Medieval Unicode Font Initiative

Die Medieval Unicode Font Initiative (MUFI) ist ein an der Universität Kopenhagen angesiedeltes internationales Projekt von Paläographen, das sich um die Kodierung spezieller lateinischer Schriftzeichen im Unicode-Standard und der ISO-Norm 10646 bemüht. Die MUFI-Zeichen gelten als faktischer Standard im Bereich von digitalen Editionen vormoderner Texte.

Hintergrund

In mittelalterlichen Handschriften (sowie frühen Drucken) gibt es zahlreiche Zeichen, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Dazu gehören Allographe (z. B. ‚ſ‘, das lange s), Ligaturen (z. B. ‚‘ aus ‚s‘ und ‚t‘; Unicode-Zeichen U+FB06 latin small ligature st), Kürzungszeichen (z. B. ‚-ꝝ‘ für die Endung ‚-rum‘), diakritische Zeichen (z. B. Ogonek) und Satzzeichen (z. B. das historische Dreipunktzeichen ⸫). Üblicherweise werden diese Zeichen in Transkriptionen normalisiert, das heißt, durch gebräuchliche Zeichen wiedergegeben (‚s‘ statt ‚ſ‘ usw.). Abkürzungen werden dabei je nach Transkriptionsrichtlinien stillschweigend, durch Kursivdruck oder durch Klammern aufgelöst (z. B. ‚eorum‘, ‚eor(um)‘ oder ‚eorum‘ jeweils für ‚eoꝝ‘). Die vormodernen Satzzeichen werden in fast allen Editionen weggelassen oder durch in der Gegenwart übliche Zeichen ersetzt.

Für spezielle Zwecke wie z. B. sprachgeschichtliche Untersuchungen ist es wünschenswert, die Texte in der ursprünglichen Schreibweise digital zu erfassen und darzustellen. Auch einige von der modernen Schreibung abweichende Buchstabenformen sind hierzu unerlässlich. Auch bei automatischer Handschriftenerkennung sind handschriftennahe Transkriptionen für bestimmte Zwecke zu bevorzugen. Unicode-Zeichen wie die von MUFI entwickelten erleichtern es, entsprechende handschriftennahe (diplomatische) Transkriptionen zu erstellen und in sehr unterschiedlichen Umgebungen einheitlich darzustellen.

Corpus

Ein erster Unicode-Kodierungsvorschlag (siehe Weblinks) für etwa 100 Zeichen ist im Februar 2006 vom Unicode Technical Committee weitgehend akzeptiert worden.

Um die vom MUFI-Projekt benötigten mittelalterlichen Schriftzeichen auch schon vor ihrer Aufnahme in den Unicode-Standard verwenden zu können, werden sie vorläufig in der sogenannten Private Use Area einiger Schriftarten kodiert. Die (mit Stand August 2025) letzte Zusammenstellung solcher Zeichen wurde im Dezember 2015 als Version 4.0 veröffentlicht.

MUFI-Schriftarten

Verschiedene Fonts beinhalten alle oder einige MUFI-Zeichen:

Ältere Versionen der Schriftart Junicode enthielten einige wenige abweichende Kodierungen, da sie vor dem MUFI-Projekt entstanden ist, und die MUFI-Kodierung mit der ebenfalls älteren (nicht mehr verfügbaren) Schriftart Titus Cyberbit kompatibel sein sollte. Seit der Junicode-Version 2.000, die eine größere Überarbeitung der Schriftart darstellte, unterstützt Junicode den vollen Umfang der MUFI-PUA-Spezifikation Version 4.0.

Einzelnachweise

  1. ↑ Helmut W. Klug / Astrid Böhm: Datenmodell “Hyperdiplomatische Transkription”. In: KONDE Weißbuch. Hrsg. von Helmut W. Klug unter Mitarbeit von Selina Galka und Elisabeth Steiner im HRSM Projekt „Kompetenznetzwerk Digitale Edition“. Aufgerufen am 7. Juni 2023.
  2. ↑ Ariane Pinche et al.: CATMuS-Medieval: Consistent Approaches to Transcribing ManuScripts: A generalized set of guidelines and models for Latin scripts from Middle Ages (8th–16th century). DH2024, ADHO, Aug 2024, Washington DC, United States. https://inria.hal.science/hal-04346939
  3. ↑ MUFI character recommendations. Medieval Unicode Font Initiative, 28. Dezember 2015, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 2. September 2025; abgerufen am 24. August 2025.
  4. ↑ Junicode version 2.000. 17. August 2023, abgerufen am 24. August 2025.