Messerschmitthalle

Die Messerschmitthalle ist eine untertägige Halle im Bergwerk von Schwaz in Tirol (Österreich). Sie entstand gegen Ende des Zweiten Weltkriegs durch den Ausbau bergmännisch geschaffener Hohlräume im Bergrevier Falkenstein zu einer geheimen unterirdischen Rüstungsanlage der Messerschmitt AG. Unter dem Decknamen Stichling sollten dort ab 1944 unter Einsatz von Zwangsarbeitern Teile des Düsenflugzeugs Me 262 gefertigt werden, die Produktion lief allerdings nie voll an. Die Anlage wurde nach Kriegsende teilweise gesprengt und ist nicht öffentlich zugänglich.

Lage und Beschreibung

Mehrgeschossiger Stahlbetonbau in der Messerschmitthalle

Die Messerschmitthalle liegt im Wilhelm-Erbstollen des Schwazer Bergbaureviers Falkenstein, rund zwei Kilometer tief im Berg. Sie nutzt großvolumige Hohlräume, die im Zuge des jahrhundertelangen Erzabbaus im Schwazer Dolomit entstanden. Die Halle selbst misst etwa 120 mal 60 Meter und ist 20 Meter hoch. Durch die Errichtung einer viergeschoßigen Stahlbetonkonstruktion sollte nach Planungen eine Produktionsfläche von rund 9.200 Quadratmetern entstehen, bei Kriegsende waren etwa 7000 Quadratmeter fertiggestellt. Nach US-Angaben war die Anlage auf etwa 1500 Arbeitskräfte ausgelegt, die französische Armee schätzte die Zahl auf etwa 2500 bis 3000. In den Planungen der Messerschmittwerke ist von bis zu 10.000 Arbeitskräften die Rede, diese Ausbaustufe wurde aber nie erreicht.

Die Gesamtkosten des Projekts werden auf mehr als vier Millionen Reichsmark geschätzt.

Vorgeschichte

Der Schwazer Bergbau zählte im 15. und 16. Jahrhundert zu den bedeutendsten Montanrevieren Europas; abgebaut wurden vor allem silberhaltige Fahlerze und Kupfererze. Der Erzbergbau endete 1957, anschließend wurde noch Dolomit gewonnen. Nach dem Felssturz am Eiblschrofen 1999 wurde der Bergbau vollständig eingestellt. Ein Teil des Reviers wird seit 1990 als Besucherbergwerk Silberbergwerk Schwaz geführt; dieses befindet sich im Sigmund-Erbstollen und umfasst die Messerschmitthalle nicht.

Zweiter Weltkrieg

Mit der zunehmenden alliierten Luftüberlegenheit verlagerte das nationalsozialistische Deutschland ab 1943/44 kriegswichtige Rüstungsfertigung unter Tage (U-Verlagerung). In Tirol betraf dies unter anderem die Messerschmitt-Zweigstelle in Kematen in Tirol unter dem kaufmännischen Direktor Walter Waizer. Die Schwazer Anlage im Wilhelm-Erbstollen trug den Decknamen Stichling und war eine Außenstelle des Werks Kematen, dessen eigene Untertageverlagerung den Decknamen Seelachs führte. Sie war damit neben Kematen die zweite Tiroler Außenstelle der Messerschmitt AG.

Ausbau und Produktion

Wilhelm-Erbstollen

Bereits im August 1943 wurde das Schwazer Bergwerk als möglicher Standort für die Untertageverlagerung angesehen. Ab März 1944 begannen unter der Leitung von Wilhelm Stigler konkrete Planungen zur Erschließung des Wilhelm-Erbstollens, ab Juni 1944 begannen die Bauarbeiten trotz des Widerstands von Gauleiter Franz Hofer, welcher vermehrte Luftangriffe in der Region befürchtete.

Da der bestehende Wilhelm-Erbstollen zu schmal für den Transport der Flugzeugteile war, musste parallel ein zweiter Stollen (Messerschmittstollen) mit Querschlägen zum bestehenden Stollen geschlagen werden. Der ursprüngliche Plan, nach nur zwei Monaten Bauzeit mit der Produktion beginnen zu können, konnte nicht eingehalten werden. Erst im Dezember 1944 wurde mit der Fertigung von Triebwerkverkleidungen und Flugzeugzellen begonnen, die Produktion lief allerdings bis Kriegsende nie voll an.

