Der Nachtjargon, von Außenstehenden auch als „Luden-ABC“ bezeichnet, ist eine deutsche Sondersprache, die in Hamburg auf St. Pauli vornehmlich von Zuhältern, Kneipiers, Türstehern und Animateuren gesprochen worden ist.
Zur Entstehung des Nachtjargon liegen keine Quellen vor. Es ist davon auszugehen, dass er sich mit dem Beginn der Prostitution auf St. Pauli entwickelt hat; darauf deuten unter anderem die alten rotwelschen Begriffe im Nachtjargon hin (z. B. filzen, fleppen, freier, geitling, schabau). In den 1980er und 1990er Jahren ist der Nachtjargon auf St. Pauli mit der Verdrängung der alten deutschen Kiezer allmählich verstummt. Einige Begriffe leben in der heutigen Umgangssprache auf St. Pauli und in Verfilmungen weiter.
Gesprochen haben den Nachtjargon überwiegend Männer aus dem Milieu. Die Prostituierten konnten den Nachtjargon verstehen; gesprochen haben sie ihn seltener. „Verstanden haben sie ’s mit Sicherheit. Das war das ABC, bevor man ’n aufrechten Gang im Puff lernen durfte, und ich fand ’s immer verwerflich, wenn sie dann auch die Sprache angenommen haben.“ (Stefan Hentschel 2003). Schriftlichkeit war dem Nachtjargon ursprünglich fremd.
In den 1960er Jahren wurde der Nachtjargon durch den Kiezkellner Günther Silvester erstmals verschriftlicht. Dabei handelte es sich um einfache Wörterlisten. Die Sprachwissenschaft wurde erst 2002 auf den Nachtjargon aufmerksam. Auf der Grundlage von Sprecherbefragungen und den schriftlichen Quellen ist der Nachtjargon 2003 dann in einem Wörterbuch dokumentiert worden.
Der Nachtjargon funktionierte als Geheimsprache, wenn Dritte vom Verständnis ausgeschlossen werden sollten, wie etwa in Hörweite stehende Freier bei der internen Geschäftsabsprache zwischen Zuhältern und Prostituierten. Ansonsten wurde er auch nicht-geheimsprachlich als Jargon unter Kiezern und anderen St. Paulianern gebraucht.
Seine geheimsprachliche Funktion erreichte der Nachtjargon auf verschiedenen Wegen: durch Substitution allgemein verständlicher Wörter durch Lexeme aus fremden Sprachen, durch Wortneubildungen und durch Manipulationen der Bedeutungen geläufiger Wörter (Neosemantisierung). Bedeutungsveränderung standardsprachlicher Wörter: z. B. fett `Geld’, fest ‚Verlust’, feucht ‚geizig’, frisch ‚Glück’, gedicht `Aussage vor der Polizei’; Neubildungen aus deutschem Wortmaterial: z. B. abstecke, bellmann, brandpartie; Substitution durch Wörter aus Fremdsprachen, zum Beispiel dem Jüdischdeutschen/Hebräischen (z. B. achiele, keilof, sore, seeger), dem Romani der Sinti und Roma (z. B. mulo, nablo, patte) sowie durch Wörter aus dem bereits im 12./13. Jahrhundert entstandenen Rotwelsch (z. B. fleppen, geitling, griffel). Gering beteiligt sind das Niederdeutsche (z. B. flettern ‚einen Schlafenden bestehlen’ < nd. flett ‚Fußboden’, kömtille ‚Säuferin’ < hbg. köm ‚Schnaps’) und die romanischen und slawischen Sprachen (z. B. span. amigo; frz. annonce, bordell; slaw. pinusen, ossnik). Einige wenige Wörter sind Anglizismen: champ, starlet, chopper, buggi. Das Wort bambule ‚Streit’ stammt ursprünglich aus der Bantusprache. In einigen Fällen sind tarnsprachliche Wörter des Nachtjargon doppelt codiert worden: nach dem Verfahren der Kedelkloppersprache, z. B. schore zu oreschi.
Aufgrund gemeinsamer Schnittmengen des Vokabulars ist der Nachtjargon verwandt mit anderen sogenannten Rotwelsch-Dialekten des deutschen Sprachgebiets sowie mit anderen Kiezsprachen, etwa in Frankfurt, Düsseldorf, Berlin; auch mit der Schockfreiersprache und dem Polizeijargon gibt es Gemeinsamkeiten im Wortschatz. Im Vergleich zu anderen Rotwelsch-Dialekten ist der Nachtjargon durch einen vergleichsweise geringen Anteil an Tarnwörtern aus dem Jüdischdeutschen und dem Romani gekennzeichnet.
Der Nachtjargon ist von verschiedenen anderen Sondersprachen umgeben bzw. beeinflusst worden: von der Schockfreiersprache (Sprache der Marktbeschicker und Schausteller auf dem Hamburger Dom und dem Fischmarkt); der Sprache der Rocker; dem Polizeijargon von der Davidwache (vom Nachtjargon beeinflusst); dem Knastjargon; dem Rotwelsch der wandernden Handwerksburschen und der Kedelkloppersprook. Die sprachliche Situation auf St. Pauli war immer ein Nebeneinander des mehr oder weniger Verschiedenen. Eine einheitliche „Kiezsprache“ hat es nie gegeben.
Im Vergleich mit anderen Sondersprachen hat der Nachtjargon individuelle Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale: