Michele Tosini

Michele Tosini: Bildnis der Eleonora (Dianora) di Garzia di Toledo als Judith, um 1572–1576, Öl auf Holz, 118 × 87 cm

Michele Tosini (* 8. Mai 1503 in Florenz; † 26. Oktober 1577 ebenda), auch Michele di Ridolfo del Ghirlandaio genannt, war ein italienischer Maler.

Leben

Michele Tosini war der Sohn eines Magistratsdieners in Florenz. Nach dem Bericht Giorgio Vasaris erlernte er die Malerei zunächst bei Lorenzo di Credi und anschließend bei Antonio del Ceraiolo. Nach einer Ausbildung bei Lorenzo di Credi und Antonio del Ceraiolo trat Tosini wahrscheinlich Anfang der 1520er Jahre in die Werkstatt Ridolfo Ghirlandaios ein. Vasari berichtet, Ridolfo del Ghirlandaio habe Tosini wie einen eigenen Sohn geliebt oder sogar adoptiert, weshalb dieser den Beinamen Michele di Ridolfo del Ghirlandaio erhalten habe. Sowohl das AKL als auch die neuere Forschung (Heidi J. Hornik, 2009) bezeichnen diese Erklärung Vasaris jedoch ausdrücklich als dessen Erfindung. In zeitgenössischen Dokumenten erscheint Michele Tosini stets unter seinem tatsächlichen Namen. Tosini blieb als Mitarbeiter in der Werkstatt tätig. Vor 1534, dem Geburtsjahr seines ältesten Sohnes, heiratete er. 1538 wurde er Mitglied der Florentiner Malergilde (Compagnia di San Luca) und war zudem in drei Bruderschaften aktiv, was ihm zusätzliche Verbindungen und Aufträge einbrachte.

Michele Tosini hatte mit Felice Talani mehrere Kinder. Sein ältester Sohn Bartolomeo Tosini, genannt Baccio (1534–1582), wurde ebenfalls Maler und arbeitete in der Werkstatt des Vaters. Nach Tosinis Tod 1577 übernahm er dessen Werkstatt in der Piazza Strozzi. Baccio war bereits 1555 Mitglied der Compagnia di San Luca und gehörte zum Kreis der von seinem Vater ausgebildeten Künstler. Sein eigenständiges Werk ist bislang nur unvollständig rekonstruiert. Ein weiterer Sohn, Jacopo, trat 1553 unter dem Ordensnamen Fra Santi in den Dominikanerorden ein und nahm dort später eine bedeutende Stellung ein. Auch mehrere Töchter Tosinis sind dokumentiert. Dionora (Dianora) trat 1553 in das Dominikanerinnenkloster San Vincenzo in Prato ein und legte später als Schwester Michelagnola die Ordensgelübde ab. Auch Lisabetta und Francesca wurden Nonnen in dominikanischen Klöstern.

Nach dem Tod Ridolfo del Ghirlandaios im Jahr 1561 übernahm Michele Tosini dessen Werkstatt. Im Jahr 1562 zählte Tosini zu den Reformatoren der Compagnia di San Luca, die zur neu gegründeten Accademia del Disegno umgebildet wurde. 1563 gehörte er zu deren Gründungsmitgliedern und übernahm dort in der Folge zahlreiche Ehrenämter. 1576 verfasste er sein Testament, aus dem hervorgeht, dass er finanziell an einer Weberei und einer Goldschlägerei beteiligt war und zudem Ländereien besaß. Michele Tosini starb am 26. Oktober 1577 in Florenz.

Werk

Ridolfo del Ghirlandaio und Michele Tosini: Anna selbdritt mit den Heiligen Rochus und Jakobus, um 1530, Santo Spirito, Prato

Zusammenarbeit mit Ridolfo del Ghirlandaio

Von den bei Vasari genannten, gemeinsam mit Ridolfo del Ghirlandaio ausgeführten Werken sind zwei durch Dokumente gesichert: eine Madonna mit Kind und Heiligen für die Segni-Kapelle in Santo Spirito in Florenz (1528/30, in situ), bei der Tosini als Gehilfe nur die Nebenfiguren ausführen durfte; eine Madonna mit Heiligen und dem Bischof Buonafede (Florenz, Museo di San Salvi, 1544), die ursprünglich für die Kirche SS. Jacopo e Lorenzo bestimmt war. Die stilistischen Unterschiede zwischen der Figur des Bischofs (Ridolfo del Ghirlandaio) und der Maria mit Kind (Tosini) zeigen, wie weit Tosini sich zu diesem Zeitpunkt bereits stilistisch von seinem Lehrer gelöst hatte; zugleich dominiert Tosinis Stil bereits das Gemeinschaftswerk.

Zusammenarbeit mit Giorgio Vasari

Ab 1557 arbeitete Michele Tosini mit Vasari im Palazzo Ducale (dem heutigen Palazzo Vecchio) zusammen; diese Zusammenarbeit setzte sich bis 1564 fort. 1564 war er zudem an den ephemeren Dekorationen für die Trauerfeierlichkeiten anlässlich des Todes Michelangelos in S. Lorenzo sowie kurz darauf für die Hochzeitsfeierlichkeiten von Francesco I. de’ Medici und Johanna von Österreich beteiligt. Laut Thieme-Becker war Tosinis Werkstatt zudem an der Ausgestaltung von Michelangelos Katafalk beteiligt.

