Maarten Boudry

Maarten Boudry (2014)

Maarten Boudry (* 15. August 1984 in Moorslede, Belgien) ist ein belgischer Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und Vertreter der Skeptikerbewegung. Seine Forschung und publizistische Tätigkeit befassen sich insbesondere mit Erkenntnistheorie, Pseudowissenschaft, Religionskritik sowie der Entstehung und Aufrechterhaltung unbegründeter Überzeugungen. Von 2006 bis 2025 war er in der philosophischen Forschung an der Universität Gent tätig.

Bekannt wurde Boudry unter anderem durch seine Kritik an der Psychoanalyse, am Intelligent Design und an philosophischen und theologischen Argumenten für die Existenz Gottes. Im Jahr 2011 führte er einen wissenschaftlichen Hoax nach dem Vorbild der Sokal-Affäre durch, indem er ein inhaltlich sinnloses Abstract bei christlich-philosophischen Konferenzen einreichte. Dessen Annahme löste eine öffentliche Debatte über wissenschaftliche Qualitätskontrolle und den Gebrauch schwer verständlicher Fachsprache aus.

Leben und akademische Laufbahn

Boudry wurde 1984 in Moorslede geboren. Im Jahr 2002 nahm er ein Philosophiestudium an der Universität Gent auf, das er 2006 mit Auszeichnung abschloss.

Von 2007 bis 2011 forschte er in den Bereichen Logik, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie. Seine Forschung wurde durch den flämischen Forschungsfonds Fonds Wetenschappelijk Onderzoek (FWO) finanziert. Nach seiner Promotion war er als Postdoktorand an der Universität Gent tätig, wiederum mit Unterstützung des FWO.

Im Jahr 2013 verbrachte Boudry sechs Monate als Postdoktorand am Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung in Wien. Dort beschäftigte er sich mit den philosophischen Grundlagen der Irrationalität.

Boudry ist Mitglied der flämischen Skeptikerorganisation SKEPP, der Society for the Scientific Study of Religion und des Center for Inquiry. Darüber hinaus gehörte er dem Forschungsnetzwerk Imperfect Cognition im Rahmen des Projekts Epistemic Innocence an.

Er zählt außerdem zu den Mitbegründern von Het Denkgelag, einer Organisation, die in Flandern Konferenzen, Vorträge und Diskussionen zu Wissenschaft, Philosophie und Skeptizismus veranstaltet.

Wissenschaftlicher Hoax

Im Jahr 2011 führte Boudry einen wissenschaftlichen Hoax nach dem Vorbild der Sokal-Affäre durch. Bei dieser hatte der Physiker Alan Sokal einen absichtlich unsinnigen Aufsatz in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, um deren redaktionelle Qualitätsmaßstäbe zu überprüfen.

Boudry wollte untersuchen, ob christliche Philosophen einen Text akzeptieren würden, der zwar zahlreiche komplexe theologische und philosophische Fachbegriffe verwendet, jedoch kein nachvollziehbares Argument enthält.

Zu diesem Zweck verfasste er ein Abstract mit dem Titel The Paradoxes of Darwinian Disorder: Towards an Ontological Reaffirmation of Order and Transcendence (deutsch etwa: „Die Paradoxien der darwinistischen Unordnung: Auf dem Weg zu einer erneuten ontologischen Bekräftigung von Ordnung und Transzendenz“).

Der Text bestand aus mehrdeutigen Formulierungen und Begriffen aus Theologie, Philosophie und Evolutionsbiologie. Boudry reichte ihn unter dem Pseudonym Robert A. Maundy ein, der angeblich an einem fiktiven College of the Holy Cross in Reno (Nevada) tätig war.

Das Abstract wurde den Veranstaltern der Konferenz The Future of Creation Order an der Freien Universität Amsterdam sowie dem Centre of Theology and Philosophy der University of Nottingham vorgelegt. Beide Veranstalter akzeptierten den Beitrag.

Boudry machte den Hoax Mitte 2012 auf Facebook öffentlich. Größere Aufmerksamkeit erhielt die Angelegenheit, nachdem der amerikanische Evolutionsbiologe Jerry Coyne darüber in seinem Blog berichtet hatte. Anschließend griffen mehrere niederländische Zeitungen den Fall auf, darunter Trouw, Nederlands Dagblad und Reformatorisch Dagblad.

In einem Interview mit dem niederländischen Filosofie Magazine erklärte Boudry, er habe die Aktion vor allem als satirisches Experiment verstanden. Dabei habe er grammatikalisch korrekte, aber bedeutungslose Sätze formuliert und mit leeren Wendungen sowie theologischem Fachjargon versehen. Die Annahme des Textes durch zwei Konferenzen wertete er als Bestätigung seines Experiments.

