Die Muʿtazila (arabisch المعتزلة ‚die sich Absetzenden‘) war eine theologisch-rationalistische Strömung des Islam, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts von Wāsil ibn ʿAtā' in Basra gegründet wurde und ihre Blütezeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert erlebte. Sie war stark von der griechischen Philosophie beeinflusst und trat besonders im Kalām hervor, einer Form des theologischen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten. Anders als die traditionalistischen Muslime waren Muʿtaziliten der Auffassung, dass Gut und Böse nicht durch die Scharia begründet werden, sondern in der Natur der Dinge liegen, und die Scharia nur der Ausdruck dieser natürlichen Ordnung ist, die der Scharia vorausgeht. In der Nachfolge der Qadariten betonten die Muʿtaziliten außerdem die Willensfreiheit des Menschen und sprachen dem Menschen eine eigene „Macht“ (qudra) zu, die es ihm ermöglicht, absolut gesehen „Schöpfer“ seiner Handlungen zu sein. Weitere Lehrpunkte waren das Bekenntnis zur Erschaffenheit des Korans und die Ablehnung der Schau Gottes.
Wegen der großen Bedeutung, die die Gerechtigkeit Gottes und der Tauhīd in ihrem Denken einnahm, wurden die Muʿtaziliten auch als aṣḥāb al-ʿadl wa-tauḥīd („Anhänger der Gerechtigkeit und des Einheitsbekenntnisses“) bezeichnet. Von Außenstehenden wurden sie auch als Qadariten bezeichnet, doch lehnten sie selbst diesen Namen für sich ab. Innerhalb der Muʿtazila gab es verschiedene Lehrrichtungen, die jeweils nach ihrem Haupttheologen benannt wurden. Die muʿtazilitische Theologie wurde über das 11. Jahrhundert hinaus in schiitischen Kreisen, insbesondere bei den Zaiditen, weiter gepflegt. In der Moderne gab es einige muslimische Theologen, die die Ideen der Muʿtazila wiederbelebt haben. Im Mittelalter hat die muʿtazilitische Theologie auch auf das Judentum ausgestrahlt, insbesondere auf die karäische Theologie.
Der Name Muʿtazila ist von dem aktiven Partizip des arabischen Verbs iʿtazala („sich fernhalten, sich zurückziehen“) abgeleitet. Dieses Verb kommt auch im Koran vor (Sure 19:49 und 2:222). Das Sich-Fernhalten und damit auch die Haltung der Muʿtazila wird mit dem zugehörigen Verbalsubstantiv als iʿtizāl bezeichnet. Warum man bei der Bezeichnung der Gruppe auf diese Begriffe zurückgriff, ist nicht völlig geklärt. Insgesamt gibt es drei verschiedene Erklärungen:
Die Muʿtaziliten selbst erklärten den Namen so, dass sie sich in der Sündenlehre von den Extrempositionen der Charidschiten und Murdschi'iten abgesetzt hätten. Während die Charidschiten Personen, die eine große Sünde begangen hatten, als Ungläubigen einstuften und die Murdschiʾiten ihn als Gläubigen betrachteten, meinten die Muʿtaziliten, dass er sich auf der Zwischenstufe (al-manzila baina l-manzilatain) des fāsiq befinde. Der Begriff fāsiq entstammt dem Koran und erscheint dort häufig als Gegenbegriff zu „gläubig“ (vgl. z. B. Sure 32:18). Üblicherweise übersetzt man das Wort mit „Frevler“. Ganz neu war das Konzept von der Zwischenstufe allerdings nicht, denn schon al-Hasan al-Basrī hatte den Todsünder als Munāfiq („Heuchler“) bezeichnet und ihn damit ebenfalls auf eine Zwischenstufe zwischen Gläubigen und Ungläubigen gestellt. Ein Unterschied bestand allerdings darin, dass Hasan dem Todsünder keine Möglichkeit der Tauba, also bußfertigen Umkehr, zubilligte, während eine solche beim fāsiq möglich ist.
