Marion Kraft (geboren 1946 in Gelsenkirchen) ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Übersetzerin und ehemalige Dozentin mit einem Arbeitsschwerpunkt in schwarzer feministischer Theorie und Literatur. Sie hat unter anderem Werke von Audre Lorde, Bell Hooks, Buchi Emecheta und Amanda Gorman ins Deutsche übersetzt.
Marion Kraft wuchs in Gelsenkirchen und Mannheim auf. Ihre Kindheit fiel in eine von rassistischer NS-Ideologie geprägte Nachkriegszeit, in der Kinder schwarzer US-amerikanischer Soldaten und weißer deutscher Frauen in Deutschland besonderer Ausgrenzung ausgesetzt waren. Kraft erlebte in dieser Zeit als Afrodeutsche soziale Isolation, Beschimpfungen im öffentlichen Raum und Diskriminierung durch Lehrkräfte, wuchs jedoch zunächst bei ihrer Mutter und nach deren Tod bei ihrer Großmutter auf. Ihr Vater wurde, nachdem sie ihn nur kurz kennengelernt hatte, in den Koreakrieg versetzt; danach verlor ihre Mutter den Kontakt zu ihm. Nach der Realschule und einer Lehre arbeitete Kraft bis 1969 als Fremdsprachenkorrespondentin. Sie absolvierte 1970 am Abendgymnasium Mannheim das Abitur und war anschließend beim Rat der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel angestellt. Ab 1971 studierte sie Anglistik/Amerikanistik, Germanistik und Philosophie in Köln und Frankfurt am Main. 1974 unterrichtete sie Deutsch an der Ohio State University in den USA. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, legte sie ihr erstes und zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Frankfurt am Main ab und unterrichtete im Anschluss an einem Frankfurter Gymnasium. Von 1979 bis 1982 war sie Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache am Goethe-Institut in Göttingen.
Danach lehrte sie 30 Jahre lang Literatur, Englisch und Frauenstudien am Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld. In Bielefeld organisierte Kraft 1988 die Erste gemeinsame Schreibwerkstatt Schwarzer und weißer Frauen, an der unter anderen May Ayim, Ika Hügel-Marshall, Helga Emde, Modupe Laja und Dagmar Schultz teilnahmen. Als Studentin bewegte sie sich in Deutschland und den USA in feministischen Zusammenhängen, befasste sich mit afroamerikanischen Autorinnen und kritisierte, dass Rassismus in der Frauenbewegung kaum thematisiert wurde. Mit der Vermittlung schwarzer feministischer Autorinnen, insbesondere Audre Lordes, wollte sie diese Perspektive in die Bewegung einbringen. Von 1990 bis 1991 hatte sie eine Gastprofessur am Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück inne, wo sie 1994 über zeitgenössische afroamerikanische Autorinnen promovierte. Ihre Dissertation The African Continuum and Contemporary African American Women Writers erschien 1995 im Peter Lang Verlag. Kraft hat neben vielen Aufsätzen über Feminismus und Rassismus 2018 ihr zweites Buch über inspirierende Begegnungen mit Audre Lorde veröffentlicht. Sie ist (Mit-)Herausgeberin zweier wissenschaftlicher Sammelbände und Vortragende auf nationalen und internationalen Konferenzen.
Über ihre Freundschaft mit Audre Lorde, die sie 1986 in Berlin kennengelernt hatte, kam Kraft zum Übersetzen. Zuerst hatte sie einzelne Gedichte von ihr für den Gebrauch bei Lesungen übersetzt, dann auch längere Texte und Bücher. Neben Werken von Audre Lorde hat Kraft Texte von bell hooks, Buchi Emecheta, Lilly Workneh, Emma Dabiri, Amanda Gorman und Tara M. Stringfellow ins Deutsche übersetzt.
Mit Wechselwelten erschien 2026 Krafts Romandebüt, das autobiografisch inspiriert ist und die Geschichte eines schwarzen Mädchens im Nachkriegsdeutschland erzählt. Kraft versteht den Roman sowohl als antirassistische als auch als Antikriegserzählung; er setzt mit dem Ende des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs ein und thematisiert vor dieser historischen Ausgangslage die Korea- und Vietnamkriege.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kraft, Marion |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Übersetzerin |
| GEBURTSDATUM | 1946 |
| GEBURTSORT | Gelsenkirchen |