Der Vorfall rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Gerrit Glas, der eine der Konferenzen leitete, räumte ein, dass das Abstract ungewöhnlich erschienen sei und die Veranstalter über seine Annahme länger diskutiert hätten. Rückblickend hätten sie kritischer vorgehen müssen. Zugleich verwies Glas darauf, dass auch seriöse theologische Texte mitunter schwer verständlich seien.

Der Religionsphilosoph Taede A. Smedes von der Radboud-Universität Nijmegen kritisierte Boudrys Vorgehen als eines Wissenschaftlers unwürdig. Gleichzeitig zeigte er sich erstaunt darüber, dass die Veranstalter die Sinnlosigkeit des Textes nicht erkannt hatten.

Positionen zu Israel und zum israelisch-Arabisch Konflikt

Boudry hat sich öffentlich unterstützend gegenüber Israel geäußert, insbesondere nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und während des anschließenden Krieges im Gazastreifen. Er kritisierte den Umgang mit Israel im westlichen akademischen und öffentlichen Diskurs und wandte sich gegen Forderungen nach einem akademischen Boykott Israels.

In einem 2024 veröffentlichten Beitrag bezeichnete er einen solchen Boykott als selektiv, ungerecht und kontraproduktiv. Seiner Auffassung nach habe Israel das Recht, die militärischen Fähigkeiten der Hamas zu bekämpfen. Zugleich erkannte er das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und die Schwere der humanitären Lage im Gazastreifen an.

In einem Interview mit dem Magazin Quillette kritisierte Boudry den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sowie rechtsextreme Kräfte innerhalb seiner Regierung. Zugleich betonte er, dass zwischen Kritik an einer bestimmten Regierung und der grundsätzlichen Infragestellung der Legitimität des Staates Israel unterschieden werden müsse. Er beschrieb Israel als liberale Demokratie, äußerte jedoch Vorbehalte gegenüber einzelnen politischen Entscheidungen und Entwicklungen.

Im Oktober 2025 veröffentlichte Boudry in Quillette einen Beitrag, in dem er die Behauptung zurückwies, Israel begehe im Gazastreifen einen Völkermord. Seiner Ansicht nach belegten die vorgebrachten Beweise keine Absicht Israels, die palästinensische Bevölkerung als Gruppe zu vernichten. Gleichzeitig räumte er ein, dass israelische Militärhandlungen kritisiert werden könnten und dass Angehörige der israelischen Streitkräfte möglicherweise Kriegsverbrechen begangen hätten. Darüber hinaus kritisierte er Menschenrechtsorganisationen und Medien, denen er eine einseitige Darstellung des Krieges vorwarf.

Skeptizismus und Kritik an Pseudowissenschaften

Boudry moderiert eine Diskussion mit Massimo Pigliucci, Daniel Dennett und Lawrence Krauss (2013)

Ein Schwerpunkt von Boudrys Arbeit ist die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft sowie die Untersuchung der Frage, wie wissenschaftliche Theorien und Überzeugungssysteme auf Kritik reagieren.

In seiner Abschlussarbeit De naakte Keizers van de Psychoanalyse („Die nackten Kaiser der Psychoanalyse“) vertrat er die Auffassung, dass die Psychoanalyse Strategien entwickelt habe, um ihre Aussagen gegen Widerlegung zu schützen. Er untersuchte die Mechanismen, durch die die Psychoanalyse seiner Ansicht nach trotz wissenschaftlicher Kritik ihre Geltungsansprüche aufrechterhalte.

Im Jahr 2011 veröffentlichte er gemeinsam mit dem belgischen Philosophen Johan Braeckman das Buch De ongelovige Thomas heeft een punt („Der ungläubige Thomas hat einen Punkt“). Das Werk befasst sich mit kritischem Denken und der Überprüfung pseudowissenschaftlicher Behauptungen, abergläubischer Vorstellungen und religiöser Aussagen.

Dabei behandeln die Autoren unter anderem kognitive Verzerrungen, logische Fehlschlüsse sowie die Gründe, weshalb Menschen unbegründete Überzeugungen übernehmen und an ihnen festhalten. Der Titel bezieht sich auf den Apostel Thomas, der nach christlicher Überlieferung zunächst an der Auferstehung Jesu zweifelte.

Boudry beschäftigte sich außerdem mit den Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem sogenannten Abgrenzungsproblem, also der Frage, anhand welcher Kriterien Wissenschaft von Pseudowissenschaft unterschieden werden kann.

