Muhsin Hendricks

Muhsin „Moegsien“ Hendricks (* 7. Juni 1967 in Kapstadt; † 15. Februar 2025 in Bethelsdorp, Nelson Mandela Bay) war ein südafrikanischer Imam.

Hendricks galt als der weltweit erste Imam, der offen schwul lebte. Er war auch der erste offen Homosexuelle, der vom Islamic Social Welfare Council (ISWA), einer konservativen Organisation, die ihn vor Jahren wegen seiner sexuellen Orientierung ausschloss, zu einer Diskussion eingeladen wurde. 1996 gründete er The Inner Circle (Islamic Organization for the Social and Spiritual advancement of Sexually Diverse Groups and Individuals, Südafrika). Hendricks war Mitglied im internationalen Beirat der Hirschfeld-Eddy-Stiftung. Hendricks wurde 2025 ermordet.

Leben

Hendricks wuchs in Kapstadt in einem tief religiösen Haushalt auf. Für die dortige orthodoxe muslimische Gemeinde waren sein Großvater Imam, sein Vater spiritueller Heiler und seine Mutter Islamlehrerin. Zwischen 1990 und 1994 studierte Hendricks Arabisch, islamisches Recht und islamische Theologie an der University of Karachi (Jamia Dirasat Al-Islamia) in Pakistan.

Nach seinem Abschluss kehrte er nach Kapstadt zurück und wurde Teilzeit-Co-Imam in einer lokalen Moschee, lehrte an drei weiteren und war angesehener Arabischlehrer. Im Alter von 23 Jahren willigte er in eine arrangierte Ehe mit einer ihm prinzipiell sympathischen Frau ein, unter anderem weil von einem Imam eine Heirat erwartet wird. Kurz vor der Eheschließung erzählte er seiner Frau von seiner Homosexualität. Nachdem sie anfangs außer sich war, wollte sie ihm helfen, „das Problem zu lösen“, und sie wollten es trotzdem miteinander versuchen. Im Laufe des Jahres schlug die Ehe fehl, aber es war das erste Kind unterwegs, dem noch zwei weitere folgten. Nach sechs Jahren ließen sie sich scheiden. Nachdem ihn seine Mutter einen Monat nach der Scheidung auf Gerüchte angesprochen hatte, dass er sich wegen seiner Homosexualität habe scheiden lassen, hatte er vor ihr sein Coming-out. Nach einer zunächst schockierten Reaktion begann sie mit der Zeit zu verstehen. Als er seine erste Beziehung lebte, kam sie zehn Tage auf Besuch. Als sie wieder ging, sagte sie zu ihm: „Ich sehe keinen Unterschied zwischen deiner Beziehung und einer heterosexuellen Beziehung, weil ihr beiden streitet wie Ehemann und Frau.“ Für ihn war dies die Bestätigung, dass sie es forthin akzeptierte.

In seiner Schule tauchten Gerüchte auf, dass er mit seinen Schülern Verhältnisse hätte, und er verlor seinen Job in der Madrasa. 1996 outete er sich öffentlich als schwul. Mit der Zeit erkannte er, dass er nicht der Einzige war und auch andere Schwule durch gesellschaftlichen Druck gedrängt wurden zu heiraten, wodurch manche in Alkoholismus oder gar Suizid getrieben wurden. 1998 gründete er Al-Fitrah, die erste homosexuelle muslimische Organisation in seinem Land, und ging an die Öffentlichkeit. Ab 1998 organisierte er in Kapstadt Treffen für LGBTQ+-Muslime und bot einen geschützten Raum für Gebete, Beratung und muslimische Trauungszeremonien; die ersten Zusammenkünfte fanden in seiner Garage statt. In seiner lokalen Gemeinschaft erfuhr er nach eigenen Angaben trotzdem nie Diskriminierung. Er leitete die Non-Profit-Organisation The Inner Circle in Kapstadt, die homosexuellen Moslems beim Coming-out hilft und ihnen vertrauliche Gespräche anbietet.

Religiöses und gesellschaftliches Wirken

2011 richtete Hendricks einen eigenen Moscheeraum ein, nachdem ein Freund eine Predigt besucht hatte, in der Homosexualität verurteilt worden war. Daraus entwickelte sich die Masjidul Ghurbaah in Wynberg, in der Männer und Frauen ohne Geschlechtertrennung gemeinsam beteten. 2022 hatte die Moschee rund 20 regelmäßige Besucher sowie bis zu 80 Personen, die sie gelegentlich aufsuchten; einige besuchten sie wegen der befürchteten Stigmatisierung heimlich.

Hendricks leitete bis zu seinem Tod in der Funktion als geschäftsführender Direktor die 2018 gegründete Al-Ghurbaah-Stiftung (Al-Ghurbaah Foundation) im Kapstädter Stadtteil Wynberg, die ein Zentrum für queere Muslime ist. Die Stiftung betrieb die Masjidul Ghurbaah als Schutzraum für homosexuelle und andere marginalisierte Muslime.

Nach seinem Auftritt in dem Dokumentarfilm A Jihad for Love erklärte der einflussreiche kapstädtische Muslim Judicial Council (MJC) Hendricks 2007 für außerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft stehend. Dennoch besuchte er weiterhin andere Moscheen, wobei Gemeindemitglieder nach seiner Darstellung unterschiedlich auf ihn reagierten. Wegen seiner öffentlich vertretenen Positionen erhielt Hendricks auch Todesdrohungen.

