
Matilde (Rachel) Cassin Vardi (geboren 8. August 1921 in Florenz, Königreich Italien; gestorben 24. Mai 2006 in Israel) war eine jüdische italienische Untergrundkämpferin. Sie rettete nach der Übernahme der Macht in Italien durch die Deutschen 1943 und dem Beginn der Judenverfolgung in der Italienischen Sozialrepublik mehrere Hundert jüdische Flüchtlinge vor der Deportation in die Konzentrationslager.
Matilde wurde als Tochter einer bürgerlichen jüdischen Familie geboren. Ihr Vater Emanuele Cassin war Angestellter bei einer bekannten Versicherungsgesellschaft, ihre Mutter Rebecca Benaim Hausfrau. In ihrer Jugend nahm sie an den Campeggi teil, Sommercamps, die von zionistischen Aktivisten organisiert wurden, um junge Juden auf die Auswanderung ins Land Israel vorzubereiten. Dort kam sie zum ersten Mal mit dem Zionismus, der hebräischen Sprache und der jüdischen Kultur in Berührung.
Am 17. November 1938 erließ Italien die Rassengesetze. Infolgedessen wurden jüdische Schüler und Lehrer aus den Bildungseinrichtungen verwiesen. Um diesem Problem zu begegnen, richtete die jüdische Gemeinde eine Privatschule innerhalb des Synagogenkomplexes ein. Cassin Vardi organisierte eine Gruppe von Kindern und führte mit ihnen nachmittags gemeinsame Aktivitäten durch. Sie lernten hebräische Lieder, beschäftigten sich mit dem Zionismus und dem Judentum und veranstalteten gesellige Zusammenkünfte. Als am 1. September 1939 in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach, trafen jüdische Flüchtlinge auf der Suche nach Asyl in Italien ein. Um dieser Flüchtlingswelle zu helfen, wurde die DELASEM (Delegazione per l’Assistenza degli Emigranti Ebrei) gegründet. Ihr Ziel war es, das Wohlergehen der Flüchtlinge zu gewährleisten. Cassin Vardi schloss sich der Organisation an, sobald diese in Florenz ihre Arbeit aufnahm. Sie begab sich zum Hauptbahnhof, um die neu angekommenen Flüchtlinge ausfindig zu machen und sie zu den Büros der jüdischen Gemeinde zu führen. Unter der Leitung von Rabbiner Nathan Cassuto sorgte die Gemeinde dafür, dass die Flüchtlinge in leerstehenden öffentlichen Gebäuden untergebracht wurden, und versorgte sie mit Lebensmitteln, Kleidung und medizinischer Versorgung. Die faschistischen Behörden übersahen diese Aktivitäten weitestgehend.
Cassin Vardi erkannte schnell die besondere Notlage der Kinder, die oft allein, ohne ihre Eltern, ankamen. Sie gehörte zu den Mitgründerinnen von DELASEM dei piccoli (DELASEM für Kinder). Sie führten Aufzeichnungen über alle Flüchtlingskinder und ihre Verstecke, schickten ihnen Pakete mit Büchern und Süßigkeiten und hielten regelmäßigen Kontakt zu ihnen. Sie hatte auch Kontakt zu der von DELASEM in der Villa Emma in Nonantola untergebrachten Gruppe jugoslawischer Kinder.
Nach dem Sturz Mussolinis und der Übernahme der Macht in Italien durch die Deutschen kamen die Aktivitäten von DELASEM mit dem Einmarsch der Deutschen in Florenz am 8. September 1943 zum Erliegen. Es wurde notwendig, in den Untergrund zu gehen und Verstecke für jüdische Flüchtlinge zu finden, deren Leben in unmittelbarer Gefahr war.
