| Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ | |
|---|---|
| Gründung | 2011 |
| Ende | 2023 |
| Sprecher | Ludger Lieb |
| Ort | Heidelberg |
| Sitz | Marstallstr. 6, 69117, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg |
| Website | materiale-textkulturen.de |
Der Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ war ein an der Universität Heidelberg angesiedelter Sonderforschungsbereich (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Untertitel Materialität und Präsenz des Geschriebenen in non-typographischen Gesellschaften. Der 2011 eingerichtete Forschungsbereich beschäftigte sich mit der Erforschung der verschiedenen Schriftträger und der aufgebrachten Schrift in Kulturen vor der Erfindung und Etablierung des Buchdruckes. Zentrale Forschungskulturen waren der Mittelmeerraum, Vorderasien und Europa, der zeitliche Rahmen umfasste dabei den Bereich von der Entwicklung der Schrift am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in Mesopotamien und Altägypten bis zur Ablösung manueller durch mechanische Verfahren mit der Durchsetzung des Buchdrucks in Europa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Sein Forschungsprogramm folgte dem Material Turn in den Geistes- und Kulturwissenschaften und maß der Erforschung der Materiellen Kultur besondere Bedeutung zu. Die spezifischen Ansätze und Forschungsergebnisse der am Text orientierten und der am Objekt ausgerichteten Disziplinen wurden hierbei zusammengeführt.
Der SFB 933 war einer von sehr wenigen geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereichen der DFG und wurde im Mai 2015 in einer zweiten Antragsphase bis 2019 verlängert. Im Mai 2019 wurde eine dritte Förderperiode bis 2023 genehmigt. Beteiligt waren etwa 70 Wissenschaftler aus 18 geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen der Universität Heidelberg sowie der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Der SFB war hierbei deutlich fakultätsübergreifend. Im Bereich der Digital Humanities bestand eine enge Kooperation mit dem Universitätsrechenzentrum und der Universitätsbibliothek Heidelberg. Nach Auslaufen der Förderung durch die DFG wurden Teile der Strukturen des SFB in die universitären Strukturen überführt.
In ihm waren viele Kleine Fächer vertreten, zu deren Sichtbarkeit und struktureller Stärkung er beitragen sollte. Insgesamt waren dies 17 von 31 Kleinen Fächern in Heidelberg: Ägyptologie, Alte Geschichte, Altorientalistik, Byzantinische Archäologie und Kunstgeschichte, Ethnologie, Gräzistik, Islamwissenschaft, Klassische Archäologie, Latinistik, Mittellatein, Ostasiatische Kunstgeschichte, Papyrologie, Religionswissenschaft, Sinologie, Semitistik, Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie.
Sprecher des SFB war zunächst der Assyriologe Markus Hilgert. 2013 übernahm diesen Funktion der Germanistische Mediävist Ludger Lieb.
Als theoretischer Überbau wurden drei zentrale Zielsetzungen für den SFB 933 entwickelt:
In der zweiten Phase des SFB werden diese Ziele weiter verfolgt, aber auch weiter gefasst. Es werden weitere Räume, Kulturen und Zeitphasen einbezogen. Diese zum Teil geschärfte Perspektive wird vom SFB wie folgt beschrieben:
Der SFB ist in 23 Teilprojekte unterteilt, die zu vier Projektbereichen zusammengefasst werden.
