Liminal Space

Ein langer, menschenleerer Flur mit tiefrotem, gemustertem Teppichboden und weißen Wänden. Auf beiden Seiten befinden sich dunkle Holztüren in regelmäßigen Abständen, beleuchtet von Wandlampen. Der Blick führt zentral in die Tiefe des Raumes.
Ein leerer Hotelflur, ein häufiges Motiv in Darstellungen von Liminal Spaces

Liminal Space (im Deutschen auch liminaler Raum, Raum der Liminalität, Schwellenraum oder Schwellenraum) ist eine Internet-Ästhetik, bei der Darstellungen von gebauten Umgebungen im Mittelpunkt stehen, insbesondere von Orten, die mit Übergang oder einer vorübergehenden Nutzung in Verbindung stehen.

In solchen Bildern kann das Fehlen von Menschen, Aktivitäten oder des normalerweise in einer Umgebung zu erwartenden Kontexts dazu führen, dass vertraute Orte unheimlich oder surreal wirken und Nostalgie, Traurigkeit, Trost oder Unbehagen hervorrufen. Der Begriff leitet sich vom anthropologischen Konzept der Liminalität ab, obwohl seine Verwendung im Internet weiter gefasst ist und sich nicht immer auf Räume bezieht, die im wörtlichen Sinne Übergangsräume sind.

Im Jahr 2019 kursierten auf verschiedenen Online-Plattformen Bilder von Liminal Spaces, und diese Ästhetik wurde eng mit The Backrooms in Verbindung gebracht, einer modernen Sage, das im Mai 2019 auf 4chan erschien. Das Interesse daran stieg während der COVID-19-Pandemie, als Bilder von ungewöhnlich leeren öffentlichen Räumen weitverbreitet waren. Kommentatoren haben die Anziehungskraft dieser Ästhetik mit Nostalgie und dem Fehlen des erwarteten menschlichen Kontexts in Verbindung gebracht; eine Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass Abweichungen von vertrauten architektonischen Mustern dazu führen können, dass bebaute Umgebungen unheimlich wirken.

Merkmale

Langer, leerer Hotelkorridor mit geschwungener, weißer Decke, teils gelben Wandpaneelen und einem grau gemusterten Teppichboden. Die Flurwände verengen sich perspektivisch nach hinten.
Ein Flur im Disney’s Contemporary Resort – ein Beispiel für einen Raum, der mit Durchgang in Verbindung steht
Ein weitläufiger, leerer Unterrichtsraum ohne Fenster mit mehreren Reihen von Holztischen und blauen Stühlen, die auf eine Beamer-Leinwand und ein Whiteboard an der Stirnseite ausgerichtet sind. Der Raum wird ausschließlich von künstlichem Deckenlicht hell erleuchtet.
Ein leeres Klassenzimmer, das ohne seine erwarteten Schüler gezeigt wird

Die Verwendung des Begriffs im Internet ist weiter gefasst und weniger streng definiert als das anthropologische Konzept der Liminalität. Manche Darstellungen von Liminal Spaces zeigen Orte, die mit Übergängen oder vorübergehender Nutzung assoziiert werden, wie Treppenhäuser, Straßen, Flure, Hotels, Warteräume oder Einkaufszentren; andere zeigen vertraute Umgebungen ohne die Menschen, Aktivitäten oder den Kontext, die man normalerweise dort erwarten würde. Kommentatoren haben diese Bildwelt als unheimlich, surreal, nostalgisch oder traurig beschrieben und als fähig, sowohl Trost als auch Unbehagen hervorzurufen.

Peter Heft von Pulse: The Journal of Science and Culture führt die unheimliche Wirkung einiger Darstellungen von Liminal Spaces darauf zurück, dass vertraute Schauplätze außerhalb ihres erwarteten Kontexts erscheinen. Unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Mark Fisher beschreibt Heft die unerwartete Leere eines Schulgebäudes als ein für das Unheimliche charakteristische „Versagen der Präsenz“.

In einer Studie aus dem Jahr 2022 stellten die Psychologen Alexander Diel und Michael Lewis fest, dass Abweichungen von vertrauten Strukturmustern eine Uncanny-Valley-Reaktion auf gebaute Umgebungen hervorrufen können.

Kommentatoren haben die Anziehungskraft dieser Ästhetik zudem mit Nostalgie und persönlichen Erinnerungen in Verbindung gebracht, da vertraute visuelle Hinweise die Betrachter dazu anregen, sich an vergleichbare Erlebnisse zu erinnern oder diese auf ansonsten kontextlose Szenen zu projizieren.

Entstehung

Arnold van Gennep führte in Les rites de passage (1909) den anthropologischen Begriff der Schwellenphase oder auch liminalen Phase ein. Van Gennep unterteilte Übergangsriten in die Ablösungs-, Zwischen- (Liminalität) und die Integrationsphase. Der Anthropologe Victor Turner erweiterte später die Untersuchung der Liminalität und charakterisierte die liminale Phase als einen Zustand „zwischen zwei“ gesellschaftlich anerkannten Positionen.