Als Begründer der muʿtazilitischen Lehre von der Zwischenstufe gilt der basrische Gelehrte Wāsil ibn ʿAtā' (gest. 748). In sunnitischen Kreisen erzählte man, dass Wāsil Schüler von al-Hasan al-Basrī gewesen sei und dieser auf seine Lehre von der Zwischenstufe mit dem Ausspruch reagiert habe: iʿtazala ʿannā Wāsil ibn ʿAtāʾ („Wāsil ibn ʿAtāʾ hat sich von uns getrennt“). Dieser Erzählung zufolge geht der Name also auf die Absonderung Wāsils von seinem Lehrer al-Hasan al-Basrī zurück. Allgemein wird diese Erklärung heute in der Forschung jedoch als spätere Erfindung betrachtet, da Wāsil nicht wirklich ein Schüler von al-Hasan al-Basrī war, sondern lediglich einmal eine Lehrsitzung bei ihm in Medina besucht hat. Bislang ist noch nicht einmal klar, ob zur Zeit von Wāsil ibn ʿAtāʾ dieser Name überhaupt schon für seine Anhänger verwendet wurde, da zeitgenössische Belege fehlen.
Eine andere Theorie führt das Konzept des Iʿtizāl auf die islamische Frühzeit zurück und beschreibt es als eine Haltung der politischen Neutralität. So erklärt zum Beispiel der imamitische Doxograph al-Qummī in seinem vor 905 abgefassten „Buch der Lehren und Sekten“ (Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq), dass die ursprüngliche Muʿtazila diejenige Gruppe gewesen sei, die sich bei der Kamelschlacht von ʿAlī ibn Abī Tālib abgesetzt und dann weder gegen ihn noch mit ihm gekämpft habe. Diesem politisch neutralen Lager rechnet er Saʿd ibn Abī Waqqās, ʿAbdallāh, den Sohn von ʿUmar ibn al-Chattāb, Muhammad ibn Maslama al-Ansārī und Usāma ibn Zaid al-Kalbī zu. Sie seien als die Muʿtazila bezeichnet worden und somit die Vorgänger der späteren Muʿtaziliten. An derartige Berichte anknüpfend, entwickelte Henrik Samuel Nyberg die Theorie, dass die Muʿtaziliten ursprünglich Vertreter einer Haltung der politischen Neutralität zwischen verschiedenen Lagern waren und mit dieser Position den Abbasiden die Legitimation für ihre Machtergreifung lieferten, weil sie ihnen in der Zeit der Polarisierung zwischen Umayyaden und Schiiten ermöglichten, sich als neutrale Mittler darzustellen. Neuere Studien haben allerdings gezeigt, dass die Muʿtaziliten mehrfach nicht für die Abbasiden, sondern für die Aliden Partei ergriffen haben. So ist auch diese Theorie hinfällig.
Nach ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1024) war Muʿtazila eine Bezeichnung, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts mehrere Gruppen für sich verwendeten. So soll Sufyān ath-Thaurī (gest. 778) seine Anhänger aufgefordert haben, sich so zu nennen, weil sie sich vom Irrtum (ḍalāla) fernhielten. Er führte auch einen Hadith an, wonach Mohammed vorausgesagt hatte, dass sich seine Gemeinschaft in 73 Sekten spalten werde, wobei die frömmste und gottesfürchtigste die Sekte sei, die sich fernhält (al-fiʾa al-muʿtazila). Unter Berufung auf ʿUthmān at-Tawīl, einen Schüler des Wāsil ibn ʿAtā', berichtet ʿAbd al-Dschabbār, dass schon Qatāda ibn Diʿāma (gest. 736) diesen Hadith überlieferte. Noch zu seiner Zeit sei dann Muʿtazila zur Selbstbezeichnung der Anhängerschaft von Wāsil ibn ʿAtā' geworden. Als man Sufyān davon erzählte, dass ʿAmr ibn ʿUbaid und seine Anhänger sich Muʿtazila nannten, habe er den Hadith von den 73 Sekten so umformuliert, dass das Wort Muʿtazila darin nicht mehr vorkam.
Josef van Ess weist darauf hin, dass die Selbstbezeichnung Muʿtazila deshalb für islamische Gruppen attraktiv gewesen sein könnte, weil das Verb iʿtazala im Koran die Bedeutung von „sich von Unreinem und Bösem fernhalten“ hat. So heißt es in Sure 19:49, dass Gott dem Abraham Isaak und Jakob schenkte, nach dem er sich von seinen Verwandten und ihrem Götzendienst ferngehalten hatte (iʿtazalahum). Und in Sure 2:222 werden die Männer aufgefordert, sich während der Menstruation von den Frauen fernzuhalten (fa-ʿtazilu n-nisāʾa fi l-maḥīḍi) und ihnen nicht nahezukommen, bis sie wieder rein sind.
