Krapf entstammte einer relativ wohlhabenden Bauernfamilie, er war ein Sohn von Johann Jakob Krapf (1773–1846) und seiner Frau Katharina Maria Braun (1779–1846). Er besuchte die Österbergschule oder Schola anatolica genannte Lateinschule in Tübingen, die ihn auf ein Universitätsstudium vorbereiten sollte. Dort lernte er Lateinisch, Griechisch, Französisch, Italienisch und im Selbststudium Hebräisch. Ab Mai 1827 bekam er jedoch eine Ausbildung als Missionar in der Basler Mission, brach sie aber nach zwei Jahren ab und studierte stattdessen ab 1829 bis 1834 Evangelische Theologie in Tübingen. Daran schlossen sich zwei Vikariatsstellen in Altburg bei Calw und Wolfenhausen bei Rottenburg am Neckar an. Wegen seiner pietistischen Predigten wurde er 1836 abberufen und arbeitete vorübergehend als Hauslehrer.
Äthiopien 1837–1843
1836 wurde er Mitglied der englischen Church Mission Society. In ihrem Auftrag ging Krapf 1837 nach Abessinien. Priester der äthiopischen Kirche und Personen der Oberschicht behinderten jedoch seine Arbeit. Bald nach seiner Ankunft in Adua 1838 wurde er auf Betreiben eines katholischen Missionars ausgewiesen und ging dann 1839 zu den Oromo (früher Galla genannt) in der Provinz Schoa. Dort lernte er deren Sprache Oromo, und er konnte bereits 1840 eine erste, noch unvollständige Grammatik und Vokabular und 1841 das Johannes− und Matthäusevangelium in dieser Sprache veröffentlichen. Nach einer Reise 1842 nach Kairo, wo er in Alexandrien eine Baslerin namens Rosina Dietrich heiratete, wurde ihm die Rückkehr nach Schoa verwehrt.
Ostafrika 1843–1855
Krapf Rognon (4.800 m) und Krapf Gletscher im Mount-Kenya-MassivErste Seite der Publikation von Krapfs Bibelübersetzung (Genesis 1) im Journal of the American Oriental Society, Boston 1849
1844 gründete er in Ostafrika nördlich von Mombasa die erste englische Missionsstation unter den Mijikenda, die er auf Kiswahili „Rabbai Mpya“ („Neu Rabbai“) nannte. Hier begann er mit der Übersetzung der Bibel.
Meist zusammen mit dem Missionar Johannes Rebmann, der ihm seit 1846 zur Seite stand, unternahm er mehrere erfolgreiche Reisen ins Binnenland, so nach Teita, Usambara, ins Kikuyugebiet sowie zum Tana-Fluss.
Bei diesen Entdeckungsreisen ins Innere Ostafrikas entdeckte Rebmann am 11. Mai 1848 für die westliche Welt den Kilimandscharo und Krapf am 3. Dezember 1849 das Mount-Kenya-Massiv. In Europa schenkte man den Erzählungen der beiden Missionare und Entdecker, dass es nur etwa 350 km bzw. 15 km südlich des Äquators Eis und Schnee gäbe, jedoch über Jahre keinen Glauben. Man nimmt an, dass Krapf dem Berg den Namen gab, als er einheimische Akamba nach dem Namen fragte und diese ihm kiinyaa (was angeblich 'Berg des Strauß' bedeutet, weil die Schneekappe wie die Kappe eines Strauß ausgesehen habe) geantwortet hätten. Andere sagen, dass das Kikuyu-Wort kere-nyaga gelautet habe (weißer Berg). Nach dem Berg wurde später der ganze Staat Kenia benannt.
Nachdem Krapf und Rebmann wiederholt Berichte über die Existenz eines großen Binnensees erhalten hatten, legten sie diese Erkenntnisse auf einer Karte für die Royal Geographical Society nieder und gaben damit den Anstoß zu Richard Francis Burtons und John Hanning Spekes erster Reise nach Innerafrika (1857 und 1858) und zur Entdeckung der großen Seen im Quellgebiet des Nils.
Er berichtete von seinen Reisen unter anderem seinem ehemaligen Hochschullehrer Heinrich Ewald.
1855–1881
Erinnerungstafel am Geburtshaus von Johann Ludwig KrapfGrabstein auf dem Alten Friedhof in Korntal
1855 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen im pietistischenKorntal nieder, wohin ihm später sein Gefährte Johannes Rebmann folgte.
1861 begleitete er zwei Missionare der United Methodist Free Churches (UMFC) nach Ostafrika, und 1868 diente er einer englischen Militärexpedition unter Lord Napier als Landeskundiger und Dolmetscher. Vor allem verbrachte er aber seine Zeit mit linguistischen Studien. So übersetzte er in dieser Zeit große Teile der Bibel ins Tigrinya, Oromo (Galla), Amharische und Altäthiopische.
