Min Jehann (Mein Johann) ist ein in Dithmarscher Platt geschriebenes, elegisches Gedicht des niederdeutschen Dichters Klaus Groth, das einer längst vergangenen Kindheit und Kinderfreundschaft gedenkt.
Das 1852 erschienene und später vielfach vertonte Gedicht kam bei Perthes-Besser und Maucke in Hamburg heraus, und dann bald auch in hochdeutscher Übersetzung - Quickborn: Volksleben in plattdeutschen Gedichten Ditmarscher Mundart. Es gehört heute zu den bekanntesten Gedichten Groths und der niederdeutschen Sprache. Min Jehann ist zusammen mit weiteren Quickborn-Gedichten auch in andere europäische Hochsprachen übersetzt worden.
Min Jehann ist in anderer Schreibweise und Aussprache in unterschiedlichen plattdeutschen Dialekten verbreitet und bearbeitet worden. Hierzu zählen, wie der Plattdeutsche Wikipedia Eintrag auflistet, die Gedichttitel Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann; Ick wull, wi wör noch kleen; Ick wull, wi wör noch kleen, Jehann; Ick wull, wi wärn noch kleen, Jehann; Ick wull wie weern noch kleen Jehann; Mien Jehann (Jochen Wiegandt); Mien Johann (Lale Andersen).
Das Gedicht lautet im plattdeutschen Ursprungstext (hier mit einer hochdeutschen Übertragung):
| Min Jehann | Mein Johann |
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Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
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Ich wollt, wir wär’n noch klein, Johann,
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Der Dichter Klaus Groth, der in seinem bewegten Leben heftige Schicksalschläge wie den Tod seines 6-jährigen ältesten Sohns erfuhr, schrieb Min Jehann in seiner frühen mittleren Schaffensperiode, in der er wiederholt auf seine eigene Kindheitszeit zurückblickte.
Groth verbrachte eine der Natur und den ackerbürgerlichen Gewerben nahe Kindheit in seiner Heimatstadt Heide, war aber häufig krank. Sieht man das Lyrische Ich des Gedichts mit der Autorenbiographie zusammen, dann wäre Min Jehann eine wehmütige Erinnerung an die frühen Jahre des Lyrikers und an seinen Bruder und Freund Johann (Jehann).
In Wie mein Quickborn entstand und in Groths autobiographischer Lebensskizze erinnerte sich der Dichter folgendermaßen:
Als meine Brüder mit mir heranwuchsen, war am Vatertische ein lebhafter und humoristischer Verkehr. Es ging nicht leicht ein Mittag ohne Gelächter hin. Denn alle verstanden zu beobachten und zu erzählen, besonders der ältere, „min Jehann’. Diesen Bruder liebte ich vor allen mit wahrhafter Leidenschaft, und die Liebe hat angedauert durch alle Wechsel des Lebens. Wenn ich in den Ferien zu Hause war, so sprachen wir tagelang bis tief in die Nacht. Er hat an meinem Krankenbette gesessen, jeden Abend, bis er merkte, dass ich entschlummert war. Aber dafür hat auch sein Bild mich umschwebt, ist in meine Träume getreten, hat mich zu Tränen der Sehnsucht gerührt, hat mich manchmal gezwungen, in Gedichten meine Erregung zum Maß, zu Form und Ruhe zu bringen.
Es ist aus dem Gedichttext nicht deutlich zu erkennen, ob der angesprochene ‘Jehann’ noch lebt; die lyrischen Rückblicke auf die gemeinsame Kindheitszeit sind nur noch als schwermütiges Erinnern und wie im Traum möglich, werden gleichwohl aber mit großer Emotionalität und sprachlicher Prägnanz, dabei schlichter, volksliedhafter Metrik und Wortwahl, heraufbeschworen.
Das dreistrophige, zu jedem Strophenende kreuzgereimte Gedicht beginnt mit dem Wunsch, noch einmal klein und Kind zu sein, und die Welt als groß und wundervoll zu erleben. Die Erinnerung beschwört das Bild zweier Jungen herauf, die nachts am Brunnen des Nachbarn sitzen, und über den Nachthimmel (den Lauf des Mondes) und die Tiefe des Brunnens nachsinnen. In Erinnerung an kindliches Philosophieren scheint hier das Staunen über den Kosmos und das Sich-Befinden in den großartigen Dimensionen der Kosmos- und Erdgeschichte, ja über die menschliche Existenz selber, auf.
Die zweite Strophe berichtet von der Stille der umgebenden Natur, die in der Erzählzeit des Gedichts so nicht mehr zu erfahren ist („So is dat nu ni mehr, Jehann,/ As höchstens noch in Drom“). Deutlich spricht sich hier eine indirekte Kritik an der hektischeren, lauteren Erwachsenenwelt, aber auch der historischen Industrialisierung – die sich zu Groths Lebenszeit rasant entwickelte – aus. Die große Grundstille der nächtlichen Kindheit wird indessen erfüllt von der Stimme eines singenden Schäfers; eine tiefe musikalische Erinnerung aus (Ur-)Stille und dem sich daraus erhebenden unmittelbaren Gesang des einfachen Mannes auf der Dithmarscher Heide, dessen Lied eine allumfassende emotionale Wirkung erzeugt, und das noch Jahrzehnte nach dem Ereignis widerhallt.