Der imamitische Doxograph al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. zwischen 912 und 922) betrachtete die Muʿtazila als eine der vier islamischen „Grundsekten“ (uṣūl al-firaq). Die anderen drei Grundsekten waren ihm zufolge die Schia, die Murdschi'a und die Chawāridsch. Dasselbe Schema legt auch der Geograph Schams ad-Dīn al-Maqdisī (gest. Ende 10. Jhdt.) zugrunde, der in seinem geographischen Werk Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm einen Überblick über die verschiedenen islamischen Lehrrichtungen seiner Zeit bietet. Er erwähnt dort die Muʿtazila unter den Lehrrichtungen, die reine Kalām-Lehrrichtungen sind, und gibt an, dass die Muʿtazila die Qadarīya überlagert habe.
Nach asch-Schahrastānī (gest. 1153) steht die Muʿtazila in einem Gegensatz zur Sifātīya. Darunter verstand er alle dogmatischen Schulen, die Gott präexistente Attribute (ṣifāt) zuschrieben, wie die Aschʿariten, die Assimilationisten (mušabbiha) und die Karrāmiten. Gemeinsam ist den Muʿtazila nach ihm nämlich, dass sie allein das Wesen (ḏāt) Gottes als präexistent (qadīm) betrachten und den Attributen Präexistenz absprechen. Anders als die Muslime, die er der Sifātīya zuordnet, meinten sie, dass Gott durch sein eigenes Wesen wissend, mächtig und lebendig ist, und nicht durch ein Wissen, eine Macht und ein Leben, die als präexistente Attribute und Begriffe in ihm bestehen. Denn, so gibt asch-Schahrastānī die Argumentation der Muʿtazila wieder, wenn die Attribute mit Gott an der Präexistenz teilhätten, käme ihnen ebenfalls Göttlichkeit (ilāhīya) zu.
Nach al-Qummī waren Wāsil ibn ʿAtā' (gest. 748), ʿAmr ibn ʿUbaid (gest. 761) und Dirār ibn ʿAmr (gest. 815) die eigentlichen Begründer der Muʿtazila (uṣūl al-muʿtazila). Ein Gedicht des Dichters Safwān al-Ansārī, das al-Dschāhiz zitiert, berichtet davon, dass Wāsil in die verschiedenen Gebiete des islamischen Reiches (Kufa, Arabische Halbinsel, Jemen, Chorasan, Armenien und Maghreb) Missionare entsandte, um seine Lehre zu verbreiten. Auf besonders fruchtbaren Boden fiel die muʿtazilitische Mission im Maghreb, wo ihr Anführer Ishāq ibn Mahmūd Ende des 8. Jahrhunderts Idris I. nach seiner Flucht aus dem Osten aufnahm und ihn zur Muʿtazila bekehrte. So wurde der Iʿtizāl in der Zeit der frühen Idrisiden zur herrschenden Lehre in der Gegend von Tanger und Volubilis. Nach al-Masʿūdī folgte auch Yazīd III., einer der letzten syrischen Umayyaden-Kalifen, der Lehre der Muʿtazila.
Nach ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad schlossen sich 762 die bedeutenden Muʿtaziliten dem Aufstand des Aliden Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh an. Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts blieb die Muʿtazila aber nur eine von zahlreichen religiösen Strömungen im Islam. Eine zentralere Rolle erhielt sie erst im frühen 9. Jahrhundert. Ihre wichtigsten Vertreter in Basra waren zu dieser Zeit Muʿammar ibn ʿAbbād (gest. 830), Abū l-Hudhail (gest. 841) und an-Nazzām (gest. 835). Neben dieser Schule von Basra entwickelte sich um diese Zeit ein zweites Zentrum der Muʿtazila in Bagdad. Der wichtigste Vertreter der Schule von Bagdad war Bischr ibn al-Muʿtamir (gest. 825).
