TOS (Freikirche)

Gemeindezentrum in der Eisenbahnstraße Tübingen

Die TOS, ehemals Tübinger Offensive Stadtmission, ist eine evangelische Freikirche und ein Missionswerk evangelikal-charismatischer Prägung.

Geschichte

Die frei-charismatische „Tübinger Offensive Stadtmission“ ging aus einem 1986 begründeten Gebetskreis hervor, in dem sich Christen verschiedener Denominationen trafen. 1988 wurde der Verein „Tübinger Offensive Stadtmission e.V.“ gegründet. Nachdem einige Jahre lang Gottesdienste ohne Anbindung an eine Kirche durchgeführt wurden, entstand 1990 eine Freikirche, heute die TOS Gemeinde Tübingen. Weitere Gemeinden und soziale Dienste wurden in Leipzig, Ueckermünde, Albstadt-Tailfingen und Halle (Saale) gegründet.

Seit 1997 entstanden durch Gemeindegründungen und den Aufbau von Waisenhäusern in Lateinamerika und von Rehabilitationszentren für Drogenabhängige und AIDS-Infizierte in Osteuropa neue Arbeitszweige in bisher neun verschiedenen Ländern. Durch eigene Pastoren betreute Gemeinden existieren in Bangor/Nordirland, Svetlagorsk/Belarus, Lima/Peru, La Paz/Bolivien und San Salvador de Jujuy/Argentinien.

Kreative Verkündigung auf dem Tübinger Bahnhofsplatz

Theologie und Gemeindespiritualität

Die Spiritualität der „TOS Gemeinde Tübingen“ ist neupfingstlich-charismatisch geprägt. Die Bibel ist letztinstanzliche Autorität für Fragen der christlichen Lehre, Ethik und Lebenspraxis.

Theologisches Konzept der «Decke des Schweigens»

Ein zentrales Element der Theologie von TOS-Leiter Jobst Bittner ist die in seinem Buch Die Decke des Schweigens (2009) dargelegte Verknüpfung von historischer Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus, charismatischer Seelsorge und politisch-religiöser Solidarität mit dem Staat Israel.

Bittner postuliert darin, dass das Verschweigen familiärer oder lokaler Verstrickungen in die NS-Verbrechen und den Holocaust sowie historischer Antisemitismus eine geistliche Blockade («Decke») über Einzelpersonen, Familien und Regionen nach sich ziehe. Befreiung und geistlicher Segen könnten demnach nur durch Ahnenforschung zur Klärung der Täter- oder Mitläuferschaft der eigenen Vorfahren, ein öffentliches Schuldbekenntnis und die persönliche Versöhnungsbitte gegenüber jüdischen Menschen oder Holocaust-Überlebenden erlangt werden.

Diese Konzeption stößt bei kirchlichen Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten auf Kritik:

  • Theologische Kritik: Die Annahme einer vererbbaren spirituellen Kollektivschuld steht im Widerspruch zum reformatorischen Verständnis von Rechtfertigung und Gnade, das Schuld und Vergebung an die persönliche Verantwortung des Einzelnen bindet. So werden die Nähe zu Konzepten von sogenannten Ahnenflüchen und «geistlicher Kampfführung» auch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) und von landeskirchlichen Beobachtern problematisiert.
  • Christlicher Zionismus: Der Versöhnungsdiskurs wird nahtlos mit christlichem Zionismus verbunden. Das Eintreten für den modernen Staat Israel wird dabei als zwingende Konsequenz echter Buße dargestellt, wodurch theologische Schuldgefühle für geopolitische Positionierungen nutzbar gemacht werden.

Marsch des Lebens

Von der „TOS Gemeinde Tübingen“ gingen und gehen Impulse zur Versöhnung zwischen Überlebenden des Holocaust und Nachkommen der Täter und Mithelfer aus. So beherbergt die Gemeinde vor Ort eine kleine Ausstellung zu dieser Thematik. Im April 2007 veranstaltete die TOS erstmals einen Marsch des Lebens. Dieser folgte „der Route der Todesmärsche von der Schwäbischen Alb nach Dachau“. Seit 2009 finden diese Veranstaltungen auch international als March of Remembrance statt. Im Jahr 2012 stand der Marsch unter dem Motto „Ein Zeichen gegen modernen Antisemitismus und für Israel“. Der Marsch des Lebens 2015 zum KZ Dachau stieß auf Kritik seitens der Evangelischen Kirche und des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, die Gedenkstätte versagte den Veranstaltern jegliche Unterstützung.

Laut Angabe von TOS ist der Marsch des Lebens seit 2015 ein eigenständiger Verein. 2011 und 2015 wurde er von der israelischen Knesset für sein besonderes Engagement für Holocaustüberlebende ausgezeichnet.

Kontroverse um die Bewegung „Marsch des Lebens“

Seit 2007 organisiert die Gemeinde über den angeschlossenen Verein Marsch des Lebens e. V. Gedenk- und Begegnungsmärsche entlang historischer Routen von NS-Todesmärschen. Die Bewegung entwickelte sich rasch zu einem internationalen Aushängeschild der Freikirche, geriet jedoch wiederholt in die Kritik landeskirchlicher Fachstellen für Weltanschauungsfragen.