Dazu suchten die DELASEM die Hilfe der katholischen Kirche zu erbitten. Es wurde ein Treffen zwischen Cassin Vardi, Rabbi Cassuto und Kardinal Elia Dalla Costa, dem Erzbischof von Florenz, vereinbart, aus dem eine jüdisch-christliche Untergrundgruppe mit zwei Priestern, Pater Cipriano Ricotti und Don Leto Casini, hervorging. Ihre Aufgabe bestand darin, Klöster im Raum Florenz ausfindig zu machen, die bereit waren, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Cassin Vardis Aufgabe bestand darin, diese Klöster gemeinsam mit Pater Cipriano aufzusuchen und die Nonnen davon zu überzeugen, die Flüchtlinge zu verstecken. Dies war keine leichte Aufgabe: Viele der Nonnen fürchteten um ihre eigene Sicherheit, einige Klöster waren strenge Frauenklöster, die keine Männer aufnehmen wollten, und schließlich handelte es sich um jüdische Flüchtlinge. Trotz dieser Herausforderungen wurden viele Verstecke gefunden und nach Schätzungen konnten so mehrere Hundert Menschen vor der Deportation bewahrt werden.
Ein Untergrundtreffen am 26. November 1943 in einem Kirchengebäude im Stadtzentrum von Florenz wurde verraten und SS-Soldaten verhafteten die Anwesenden, darunter Rabbi Cassuto, der nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Einige Tage später wurden weitere Mitglieder durch die italienische Polizei verhaftet, darunter Anna Cassuto, die Ehefrau von Cassuto, und Raffaele Cantoni. Cassin Vardi war zu dem Treffen zu spät gekommen. Aber die Verhaftungen erfassten auch ihre Mutter und ihren Bruder, die sich in einer Pension in der Innenstadt versteckt hielten. Um ihre Freilassung zu erwirken, stellte sich Cassin Vardi der Polizei, jedoch ohne Erfolg. Mit Hilfe eines Informanten innerhalb der Polizei, eines Mannes namens Vincenzo Attanasio, gelang es jedoch, aus der Haft zu fliehen, bevor sie an die deutschen Behörden ausgeliefert wurden. 1944 musste Cassin Vardi schließlich mit ihrem Bruder in die Schweiz fliehen. Dort setzte sie ihre Arbeit mit Kindern fort. Zusammen mit Cantoni und Astorre Mayer gründete sie in der Stadt Weggis, Kanton Luzern eine Schule, die von etwa 100 bis 150 italienisch-jüdischen Kindern besucht wurde.
Nach dem Krieg kehrte Cassin Vardi nach Italien zurück, ging jedoch nicht nach Florenz. Stattdessen gründete sie gemeinsam mit Raffaele Cantoni, Umberto Nahon und dem Wissenschaftler-Ehepaar Luigi und Anna-Maria Gorini in der Casa di Sciesopoli in der norditalienischen Stadt Selvino ein Waisenhaus für Kinder, die den Holocaust überlebt hatten.
Im November 1945 endete der Aufenthalt in Selvino. Sie heiratete ihren Verlobten Max (Meir) Vardi (1912–2003), der während des Krieges in Israel gewesen war. Nach der Heirat und der Geburt des ersten Kindes wanderte die Familie im März 1948 nach Israel aus. Sie verbrachten eine kurze Zeit im Kibbuz Sde Eliyahu in der Beit-Scheʾan-Senke und bekleideten später verschiedene offizielle Ämter. Zwischen 1949 und 1951 waren sie in Tripolis, Libyen, stationiert, wo Max Vardi dabei half, die Einwanderung libyscher Juden nach Israel zu organisieren. Danach bekleidete das Paar diplomatische Ämter in Europa, unter anderem in Brüssel, Marseille und Paris.
Sie hatten fünf Kinder. Yoram (* 1947), der noch in Italien geboren wurde, Alisa (* 1948), Asher Fortunato (* 1951), Yael (Tati, * 1954) und Nizza (* 1961), die in Marseille geboren wurde.
1972 wurde Cassin Vardi zusammen mit Leto Cassini im Rahmen eines Oral-History-Projekts des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry in italienischer Sprache interviewt.
Cassin Vardi starb 2006 und ist wie ihr Mann auf dem Friedhof des Dorfes Nataf, Mateh Jehuda, in den Judäischen Bergen begraben.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vardi, Matilde Cassin |
| ALTERNATIVNAMEN | Cassin, Matilde; Varadi, Matilde; Varadi, Rachel |
| KURZBESCHREIBUNG | jüdische italienische Untergrundkämpferin |
| GEBURTSDATUM | 8. August 1921 |
| GEBURTSORT | Florenz, Königreich Italien |
| STERBEDATUM | 24. Mai 2006 |
| STERBEORT | Israel |