Muʿammar ibn ʿAbbād ist vor allem für seine maʿnā-Theorie bekannt geworden. Bei den maʿānī – so der Plural von maʿnā – handelt es sich um Individuationsprinzipien für Substanzen und das reale Fundament der Erscheinungen von Akzidentien. Jeder maʿnā hat seinen Grund in einem vorausliegenden maʿnā, was einen infiniten Regress erzeugt, der aber in einer mit Gott identifizierten Erstursache endet, der dadurch die wahre Ursache für die akzidentielle äußere Erscheinung der Substanzen ist.
Abū l-Hudhail entwickelte als erster Muʿtazilit eine Lehre über die Attribute Gottes. Er betonte auffallend stark die Allmacht Gottes. Der Gottesbeweis ergibt sich für ihn aus der Kontingenz der Welt. Außerdem vertrat er die Auffassung, dass der Koran als Rede Gottes erschaffen (maḫlūq) sei. Nur Gott selbst ist seiner Auffassung anfangsewig und unerschaffen. Im Gegenzug betonte er die Unnachahmlichkeit des Korans. Im Bereich der Physik war Abū l-Hudhail stark vom Atomismus beeinflusst. Abū l-Hudhail hat zahlreiche Schriften verfasst, von denen Ibn an-Nadīm eine Liste in seinem Fihrist liefert. Keine dieser Schriften hat sich jedoch eigenständig erhalten. Die meisten waren polemischen Charakters. Unter den Muʿtaziliten hat er sich besonders häufig mit an-Nazzām gestritten. Allein sechs Schriften waren gegen ihn gerichtet.
Auffällig an an-Nazzām war insbesondere seine anti-atomistische Bewegungstheorie. Danach muss sich Bewegung im „Sprung“ (ṭafra) vollziehen, da es bei einer unbegrenzten Teilbarkeit des Raumes nicht denkbar ist, dass der bewegte Körper jede einzelne Stelle berührt. Tragende Bedeutung hatte in seinem Lehrsystem auch das Konzept des Geistes (rūḥ). Er stellte sich den Geist in Anknüpfung an das platonische Pneuma-Konzept als einen feinstofflichen Körper vor, der sich wie ein Gas mit dem Leib vermischt und ihn bis in die Fingerspitzen durchdringt, sich beim Tode aber wieder aus dieser Verbindung löst und selbständig weiterexistiert. Schüler von an-Nazzām, unter ihnen Ahmad ibn Chābit, führten diesen Gedanken fort und entwickelten darauf aufbauend eine Theorie der Transmigration der Geister (tanāsuḫ).
Mit dem Namen von Bischr ibn al-Muʿtamir verbindet sich vor allem die Lehre vom tawallud, der „Erzeugung“ bzw. „Auslösung“ von Geschehensketten durch das Handeln des Menschen. Unter Verwendung dieses Konzepts lehrte Bischr, dass alles, was auch immer aus der Handlung eines Menschen hervorgeht, ebenfalls seine Handlung sei. Auf diese Weise wurde der Mensch neben Gott zu einem zweiten Autor der Veränderung gemacht. Eine weitere zentrale Idee in seiner Lehre war die Vorstellung vom göttlichen Gnadenerweis (luṭf). Gott besitzt grenzenlose Freiheit, Menschen als Gläubige auf den Weg des Heils zu führen oder als Ungläubige dem Unheil preiszugeben. Wenn er sie auf den Weg des Glaubens führt, tut er dies allein aus einem Gnadenerweis, nicht aus anderen Gründen.
In der Zeit der Abbasiden-Kalifen al-Ma'mūn (813–833), al-Muʿtasim (833–842) und al-Wāthiq (842–847) erfreute sich die Muʿtazila höchster herrscherlicher Protektion. Mehrere bekannte Muʿtaziliten wurden in dieser Zeit an den abbasidischen Hof berufen, darunter auch Abū l-Hudhail und an-Nazzām. Gegen die vom Hof unterstützte muʿtazilitische Theologie stellte sich sehr bald die sunnitische Geistlichkeit, deren Hauptargument die unveränderliche Befolgung der Tradition und ihre ständige Nachahmung war.