Ein weitläufiger, leerer Innenraum mit beigefarbenem Teppichboden und gelblich gemusterten Tapeten. Mehrere freistehende Wandsegmente unterteilen den Raum labyrinthartig. An der flachen Decke sind längliche Leuchtstoffröhren eingeschaltet.
Das Foto, das im ursprünglichen Backrooms-Thread verwendet wurde

Im Jahr 2019 teilten Nutzer auf 4chan, Reddit, Tumblr und anderen Online-Plattformen Bilder, die mit der Ästhetik des Liminal Space in Verbindung standen. The Backrooms, eine moderne Sage, die im Mai 2019 auf 4chan veröffentlicht wurde, wurde eng mit dieser Ästhetik assoziiert. In dem Thread veröffentlichte ein anonymer Nutzer ein Bild eines offenbar leerstehenden, mit gelbem Teppich ausgelegten Innenraums, der von Leuchtstoffröhren beleuchtet wurde; ein anderer fügte eine Beschreibung eines riesigen Labyrinths aus leeren Räumen hinzu, die man durch noclipping aus der Realität betreten könne.

Das Interesse stieg während des COVID-19-Pandemie (der „großen sozialen Isolation“), als Fotos von ungewöhnlich leeren öffentlichen Räumen weit verbreitet waren. Im März 2020, als die Lockdowns begannen, wurde ein sprunghafter Anstieg der Beliebtheit von Bildern aus Liminal Spaces verzeichnet.

Bis November 2022 zählte das Subreddit mit dem Namen r/LiminalSpace über 500.000 Mitglieder, der Liminal-Space-Account @SpaceLiminalBot auf X, auf dem Fotos gepostet werden, hatte über 1,2 Millionen Follower erreicht, und der Hashtag #liminalspaces auf TikTok verzeichnete über zwei Milliarden Aufrufe.

In den Medien

Kane Parsons’ Found-Footage-Webserie Backrooms wurde zu einem Spielfilm adaptiert, der 2026 erschien. Der Film Exit 8 aus dem Jahr 2025 unter der Regie von Genki Kawamura, der auf dem Computerspiel von 2023 (The Exit 8) basiert, wurde als Beispiel für Liminal-Space-Horror diskutiert.

Regisseur Kyle Edward Ball erklärte, dass er sich bei der Entwicklung seines Horrorfilms Skinamarink aus dem Jahr 2022 Online-Communities wie r/liminalspaces und r/weirdcore angesehen habe. Dan Erickson, der Schöpfer von Severance, nannte The Backrooms als eine der Inspirationsquellen für die Serie.

Siehe auch

Commons: Liminal Spaces – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Martina John: Was sind Liminal Spaces? Von der Magie der Schwellenräume. In: Giersch. 13. Januar 2022, abgerufen am 3. September 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Madelyne Xiao: The Pleasant Head Trip of Liminal Spaces. In: The New Yorker. 16. April 2021, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Jake Pitre: The Eerie Comfort of Liminal Spaces. In: The Atlantic. 1. November 2022, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  4. 1 2 Bradley Earl Wiggins: The backrooms and liminal spaces: Explorations of a digital urban legend. In: New Media & Society. Band 27, Nr. 8, 2025, ISSN 1461-4448, S. 4729–4747, doi:10.1177/14614448241238395 (englisch).
  5. 1 2 Alexander Diel, Michael Lewis: Structural Deviations Drive an Uncanny Valley of Physical Places. In: Journal of Environmental Psychology. Band 82, 1. August 2022, ISSN 0272-4944, 250404379, S. 101844, doi:10.1016/j.jenvp.2022.101844 (englisch).
  6. ↑ Peter Heft: Betwixt and Between: Zones as Liminal and Deterritorialized Spaces. In: Pulse: The Journal of Science and Culture. Band 8. Central European University, Budapest 2021, S. 1–20 (englisch, pulse-journal.org [PDF; 263 kB; abgerufen am 3. September 2026]).
  7. ↑ Iver B. Neumann: Introduction to the Forum on Liminality. In: Review of International Studies. Band 38, Nr. 2, 2012, S. 473–479, doi:10.1017/S0260210511000817 (englisch).
    1. ↑ 473
  8. ↑ Matthias Warstat, Doris Kolesch: L. In: Metzler Lexikon Theatertheorie. J.B. Metzler, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-476-02487-9, S. 197–201, doi:10.1007/978-3-476-05357-2_11.
  9. ↑ Rodanthi Tzanelli: Rite of Passage. In: George Ritzer (Hrsg.): The Blackwell Encyclopedia of Sociology. Wiley, Hoboken 2017, doi:10.1002/9781405165518.wbeosr070.pub2.
  10. ↑ Michael L. Sandal: 'The Backrooms Game' Brings a Modern Creepypasta to Life [What We Play in the Shadows]. In: Bloody Disgusting. 30. April 2020, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  11. ↑ Matthew Lazin-Ryder: 'Liminal space' photography captures the eerieness and isolation of pandemic life. In: CBC Radio. 1. März 2022, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  12. ↑ Rebecca Rubin: 'Backrooms' Becomes A24's First Movie to Surpass $200 Million Globally, Overtaking 'Marty Supreme' as Studio's Highest-Grossing Release. In: Variety. 9. Juni 2026, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  13. ↑ Keith Stuart: 'Opening the hidden door within us': how Exit 8 took a simple game to purgatory. In: The Guardian. 24. April 2026, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  14. ↑ Isaac Feldberg: The Internet Has Been My Co-Director: Kyle Edward Ball on Skinamarink. In: RogerEbert.com. 7. Januar 2023, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).
  15. ↑ Eric Francisco: Severance Reveals the „Scary“ and „Surreal“ Underbelly of Office Work in 2022. In: Inverse. 24. Februar 2022, abgerufen am 3. September 2026 (englisch).