Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel veranstaltete die Initiative am 15. Mai 2018 in Jerusalem unter der Bezeichnung „Marsch der Nationen“ eine Großveranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern aus über 50 Nationen, die seither in mehrjährigem Turnus wiederholt wird. Neben den Umzügen führt der Verein Konferenzen und Informationsveranstaltungen durch.
Entstehung und Ausrichtung
Der Marsch des Lebens geht auf eine Initiative von Jobst Bittner und seiner Ehefrau Charlotte sowie der Freikirche TOS aus Tübingen zurück. Gemeinsam mit Nachkommen deutscher Wehrmachts-, Polizei- und SS-Angehöriger organisieren sie Gedenkveranstaltungen an historischen Stätten der Schoah in Europa und weiteren Ländern. Nach Angaben des Vereins fanden seit 2007 Veranstaltungen in über 20 Staaten und mehreren hundert Städten statt. Neben freikirchlichen und landeskirchlichen Christen nehmen vereinzelt Vertreter jüdischer Gemeinden an den Aktionen teil.
Theologisch basiert die Bewegung auf Bittners Publikation Die Decke des Schweigens (2009), wonach Nachkommen von NS-Tätern durch öffentliche Bekenntnisse von vermeintlichen generationellen Ahnenflüchen befreit werden sollen. Historiker, kirchliche Weltanschauungsbeauftragte und Gedenkstättenvertreter kritisierten diesen Ansatz wiederholt als theologische Instrumentalisierung des Holocaust, neupfingstliche Dämonisierung historischer Prozesse und problematische Umkehrung von Täter- und Opferrollen.
Der Trägerverein formuliert für seine Arbeit offiziell drei Hauptanliegen, die jedoch von kirchlichen Fachstellen und Historikern kritisch als theologische Umdeutung und Instrumentalisierung bewertet werden:
Erinnern: Laut Eigenangaben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und Einbindung von Zeitzeugenberichten von Holocaust-Überlebenden. Kritiker und Gedenkstättenleiter wenden hiergegen ein, dass bei den Veranstaltungen nicht das historische Schicksal der Opfer im Vordergrund stehe, sondern vor allem die Befindlichkeiten, Schuldbekenntnisse und emotionale Katharsis der teilnehmenden Nachkommen thematisiert würden.
Versöhnen: Vorgesehen als Begegnung und Dialog zwischen Nachkommen der Täter- und der Opfergeneration. Nach Einschätzung kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter beruht dieses Anliegen auf dem charismatischen Konzept von Jobst Bittner, wonach historische NS-Schuld als geistlicher Fluch vererbt werde, der durch rituelle Vergebungsbitten gegenüber Nachkommen der Opfer spirituell gelöst werden müsse. Dies führe zu einer fragwürdigen Privatisierung von Schuld und einer Verkehrung historischer Verantwortlichkeiten.
Parteinahme für Israel: Öffentliche Bekundung von Solidarität mit dem Staat Israel und Protest gegen gegenwärtigen Antisemitismus. Theologen und Beobachter verweisen darauf, dass diese Parteinahme stark im christlichen Zionismus und in endzeitlichen Heilserwartungen neucharismatischer Prägung verwurzelt ist, wodurch das Gedenken an die Schoah mit einer spezifischen politischen und eschatologischen Agenda verknüpft wird.
Seit dem ersten Umzug im Jahr 2007 dehnte sich die Bewegung international aus. In den USA finden Veranstaltungen seit 2009 überwiegend unter der Bezeichnung March of Remembrance statt. Das Konzept sieht vor, dass lokale Initiativen und Kirchengemeinden vor Ort die Organisation eigenverantwortlich übernehmen.
Struktur
Zu den von der Trägerorganisation geführten Arbeitsbereichen gehören:
Organisation internationaler Märsche
Konferenz- und Seminarreihen (insbesondere zur „Decke des Schweigens“)
Bildungs- und Jugendbegegnungsprogramme
Betreuung des Begegnungszentrums „Marsch des Lebens Haus“ in Caesarea
Die Veranstaltungen sind in der Regel an den jüdischen Gedenktag Jom haScho’a angelehnt und verbinden gedenkende Gehstrecken, ähnlich einer Demonstration, mit Kundgebungen zu Beginn und zum Abschluss. Zum Rahmenprogramm gehören Redebeiträge von Vertretern jüdischer Gemeinden, Historikern, Kommunalpolitikern sowie Zeitzeugen und Nachkommen von Tätern und Opfern des Holocausts.