Die rationalistische Methode, welche die Kalam-Gelehrten eingeführt hatten, betrachteten einige sunnitische Hauptvertreter als Häresie. Zu den bekanntesten dieser Vertreter zählt Ahmad ibn Hanbal (gest. 855). 833 wurde gegen sie eine Inquisition (arabisch Mihna) eingeführt. Als Prüfstein wurde die von Abū l-Hudhail gelehrte Erschaffenheit des Korans verwendet, diese wurde nämlich von den Traditionsgelehrten bestritten, die glaubten, dass der Koran die unerschaffene Rede Gottes sei. Diejenigen, die der Lehre Abū l-Hudhails nicht zustimmten, wurden bestraft, darunter auch Ahmad ibn Hanbal. Für die Muʿtaziliten war dieses Inquisitionsverfahren allerdings eher kontraproduktiv. Sie galten fortan als Komplizen des Unrechtsregimes, das für die Mihna verantwortlich war.
Um die Wende zum 10. Jahrhundert lag die Führung der Muʿtaziliten bei Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī (gest. 916) und seinem Sohn Abū Hāschim al-Dschubbā'ī (gest. 933), die beide in ʿAskar Mukram in Chuzistan wirkten. Einer der Schüler des ersteren war Abū l-Hasan al-Aschʿarī. Er wandte sich von der Muʿtazila ab, bekehrte sich zur sunnitischen Lehre und stellte seine rationale Argumentation in den Dienst ihrer Verteidigung. Umgekehrt kritisierte er in seinem „Sendschreiben an die Bewohner der Grenzfestung“ (Risāla ilā ahl aṯ-ṯaġr) die muʿtazilitische Theologie.
Die Muʿtazila erhielt allerdings in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts neue herrscherliche Förderung an den Höfen der persischen Buyiden. Wichtige Muʿtaziliten dieser Zeit waren Sāhib Ibn ʿAbbād, der Wesir des Buyiden-Fürsten von Rey, der eigenhändig theologische Bücher verfasste, in denen er die muʿtazilitische Doktrin erläuterte, sowie ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1024), der 970 zum Oberkadi von Rey berufen wurde. ʿAbd al-Dschabbār, der durch Abū Ishāq Ibrāhīm ibn ʿIyāsch und Abū ʿAbdallāh al-Husain al-Basrī ein indirekter Schüler von Abū Hāschim al-Dschubbā'ī war, verfasste auch ein eigenes Buch zum Lob und über die Geschichte der Muʿtazila mit dem Titel Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila. Einer seiner Schüler, Abū l-Husain al-Basrī (gest. 1044), der stark von den Konzepten der Philosophen beeinflusst, begründete eine neue Schule der Muʿtazila, die von der Bahschamīya, der Schule von Abū Hāschim al-Dschubbā'ī, abwich.
Über die Verbreitung der Muʿtazila schrieb der schafiitische Gelehrte Abū l-Husain al-Malatī (gest. 987) in den 960er Jahren:
„Sie sind in jedem Ort und Dorf, keine Gegend ist von ihnen frei. Die Orte aber, an denen der Iʿtizāl vorherrscht, so dass keine andere Richtung in ihnen sichtbar wird, sind ʿAskar Mukram bei Ahvaz, as-Saimara, eine Stadt in Fars, die Hadschram genannt wird, und das Herat von Istachr in der Gegend von Kerman. Die Hälfte ihrer Bewohner sind Charidschiten, die andere Hälfte Muʿtazila. Der Iʿtizāl hat aber bei ihnen die Oberhand gewonnen.“
Eine erheblich weitere geographische Verbreitung sprach ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad der muʿtazilitischen Lehrrichtung zu. Er nennt in seinem Buch Faḍl al-iʿtizāl die folgenden Orte als mehrheitlich von ihr geprägt:
Der muʿtazilitische Gelehrte Abū l-Husain al-Chaiyāt (gest. ca. 913) erklärt in seinem Kitāb al-Intiṣār („Buch des Triumphs“), dass nur dann jemand verdiene, als Muʿtazilit bezeichnet zu werden, wenn er die fünf Grundprinzipien (al-uṣūl al-ḫamsa) allesamt in seiner Lehre vereine. Diese seien: 1. Tauhīd („Bekenntnis zur Einheit“), 2. ʿAdl („Gerechtigkeit“), 3. al-Waʿd wa al-waʿīd („die Verheißung und die Androhung“), 4. al-Manzila baina l-manzilatain („die Stufe zwischen den beiden Stufen“ bzw. die „Zwischenstufe“) und 5. al-Amr bi-l maʿrūf wa-ʾn-nahy ʿan al-munkar („Das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen“). Mit Verweis darauf sprach al-Chaiyāt unter anderem Dschahm ibn Safwān und Ibn ar-Rāwandī die Zugehörigkeit zur Muʿtazila ab.