1881 starb er in Korntal an einem Schlaganfall. Dort wurde er auch auf dem Alten Friedhof begraben. In seinem Geburtsort Derendingen sind eine Grundschule und eine Straße (Ludwig-Krapf-Straße) nach ihm benannt.
Familie
Krapf heiratete 1842 in Alexandria Rosina Dietrich (1817–1844). Nach deren Tod ehelichte er Johanna Wilhelmine Charlotte Pelargus (* 1817) und 1869 in Korntal Nanette Schmid. Als Kinder waren eine früh verstorbene Tochter aus der ersten Ehe und eine Tochter aus der zweiten Ehe bekannt.
Bedeutung und Ehrungen
Krapf als Sprachforscher
Große Bedeutung besitzt Krapf als Sprachforscher. In Äthiopien sammelte Krapf Handschriften der semitischen Sprachen Altäthiopisch und Amharisch, die er später der Universität Tübingen übergab. Dafür verlieh ihm deren Philosophischen Fakultät 1842 die Ehrendoktorwürde.
Krapf studierte in Äthiopien Amharisch und Tigrinya. Er übersetzte Teile der Bibel auf Tigrinya, des Weiteren verfasste er ein Vokabular und eine Grammatik 1840 und übersetzte 1870 Teile der Bibel in Oromo, eine ostkuschitische Sprache. In Ostafrika veröffentlichte er ein Vokabular der Massai-Sprache und sechs weiterer ostafrikanischer Sprachen und mehrerer Bantu-Sprachen. Er befasste sich mit dem Mombasa-Dialekt des Kiswahili und der Sprache der Mijikenda und brachte als erster diese Sprachen in Schriftform, wobei er die lateinische Schrift benutzte.
1850 veröffentlichte er die erste Kiswahili-Grammatik und 1882 ein Wörterbuch für Kiswahili. Bereits 1844 übersetzte er erste Teile der Bibel, das Genesisbuch, ins Kiswahili und legte damit den Grundstein für Kiswahili als Verkehrs- und Literatursprache Ostafrikas.
Krapf als Geograf und Afrikareisender
Herausragend ist seine und Rebmanns Entdeckung des Kilimandscharo und Mount Kenya. Er schickte zahlreiche geografische Berichte von seinen Reisen ins Landesinnere nach Europa, Landkarten mit Seen, von denen man ihnen berichtet hatte, und Spekulationen über die Quellen des Nils. Das Material war zwar wenig präzise, aber es weckte die Neugier der Geografen und gab so Anlass zur wissenschaftlich exakten Erkundung des Landesinneren (1858 erschienen in Stuttgart seine Reisen in Ost-Afrika in zwei Bänden).
Krapf als Missionar
An der Anzahl bekehrter Afrikaner gemessen waren die Erfolge Krapfs und Rebmanns nicht sehr groß. Seine Bedeutung liegt auch hier in der Pionierarbeit.
Sein Haus in New Rabbai ist nun ein Museum und Teil der nationalen Museen des Landes Kenia. Das Gebäude der Deutschen Botschaft in Nairobi heißt „Ludwig-Krapf-House“.
Kontroverse 2023
Durch die Stadtverwaltung Tübingen wurden die Schilder der 1930 nach Johann Ludwig Krapf benannten Straße im Jahr 2023 mit einem Plastikknoten versehen, jedoch nicht umbenannt. Dieser Knoten soll markieren, dass man sich mit dem Namensgeber noch einmal genauer befassen sollte, weil er angeblich in einem Umfeld von deutschem Kolonialismus und Rassismus gewirkt haben soll.
Am Himmelfahrtstag im Jahr 2023 besuchte der kenianische Bischof David Kodia den Geburtsort Krapfs. In diesem Zusammenhang äußerte sich dieser über die politischen Kontroversen:
"Was ihr über Ludwig Krapf denkt und sagt, kann ich nicht beurteilen [...] Was ich aber über seine Rolle für uns sagen kann, ist, dass er für uns ein von Gott Gesandter und ein großes Vorbild im Glauben ist. Er hat sich für Menschen in Afrika interessiert, hat ihnen nicht gleich Geschichten von Jesus erzählt, sondern erst einmal ihre Sprache gelernt, damit er in ihrer Sprache ihnen vom Reich Gottes erzählen kann. Krapf ist als Deutscher geboren, als Kenianer aber gestorben. Er hat mehr Zeit seines Lebens bei uns verbracht. Ich glaube wir kennen ihn besser als ihr." David Kodia
Schriften (Auswahl)
An Imperfect Outline of Galla. London 1840.
Tentamen Imbecillum Translationis Evangelii Johannis in Linguam Gallarum, London 1841.
Evangelium Matthei Translatum in Linguam Gallarum, Ankober 1841.
Vocabulary of the Galla Language, C. W. Isenberg, London 1842.