In der Halle gab es eine Elektroschweiß-Werkstatt sowie diverse Pressen, Fräsen, Bohr- und Stanzmaschinen. Die einzelnen Geschoße waren durch Treppen und elektrische Lastenaufzüge verbunden, der Luftaustausch wurde mit einer Klimaanlage sichergestellt. Grundlegende Infrastruktur (Wasserversorgung, Küche, Speise- und Schlafräume) war vorhanden.

Noch im April 1945 wurde in den Feldern östlich von Schwaz die Errichtung eines Flugplatzes für den Transport der montierten Teile zur Endfertigung nach Eschenlohe vorbereitet, dieser wurde jedoch nicht fertiggestellt.

Arbeitsbedingungen und Zwangsarbeit

Für Ausbau und Produktion wurden in großem Maße Zwangsarbeiter eingesetzt. Ein kleinerer Teil der Zwangsarbeiter stammte aus dem Lager für sowjetische Kriegsgefangene in der Nähe des Schwazer Bahnhofs, der größte Teil waren bis zu 400 vorrangig ausländische Kriegsgefangene sowie Internierte aus Konzentrationslagern und aus dem Lager Reichenau, die unter schlechten Bedingungen in einem Holzbarackenlager an der Landstraße zwischen Schwaz und Buch untergebracht waren (späteres Lager Oradour). Dieses Lager wurde etwa zeitgleich mit dem Ausbau der Messerschmitthalle errichtet. Ab Dezember 1944 wurde ein weiteres Lager direkt an der Reichsstraße zwischen Schwaz und Buch (heute B171) errichtet, es ist jedoch unklar, ob dieses noch vor Kriegsende von Häftlingen bezogen wurde. Einige Einheimische und Reichsdeutsche fungierten gemeinsam mit kroatischen und französischen Facharbeitern als Vorarbeiter, diese lebten in einem eigenen, besser ausgestatteten Lager in Massivbauweise in unmittelbarer Nähe des Stollens.

Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig. Die Zwangsarbeiter wurden in bis zu 16-stündigen Tag- und Nachtschichten mit Gewalt angetrieben und von SS- und Volkssturmmännern überwacht; unter hohem Zeitdruck musste schwerste körperliche Arbeit verrichtet werden. Während ein Teil der Arbeiter ab Dezember 1944 mit der Fertigung von Flugzeugteilen begann, arbeitete ein anderer Teil weiter am Ausbau der Halle. Schutzausrüstung oder Helme standen nicht zur Verfügung, sogar an Alltagskleidung mangelte es. Manche mussten sich barfuß im Bergwerk bewegen. Es kam laut Zeitzeugenberichten zu Erschießungen nach Fluchtversuchen und auch zu tödlichen Unfällen; die genaue Zahl der Todesopfer ist mangels erhaltener Unterlagen jedoch nicht rekonstruierbar. Im Sterbebuch der Stadt Schwaz ist nur ein einziger Todesfall eines ukrainischen Zwangsarbeiters verzeichnet, dieser verstarb im Krankenhaus Schwaz an einem Erysipel und Lungenentzündung.

Kriegsende

Am 4. Mai 1945 wurde Schwaz von US-amerikanischen Truppen befreit. Laut Zeitzeugenberichten wurden Flugzeugteile und Maschinen aus der Messerschmitthalle von der US-Armee beschlagnahmt und abtransportiert. Im Juli 1945 übernahm die französische Armee die Besatzung Tirols. Die französische Militärregierung ließ die noch in der Halle verbliebenen etwa 30 Maschinen und einige sonstige Materialien nach Frankreich abtransportieren. Bis Februar 1946 blieb das Bergwerk gesperrt, anschließend wurde der Betrieb des Schwazer Bergwerkvereins wieder freigegeben.

Im Februar 1947 wurde die Messerschmitthalle im Rahmen der Entmilitarisierung von französischen Pionieren gesprengt. Anstelle einer vollständigen Sprengung der beiden Zugangsstollen wurden mehrere kleine, lokal begrenzte Sprengungen im Inneren der Halle vorgenommen, um nur die Messerschmitthalle selbst unbrauchbar zu machen. Dies geschah, um die weitere zivile Nutzungsmöglichkeit der Mine sicherzustellen und Schäden an umliegenden Häusern zu vermeiden. Der Messerschmittstollen war bereits vor der Sprengung durch einen Erdrutsch teilweise verschüttet worden und im Inneren teilweise eingestürzt, das Portal des Stollens wurde nach der Sprengung vollständig entfernt. Heute verläuft an dieser Stelle eine Straße.