Typische Merkmale der Umzüge sind weiße Kleidungsstücke der Teilnehmer mit dem Kampagnenlogo sowie das Mitführen von Transparenten mit Gedenkbotschaften. Neben den Flaggen der jeweiligen Herkunftsländer wird bei den Märschen regelmäßig prominent die Flagge Israels gezeigt, was die von den Initiatoren postulierte Verbundenheit mit dem modernen Staat Israel symbolisieren soll.
Nach Angaben des Trägervereins steht die Organisation lokaler Märsche prinzipiell externen Initiativen offen, sofern sie den Grundsatzerklärungen der Bewegung zustimmen; rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppierungen seien ausgeschlossen. Journalistische und kirchliche Beobachter merken hierzu an, dass die Ausrichtung der Veranstaltungen in der Praxis eng an die theologische und organisatorische Leitung der Tübinger TOS-Gemeinde und das Programm von Jobst Bittner gebunden bleibt.
Methoden und Rezeption
Lokalgeschichtliche und familiengeschichtliche Aufarbeitung
Ein Kernmerkmal der Bewegung ist die Aufforderung an die Teilnehmer, im Rahmen persönlicher Recherchen nach Verstrickungen der eigenen Vorfahren in den Nationalsozialismus zu forschen. Auf dieser Grundlage wird der Kontakt zu Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen gesucht, um im Rahmen persönlicher Begegnungen Vergebung für Verbrechen der Vorfahren zu erbitten. Zudem wurden lokalgeschichtliche Recherchen in Städten wie Tübingen und Leipzig im Rahmen temporärer Ausstellungen dokumentiert.
Publikationen und Seminare
Die theologische Grundlage formulierte Gründer Jobst Bittner in dem 2009 erschienenen Buch Die Decke des Schweigens (2018 gefolgt von Erhebe deine Stimme und werde Licht). Neben Informationsmaterialien führt der Verein Schulungsseminare für Organisatoren durch, die sich mit der praktischen Umsetzung der von Bittner entwickelten Erinnerungs- und Seelsorgekonzepte sowie mit modernem Antisemitismus befassen.
Auszeichnungen
2011 und 2015 wurde die Initiative von Abgeordneten der israelischen Knesset für ihr zivilgesellschaftliches Engagement gewürdigt. 2017 erhielt der Verein von der Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale) den Emil-L.-Fackenheim-Preis für Toleranz und Verständigung.
Unterstützer und Kooperationspartner
Auffallend an der Zusammensetzung des Netzwerks ist die starke Ausrichtung auf den Staat Israel: Ein Großteil der aufgeführten Partnerorganisationen hat seinen Sitz in Israel oder führt den Landesnamen bereits explizit im Organisationsnamen. Neben einzelnen Holocaust-Gedenkinitiativen wie dem Simon Wiesenthal Center dominieren vor allem christlich-zionistische und evangelikale Lobby- und Solidaritätsnetzwerke.
Während das zivilgesellschaftliche Engagement der Bewegung gegen Antisemitismus sowie die Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden breite Würdigung finden, stößt die theologische und politische Ausrichtung wiederholt auf Kritik:
Schuldverständnis und charismatische Theologie: Von Vertretern jüdischer Gemeinschaften, Philosophen und Historikern wird eingewendet, dass nachgeborene Generationen keine persönliche Schuld an den Taten ihrer Vorfahren tragen und eine stellvertretende Bitte um Vergebung für Verbrechen Dritter ethisch wie juristisch nicht möglich sei. Theologen und Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirchen kritisieren zudem das Seminarformat Die Decke des Schweigens: Die Lehre, wonach die Taten der Vorfahren als generationelle Erbschuld oder spirituelle „Flüche“ auf den Nachkommen lasten und durch rituelle Sühnepraktiken gelöst werden müssten, widerspreche dem reformatorischen Verständnis von Rechtfertigung und persönlicher Gnade. Fachleute für Sekten- und Weltanschauungsfragen warnen vor psychologischem Druck und Manipulationsrisiken im Rahmen dieser neucharismatischen Seelsorgepraxis.