Im Vorfeld des 70. Jahrestags der Befreiung der Konzentrationslager im Januar 2015 veröffentlichten die Beauftragten für Weltanschauungsfragen der bayerischen Landeskirche und der Pfarrer der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau (u. a. Matthias Pöhlmann und Björn Mensing) eine gemeinsame Stellungnahme unter dem Titel „Für ein angemessenes Gedenken“. Darin rieten sie von einer Beteiligung an der Initiative ab. Zur Begründung verwiesen sie auf eine drohende theologische Instrumentalisierung des Gedenkens, auf das von Pastor Jobst Bittner gelehrte Konzept übernatürlicher Generationenflüche und „Territorialmächte“ sowie auf eine einseitige ideologische Ausrichtung am christlichen Zionismus.

TOS-Repräsentant Stefan Haas wies diese Kritik in einer ausführlichen Replik zurück. Er betonte, der Trägerverein sei säkular verfasst, verfolge keine verborgene theologische Agenda und diene ausschließlich der Versöhnung, dem Gedenken und dem Engagement gegen modernen Antisemitismus; die Vorwürfe zur „geistlichen Kampfführung“ bezögen sich auf Passagen eines Buches, die für die Durchführung der Märsche keine Rolle spielten. Kritiker halten dem entgegen, dass zwischen der Leitung der TOS-Gemeinde und dem Trägerverein eine enge personelle und organisatorische Verflechtung bestehe und die theologische Schulung von Multiplikatoren weiterhin auf Bittners Büchern und Konzepten basiere. In der Folge verweigerten mehrere Gedenkstätten und kirchliche Träger – darunter die KZ-Gedenkstätte Dachau – eine institutionelle Kooperation mit der Bewegung.

Kritik

In der Studie Mission Gottesreich über die evangelikal-charismatische Glaubensbewegung in Deutschland findet die „TOS Gemeinde Tübingen“ mehrfach Erwähnung. Kritisiert werden vor allem die von Pflicht und Gehorsam geprägte hierarchische Struktur und die in ihr praktizierte Art der Dämonenaustreibung. Außerdem ist die Gruppierung durch Berichte von Aussteigern in das Blickfeld der zuständigen Weltanschauungsbeauftragten der Landeskirche geraten.

Literatur

Commons: TOS Gemeinde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ EZW: TOS-Gemeinde Tübingen. In: Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Band 57, Nr. 6, 1994, S. 176 (ezw-berlin.de [PDF; abgerufen am 30. Oktober 2026]).
  2. ↑ Annette Kick: Charismatisch-pfingstliche Bewegungen (PDF-Datei; 102 kB) Materialien der Weltanschauungsbeauftragten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stand August 2012
  3. ↑ Jobst Bittner: Die Decke des Schweigens. TOS Verlag, Tübingen 2009, ISBN 978-3-9812426-3-8.
  4. 1 2 Alexander Benatar: Der „Marsch des Lebens“ – echte Versöhnung oder instrumentalisiertes Gedenken? In: EZW-Materialdienst. 2012, abgerufen am 29. Oktober 2026.
  5. ↑ Evangelische Landeskirche in Württemberg: Dokumentation zu Freikirchen und Sondergemeinschaften: Die TOS-Gemeinde Tübingen. 2015, abgerufen am 29. Oktober 2026.
  6. ↑ Gerhard Gronauer: Der Staat Israel im theologischen und politischen Denken des deutschen Protestantismus von 1947 bis 1972. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-55772-3, S. 380–385.
  7. ↑ Marsch des Lebens. TOS, abgerufen am 28. August 2012.
  8. ↑ TOS Marsch des Lebens 2007 (PDF-Datei; 1,67 MB) Informationen zu den KZ-Außenlagern des Unternehmens Wüste
  9. ↑ March of Remembrance in über 50 Städten in sieben Nationen. TOS, archiviert vom Original am 24. August 2012; abgerufen am 28. August 2012.
  10. ↑ Marsch des Lebens. Abgerufen am 28. August 2012.
  11. ↑ „Marsch des Lebens“ nach Dachau - pro-medienmagazin.de. 5. Februar 2015, archiviert vom Original am 13. Juli 2015; abgerufen am 20. September 2022.
  12. ↑ Helmut Zeller: Marsch auf Dachau, Süddeutsche Zeitung, 10. Februar 2015
  13. ↑ https://tos.info/ueber-uns (Abschnitt „Geschichte“)
  14. ↑ https://www.marschdeslebens.org/index.php?id=1251
  15. 1 2 Helmut Zeller: Gedenkstätte Dachau: Marsch auf Dachau. In: Süddeutsche Zeitung. 10. Februar 2015, abgerufen am 30. Oktober 2026.
  16. 1 2 Stefan Haas: Zur Kritik am Marsch des Lebens. In: marschdeslebens.org. Abgerufen am 30. Oktober 2026.
  17. ↑ Alexander Benatar: Der „Marsch des Lebens“ – echte Versöhnung oder instrumentalisiertes Gedenken? In: EZW-Materialdienst. Februar 2020, abgerufen am 30. Oktober 2026.
  18. ↑ Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich, Berlin 2009, S. 25.32-35
  19. ↑ Annette Kick: Fundamentalismus. „Bibeltreue“ Christen in Kirche, Politik und Gesellschaft (PDF-Datei; 87 kB) in: Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus e.V. (Hrsg.): Religiöser-weltanschaulicher-politischer Fundamentalismus und Fanatismus. München, Pfaffenhofen 2007
  20. ↑ Die als Quelle angegebene Datei (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) ist auf der Seite der (württembergischen) evangelischen Landesstelle für Weltanschauungsfragen nicht mehr vorhanden, sie wurde offensichtlich durch eine PDF-Datei (493 kB) ersetzt, in der die TOS zwar erwähnt wird, aber ohne Kritik an ihr zu üben.