Hendricks vertrat eine Auslegung des Korans, nach der dieser Homosexualität nicht grundsätzlich verurteilt, und wandte sich gegen Interpretationen, die queere Menschen aus der muslimischen Gemeinschaft ausschließen. Seine Beschäftigung mit Homosexualität verstand er zugleich als Ausgangspunkt für eine umfassendere Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen und anderen Ungerechtigkeiten, die im Namen des Islam gerechtfertigt würden. Dabei betonte er, dass er die muslimische Gemeinschaft nicht als Gegner betrachte, sondern auf die Einbeziehung queerer Menschen in den Islam hinarbeiten wolle.

Hendricks wirkte in dem Dokumentarfilm A Jihad for Love (2007) mit, wodurch er weltweit bekannt wurde. Er wurde in verschiedene Länder eingeladen, um über Homosexualität und Islam zu sprechen. 2019 engagierte er sich in Kenia für LGBTQ+-Rechte, bevor das dortige Oberste Gericht die Strafbarkeit homosexueller Handlungen bestätigte. Zu seinen späteren Projekten gehörten Videos in Urdu und Hindi über LGBTQ+-Muslime sowie religionsübergreifende Schulungsprogramme mit dem Global Interfaith Network für Teilnehmer in Kenia und Nigeria. Der Dokumentarfilm The Radical (2022) porträtierte Hendricks und seine Arbeit für queere Muslime.

Tod

Bodenplatte mit Geburts- und Sterbedatum und einer kurzen Biografie
Gedenkstein für Muhsin Hendricks, Raadhuisstraat, Amsterdam

Hendricks wurde am 15. Februar 2025 im Alter von 57 Jahren in Bethelsdorp im Großraum Gqeberha erschossen. Nach Angaben der Polizei wurde der Wagen, in dem Hendricks auf dem Rücksitz saß, von einem anderen Fahrzeug blockiert; zwei unbekannte Verdächtige mit verhüllten Gesichtern stiegen aus und gaben mehrere Schüsse auf das Fahrzeug ab. Auf später verbreiteten Aufnahmen einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie einer der Angreifer zum Wagen läuft und durch das hintere Seitenfenster schießt. Hendricks’ Fahrer überlebte den Angriff.

Frühe Berichte, Hendricks habe unmittelbar vor seiner Ermordung die Trauung eines lesbischen Paares vollzogen oder sei auf dem Weg zu einer solchen Zeremonie gewesen, wurden von der Al-Ghurbaah Foundation später zurückgewiesen. Hendricks hielt sich demnach in Gqeberha auf, um die Trauungen zweier interreligiöser heterosexueller Paare vorzunehmen.

Das Motiv für die Tat war zunächst unklar. Die Geschäftsführerin der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA World), Julia Ehrt, forderte eine umfassende Untersuchung und äußerte die Befürchtung, dass es sich um ein Hassverbrechen gehandelt haben könnte. Auch der Muslim Judicial Council und der United Ulama Council of South Africa, deren religiöse Positionen zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen denen von Hendricks widersprachen, verurteilten seine Tötung. Hendricks wurde anschließend im Rahmen einer privaten Zeremonie beigesetzt; die Al-Ghurbaah Foundation kündigte eine spätere Gedenkveranstaltung für ihn an.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Beirat der Stiftung. In: hirschfeld-eddy-stiftung.de. Archiviert vom Original am 27. Februar 2014; abgerufen am 17. Februar 2025.
  2. ↑ Imam Muhsin Hendricks. In: „A Jihad for Love“-Filmseite. 4. September 2007, archiviert vom Original am 5. März 2010; abgerufen am 17. Februar 2025 (englisch).
  3. 1 2 The Inner Circle Website der Organisation
  4. ↑ Gay Imam (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2018. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) – Beschreibung einer Fernsehdokumentation vom 23. Juni 2002, www.mnet.co.za/m-net channel, Carte Blanche 20
  5. 1 2 3 4 Brian Whitaker: Cape of Good Hope (Memento vom 29. September 2008 im Internet Archive), In: al-bab.com, Mai 2007, Original erschienen in: Gay Times Magazine (GT magazine), Mai 2007.
  6. 1 2 3 4 Eric Beauchemin: Gay and Muslim in South Africa (Memento vom 9. Juni 2008 im Internet Archive), In: radionetherlands.nl, 30. Mai 2008.
  7. 1 2 3 4 5 6 7 Todah Opeyemi: World's 'first openly gay imam' shot dead in South Africa. In: BBC News. 16. Februar 2025, abgerufen am 13. September 2026 (englisch).
  8. 1 2 3 4 5 6 7 8 Jamie Fullerton: ‘I’m hoping there will be more queer imams’. In: The Guardian. 19. Oktober 2022, abgerufen am 13. September 2026 (englisch).
  9. ↑ Al-Ghurbaah Foundation: Über uns. In: al-ghurbaah.org.za (arabisch, chinesisch, deutsch, englisch, französisch, italienisch).
  10. 1 2 3 4 Sertan Sanderson: Gay imam starts quiet revolution in Islam. In: Deutsche Welle. 31. Oktober 2016, abgerufen am 13. September 2026 (englisch).
  11. ↑ ILGA 23rd World Conference in Geneva. Bericht von der ILGA World Conference 2006 in Genf. ilga.org (englisch).
  12. ↑ Openly Gay South African Imam Shot Dead. Dow Jones & Company, barrons.com (englisch).
  13. ↑ Schwuler Imam in Südafrika erschossen. In: queer.de. 16. Februar 2025, abgerufen am 16. Februar 2025.
  14. ↑ Mandilakhe Tshwete: The Cape Town openly gay imam, Moegsien Hendricks, was gunned down in the Eastern Cape on Saturday morning. In: Independent Online. 15. Februar 2025, abgerufen am 16. Februar 2025 (englisch).
  15. 1 2 3 4 Khanyisile Ngcobo: Even in his final seconds of life, first gay imam pushed boundaries. In: BBC News. 19. Februar 2025, abgerufen am 13. September 2026 (englisch).