Tangenssatz

In der Trigonometrie stellt der Tangenssatz oder Tangentensatz eine Beziehung zwischen den drei Seiten eines ebenen Dreiecks und dem Tangens der halben Summe bzw. der halben Differenz zweier Winkel des Dreiecks her.

Formulierung

Für die drei Seiten a, b und c eines Dreiecks sowie für die diesen Seiten jeweils gegenüber liegenden Winkel α, β und γ gilt:

b+cb−c=tan⁡β+γ2tan⁡β−γ2

Wegen

tan⁡β+γ2=tan⁡180∘−α2=tan⁡(90∘−α2)=cot⁡α2

kann man diese Formel auch schreiben als

b+cb−c=cot⁡α2tan⁡β−γ2

Analoge Formeln für a+ba−b und a+ca−c erhält man durch zyklische Vertauschung:

a+ba−b=tan⁡α+β2tan⁡α−β2=cot⁡γ2tan⁡α−β2
c+ac−a=tan⁡γ+α2tan⁡γ−α2=cot⁡β2tan⁡γ−α2

Wegen tan⁡(−x)=−tan⁡(x) bleiben diese Formeln gültig, wenn sowohl die Seiten als auch die zugehörigen Winkel vertauscht werden, also zum Beispiel:

a+ca−c=tan⁡α+γ2tan⁡α−γ2=cot⁡β2tan⁡α−γ2

Beweis

Beweis mit Sinussatz und Identitäten der Winkelfunktionen

Nach dem Sinussatz gilt bc=sin⁡βsin⁡γ und damit folgt

b+cb−c=bc+1bc−1=sin⁡βsin⁡γ+sin⁡γsin⁡γsin⁡βsin⁡γ−sin⁡γsin⁡γ=sin⁡β+sin⁡γsin⁡β−sin⁡γ

nach Einsetzen der Identitäten

sin⁡β+sin⁡γ=2⋅sin⁡β+γ2⋅cos⁡β−γ2

sowie

sin⁡β−sin⁡γ=2⋅cos⁡β+γ2⋅sin⁡β−γ2

die sich aus den Additionstheoremen ableiten lassen, ergibt sich durch Einsetzen in die obere Gleichung der Tangenssatz:

b+cb−c=sin⁡β+sin⁡γsin⁡β−sin⁡γ=2⋅sin⁡β+γ2⋅cos⁡β−γ22⋅cos⁡β+γ2⋅sin⁡β−γ2=sin⁡β+γ2cos⁡β+γ2⋅cos⁡β−γ2sin⁡β−γ2=tan⁡β+γ2⋅cot⁡β−γ2=tan⁡β+γ2tan⁡β−γ2

Beweis mit Mollweideschen Formeln

Aus der Winkelsumme im Dreieck α+β+γ=180∘ und dem Übergang zum Komplementärwinkel des Tangens folgt:

tan⁡β+γ2=tan⁡180∘−α2=tan⁡(90∘−α2)=cot⁡α2

Aus den Mollweideschen Formeln folgt daraus der Tangenssatz:

b+cb−c=b+ca⋅ab−c=cos⁡β−γ2sin⁡α2⋅cos⁡α2sin⁡β−γ2=cot⁡β−γ2⋅cot⁡α2=cot⁡α2tan⁡β−γ2=tan⁡β+γ2tan⁡β−γ2

Verallgemeinerung für Sehnenvierecke

Eine Verallgemeinerung des Tangenssatzes gilt für Sehnenvierecke ABCD. Für die Seitenlängen a=|AB‾|, b=|BC‾|, c=|CD‾|, d=|DA‾| und die Winkelgrößen α=∠DAB, β=∠ABC gilt:

(a+c)⋅(b+d)(a−c)⋅(b−d)=tan⁡α+β2tan⁡α−β2

Diese Formel reduziert sich für c=0 auf den Tangenssatz für Dreiecke.

Tangenssatz für Kugeldreiecke

Für Kugeldreiecke gelten die Gleichungen

tan⁡a+b2tan⁡a−b2=tan⁡α+β2tan⁡α−β2
tan⁡b+c2tan⁡b−c2=tan⁡β+γ2tan⁡β−γ2
tan⁡c+a2tan⁡c−a2=tan⁡γ+α2tan⁡γ−α2

Dabei sind a, b und c die Seiten (Kreisbögen) des Kugeldreiecks und α, β und γ die gegenüberliegenden Winkel auf der Kugeloberfläche.

Geschichte

Der Tangenssatz wurde von dem persischen Mathematiker Abu l-Wafa im 10. Jahrhundert entdeckt.

Auch Ibn Muʿādh al-Dschaiyānī beschrieb im 11. Jahrhundert den Tangenssatz für ebene Dreiecke.

Der Tangenssatz für sphärische Dreiecke wurde im 13. Jahrhundert von dem persischen Mathematiker Nasir al-Din al-Tusi (1201–1274) beschrieben, der in seiner fünfbändigen "Abhandlung über das Viereck" auch den Sinussatz für ebene Dreiecke präsentierte.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Emmanuel Antonio José García: A Generalization of the Law of Tangents. In: Mathematics Magazine. Band 97, Nr. 3, 2024, S. 274–275, doi:10.1080/0025570X.2024.2336633.
  2. ↑ Wolfram: Spherical Law of Tangents
  3. ↑ Rob Johnson, West Hills Institute of Mathematics: Spherical Trigonometry
  4. ↑ Victor J. Katz: A History of Mathematics: An Introduction. Pearson, 2017, ISBN 978-0-13-468952-4, S. 298 (englisch, google.com [abgerufen am 6. Juli 2026]).
  5. 1 2 Marie-Thérèse Debarnot: Trigonometry. In: Rushdī Rāshid, Régis Morelon (Hrsg.): Encyclopedia of the history of Arabic science. Band 2. Routledge, 1996, ISBN 0-415-12411-5, S. 182 (englisch, google.com [abgerufen am 6. Juli 2026]).
  6. ↑ Q. Mushtaq, JL Berggren: History of Civilizations of Central Asia. Hrsg.: C. E. Bosworth, M.S.Asimov. Band 4, Nr. 2. Motilal Banarsidass, 2002, ISBN 81-208-1596-3, Trigonometry, S. 190 (englisch, google.com [abgerufen am 6. Juli 2026]).

Hinweise

  1. ↑ Die in Beziehung gesetzten Seiten b und c des Dreiecks seien dabei als unterschiedlich lang vorausgesetzt, so dass die beteiligten Nenner stets ≠0 sind. Entsprechendes gilt im Folgenden für alle weiteren Formeln.