
Nina de Vries (geboren 21. Januar 1961 in IJmuiden, Niederlande) ist eine niederländische Sexualassistentin, die seit 1990 in Deutschland lebt und arbeitet. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Arbeit mit stark beeinträchtigten Menschen sowie die Aus- und Fortbildung von Sexualassistenten.
Nina de Vries ist ein Kind politisch engagierter Eltern. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. Ihre Mutter nahm sich das Leben, als de Vries 16 Jahre alt war. Eine Fernseh-Reportage über Sex helpers, die sie an Clowndoktoren erinnerte, brachte sie auf die Idee der Arbeit an der sexuellen Selbstbestimmung durch Sexualarbeit mit Behinderten und Dementen.
Nina de Vries ging in Amersfoort zur Schule. Nach ihrem Abitur 1979 in Arnheim studierte sie in Leeuwarden Sozialarbeit und machte eine Ausbildung in Körperarbeit und Sexualpädagogik. 1990 zog sie zuerst nach Berlin und dann nach Potsdam. 1992 war sie als Erzieherin in einem Rehabilitationszentrum tätig.
Nina de Vries gilt als Pionierin der Sexualassistenz. Ende der 1990er Jahre nahm sie ihre Arbeit als Sexualassistentin auf und hat sich seitdem kontinuierlich fortgebildet. Inzwischen arbeitet de Vries in erster Linie mit mehrfach behinderten Menschen, mit Autisten und Menschen mit kognitiven Störungen oder Demenz. Daneben will sie in der Ausbildung Flexibilität, Sensibilität, Respekt und Wahrhaftigkeit einbringen und Qualitätsstandards einführen. Unter anderem hat sie 2004 im Auftrag der Fachstelle für Behinderung und Sexualität (FABS) in Basel ein halbes Jahr lang zehn Sexualtherapeuten ausgebildet. Daneben bietet sie Coaching für Organisationen an, die sich für die sexuelle Selbstbestimmung der Menschen engagieren. Verschiedene Institutionen, unter anderem wissenschaftliche Fachgesellschaften, Wohnheime für Behinderte und Altenpflegeeinrichtungen, engagieren sie zu Vorträgen oder Workshops zu den Themen „Sexualität und Behinderung“ oder „Sexualität und Alter“. Auf dem 4. Altenpflegekongress 2010 gab sie ein Interview, das auf YouTube abrufbar ist.
Als sie mit ihrer Arbeit der Sexualassistenz und Fortbildung begann, war sie über die Resonanz in Deutschland „überrascht, denn in den Niederlanden geht man offener damit um. ‚Sex Helpers‘ sind dort schon seit den Siebzigerjahren aktiv. Hier ist es bis heute tabuisiert.“ Auch würden in Deutschland, anders als in den Niederlanden, „sehr wenige Fragen gestellt“. Allerdings finanziert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seit 2014 ein Forschungsprojekt, das der Frage nachgeht, „wie behinderte Menschen in Wohneinrichtungen in ihrer sexuellen Selbstbestimmtheit unterstützt werden können“. Für das Modellprojekt unter dem Namenskürzel ReWiKs (= „Reflexion, Wissen, Können“), gab es zwei Förderphasen. Die erste mit einer Laufzeit von 2014 bis 2018 stand unter Leitung eines Teams aus dem Sonderpädagogen Sven Jennessen und den beiden Professorinnen Barbara Ortland von der Katholischen Hochschule NRW und Kathrin Römisch von der Evangelischen Hochschule Bochum. Die zweite mit einer Laufzeit von 2019 bis 2022 stand unter der Leitung von Jennessen, der 2017 von der Universität Koblenz-Landau an das ‘Institut für Rehabilitationswissenschaften‘‘ der Humboldt-Universität Berlin wechselte. Das Forschungsprojekt der zweiten Förderphase widmet sich mit drei Projektmodulen der Frage, wie die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in besonderen Wohnformen der Eingliederungshilfe verbessert und erweitert werden kann.
