Die Mauritius Ball Covers sind drei erhaltene philatelistische Ganzstücke aus dem Jahr 1847. Die an Alcide Marquay, Edmond Duvivier und Charles Félix Henry Adam adressierten Umschläge sind jeweils mit einer orangeroten 1-Penny-Marke der ersten Briefmarkenausgabe der damaligen britischen Kolonie Mauritius, der sogenannten Roten Mauritius, frankiert. Sie werden traditionell mit einem von Lady Elizabeth Gomm am 30. September 1847 veranstalteten Kostümball in Verbindung gebracht. Ein zeitgenössischer schriftlicher Nachweis für diesen Zusammenhang ist jedoch nicht bekannt; auch die ursprünglichen Inhalte der Umschläge sind nicht erhalten.
Die drei Stücke werden nach ihren Empfängern als Marquay-Umschlag, Duvivier-Umschlag und Adam-Umschlag bezeichnet. In der von dem belgischen Briefmarkenhändler Jean-Baptiste Moens begründeten Nummerierung der erhaltenen Mauritius-„Post-Office“-Marken tragen sie die Nummern XV, XVII und XX. Der Marquay-Umschlag gehört zur Tapling Collection der British Library, der Duvivier-Umschlag zur Royal Philatelic Collection des britischen Königshauses und der Adam-Umschlag befindet sich in Privatbesitz.
Der Adam-Umschlag wurde 2021 für 8,1 Millionen Euro zugeschlagen. Das Auktionshaus veröffentlichte ein Auktionsergebnis von 10.027.800 Euro. Damit erzielte er den bis dahin höchsten öffentlich dokumentierten Auktionspreis für ein einzelnes philatelistisches Objekt.
Mauritius war seit 1810 eine britische Kolonie. Das bereits unter französischer Herrschaft entstandene Postwesen wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrittweise ausgebaut. Unter Gouverneur William Maynard Gomm ordnete die im Dezember 1846 erlassene Ordinance No. 13 den innermauritischen Postverkehr neu und schuf die rechtliche Grundlage für die Ausgabe eigener Briefmarken. Für einen örtlichen Brief war ein Porto von einem Penny vorgesehen; für andere Sendungen innerhalb der Insel galt ein Tarif von zwei Pence.
Mit Entwurf, Gravur und Druck der Marken wurde der in Port Louis tätige britische Graveur und Miniaturmaler Joseph Osmond Barnard beauftragt. Er gravierte die beiden Wertstufen nebeneinander auf eine kleine Kupferplatte. Beide Marken zeigen das Profil der britischen Königin Victoria: die Ein-Penny-Marke wurde orangerot, die Zwei-Pence-Marke dunkelblau gedruckt. Von jeder Wertstufe entstanden 500 Exemplare.
Die Marken wurden am 21. September 1847 erstmals verwendet. Sie tragen auf der linken Seite die Inschrift „POST OFFICE“. Die früher verbreitete Erzählung, Barnard habe irrtümlich „POST OFFICE“ anstelle von „POST PAID“ eingraviert, ist nicht belegt. Die Postverwaltung von Mauritius verwendete die Bezeichnung „POST OFFICE“ auch auf ihren damaligen Stempeln. Bei der folgenden Ausgabe von 1848 wurde die Inschrift gleichwohl durch „POST PAID“ ersetzt.
Von den ursprünglich 1000 Marken sind nach der in der Forschung gebräuchlichen Zählung 27 erhalten: 15 Exemplare der roten Ein-Penny-Marke und zwölf Exemplare der blauen Zwei-Pence-Marke. Die einzelnen Stücke werden anhand einer von Jean-Baptiste Moens im 19. Jahrhundert begonnenen und später fortgeführten Nummerierung mit römischen Zahlen unterschieden.
Lady Elizabeth Ann Gomm, geborene Kerr, war die zweite Ehefrau des Gouverneurs. Sie begleitete ihren Mann 1842 nach Mauritius und trat dort als Gastgeberin, Förderin gesellschaftlicher Veranstaltungen und Unterstützerin wohltätiger Einrichtungen hervor.
