Midrasch

Midrasch zum Buch der Psalmen, Titelseite. Prag, 1613

Midrasch (hebräisch מִדְרָשׁ midrāš; Plural Midraschim) ist die Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum.

Wortbedeutung

Dem Wort „Midrasch“ liegt das hebräische Verb darash (דרש) zugrunde, das „fordern“ bzw. „suchen“ bedeutet. Mit Midrasch ist der Vorgang des exegetischen, auf die Gegenwart bezogenen Auslegens von Schriftstellen gemeint, also zunächst „Forschung, Studium“, dann „Auslegung“ und „Lehre“ (also „Theorie“, im Unterschied zum „Tun“, hebräisch ma'ase). Unter Midrasch versteht man sowohl den Vorgang des Studierens als auch dessen Ergebnis, also Schriftwerke, die Bibelauslegungen enthalten. Midraschim beziehen sich auf autoritative Texte der jüdischen Religion und finden sich u. a. im Tanach und im Talmud.

Er kann in schriftlicher oder mündlicher Form vorliegen. Der darschan ist der Schriftausleger, der Prediger oder, davon abgeleitet, der Ermahner. Die Drascha ist, wie Midrasch selbst, eine Auslegung der Schrift oder Predigt. Die begriffliche Abgrenzung zum peschat, d. h. zur „einfachen“, wörtlichen Bedeutung eines Ausdrucks, ist nicht immer einfach. Auch ein Targum, d. h. eine Bibelübersetzung, kann Stellen enthalten, die interpretativ im Sinne eines Midrasch übertragen sind.

Die erste Erwähnung von bet midrasch, „Lehrhaus“, findet sich in Sir 51,23 EU.

Geschichte

Der Begriff „Midrasch“ bezeichnet sowohl eine Methode der jüdischen Schriftauslegung als auch die daraus hervorgegangene Auslegungsliteratur. Er bezieht sich vor allem auf den Tanach, die hebräische Bibel, und bezeichnet die Deutung und Erklärung ihrer Texte. Midraschische Auslegungsmethoden finden sich auch in der rabbinischen Literatur, insbesondere bei der Auslegung von Mischna und Talmud.

Der Midrasch ist zunächst eine mündliche Form der Schriftauslegung. Schriftliche Beispiele finden sich jedoch bereits in der Bibel selbst. So können etwa die Bücher der Chronik als Midraschim (Plural von Midrasch) zu den Büchern Samuel und Könige verstanden werden.

Die größte Bedeutung erlangte der Midrasch in der Zeit des rabbinischen Judentums ab dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. Aus dieser Zeit stammen wesentliche schriftliche Zeugnisse der rabbinischen Schriftauslegung. Dabei handelt es sich um eigenständige Textsammlungen, die neben den Werken des Talmud entstanden. Die Entstehung der Midraschim ist überwiegend im Land Israel zu verorten; das babylonische Judentum trug in geringerem Umfang zu dieser Literaturgattung bei.

Bei der jüdischen Schriftauslegung wird traditionell zwischen:

Eine stärker sprachlich und grammatisch orientierte Auslegung nach dem Peschat gewann insbesondere im 9. und 10. Jahrhundert in den jüdischen Gelehrtenkreisen des islamisch geprägten Orients an Bedeutung.

Von diesen beiden Auslegungsweisen zu unterscheiden ist das viergliedrige Auslegungsmodell PaRDeS, das neben Peschat und Derasch auch Remez (andeutender Sinn) und Sod (verborgener oder mystischer Sinn) umfasst. Dieses Modell ist vor allem im mittelalterlichen Judentum greifbar und wurde insbesondere im Umfeld der jüdischen Mystik des 13. Jahrhunderts weiterentwickelt.

Formen

Es werden vor allem zwei Formen des Midrasch unterschieden. Eine klare Abgrenzung ist jedoch oft schwierig, so dass Mischformen anzutreffen sind:

Halachische Midraschim

Die Halacha ist die Auslegung gesetzlicher Vorschriften im Judentum. Dementsprechend behandeln halachische Midraschim ausschließlich Texte der Tora, insbesondere die biblischen Bücher Schemot (hebräisch שְׁמוֹת ‚Namen‘ ‚2. Buch Mose‘ ‚Exodus‘) bis Devarim (hebräisch דְּבָרִים ‚Worte‘ ‚5. Buch Mose‘ Deuteronomium‘‘). Wegen ihrer Entstehung in der tannaitischen Zeit werden die halachischen Midraschim auch tannaitische Midraschim genannt.

