Marie Wilhelmy

Marie Katharina Ottilie Anna Wilhelmy (* 11. Januar 1893 in Altona; † 8. April 1963 in Lübeck) war eine deutsche Lehrerin und Abgeordnete.

Leben

Marie Wilhelmy war eine Tochter des Eisenbahndirektors Friedrich Wilhelmy und dessen Ehefrau Marie, geb. Klein. Sie wuchs im Rheinland auf und besuchte das Oberlyzeum in Neuwied, das heutige Rhein-Wied-Gymnasium Neuwied, sowie das angeschlossene Lehrerinnenseminar. 1913 bestand sie die Prüfung zur Lehrbefähigung für Volks- und Mittelschulen und Lyzeum sowie die Turn-Schwimmlehrerinnenprüfung. Vom Wintersemester 1913/14 bis zum Wintersemester 1917/18 studierte sie Germanistik, Anglistik und Geographie aufs Lehramt an der Universität Bonn. 1919 legte sie das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Höheren Schulen ab. Während ihres Probejahres (Referendariat) unterrichtete sie am Lyzeum in Bonn. Im September 1920 bestand sie das Zweite Examen.

Lyzeum am Falkenplatz (1914)

Zum 1. Oktober 1920 trat sie in den Schuldienst der Freien und Hansestadt Lübeck. Sie wurde Oberlehrerin am gemäß der Neuordnung verstaatlichten Lyzeum am Falkenplatz. 1924 erfolgte ihre Ernennung zur Studienrätin. 1925 konnte sie eine Studienreise nach England machen. Wilhelmy war aktiv im Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein sowie im Reichsverband für höhere Mädchenbildung. Ab 1925 war sie Co-Vorsitzende des Lübecker Landesverbands.

Bei der Bürgerschaftswahl vom 13. November 1932 wurde sie für den bürgerlichen Hanseatischen Volksbund Abgeordnete der Lübecker Bürgerschaft, die bis zum Verlust der Eigenstaatlichkeit Lübecks im Groß-Hamburg-Gesetz 1937 den Status eines Landesparlaments hatte. In einer Wahlversammlung bekämpfte sie „öffentlich die nationalsozialistische Auffassung von der Stellung der Frau“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 wurde jedoch im Zuge der Gleichschaltung die Zahl der Abgeordneten der Lübecker Bürgerschaft durch das Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich von 80 auf 50 herabgesetzt. Die Mandatsverteilung wurde an das Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 angepasst; alle fünf Bürgerschafts-Abgeordneten des Volksbundes verloren dadurch ihren Sitz.

Wegen ihres politischen Engagements war Marie Wilhelmy ab 1933 auch beruflichen Repressalien ausgesetzt. Im August wurde sie im Zuge des ideologisch gewollten Abbaus der Oberstufe am Falkenplatz an die Ernestinenschule zwangsversetzt. 1938 erfolgte ihre Ernennung zur Oberin an der Frauenoberschule in Lübeck. De facto war sie damit lediglich Leiterin des hauswirtschaftlichen Unterrichts an der Ernestinenschule – eine bewusste Demütigung im Sinne der nationalsozialistischen Auffassung von der Stellung der Frau.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Wilhelmy an die nunmehrige Oberschule am Falkenplatz zurück; ihr wurde kommissarisch die Schulleitung anstelle des internierten Direktors Georg Behrens übertragen. 1946 erhielt sie diese Direktorenstelle regulär unter Beförderung zur Oberstudiendirektorin. 1956 konnte sie das 75-jährige Jubiläum der Schule feiern. In der Festschrift beschrieb sie den schwierigen Neubeginn 1945. Zum 31. März 1958 wurde sie in den Ruhestand versetzt.

Marie Wilhelmy blieb unverheiratet. Sie hatte eine Adoptivtochter Gerda (* 1932). Ab 1921 lebte sie gemeinsam mit Margarete Schickedanz (1878–1948), der 1933 pensionierten Direktorin des (Ober-)Lyzeums am Falkenplatz, im Erdgeschoss des großbürgerlichen Hauses Elsässer Straße 11 in Lübeck-St. Gertrud. Auch der Bibliotheksdirektor Willy Pieth lebte bis zu seinem frühen Tod 1934 in diesem Haus.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Personalbogen von Marie Wilhelmy in der Personalkartei der Gutachterstelle des BIL in der Archivdatenbank der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)
  2. 1 2 3 Otto Wiehmann: Zur Einführung des Wahlrechts für Frauen in Lübeck (mit Kurzbiographien der weiblichen Bürgerschaftsmitglieder 1919-1933). in: ZVLGA 72 (1992), S. 230–240, hier S. 239f (Digitalisat)
  3. ↑ Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte in Lübeck eine Neuordnung des Schulwesens, die durch die Weimarer Verfassung von 1919 stark beeinflusst war. Wesentliche Entwicklungen beinhalteten die Demokratisierung der Verwaltung, die Auflösung von Lehrerseminaren und die Tendenz zur Vereinheitlichung und Verstaatlichung des Bildungswesens.
  4. ↑ Siehe ihren Bericht von der 27. Hauptversammlung 1925 in Erfurt, in Deutsche Mädchenbildung 1 (1925), S. 496
  5. ↑ Deutsche Mädchenbildung 1 (1925), S. 248
  6. ↑ Otto Wiehmann: Zur Einführung des Wahlrechts für Frauen in Lübeck (mit Kurzbiographien der weiblichen Bürgerschaftsmitglieder 1919-1933). in: ZVLGA 72 (1992), S. 230–240, hier S. 240 (Digitalisat)
  7. ↑ Siehe dazu Jörg Fligge: Lübecker Schulen im „Dritten Reich“: eine Studie zum Bildungswesen in der NS-Zeit im Kontext der Entwicklung im Reichsgebiet. Schmidt-Römhild, Lübeck 2014, ISBN 978-3-7950-5214-0, S. 640–643
  8. ↑ Marie Wilhelmy: Volksnot – Schulnot, in: Gymnasium am Falkenplatz. Lübeck. 1881–1956. Zum 75jährigen Bestehen der Schule. Lübeck 1956, S. 18–25; ein Porträtfoto von Wilhelmy findet sich auf S. 16
  9. ↑ Adreßbuch der Hansestadt Lübeck und benachbarter Orte., versch. Jahrgänge
Personendaten
NAME Wilhelmy, Marie
ALTERNATIVNAMEN Wilhelmy, Marie Katharina Ottilie Anna (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Lehrerin und Abgeordnete
GEBURTSDATUM 11. Januar 1893
GEBURTSORT Altona
STERBEDATUM 8. April 1963
STERBEORT Lübeck