Al-Masʿūdī (gest. 956) gibt zu den fünf Grundprinzipien, über die sich alle Anhänger der Muʿtazila einig seien, folgende Erklärungen:
ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad gab in seinem Kitāb al-Uṣūl al-ḫamsa eine Einführung in die fünf Grundprinzipien nach Art einer Bekenntnisschrift. Er verfasste auch einen eigenen Kommentar zu diesem Werk, der sich jedoch nicht erhalten hat. Die angebliche Ausgabe von ʿAbd al-Karīm ʿUthmān (Kairo: Maktabat al-Wahba 1965) ist in Wirklichkeit die Mitschrift einer Vorlesung des zaiditischen Gelehrten Mānkdīm Schaschdīw (gest. 1034) über ʿAbd al-Dschabbārs Kommentar.
Asch-Schahrastānī gibt zum Dogma al-Waʿd wa-l-waʿīd noch zusätzliche Erklärungen. Demnach beinhaltet es, dass der Gläubige, wenn er die Welt unter Gehorsam und mit Tauba verlässt, Belohnung (ṯawāb) und Gegenleistung (ʿiwaḍ) verdient; wenn er aber ohne Reue für eine Sünde, die er begangen hat, davongeht, er ewigen Aufenthalt im Höllenfeuer verdient, seine Strafe aber leichter als die Strafe der Ungläubigen ist.
Mit der Machtübernahme durch die sunnitischen Seldschuken endete in der Mitte des 11. Jahrhunderts die herrscherliche Unterstützung für die Muʿtazila im Irak. Allerdings gab es hier noch einzelne Gelehrte, die große Sympathien für die Muʿtazila hegten wie der Hanbalit Ibn ʿAqīl (gest. 1119). Auch Ibn Abī l-Hadīd (gest. 1258), der Autor eines umfangreichen Kommentars zum Nahdsch al-Balāgha, war noch Muʿtazilit. Außerdem wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts das Muʿtazilitentum in Choresm durch Gelehrte wie Rukn ad-Dīn al-Malāhimī (gest. 1141), der die Lehre von Abū l-Husain al-Basrī ausarbeitete, und az-Zamachscharī (gest. 1144) wiederbelebt. Die choresmischen Hanafiten hielten mindestens bis zum frühen 15. Jahrhundert an der Mu'tazila fest. Der bekannte hanafitische Gelehrte ʿAbd al-Dschabbār al-Chwārazmī, der Timur nach Syrien begleitete und als Dolmetscher zwischen ihm und Ibn Chaldūn fungierte, war ebenfalls ein Muʿtazilit.
Danach wurde die muʿtazilitische Theologie nur noch bei den jemenitischen Zaiditen, den Zwölfer-Schiiten und den Ibaditen weitergeführt. Der hanbalitische Gelehrte Ibn Taimīya (gest. 1328) schrieb sein Werk Minhāǧ as-sunna, das sich gegen seinen schiitischen Zeitgenossen al-ʿAllāma al-Hillī richtete, auch zur Widerlegung von dessen muʿtazilitischen Thesen.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist es verbreitet, den Begriff Muʿtazila auf zeitgenössische reform- und vernunftorientierte islamische Ansätze anzuwenden. Ignaz Goldziher erklärte in seinen Vorlesungen über den Islam (1910), dass die indischen Modernisten um Sayyid Ahmad Khan und Ameer Ali, die eine rationalistische Denkrichtung vertraten, von den „an dem Alten Festhaltenden“ gern als die „neue Muʿtazila“ bezeichnet wurden. In seinem Buch Die Richtungen der islamischen Koranauslegung (1920) schreibt er, dass die indischen Modernisten selbst sich mit Vorliebe die Bezeichnung „neue Muʿtazila“ gäben. Bernard Michel und Mustafā ʿAbd ar-Rāziq, die 1925 eine französische Version von Muhammad ʿAbduhs theologischem Werk Risālat at-tauḥīd herausgaben, charakterisierten dort ʿAbduh als modernen Muʿtaziliten und beschrieben ihn als Teil einer breiteren neo-muʿtazilischen Strömung, der auch Ameer Ali angehören soll. Nach Thomas Hildebrandt wird indessen die Charakterisierung ʿAbduhs als „muʿtazilitisch“ weder dem Textbefund noch seinem Selbstverständnis gerecht. ʿAbduh urteilte in einem seiner Werke, dass die Muʿtazila „die Grenzen der Religion im Namen der Religion überschritten“ habe.