Mundloch des Wilhelm-Erbstollens. Der verschüttete Messerschmittstollen befindet sich links davon unter der Straße.

Nachkriegszeit und Erinnerungskultur

1957 wurde der Erzbergbau in Schwaz eingestellt und der Bergwerkverein aufgelöst. 1958 übernahmen die Montanwerke Brixlegg das Bergwerk. Vorschläge, die Halle in die Führungen des Schaubergwerks Silberbergwerk Schwaz einzubeziehen oder als Gedenkort zugänglich zu machen, wurden bislang nicht umgesetzt.

Die Geschichte der Anlage war jahrzehntelang wenig bekannt. 1995 befasste sich das Schwazer Musikfestival Klangspuren auf Initiative seines Leiters Thomas Larcher mit dem Thema; im Herbst 1995 wurden in drei Konzerten Werke unter anderem von Bert Breit, Werner Pirchner und Peter Zwetkoff im damals noch zugänglichen Wilhelm-Erbstollen aufgeführt. Zugleich schuf der Fotokünstler Arno Gisinger ein Fotoprojekt zur Messerschmitthalle und zum französischen Ort Oradour-sur-Glane. Im selben Jahr veröffentlichte Horst Schreiber einen Aufsatz zur Geschichte der Messerschmitt-Werke in Schwaz.

2022 war die Messerschmitthalle Gegenstand einer schriftlichen Anfrage der Abgeordneten Selma Yildirim im österreichischen Nationalrat, in der die historische Aufarbeitung und eine öffentliche Zugänglichmachung gefordert wurden. 2023 widmete sich das museums- und institutionsübergreifende Vermittlungsprojekt „Oradour. Memories of Memories“ dem Thema; das Museum der Völker in Schwaz zeigte dabei die Fotoarbeit The Box von Gregor Sailer, der die Halle dokumentierte. Im selben Jahr erschien Schreibers Buch Die Lager von Schwaz 1944–1988, das die Entwicklung vom NS-Zwangsarbeiterlager über das Entnazifizierungslager Oradour bis zur späteren Armensiedlung nachzeichnet. Das Projekt wurde 2024 mit dem Tiroler Museumspreis ausgezeichnet.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Markus Schmitzberger: Deckname „Stichling“ – Schwaz. In: geheimprojekte.at. Abgerufen am 23. August 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Horst Schreiber: Die Lager von Schwaz 1944–1988. NS-Zwangsarbeiterlager, Entnazifizierungslager Oradour, Flüchtlingslager St. Margarethen, Armenlager Märzensiedlung. StudienVerlag, Innsbruck 2023, ISBN 978-3-7065-6311-6, S. 9–74.
  3. 1 2 3 Selma Yildirim u. a.: Schriftliche Anfrage betreffend Messerschmitthalle Schwaz (11037/J, XXVII. GP). Parlament der Republik Österreich, 18. Mai 2022, abgerufen am 23. August 2026.
  4. 1 2 3 4 Benedikt Kapferer: Oradour: Erinnern an vergessene Geschichte. In: tirol.ORF.at. 5. September 2023, abgerufen am 23. August 2026.
  5. ↑ Birgit Mair: Messerschmittwerk Kematen. ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangene in einer Tiroler Gemeinde. Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung, Nürnberg 2017 (isfbb.de [PDF; abgerufen am 23. August 2026]).
  6. ↑ Markus Schmitzberger: Deckname "Seelachs" - Kematen. In: geheimprojekte.at. Abgerufen am 23. August 2026.
  7. ↑ Oradour. Memories of memories. Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, abgerufen am 23. August 2026.
  8. ↑ Horst Schreiber: Zwangsarbeit in der Flugzeugproduktion. Ein Beitrag zur Geschichte der Messerschmitt-Werke in Schwaz 1944–1945. In: Klangspuren ’95. Schwaz 1995, S. 62–69.
  9. ↑ Gregor Sailer: The Box. Abgerufen am 23. August 2026.
  10. ↑ Tiroler Museumspreis 2024. Projekt „ORADOUR. Memories of Memories“ ausgezeichnet. Land Tirol, 20. Oktober 2024, abgerufen am 23. August 2026.

Koordinaten: 47° 21′ 18,4″ N, 11° 43′ 49,3″ O