Teilprojekt A01 – Beschriebenes und Geschriebenes im städtischen Raum der griechisch-römischen Antike und des Mittelalters
Teilprojekt A02 – Antike Briefe als Kommunikationsmedium
Teilprojekt A03 – Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter
Teilprojekt A04 – Wissenstransfer von der Antike ins Mittelalter. Bedingungen und Wirkungen dauerhafter Verschriftlichung am Beispiel des Klosters Lorsch
Teilprojekt A05 – Schrift und Schriftzeichen am und im mittelalterlichen Kunstwerk
Teilprojekt A06 – Die papierene Umwälzung im spätmittelalterlichen Europa. Vergleichende Untersuchungen zum Wandel von Technik und Kultur im „sozialen Raum“
Teilprojekt A08 – Reliquienauthentiken. Forschungen zur Materialität und Präsenz einer ausgesparten Sonderform frühmittelalterlicher Schriftlichkeit
Teilprojekt A09 – Schreiben auf Ostraka im inneren und äußeren Mittelmeerraum
Teilprojekt A10 – Schrift und Bild in der griechischen Plastik: Exemplarische Untersuchung am Beispiel Athens und Olympias von der Archaik bis in die Kaiserzeit
Teilprojekt A11 – Graffiti auf römischen Goldmünzen: Bedeutungsspektrum und Kommunikationsstrategien
Teilprojekt A12 – Präsenz des Künstlers. Mittelalterliche Artefakte mit Künstlerinschriften
Teilprojekt B01 – Materialisierung gedanklicher Ordnung. Darstellungsformen von Gelehrtenwissen auf Tontafeln
Teilprojekt B02 – Wand, Rezitationsrolle und Grab. Wechselnde Materialisierungen religiöser Texte im Alten Ägypten
Teilprojekt B03 – Administrative Textpraxis im mykenischen Griechenland. Zu den materialen und medialen Aspekten frühgriechischer Schriftlichkeit
Teilprojekt B04 – Der masoretische Text der hebräischen Bibel in seinen unterschiedlichen materialen Gestaltungen in Westeuropa im 12 und 13. Jahrhundert
Teilprojekt B06 – Materiale Präsenz des Geschriebenen und ikonographische Rezeptionspraxis in der mittelalterlichen Lehrdichtung. Text-Bild-Edition und Kommentar zum Welschen Gast des Thomasin von Zerklare
Teilprojekt B07 – Aspekte der Medialität und Materialität illuminierter Querrollen im mittelalterlichen Japan
Teilprojekt B09 – Die Beschreibstoffe Holz und Bambus im Alten China
Teilprojekt B10 – Rollen im Dienst des Königs. Die Formate Rolle und Codex in königlicher Verwaltung und Historiografie im spätmittelalterlichen Westeuropa
Teilprojekt B11 – Materiale Formierungen musiktheoretischer Konzepte: Praxeologie eines Fachschrifttums im ausgehenden Mittelalter
Teilprojekt B12 – Präsenz- und Überlieferungsformen sumerischer Königshymnen
Teilprojekt B13 – Wissensordnung und Biographie: Kalkulierte Handschriftlichkeit in der gedruckten Wissensliteratur der Frühen Neuzeit (16. und 17. Jahrhundert)
Teilprojekt B14 – Interaktive Medien: Interdependenzen zwischen Geschriebenem/Gemaltem und Gedrucktem im Japan des langen 17. Jahrhunderts
Teilprojekt B15 – Visuelle Gliederungsmittel ägyptischer Texte auf Papyrus
Teilprojekt C01 – Materialität und Präsenz des Geschriebenen im Herrschaftsdiskurs des antiken Mesopotamien zwischen 2500 und 1800 v. Chr.
Teilprojekt C02 – Erzählungen von Geschriebenem als Grundlage einer „Text-Anthropologie“ des Alten Testaments
Teilprojekt C03 – Zeitformen. Raumformen. Strategien der Verhandlung von Materialität und Präsenz der Schrift in der augusteischen Literatur
Teilprojekt C04 – Der buddhistische Kanon in Stein. Materialisierung und Präsentifizierung heiliger Schriften im Wolkenheimkloster (616–1180 n. Chr.)