Allerdings gab es im 20. Jahrhundert einige muslimische Gelehrte und Intellektuelle, die vom muʿtazilischen Erbe sehr angetan waren. Hierzu gehörten Mustafā ʿAbd ar-Rāziq (1885–1947) selbst und der ägyptische Professor für arabische Literatur Ahmad Amīn (1886–1954). Letzterer beurteilte 1936 in seinem Geschichtswerk Ḍuḥā al-Islām den Tod der Muʿtazila als „eines das größten Unglücksfälle der Muslime“. Sie hätten damit „ein Verbrechen gegen sich selbst begangen“. Zu den muslimischen Gelehrten der Moderne, die versucht haben, Konzepte der Muʿtazila wiederzubeleben, gehören Nasr Hamid Abu Zaid in Ägypten und Harun Nasution in Indonesien. Auch der palästinensisch-amerikanische Islam-Aktivist Ismail al-Faruqi hat Konzepte der Muʿtazila aufgegriffen.

Anke von Kügelgen ordnet neben Ahmad Amīn die ägyptischen Denker Muhammad Yūsuf Mūsa (1899–1963), Muhammad Abd ar-Rahmān Baisār (1910–1981), Muhammad ʿImāra (1931–2020) und Hasan Hanafī (1935–2021) als Neomuʿtaziliten ein. Hasan Hanafī beschrieb die von ihm propagierte „Islamische Linke“ (al-Yasār al-islāmī) als eine in ihrem religiösen Gehalt muʿtazilische Bewegung, die meine, dass die Muʿtazila die Revolution der Vernunft, die Welt der Natur und die Freiheit des Menschen repräsentiere. Sie rehabilitiere die Muʿtazila historisch und weise die Vorwürfe des Unglaubens und der Ketzerei gegen sie zurück. Hanafīs Plan war es, „die muʿtazilische Denkrichtung einen Schritt weit in Richtung der Vernunft der Revolution fortzuentwickeln, um eine umfassende ‘Theologie’ der Revolution zu formulieren.“
Eine besonders weitgehende Idealisierung der Muʿtazila, die sie zu Kulturheroen der arabisch-islamischen Zivilisation macht, findet sich bei Muhammad ʿImāra. Er schreibt in seinem Buch Taiyārāt al-fikr al-islāmī („Strömungen des islamischen Denkens“):
„Die Muʿtaziliten waren nicht nur, wie viele meinen, Religionsgelehrte und Philosophen in der Theologie (falāsifa fī l-ilāhīyāt), sondern auch Ritter im Kampf, Revolutionäre in der Politik, fromme Männer, die sich dem Gottesdienst hingaben, Asketen, die Weltverzicht leisteten, Staatsmänner, Literaten, Dichter, Überlieferer (ruwāt) und Kritiker… darüber hinaus Gelehrte im allgemeinen Sinne dieses Begriffs… ganz zu schweigen von ihrer religiösen Wissenschaft und den von ihnen produzierten Forschungen in der Kalām-Wissenschaft… Sie waren mehr als eine religiöse Gruppierung. Sie waren Gelehrte im zivilisatorischen Sinne, nein vielmehr Verfertiger der Zivilisation, auf die wir heute stolz sind. War nicht ihr goldenes Zeitalter, dessen wir uns rühmen und an dessen Erinnerungen und Leistungen wir uns wärmen, die Epoche der Kalifen, die der Lehre der Muʿtazila folgten: al-Ma'mūn, al-Muʿtasim und al-Wāthiq?“
Arabische Quellen
Sekundärliteratur