Am 30. September 1847 veranstaltete sie einen Kostümball im Government House in Port Louis. Helen Morgan bestimmte den Veranstaltungsort anhand zeitgenössischer Quellen ausdrücklich als Government House und nicht als die ebenfalls mit den Gomms verbundene Residenz Le Réduit. Eine Ankündigung zu den Verkehrsregelungen für den Ball erschien am Veranstaltungstag in der mauritischen Zeitung Le Cernéen. Der britische Offizier John Alexander Ewart hinterließ später einen Augenzeugenbericht über das Fest.
In einer späteren Deutung wurde vermutet, der Ball habe dazu dienen können, gesellschaftliche Spannungen zwischen den englisch- und französischsprachigen Bevölkerungsgruppen der Kolonie zu mildern. Der Weltpostverein bezeichnet diese Erklärung ausdrücklich als Spekulation. Ebenso unbelegt ist die verbreitete Erzählung, die Briefmarken seien eigens für den Versand der Einladungen hergestellt oder Lady Gomm vor dem allgemeinen Verkaufsbeginn überlassen worden.
Die drei erhaltenen Umschläge sind ähnlich gestaltet und jeweils mit einer roten Ein-Penny-Marke für die örtliche Zustellung frankiert. Sie waren an Alcide Marquay, Edmond Duvivier und Charles Félix Henry Adam adressiert. In keinem der Umschläge wurde später noch eine Einladung oder ein anderer Inhalt gefunden. Morgan hielt es für wahrscheinlicher, dass sie Eintrittskarten zum Ball enthielten, konnte dafür bei ihren Archivstudien jedoch keinen zeitgenössischen schriftlichen Beleg finden.
Die ausdrückliche Verbindung der Umschläge mit dem Ball lässt sich nach Morgans Darstellung bis zu einer anonymen Mitteilung zurückverfolgen, die 1897 in einer philatelistischen Zeitschrift erschien. Ausgangspunkt der Zuschreibung war vor allem die Ähnlichkeit der drei Umschläge. Trotz des fehlenden endgültigen Nachweises gilt ein Zusammenhang mit der Veranstaltung in der philatelistischen Literatur als wahrscheinlich.
Die Ball Covers zählen zu den frühesten erhaltenen postalischen Belegen mit Briefmarken aus Mauritius. Der Marquay- und der Duvivier-Umschlag wurden am 21. September 1847, dem ersten Verwendungstag der Marken, postalisch behandelt. Der Adam-Umschlag folgte am 27. September, drei Tage vor dem Ball.
| Bezeichnung | Moens-Nr. | Empfänger | Postdatum und postalische Merkmale | Heutiger Standort |
|---|---|---|---|---|
| Marquay-Umschlag | XV | Monsieur Alcide Marquay | Doppelkreisstempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 21. September 1847; zusätzlicher Rahmenstempel „PENNY POST“ | Tapling Collection, British Library, London |
| Duvivier-Umschlag | XVII | Ed. Duvivier Esq. | Doppelkreisstempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 21. September 1847; zusätzlicher Rahmenstempel „PENNY POST“ | Royal Philatelic Collection |
| Adam-Umschlag | XX | H. Adam Esq. Junr. | Marke mit Rahmenstempel „PAID“ entwertet; zusätzlicher Rahmenstempel „PENNY POST“; rückseitiger Doppelkreisstempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 27. September 1847 | Privatbesitz |
Der Marquay-Umschlag ist an „Monsieur Alcide Marquay“ adressiert. Die Briefmarke wurde mit einem großen doppelkreisförmigen Stempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 21. September 1847 entwertet. Daneben befindet sich ein rechteckiger Stempel „PENNY POST“. Links unten wurden später die Initialen „B M“ des British Museum angebracht.
Das Stück ist seit 1876 philatelistisch nachgewiesen. In diesem Jahr erwarb Édouard Buger den Umschlag für 75 Franc. 1878 kaufte der britische Offizier und Philatelist Edward Benjamin Evans Bugers Sammlung während eines Aufenthalts auf Mauritius. Im Jahr 1884 ging die Sammlung an den britischen Politiker und Philatelisten Thomas Keay Tapling über; der Wert des Ball Covers wurde dabei mit 75 Pfund Sterling angesetzt.