Christlicher Zionismus und politische Instrumentalisierung: Die Bewegung verbindet das historische Gedenken explizit mit christlich-zionistischen Positionen und einer uneingeschränkten Parteinahme für den Staat Israel. Kritik an der israelischen Regierungspolitik wird dabei häufig mit Antisemitismus gleichgesetzt. Dies führte bei Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wiederholt zu Distanzierungen seitens der etablierten Landeskirchen, die vor einer Vereinnahmung des Holocaust-Gedenkens für nahostpolitische Zwecke warnen. Aber auch Vertreter jüdischer Gemeinden sowie kirchliche Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog stuften die Märsche wiederholt als unzulässige religiöse Instrumentalisierung der Opfer der Shoah für freikirchliche Bekehrungsziele und Endzeittheologien ein. Regional distanzierten sich jüdische Gemeinden mit Verweis auf verdeckte missionarische Absichten von den Veranstaltungen der TOS-Bewegung, während Beobachter bemängelten, dass kommunale Amtsträger und Bürgermeister bei der Genehmigung oft unzureichend über die dogmatischen Hintergründe informiert seien.
Christlicher Zionismus und Raumkonflikte: Die Bewegung verbindet das historische Gedenken explizit mit christlich-zionistischen Positionen und einer uneingeschränkten Parteinahme für den Staat Israel. Kritik an der israelischen Regierungspolitik wird dabei häufig mit Antisemitismus gleichgesetzt. Dies führte bei Veranstaltungen wiederholt zu Distanzierungen seitens der etablierten Landeskirchen, die vor einer Vereinnahmung des Holocaust-Gedenkens für nahostpolitische Zwecke warnen. Auch die Durchführung von Seminaren und Märschen in kirchlichen Einrichtungen sowie an historischen Gedenkorten führte wiederholt zu öffentlichen Kontroversen und Vorbehalten seitens kirchlicher Träger über die institutionelle Abgrenzung gegenüber neucharismatischen Sonderlehren. Dies führte wiederholt zu institutionellen Abgrenzungen und Raumverweigerungen: So untersagten die Leitung der KZ-Gedenkstätte Dachau sowie kirchliche Vertreter der dortigen evangelischen Versöhnungskirche im Jahr 2015 der Initiative die Unterstützung und den Zugang, um eine Vereinnahmung des historischen Gedenkortes durch religiöse Sondergruppen abzuwenden.
Vorwurf des Fundamentalismus: Des Weiteren wird der Bewegung vorgeworfen, Akteuren aus dem Bereich des christlichen Fundamentalismus, der Mission und Vertretern homophober Positionen aus dem Umfeld der Freikirche TOS ein Forum zu bieten. In der Schweiz analysierten Medienberichte die zunehmende institutionelle Verflechtung der Märsche mit rechtsbürgerlichen Politikern (unter anderem der EDU und SVP), freikirchlichen Israelwerken und diplomatischen Vertretern Israels; dabei wurde kritisiert, dass das vordergründige Holocaust-Gedenken von einer buchstäblichen Endzeittheologie überlagert sei, die geopolitisch instrumentalisiert werde und die Rechte der palästinensischen Bevölkerung vollständig ausblende.
Kontroverse um theologische Hintergründe und kirchliche Kritik
Im Vorfeld des 70. Jahrestags der Befreiung der Konzentrationslager im Januar 2015 veröffentlichten die Beauftragten für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) sowie die evangelische Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau (u.a. Matthias Pöhlmann und Björn Mensing) eine gemeinsame Stellungnahme unter dem Titel „Für ein angemessenes Gedenken“. Darin rieten sie von einer Beteiligung am Marsch des Lebens ab. Sie begründeten dies mit der Gefahr einer religiösen Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens durch die TOS Gemeinde Tübingen, verwiesen auf die im Buch Die Decke des Schweigens dargelegte Theologie übernatürlicher Generationenflüche, die Konzepte der „geistlichen Kampfführung“ gegen Territorialmächte sowie auf personelle und ideologische Verflechtungen mit dem christlichen Zionismus.