Folgende Werke mit einem textlichen Grundbestand aus tannaitischer Zeit zählen zu den halachischen Midraschim (Auswahl):

Aggadische Midraschim

Nichtgesetzliche Auslegungen nennt das rabbinische Judentum Aggada (auch: Haggada). Aggadische Midraschim (dementsprechend: haggadische Midraschim) beschäftigen sich folglich mit den erzählerischen Teilen der Bibel und werden auch als homiletisch bezeichnet. Die wichtigsten Werke dieser Gattung (Sammelbezeichnung für all diese zum Teil völlig unterschiedlichen Werke: Midrasch rabba, „der große Midrasch“) sind:

Tanchuma

Unterschied zwischen Midraschim und Talmudim

Die Midraschim, vor allem die halachische Midraschim entstanden historisch zuerst, vor oder parallel zur Gesamtmischna. Der Talmud entwickelte sich auf Basis der Mischna und enthält wiederum selbst midraschartige Elemente, dies vor allem in der Gemara.

Merkmal Midraschim Talmudim
FormSammlung von Bibelauslegungen (meist Vers für Vers)Systematische Diskussionen über Gesetzestexte
ZielAuslegung des Tanachs (Tora)Erklärung und Anwendung der Mischna
InhaltBiblische Kommentare (halachisch und aggadisch)Halachische und aggadische Diskussionen zur Mischna
StrukturMeist thematisch oder Vers-für-VersDiskussion in Form von Dialog und Debatte
SpracheHebräisch, manchmal AramäischMischna auf Hebräisch, Gemara auf Aramäisch

Ausgaben

Übersetzung

Siehe auch

Literatur (Auswahl)

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Gerhard Langer: Midrasch. (UTB Band 4675), Mohr Siebeck, Tübingen 2016, ISBN 978-3-8252-4675-4, S. 19–37
  2. ↑ Susanne Talabardon: Midrasch. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2012, auf die-bibel.de
  3. ↑ Das bedeutet allerdings nicht, dass „Peschat“ völlig ohne Interpretation auskäme. Auch das Verständnis des unmittelbaren Schriftsinns setzt voraus, dass der Leser sprachliche Merkmale, historische Umstände und kommunikative Konventionen berücksichtigt. Musaph-Andriesse zufolge sucht der Erklärer beim Peschat nichts hinter dem Text („Textimmanente Evidenz“), sondern orientiert sich an dessen unmittelbarem Sinn. Kommunikationstheoretisch lässt sich dies als vorrangige Ausrichtung auf die sprachlich und kontextuell erschließbare Botschaft verstehen, ohne dem Text von vornherein zusätzliche verborgene Bedeutungen zuzuschreiben. Derasch („Kontextuelle Relevanz“) lässt sich demgegenüber als eine Auslegungsweise beschreiben, die über den unmittelbaren Schriftsinn hinaus weitere Bedeutungen erschließt. Diese Gegenüberstellung stellt eine moderne analytische Übertragung dar und ist nicht mit den historischen Begriffen selbst gleichzusetzen. Die zeitgenössische Kommunikationstheorie ist dabei nicht der historische Ursprung der rabbinischen Auslegungsmethoden, sondern bietet einen theoretischen Bezugsrahmen, um das Verhältnis von Peschat und Derasch aus heutiger Sicht zu untersuchen.
  4. ↑ Rosetta Cato Musaph-Andriesse: Von der Tora bis zur Kabbala. (= Band 1509, Kleine Vandenhoeck-Reihe), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-33509-1, S. 57–58
  5. ↑ Wilhelm Bacher, Kaufmann Kohler, J. Frederic McCurdy: Bible Exegesis. Jewish Encyclopedia, auf jewishencyclopedia.com
  6. ↑ Moshe Idel: Absorbing Perfections: Kabbalah and Interpretation Yale University Press, New Haven, CT, 2002, ISBN 978-0-274-75164-8, S. 429–437, „Appendix 1 Pardes: The Fourfold Method of Interpretation“, https://doi.org/10.12987/yale/9780300083798.005.0001
  7. ↑ Susanne Talabardon: Midrasch. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2012, auf die-bibel.de Abschnitt: „2. Geschichte des Begriffs“
  8. ↑ Günter Stemberger: Talmud. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2015, auf die-bibel.de
  9. ↑ Alexander Dubrau: Mischna. Andere Schreibweise: Mischnah; Mishna; Mishnah. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2009, auf die-bibel.de
  10. ↑ Grafische Darstellung der Zusammenhänge, auf merrimackvalleyhavurah.wordpress.com Levels of Jewish law. There are several levels of law in halakha. August 10, 2016
  11. ↑ Grafische Zusammenhänge zwischen der Tora, der schriftlichen und mündlichen Tora und dem Talmud, auf i.imgur.com
  12. ↑ Günter Stemberger: Der Talmud: Einführung, Texte, Erläuterungen. Beck, München 1982; 4. Auflage 2008, ISBN 978-3-406-08354-9.