Autobiographische Details zu Groths Wanderungen auf der Dithmarscher Geest und seine frohen Tage bei Verwandten in Tellingstedt erfährt man u. a. in Groths 1871 erschienenen ‘Mien Jungsparadies.’ Groth sagte dazu: „Hier habe ich am Mühlbach, am Teich, im Schatten der Erlen die frohesten Spiele gespielt, die heitersten Träume geträumt. Als Dank dafür spielen fast alle meine erzählenden Gedichte in Tellingstedt.“
Die letzte Strophe reflektiert auf die Situation des Lyrischen Ichs der Erzählzeit. Sie setzt ein mit einer melancholischen Meditation über die ‘Schummertid’, die Zeit des Sonnenuntergangs, welche auch symbolisch für das Lebensende oder das Ende einer Epoche stehen kann. In der Schummertid sind die klar hervorstechenden Strukturen, und die ‘objekthafte’ Betrachtung der Welt durch eine gefühlsmäßige und intuitive Erfassung von Zeit und Raum ersetzt. Jahreszeit und Ort sind nicht genau bestimmbar; vielleicht handelt es sich um Groths Dichterstube in Landkirchen auf Fehmarn, wo der Dichter während einer Krisen- und Krankheitszeit bei seinem Freund Leonard Selle Zuflucht fand und den größten Teil der Quickborn-Gedichte schrieb.
Im Niederdeutschen wird Schummertid oft mit Herbst und Winter assoziiert, mit dem abnehmenden Licht, das aus einem dunklen oder nur kerzenbeleuchteten Zimmer wehmütig - oder ‘sech högend’ - wahrgenommen wird. Die Schummertid ist daher nicht chronologische Zeit, sondern Germütszeit. Dem Lyrischen Ich läuft es wie damals am Kindheits-Brunnen beim Nachdenken über Größe und Entwicklungen der Welt heiß über den Rücken: ein Gefühl des Erschauerns aus der Tragik der real nicht mehr einholbaren Vergangenheit und einem memento mori Erlebnis überkommt das Ich. Der Dichter dreht sich um, als wäre im Raum noch eine andere Person, vielleicht Jehann. Aber alles, was er vorfindet, ist seinen eigenen, einsamen Zustand, seine heftige Traurigkeit und sein tränenüberströmtes Gesicht.
Die berührenden Themen der verlorener Kinderfreundschaft und des ersten Erstaunens über das Wunder der Existenz und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens in der Weite der kosmischen und irdischen Geschichte, sowie die einfache und zugleich profunde Sprache und Bildlichkeit von Min Jehann haben zahlreiche Komponisten, darunter mehrere Zeitgenossen Groths, zu Vertonungen inspiriert, von denen einige noch heute gespielt werden. Johannes Brahms - der wie Groth familiäre Beziehungen in Heide hatte, und mit dem Dichterfreund befreundet war, hat eine Reihe von hochdeutschen Versionen der Groth-Gedichte vertont, nicht jedoch Min Jehann. Laut Groth waren die Plattdeutschen Texte für Brahms zu 'herznah'.
Klaus Groth selbst hatte eine angemessene musikalische Bearbeitung versucht, ebenso seine Zeitgenossen Fritz Becker (1891) und Julius Otto Grimm (1894), sodann Ernst Licht, Leon Jessel, und Carl Reinecke. Für die Version von Ina Müller gibt es ein Arrangement von Olaf Casimir und Hardy Kayser. Die Einspielung von Hannes Wader auf seinem Album Plattdeutsche Lieder (1974) hat das Gedicht in der Gegenwart besonders bekannt gemacht. Aus Basis hochdeutscher Übertragungen, unter dem Titel Mein Johann vertonten das Gedicht u. a. Friedrich Nolopp (1887) sowie Eduard Seuffert (1892).
Min Jehann wurde zusammen mit den anderen plattdütschen Gedichten aus dem Quickborn auch als Schwanengesang der plattdeutschen Kultur und Sprache verstanden, deren aktive Sprecherzahl und deren Reichweite seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr abnahmen, und heute dramatisch geschrumpft sind. Klaus Groth hatte dies kommen sehen. Seine Bemühungen Plattdeutsch als moderne Literatursprache zu profilieren, waren auch ein Versuch, die Weisheit und die Gemütstiefe der norddeutschen Mundart wenigstens in literarischen Texten für die Zukunft zu bewahren. 1878, sieben Jahre nach der Reichsgründung durch Bismarck, meinte Groth:
Wenn nun das Plattdeutsche einmal als Volkssprache verschwunden sein wird - man weissagt seinen Untergang nunmehr seit drittehalb hundert Jahren - , wenn es nicht mehr von lebendigen Lippen tönen wird als traute Familien- und Umgangssprache, so wird es doch jetzt in Schriftwerken fortleben, und wenn (…) auch nur ein halb Dutzend Namen von Schriftstellern mit ihren Werken noch hervorragen.
Bei der Trauerfeier des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt am 23. November 2016 in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis sang Jochen Wiegandt Min Jehann in der Vertonung von Ernst Licht. Der aus Hamburg-Barmbek stammende und später kulturell immer mit Norddeutschland verbunden gebliebene Helmut Schmidt, der auch die reformpädagogische Lichtwarkschule besucht hatte, war in seiner Kindheit und Jugend in einer noch stark vom Plattdeutschen geprägten Umgebung aufgewachsen.