Für Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen, die zur Erfüllung ihrer Sexualität Hilfe benötigen, wurde ein Berufsbild geschaffen, das de Vries Sexualbegleitung oder Sexualassistenz nennt und über das seit einigen Jahren wissenschaftliche und heilpädagogische Veröffentlichungen erscheinen. Auf der Fachmesse Integra für Pflege, Therapie und Rehabilitation in Wels (Österreich), auf der sie ihr Ausbildungskonzept vorstellte, gab sie eine Definition für diesen Beruf:
„SexualbegleiterInnen sind Frauen und Männer, die aus einer gesunden und bewussten Motivation heraus, Menschen mit einer körperlichen, seelischen/psychischen oder geistigen Beeinträchtigung/Behinderung Hilfestellungen zum Erleben ihrer Sexualität anbieten und dies zu ihrem Beruf machen. Sie ermöglichen Menschen, die auf Grund ihrer Situation (u. a. Krankheit, Unfall, Biographie) eine behutsame, kreative Annäherung auf dem Gebiet der Sexualität brauchen, ein intimes, sinnliches und erotisches Erlebnis und vermitteln ihnen ein positives Körpergefühl. […] Sie achten Menschen mit Behinderung als gleichwertig.“
Sexualassistenz sei eine „Erfahrungsmöglichkeit“, sagt de Vries zu ihrem Berufsbild. Mit der Assistenz werde, ähnlich der Prostitution, eine bezahlte sexuelle Dienstleistung angeboten, allerdings in einer unterschiedlichen Haltung. Sofern möglich, werde dabei Hilfe zur Selbsthilfe angestrebt. Anders als bei der Prostitution sei bei der Sexualassistenz intensive Beziehungsarbeit nicht nur mit der Klientel, sondern auch mit den sie betreuenden Personen notwendig. Dies schaffe besondere Voraussetzungen für diesen Beruf und sei in der Ausbildung entsprechend zu berücksichtigen. Erstmals hat de Vries Sexualbegleiterinnen und -begleiter im Jahr 2002 am Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) ausgebildet.
„Manche ihrer Kolleginnen nennen sich Berührerin, das klingt poetischer, weniger nach Prostitution. Nina de Vries hat da keine Scheu. ‚Was ich tue, ist eine sexuelle Dienstleistung ebenso wie die Prostitution, auch wenn es natürlich Unterschiede gibt. Ich bin nichts Besseres‘, sagt sie. Die tiefe Überzeugung, nichts Besseres zu sein, ist so etwas wie der Grundpfeiler ihrer Arbeit, auch im Umgang mit ihren Klienten.“
Den Unterschied zwischen Sexualassistenz und Surrogatpartnerschaft sieht de Vries auf verschiedenen Ebenen. Einerseits stellt sich in ihrem Verständnis ein Sexualassistent seinem Klienten nicht als „Ersatzpartner“ zur Verfügung, sondern geht eine sehr persönliche, individuell gestaltete Beziehung ein. Sie ist von einer Liebesbeziehung verschieden. Nina de Vries nennt das eine „Begegnung“ – mit Menschen, „die nicht berechnend sind, weil sie nicht berechnend sein können“. Zum anderen verfolgt die Sexualassistenz keine therapeutischen Ziele, sondern will Menschen zur sexuellen Selbstbestimmung verhelfen, die ohne Hilfe den Weg dorthin nicht finden.
Die Selbstbestimmung ihrer Klientel steht im Vordergrund. „Wenn jemand eine Stunde lang nur meine Hand auf seinem Bauch haben möchte, ist das auch okay. Für einen Autisten kann es eine Höchstleistung sein, das zuzulassen!“
Für den Dokumentarfilm Beruf: Berührerin (2012) ließ sich de Vries von zwei Filmemacherinnen als eine von drei Sexualassistentinnen einen Tag lang begleiten. Der Film wurde 2013 auf dem Festival Crossing Europe in Linz gezeigt. Ein weiterer Dokumentarfilm, Berührungen von Mechthild Gaßner (2016), stellte ebenfalls zwei Sexualassistentinnen, darunter de Vries, und einen Sexualassistenten vor. Er lief 2017 auf Arte/rbb.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vries, Nina de |
| KURZBESCHREIBUNG | niederländische Sexualassistentin |
| GEBURTSDATUM | 21. Januar 1961 |
| GEBURTSORT | IJmuiden, Niederlande |