Im Jahr 2013 war er gemeinsam mit Massimo Pigliucci Herausgeber des Sammelbandes Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering the Demarcation Problem. 2018 gaben beide den Band Science Unlimited?: The Challenges of Scientism heraus, der sich mit dem Stellenwert und den Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis befasst.

Religionskritik

Boudry vertritt eine atheistische Position und setzt sich kritisch mit Religion, Intelligent Design und theologischen Argumenten auseinander.

In seinen Veröffentlichungen und öffentlichen Debatten beschäftigt er sich mit der Rationalität religiöser Überzeugungen und den philosophischen Voraussetzungen von Gottesbeweisen.

Im Jahr 2014 nahm er gemeinsam mit dem Philosophen Herman Philipse am niederländischen Nationale Religiedebat teil. Die beiden atheistischen Philosophen diskutierten mit den christlichen Philosophen Stefan Paas und Rik Peels über die rationale Rechtfertigung des Glaubens an Gott und über den Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und Moral.

Im Dezember 2012 beteiligte sich Boudry an einer öffentlichen Diskussion mit dem christlichen Philosophen Emanuel Rutten unter dem Titel Bestaat God? („Existiert Gott?“). Dabei argumentierte er, dass die bloße Unmöglichkeit, Gottes Existenz endgültig auszuschließen, noch keine ausreichende Rechtfertigung für den Glauben an Gott darstelle.

Zur Veranschaulichung verglich er die Möglichkeit der Existenz Gottes mit der Existenz des Ungeheuer von Loch Ness und führte weitere hypothetische übernatürliche Wesen an, deren Existenz ebenfalls nicht mit absoluter Sicherheit widerlegt werden könne.

Auszeichnungen und Nominierungen

Veröffentlichungen

Commons: Maarten Boudry – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ dr. Maarten Boudry. In: Universität Gent. (niederländisch).
  2. ↑ Jozef Van Giel: Maarten Boudry over Freud en De Naakte Keizers van de Psychoanalyse. In: Kritisch Denken. 9. November 2014 (niederländisch).
  3. ↑ Robin de Wever: VU in verlegenheid: theologisch betoog blijkt gebazel. In: Trouw. 2. Oktober 2012 (niederländisch).
  4. 1 2 Maarten Meester: VU voor schut met namaakartikel. In: Filosofie Magazine. 4. Oktober 2012 (niederländisch).
  5. ↑ Jerry Coyne: A Sokal-style hoax by an anti-religious philosopher. In: Why Evolution Is True. 25. September 2012 (englisch).
  6. ↑ Filosofen herkenden onzin niet. In: Trouw. 3. Oktober 2012 (niederländisch).
  7. ↑ Aaldert van Soest: Christelijke filosofen aanvaarden onzintekst. In: Nederlands Dagblad. 2. Oktober 2012 (niederländisch).
  8. ↑ Maarten Boudry: The Academic Boycott of Israel Is Selective, Unfair and Counterproductive. In: Maarten Boudry's Substack. (englisch).
  9. ↑ The Biggest Taboo in Academia: Israel, with Philosopher Maarten Boudry. In: Quillette. (englisch).
  10. ↑ Maarten Boudry: They Don't Believe It Either. In: Quillette. 20. Oktober 2025 (englisch).
  11. ↑ De ongelovige Thomas heeft een punt - Johan Braeckman en Maarten Boudry. In: De Standaard. 16. Dezember 2011 (niederländisch).
  12. ↑ KlaasJan Baas: Nationaal Religiedebat: Dansen om de hete brij. In: Evangelische Omroep. 30. Januar 2014 (niederländisch).
  13. ↑ Video Denkcafé: Bestaat God? In: Arminius. 19. Dezember 2012 (niederländisch).
  14. ↑ Stijn Debrouwere: SKEPPticus Maarten Boudry over psychoanalyse. In: Schamper. 30. April 2007 (niederländisch).
  15. ↑ Maarten Boudry en Johan Braeckman schreven Liberales-boek 2011. In: Liberales. 16. Dezember 2011 (niederländisch).
  16. ↑ Shortlist Socrates Wisselbeker 2012 bekend. In: Filosofie Magazine. 8. März 2012 (niederländisch).
  17. ↑ Onderscheiding Wetenschapscommunicatie voor Francis Wyffels en 7 andere UGent-ers. In: Universität Gent. 8. Juli 2013 (niederländisch).
Personendaten
NAME Boudry, Maarten
KURZBESCHREIBUNG belgischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker
GEBURTSDATUM 15. August 1984
GEBURTSORT Moorslede, Belgien