Journals of the Rev. Messrs. Isenberg and Krapf Detailing their Proceedings in the Kingdom of Shoa and Journeys in Other Parts of Abyssinia in the Years 1839, 1840, 1841, and 1842, with a Geographical Memoir by James McQueen, Trübner, London 1843. Neuauflage unter: Journals of C. W. Isenberg and J. L. Krapf, Frank Cass, London 1968.
mit Johannes Rebmann: The Beginning of a Spelling Book of Kinika, Bombay 1848.
Evangelio za Avioandika Lukas, Bombay 1848 (Lukasevangelium in Kinika).
Vocabulary of six East African languages with remarks on Geography and Ethnography. Kisuaheli, Kinika, Kikamba, Kipokomo, Kihiau, Kigalla, Tübingen 1850; Neuauflage: Farnborough, 1966.
Outline of the elements of the Kisuaheli Language, with special reference to the Kinika Dialect, Tübingen 1850.
Evangelio ta Yunaolete Malkosi, Tübingen 1850 (Markusevangelium in Kikamba).
Sala sa Sabuci na Jioni, Tübingen 1854 (Morgen- und Abendgebet des Book of Common Prayer in Swahili).
Reisen in Ostafrika, ausgeführt in den Jahren 1837–1855, 2 Bände, Stroh, Korntal/Stuttgart 1858. Neuauflage in einem Band: Hanno Beck, 1964; mit einer Einführung hrsg. von Werner Raupp, Münster, Berlin 1994 (= Afrikanische Reisen, 2).
J. Lewis Krapf: Travels, researches, and missionary labours, during an eighteen years' residence in Eastern Africa. Trübner & Co., London und Boston 1860; Neuauflage Frank Cass, London 1968.
The Gospel of St Luke, translated into the Galla Language, St. Chrischona 1870.
The Gospel of St John, translated into the Galla Language, St. Chrischona 1871.
The Books of the Old Testament. Translation in Amharic Language, 3 Bände, London 1871–1873.
The Psalms, translated into the Galla Language, St. Chrischona 1872.
The First Book of Moses translated into the Galla Language, St. Chrischona 1872.
The New Testament translated into the Galla Language, 4 Teile, St. Chrischona, 1876.
The Second Book of Moses translated into the Galla Language, St. Chrischona, 1877.
Dictionary of the Suahili Language, Träuber, London 1882; überarbeitete Neuauflage: Farnborough 1965.
mit Johannes Rebmann: A Nika-English Dictionary, Ed. Thomas Sparshott, London 1887.
Heinrich Balz: Mission, Eschatologie und Geschichte in Württemberg: Über Johann Ludwig Krapf und Karl Hartenstein, ZMiss 35, 2009, S. 253.
Andreas Baumann: Die „Apostelstraße“. Eine außergewöhnliche Vision und ihre Verwirklichung, Biblische Archäologie und Zeitgeschichte 8, Brunnen, Gießen 1999.
Hanno Beck: Große Reisende. Entdecker und Erforscher unserer Welt, Georg Callwey, 1971, ISBN 3-7667-0190-8.
Roy C. Bridges: Introduction to Travels, Researches, and Missionary Labours, by J. L. Krapf, Frank Cass, London 1968, S. 7–75.
Heinrich Bursik: „Wissenschaft u. Mission soll sich aufs innigste miteinander befreunden“. Geographie und Sprachwissenschaft als Instrumente der Mission – der Afrikareisende Johann Ludwig Krapf, Diplomarbeit Universität Wien 2008 (Online-Ressource; PDF; 1,4MB).
Wilhelm Claus: Dr. Ludwig Krapf, weil(and) Missionar in Ostafrika, Basel, 1882.
Aaron Dunlop: Johann Ludwig Krapf: His Life and Legacy, Ekklesia Afrika.
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Jochen Eber: Johann Ludwig Krapf: ein schwäbischer Pionier in Ostafrika. ArteMedia, Riehen & Johannis, Lahr 2006, ISBN 978-3-5010-1544-5.
Jochen Eber: Neue Forschungen zu Johann Ludwig Krapf, 2010.
Clemens Gütl: Johann Ludwig Krapf: Do’ Missionar vo’ Deradenga zwischen pietistischem Ideal und afrikanischer Realität. Hamburg 2001; ISBN 3-8258-5525-2, DOI:10.53458/SH.V55I1.5973.
Clemens Gütl: Johann Ludwig Krapf’s “Memoir on the East African Slave Trade” – Ein unveröffentlichtes Dokument aus dem Jahr 1853. Wien 2002 (Beiträge zur Afrikanistik 73).
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Gerhard Taddey und Rainer Brüning, Hg.: Johann Ludwig Krapf: Missionar, Forschungsreisender und Sprachforscher 1810–1881, in: Lebensbilder aus Baden-Württemberg 22, im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Kulturamt Tübingen, 2007, S. 90–99; Kohlhammer, Stuttgart 2007, S. 182–226.