Eigenständige Aufträge

Im Jahr 1559/61 erhielt Michele Tosini den Auftrag, das Hauptaltarbild für die Kapelle der Madonna di Loreto im Dominikanerinnenkloster S. Vincenzo in Prato zu malen (Die Erscheinung der Madonna di Loreto mit Heiligen, in situ). Im Jahr 1561 beauftragte ihn Alessandro Strozzi, mit dem er der Bruderschaft der Neri angehörte, mit einem Freskenzyklus für die Privatkapelle der Villa Caserotta in San Casciano in Val di Pesa. Die Fresken des Zyklus werden nach neuerer Forschung Giovanni del Brina beziehungsweise der Werkstatt Tosinis zugeschrieben; die frühere Zuschreibung des gesamten Zyklus an Tosini gilt als überholt. Das Baptismo di Cristo auf dem Altar gilt dagegen als Werk Tosinis. Bis auf das Altargemälde mit der Beweinung Christi sind die Fresken vollständig erhalten.

Während seines Aufenthalts in Rom 1569/70 war Michele Tosini mit Schülern an der Ausmalung des Tempietto von Santa Maria della Quercia bei Viterbo beteiligt. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Werke sind von der dortigen Freskendekoration zu unterscheiden. Nach dem Tod Ridolfo del Ghirlandaios übernahm Michele Tosini zahlreiche Aufträge für Dominikanerkirchen und -klöster. So malte er für die Kirche S. Maria Novella in Florenz eine Darstellung der Maria mit Kind, der Heiligen Agnes und Cäcilia sowie kniender Novizen und Engel für die Kapelle der Novizen im dortigen Konvent. 1573/74 führte er gemeinsam mit seinem Sohn Baccio die Ausmalung der nicht erhaltenen Krippennische in derselben Kirche aus.

Stilentwicklung

Michele Tosini: Das Martyrium des heiligen Achatius und seiner zehntausend Gefährten auf dem Berg Ararat, 1550er Jahre, Tempera/Öl auf Holz, 257 × 231 cm, Museo del Cenacolo di Andrea del Sarto, Florenz

Ende der 1540er Jahre begann Tosini, einen eigenen Stil zu entwickeln, wobei er sich zunehmend am Manierismus von Francesco Salviati, Agnolo Bronzino, Michelangelo und Vasari orientierte. In diesem Zuge gab er die Verwendung von Lokalfarben zugunsten changierender Farben auf. Thieme-Becker beschreibt diese Entwicklung als Übergang vom späten Quattrocento zum kühlen eklektischen Manierismus und nennt als weitere Einflüsse neben den bereits Genannten auch Giovanni Antonio Sogliani, Antonio del Ceraiolo und Fra Bartolomeo. Als Beispiel werden Gemälde in der Galleria Colonna in Rom genannt, die Umbildungen von Michelangelos Figuren Notte und Aurora zeigen.

Neben sakralen Historienbildern schuf Tosini zunehmend auch Porträts, insbesondere von Figuren aus der Mythologie und von Heiligen, daneben auch von Zeitgenossinnen, vor allem Damen der florentinischen Gesellschaft (Werke u. a. in Florenz, Palazzo Pitti, Galleria Palatina, sowie im Metropolitan Museum of Art in New York). In diesem Zusammenhang stehen auch seine Darstellungen der Maria Magdalena, die nicht mehr die biblische Büßerin zeigen, sondern eine elegante, aristokratisch anmutende Dame (Werke u. a. in Houston, Museum of Fine Arts, Houston, sowie in Florenz, Palazzo Pitti, Galleria Palatina).

Weitere Werke Tosinis befinden sich unter anderem in folgenden Sammlungen: Museo Civico Ala Ponzone in Cremona, Museo nazionale di San Marco und Villa La Quiete in Florenz, Museo di Capodimonte in Neapel, Badia di Passignano, Galleria Colonna in Rom sowie im Städtischen Museum Zwickau, Kunstsammlungen.

Literatur

Commons: Michele Tosini – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 TOSINI, Michele, detto Michele di Ridolfo del Ghirlandaio - Enciclopedia. Abgerufen am 28. August 2026 (italienisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 De Gruyter (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon Online (AKL) / Artists of the World Online. 2009.
  3. 1 2 Heidi J. Hornik: Michele Tosini and the Ghirlandaio workshop in Cinquecento Florence. Sussex Academic Press, Brighton 2009.
Personendaten
NAME Tosini, Michele
ALTERNATIVNAMEN Ridolfo del Ghirlandaio, Michele di
KURZBESCHREIBUNG italienischer Maler
GEBURTSDATUM 8. Mai 1503
GEBURTSORT Florenz
STERBEDATUM 26. Oktober 1577
STERBEORT Florenz