Teilprojekt C05 – Inschriftlichkeit. Reflexionen materialer Textkultur in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts
Teilprojekt C06 – Beruf und Bildung im islamischen Kanzleiwesen (adab al-kātib) Oder: Verwaltung als Königsdisziplin
Teilprojekt C07 – Sakrale und heilige Schrift: Zur Materialität und Funktion konkurrierender Schriftsysteme bei der Formierung des religiösen Feldes auf Bali
Teilprojekt C08 – Inschriften als Meta-Historie in der griechischen Geschichtsschreibung
Teilprojekt C09 – Körperbeschreibungen: Text und Körper in den iberischen Literaturen der Vormoderne
Teilprojekt C10 – Briefe als materiale Kommunikation in der Literatur des 12. bis 17. Jahrhunderts
Teilprojekt IGK – Integriertes Graduiertenkolleg
Teilprojekt INF – Serviceprojekt zu Informationsmanagement und Informationsstruktur
Teilprojekt Ö – Schrifttragende Artefakte in Neuen Medien
Teilprojekt Z – Geschäftsführung und Koordination
Das Teilprojekt „Beschriebenes und Geschriebenes im städtischen Raum der griechisch-römischen Antike und des Mittelalters“ (A1) besuchte der Althistoriker Andreas Bendlin von der University of Toronto im Frühjahr 2012. Auf Einladung durch das Teilprojekt C03 („Zeitformen. Raumformen. Strategien der Verhandlung von Materialität und Präsenz der Schrift in der augusteischen Literatur“) hat im Frühjahr 2014 Hans Ulrich Gumbrecht von der Stanford University als Gastprofessor zu „Materialität als Dimension in den Geisteswissenschaften“ vorgetragen. Auch Christian Benne kam für dieses Teilprojekt als Gastprofessor nach Heidelberg. Der Wissenschaftshistoriker Alexander Jones von der New York University war 2015 Gast am SFB 933 und arbeitete zur „Materialität von Zeit in der Antike“, speziell zum Mechanismus von Antikythera. Das Teilprojekt A02 organisierte Workshops und Gastvorträge von Malcolm Choat und Alexander Jones von der New York University.
Zu den Konferenzen und Workshops, die durch den Sonderforschungsbereich 933 organisiert wurden, gehören:
Im Sommersemester 2015 war der SFB 933 gemeinsam mit dem Heidelberg Center for Cultural Heritage Gastgeber der Akademischen Mittagspause zum Thema „5.300 Jahre Schrift – eine kleine Menschheitsgeschichte in 61 Motiven“ in der Heidelberger Peterskirche. In 61 Kurzvorträgen zur Mittagszeit wurde in öffentlichen Vorträgen die Entwicklung der Schrift von ihren Anfängen in Mesopotamien und Ägypten bis in die Gegenwart nachgezeichnet.
Im Oktober 2016 fand eine Glam on Tour-Station im Antikenmuseum der Universität Heidelberg statt.
Daneben ist der Sonderforschungsbereich 933 eng in die Lehre an der Universität Heidelberg eingebunden. Ein Beispiel dafür ist die Ringvorlesung „Inschriftlichkeit und Bildlichkeit. Materiale und intermediale Dimensionen des Geschriebenen in deutschen Texten des Mittelalters“, die im Wintersemester 2011/2012 durch die Teilprojekte B06 und C05 organisiert wurde.
Die Forschungsergebnisse des SFB werden unter anderem in einer eigenen Reihe, die sowohl Sammelbände als auch Monografien umfasst, publiziert. Publikationssprachen sind Deutsch und Englisch. Die Reihe erscheint im Verlag Walter de Gruyter unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-NC-ND im Open Access. Sie trägt denselben Namen wie der SFB, Materiale Textkulturen (MTK) und wird auch in The Ancient World Online bibliographiert. Bisher sind die folgenden Bände erschienen:
Das „Material Text Culture Blog“ ist eine nicht-periodische Online-Publikation des SFB 933, die in der Deutschen Nationalbibliothek bibliographiert wird.
Online-Berichte
Radio-Features und Podcasts