als Frühwarnzeichen eines Burnout-Syndroms. 2022, abgerufen am 26. Januar 2026.
  7. ↑ Ad Vingerhoets: Research on Leisure Sickness. Universität Tilburg, abgerufen am 22. Januar 2026.
  8. ↑ V. Maydych et al.: Impact of chronic and acute academic stress on lymphocyte subsets and monocyte function. In: PLOS ONE. 15. November 2017, abgerufen am 12. Februar 2026.
  9. ↑ IU Internationale Hochschule: IU Studie zu Leisure Sickness: Jeder Fünfte fühlt sich im Urlaub oft krank oder erschöpft. 24. Juni 2025, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 12. Februar 2026. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  10. 1 2 Podcast-Interview: Herz und Stress. 7. Januar 2026, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 22. Januar 2026. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  11. ↑ Reinhard Friedl, Shirley Michaela Seul: Der Takt des Lebens. Warum das Herz unser wichtigstes Sinnesorgan ist. Goldmann, München 2019, ISBN 978-3-442-15978-9.
  12. ↑ Reinhard Friedl: Blut – Der Fluss des Lebens. Goldmann, München 2021, ISBN 978-3-442-31698-4.
  13. ↑ Stefanie André: IU Studie zu Leisure Sickness: Jeder Fünfte fühlt sich im Urlaub oft krank oder erschöpft. IU Internationale Hochschule, 24. Juni 2025, abgerufen am 26. Januar 2026.
  14. ↑ Franz Neumeier: Schiffsarzt Dr. Reinhard Friedl im Interview. In: cruisetricks.de. 7. Januar 2026, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 22. Januar 2026. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  15. ↑ Statistiken zur Freizeitkrankheit 2025. Ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 22. Januar 2026. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  16. ↑ Krank im Urlaub: Leisure Sickness vermeiden. Pronova BKK, abgerufen am 26. Januar 2026.