Ludwig Wissell war ein deutscher Feuerwehrmann. Er war nach dem Beginn der Ost-West-Teilung erster Leiter der Westberliner Feuerwehr.
Ludwig Wissell war vermutlich in die Vorgänge des Reichstagsbrandes in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 direkt verwickelt, da er schon während der Weimarer Zeit als Feuerwehrbeamter tätig gewesen ist und zudem die Wache „Stettin“ in der Linienstraße in Berlin-Mitte diejenige war, die als Erste den Notruf vom Brand des Reichstags empfing und unverzüglich ausfuhr.
Wissell war 1945 Zugführer derselben Feuerwache „Stettin“ und widersetzte sich mit einem verbliebenen Löschwagen Modell KS (Kraftfahrspritze) 25, einem Drehleiterfahrzeug und den Resten seiner Mannschaft am 22. April dem Befehl des Kommandeurs der Berliner Feuerwehr, Generalmajor Walter Goldbach, sämtliche verbliebenen Löschfahrzeuge über Nauen nach Westen zu evakuieren. Damit war Wissells Einheit eine der letzten nahezu intakten Gruppen der Feuerwehr in der Hauptstadt in den finalen Tagen der Schlacht um Berlin.
Nach Kriegsende wurde er als Brandinspektor Vorsitzender des Betriebsrates des neugegründeten „Zentralamts der Feuerwehr“ und Mitarbeiter in der Nachrichtenzentrale und vertrat hier im Gegensatz zu Karl Feierabend, dem Behördenleiter, eine den Westalliierten zugewandte Gesinnung.
Bereits kurz nach dem Ende der Blockade Westberlins durch die Sowjetarmee 1947 begann neben der schon situationsbedingt von Statten gegangenen Spaltung mehrerer Behörden, wie der Polizei oder der Verkehrsbetriebe, auch bei der Feuerwehr ein schleichender Prozess der Teilung in einen Ost- und einen Westteil. Das Misstrauen beider Parteien gegenüber einander war bereits Anfang November so groß, dass Löschfahrzeuge aus Angst vor Beschlagnahmung nicht mehr in das jeweilig andere Gebiet einfuhren. Die Polizei im Ostsektor besetzte am 20.11. alle Ostwachen der Feuerwehr, woraufhin im amerikanischen Sektor die Polizei die Hauptfeuerwache nahe der Grenze besetzen ließ.
Am 21. November um 00:45 Uhr gab Ludwig Wissell ein Telegramm ab, wonach er „ab sofort im Auftrag der westlichen Militärregierungen die kommissarische Leitung der Feuerwehr übernommen“ habe. Die Meldung richtete sich an alle Abteilungen und Berufs- sowie Freiwilligen-Wachen der westlichen Sektoren. Dieser Mitteilung folgte um 01:31 Uhr ein weiteres Telegramm Wissells nach, das „sämtlichen Feuerwehrfahrzeugen der westlichen Sektoren“ strengstens untersagte, „den sowjetischen Sektor bzw. die Zone zu durchfahren.“ Dieser Befehl besiegelte de facto die endgültige Zersplitterung der Feuerwehr in zwei separate Behörden. Am 26.11. wurde der bisherige Feuerwehrchef Feierabend auf seiner Wache im französischen Sektor vorübergehend verhaftet und vom Berliner Magistrat, mittlerweile von allen SED-Mitgliedern verlassen, seines Amtes enthoben. Noch Ende November ernannte man Wissell zum neuen Oberbranddirektor und damit zum Leiter der Westberliner Feuerwehr.
Die größten Herausforderungen der neuen Löschbehörde waren neben der wirtschaftlich anfänglich einschränkenden „Insellage“ Berlins auch ein Personalnotstand, ein stark ausgedünnter Fuhrpark und systematische Knappheit im technischen Arsenal. Erste Errungenschaften wurden die Einführung von UKW-Funkwagen, die eine deutlich bessere Koordination der Löschkräfte und schnelleres Reagieren bei Notfällen ermöglichen. 1954 etablierte sich in Berlin erstmals die Notrufnummer „112“ statt der bisher üblichen „02“. Unter Wissell wurde außerdem die flächendeckende Einführung des modernen Blaulichts bei der Feuerwehr vorangetrieben, das erstmalig 1955 als „Rundumblinklicht (RBL)“ erprobt wurde. Auch sah sich Wissell mit der Schwierigkeit des immer stärkeren Einsatzes von Feuerwehrpersonal bei der notärztlichen Versorgung konfrontiert, die der städtische Rettungsdienst alleine nicht mehr verrichten konnte.
Ein kontroverses Thema blieb die ablehnende Haltung des Feuerwehrchefs gegenüber den Berliner Freiwilligen Feuerwehren. So ließ er während seiner Amtszeit die Hälfte der 18 nach 1949 noch bestehenden Freiwilligen Feuerwehren im Westberliner Raum ohne vorherige Absprache mit den Verantwortlichen auflösen und an ihrer Stelle Berufsfeuerwehren aufstellen. Am 29. März 1957 führte dieses Vorgehen zur Gründung des „Landesverbandes der Freiwilligen Feuerwehren Berlins“ und einer Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde durch den Kommandeur der Freiwilligen Feuerwehr Gatow, Wehrführer Schäfer.
Zum 30. Juni 1957 erfolgte Ludwig Wissells altersbedingte Versetzung in den Ruhestand, dessen Amtszeit vorher bereits zweimal verlängert worden war, da ein passender Nachfolger fehlte. Am 1. Juli wurde Oberbrandrat Friedrich Kaufhold, ehemals ein Berliner Feuerwerker bei der Feuerschutzpolizei zwischen 1936 und 1941, nun aber von der Landesfeuerwehrschule Nordrhein-Westfalen kommend, als neuer Oberbranddirektor und Leiter der Westberliner Feuerwehr vereidigt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wissell, Ludwig |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Feuerwehrmann |
| GEBURTSDATUM | 19. Jahrhundert oder 20. Jahrhundert |
| STERBEDATUM | 20. Jahrhundert oder 21. Jahrhundert |