Tapling vermachte seine Sammlung nach seinem Tod 1891 dem British Museum. Die philatelistischen Bestände wurden 1973 in die British Library überführt. Der Marquay-Umschlag ist seither Teil des Mauritius-Bestandes der Tapling Collection. Dieser Bestand umfasst 40 Albumseiten mit insgesamt 716 Briefmarken und anderen philatelistischen Objekten aus den Jahren 1846 bis 1887.

Der Duvivier-Umschlag ist an „Ed. Duvivier Esq.“ adressiert. Seine Briefmarke trägt wie der Marquay-Umschlag einen Doppelkreisstempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 21. September 1847. Der rechteckige Stempel „PENNY POST“ befindet sich ungefähr in der Mitte des Umschlags.
Madame Duvivier entdeckte den Umschlag 1898 beim Aussortieren alter Unterlagen vor einem Umzug. Am 30. März desselben Jahres kaufte ihn der Londoner Briefmarkenhändler William Henry Peckitt für 600 Pfund Sterling. Eine für September 1898 vorgesehene Versteigerung wurde vor dem Aufruf des Loses zurückgezogen. Anschließend gelangte der Umschlag für 850 Pfund in eine Privatsammlung.
Im Jahr 1904 erwarb Prinz George, der spätere König Georg V., den Umschlag. Seitdem gehört er zur Royal Philatelic Collection des britischen Königshauses. Georg V. baute diese zu einer der bedeutendsten Sammlungen von Briefmarken und Postgeschichte des Vereinigten Königreichs und des britischen Kolonialreichs aus.

Der Adam-Umschlag ist an „H. Adam Esq. Junr.“ adressiert. Empfänger war Charles Félix Henry Adam (1829–1907), der gewöhnlich Henry Adam genannt wurde. Die Marke ist im Unterschied zu den Marken auf den beiden anderen Ball Covers mit einem rechteckigen Stempel „PAID“ entwertet. Links befindet sich der Rahmenstempel „PENNY POST“; auf der Rückseite trägt der Umschlag einen Doppelkreisstempel „MAURITIUS POST OFFICE“ vom 27. September 1847.
Unter der Verschlussklappe befindet sich der handschriftliche Vermerk „Eliz“, der in der philatelistischen Literatur mit Elizabeth Gomm in Verbindung gebracht wird. Er gilt jedoch nicht als abschließender Nachweis dafür, welchen Inhalt der Umschlag ursprünglich hatte.
Adam bewahrte den Umschlag mehr als fünf Jahrzehnte auf und nahm ihn bei seiner Übersiedlung von Mauritius nach Frankreich im Jahr 1896 mit. Im Jahr 1899 verkaufte er ihn für 680 Pfund Sterling an den Pariser Briefmarkenhändler Théophile Lemaire. Der Familienname in der Anschrift wurde teilweise ausradiert. Nach der im Auktionskatalog wiedergegebenen Überlieferung hatte Adam darum gebeten, seinen Namen von dem persönlichen Brief zu entfernen und den Kaufpreis nicht bekannt zu geben.
Noch 1899 verkaufte Lemaire den Umschlag für 800 Pfund an William Henry Peckitt. Dieser gab ihn für 1080 Pfund an den britisch-amerikanischen Kunst- und Briefmarkenhändler Henry J. Duveen weiter. Im Jahr 1909 erhielt Peckitt den Umschlag im Rahmen eines Tauschgeschäfts zurück und veräußerte ihn an den niederländischen Sammler Henry Manus.
Nach dem Tod von Manus wurde dessen Sammlung 1933 bei Plumridge & Co. versteigert. Der Händler Tom Allen erwarb den Adam-Umschlag für 2400 Pfund. 1934 gelangte er in die Sammlung des rumänischen Königs Carol II. Im Jahr 1950 wurde er über Harmer, Rooke & Co. an den belgisch-luxemburgischen Philatelisten René Berlingin vermittelt.
Bei einer von Stanley Gibbons anlässlich der internationalen Briefmarkenausstellung Anphilex in New York veranstalteten Auktion erwarb der japanische Unternehmer und Philatelist Kanai Hiroyuki den Umschlag am 3. Dezember 1971 für 174.000 US-Dollar. Kanai besaß zeitweise sechs der 27 erhaltenen Mauritius-„Post-Office“-Marken und damit die umfangreichste Gruppe, die ein einzelner Privatsammler zusammentrug.