Die Leitung der Initiative wies diese Vorwürfe in einer ausführlichen Replik durch ihren Repräsentanten Stefan Haas zurück. Die Argumente des Vereins sowie die darauf bezogenen Entgegnungen von Religionswissenschaftlern, Fachstellen und Medien stellen sich wie folgt dar:
Verhältnis zur Freikirche TOS und theologische Neutralität: Haas argumentierte, der Trägerverein Marsch des Lebens e.V. sei ein säkularer, nicht-religiöser Verein mit dem Satzungszweck der Völkerverständigung, der keine eigene Theologie verfolge und bewusst keine Plattform für Missionierung biete; Bittners Buch mache die Initiative zudem nur auf wenigen Seiten zum Thema. Kritiker halten dem entgegen, dass zwischen dem Verein und der TOS-Gemeinde eine personelle, institutionelle und finanzielle Identität bestehe und die Märsche systematisch mit Bittners Schulungen und Literaturangeboten verknüpft würden, um die Lehre der Freikirche in den zivilgesellschaftlichen Raum zu tragen.
Relevanz der „geistlichen Kampfführung“: Die Vereinsleitung bezeichnete den Vorwurf, es gehe um charismatische Kampfgebete, als Verzerrung und betonte, das Konzept werde im Buch nur auf wenigen Seiten gestreift; die Märsche selbst seien frei von solchen Ritualen. Religionssoziologische und kirchliche Analysen verweisen demgegenüber darauf, dass die Befreiung von generationellen Flüchen und das Brechen übernatürlicher Bindungen das dogmatische Fundament der Bewegung bilden und in den Vorbereitungskreisen, Schulungswebinaren und internationalen Missionszweigen als verbindliche Praxis gelehrt werden.
Vorwurf des christlichen Zionismus: Die Initiative bestritt, eine verborgene politische Agenda zu verfolgen; das Ziel bestehe allein darin, ein Zeichen für das Existenzrecht Israels und gegen modernen Antisemitismus zu setzen. Publizistische Recherchen und kirchliche Fachstellen verweisen demgegenüber auf enge Kooperationen mit christlich-zionistischen Netzwerken (u.a. Christen an der Seite Israels) und problematisieren, dass Bittners Theologie die Überwindung historischer Schuld an eine unkritische Parteinahme für die israelische Politik und deren militärische Einsätze knüpfe, wodurch legitime politische Kritik dämonisiert werde.
Legitimation durch jüdische Kooperationspartner: Haas führte an, die weltweite Beteiligung jüdischer Gemeinden und Überlebender sei der Beleg für die Lauterkeit der Bewegung, da jüdische Organisationen für Formen der Vereinnahmung besonders sensibel seien. Dem wird entgegengehalten, dass vielen Kooperationspartnern die neucharismatischen Sonderlehren und das Endzeitmodell der Veranstalter nicht vertraut seien. Wo theologische Analysen vorlagen, führten sie wiederholt zu Distanzierungen, etwa durch den Zentralrat der Juden in Deutschland im Kontext der Dresdner Gedenkmärsche oder durch den bayerischen Gedenkstättenbeirat.
↑Oda Lambrecht, Christian Baars:Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S.25,32–35.
↑Sarah Schmalz:Nahostdebatte: Wo liegt die Grenze zur Propaganda? In: WOZ Die Wochenzeitung. Nr.26, 27.Juni 2024 (woz.ch[abgerufen am 30.Oktober 2026]).
↑Oda Lambrecht, Christian Baars:Mission Gottesreich: Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-512-6, S.32–35.
↑Klaus Sturm:Die »Tübinger Offensive Stadtmission« (TOS). (Erster Bericht). In: Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Band57, Nr.6, 1994, S.176–178 (ezw-berlin.de[PDF; abgerufen am 30.Oktober 2026]).