Kanai übergab seine Mauritius-Sammlung 1986 dem Auktionator David Feldman. Der Adam-Umschlag wurde 1988 privat verkauft und 1993 sowie 1997 erneut in der Schweiz versteigert. Mitte der 2000er Jahre erwarb ihn der in Singapur lebende Sammler Vikramm Chand.
Das Auktionshaus Christoph Gärtner bot den Adam-Umschlag in seiner 50. Auktion an. Die Versteigerung fand am 26. Juni 2021 im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg statt. Das Los wurde mit vier Millionen Euro aufgerufen. Vier Telefonbieter und anfangs ein Onlinebieter beteiligten sich an dem etwa zwölf Minuten dauernden Bietverfahren.
Den Zuschlag bei 8,1 Millionen Euro erhielt ein nicht namentlich genannter deutschsprachiger Sammler aus Europa. Das Auktionshaus veröffentlichte anschließend ein Gesamtergebnis von 10.027.800 Euro. Der Adam-Umschlag übertraf damit den zuvor höchsten öffentlich dokumentierten Auktionspreis für ein einzelnes philatelistisches Objekt und wird an der Spitze der Liste der teuersten philatelistischen Objekte geführt.
Die beiden anderen Ball Covers befinden sich seit dem späten 19. beziehungsweise frühen 20. Jahrhundert in institutionellen Sammlungen und stehen dem privaten Markt nicht zur Verfügung. Der Adam-Umschlag ist daher das einzige der drei erhaltenen Stücke, das in neuerer Zeit öffentlich versteigert wurde.
Die drei Ball Covers wurden über mehr als ein Jahrhundert in getrennten öffentlichen und privaten Sammlungen aufbewahrt. Im Frühjahr 2011 wurden sie in der British Library erstmals gemeinsam einem Fotografen präsentiert. Beteiligt waren Michael Sefi, der damalige Kurator der Royal Philatelic Collection, und David Beech, damals Leiter der philatelistischen Sammlungen der British Library. Vikramm Chand stellte den Adam-Umschlag hierfür vorübergehend als Leihgabe zur Verfügung.
Vom 2. bis zum 25. September 2011 wurden die drei Umschläge in der Ausstellung Die Blaue Mauritius. Das Treffen der Königinnen in Berlin im Museum für Kommunikation Berlin erstmals gleichzeitig öffentlich gezeigt. Die von der Museumsstiftung Post und Telekommunikation veranstaltete Ausstellung vereinte insgesamt 18 der 27 erhaltenen Mauritius-„Post-Office“-Marken. Leihgaben stammten unter anderem aus der Royal Philatelic Collection, der British Library, dem Blue Penny Museum in Port Louis, europäischen Postmuseen und mehreren Privatsammlungen.
Der Duvivier-Umschlag war darüber hinaus zusammen mit weiteren Stücken der Royal Philatelic Collection auf internationalen Briefmarkenausstellungen zu sehen, darunter 2005 bei der Europäischen Briefmarkenausstellung in Brünn. Der Marquay-Umschlag wird als Bestandteil der Tapling Collection von der British Library verwahrt und ist dort nach vorheriger Anmeldung für Forschungszwecke zugänglich.
Die Ball Covers verbinden die frühe Postgeschichte von Mauritius mit einem konkret überlieferten gesellschaftlichen Ereignis, dessen unmittelbarer Zusammenhang mit den Umschlägen jedoch nicht abschließend bewiesen werden kann. Sie dokumentieren zugleich unterschiedliche postalische Verwendungen der ersten Ein-Penny-Marke: Der Marquay- und der Duvivier-Umschlag wurden am ersten Verwendungstag der Marken mit einem Doppelkreisstempel entwertet, während der sechs Tage später beförderte Adam-Umschlag den abweichenden Rahmenstempel „PAID“ trägt.
Durch die Moens-Nummerierung, ihre getrennten Besitzerfolgen und ihre heutigen Standorte werden die drei Umschläge in der philatelistischen Literatur als individuelle historische Objekte behandelt. Zwei von ihnen gingen dauerhaft in bedeutende institutionelle Sammlungen ein. Das einzige weiterhin privat gehandelte Stück wurde durch den Verkauf von 2021 zugleich zu einem der bekanntesten und wertvollsten philatelistischen Ganzstücke.