Nora Wattie

Nora Isabel Wattie (* 20. Mai 1900 in Edinburgh; † 14. Juli 1994 in Glasgow) war eine schottisch-britische Pionierin der Sozialmedizin. Sie baute den international renommierten pränatalen Betreuungsdienst Glasgows in der Zeit vor wie nach der Gründung des National Health Service auf.

Leben

Wattie war die dritte von vier Töchtern von Catherine Carne Wattie, geborene Diack (1864–?), und James Macpherson Wattie (1862–1943), einem Schulinspektor, Mitglied der Edinburgh Mathematical Society und zuvor Dozent für Englisch. Wattie und ihre Schwestern (Mary, Katherine und Patricia) stifteten nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1943 an der University of Aberdeen den Wattie Prize in Arts and Social Sciences „[…]zur Erinnerung an den Namen ihres Vaters James Macpherson Wattie wird der Preis jährlich an die beste Kandidatin oder den besten Kandidaten im Fach Englische Sprache in der English Honours-Prüfung verliehen, sofern die Arbeit besondere Auszeichnung erkennen lässt.“

Wattie besuchte die Aberdeen Girls’ High School und erwarb 1916 ihren Schulabschluss. Anschließend studierte sie Medizin an der University of Aberdeen und schloss das Studium am 14. Juli 1921 mit dem Bachelor of Medicine, Bachelor of Surgery (MB MCh) ab. 1922 erhielt sie am Edinburgh Royal Infirmary eine Anstellung zur Fachausbildung und 1923 qualifizierte sich Wattie an der University of Cambridge im Fach Public Health.

Watties erste leitende Position war ab 1929 die der Venereal Diseases Officer in Glasgow. Ihr Ansatz bestand darin, Kontaktverfolgung und freiwillige Behandlung zu fördern, anstatt der damals vorherrschenden stärker moralisierenden Haltung gegenüber Personen mit sexuell übertragbaren Krankheiten, und sie veröffentlichte eigene Forschungsarbeiten zur Verbesserung der Sexualaufklärung und der Mütterfürsorge. Wattie brachte ihre Vorschläge auch in nicht‑medizinische Foren ein; so sprach sie 1930 vor 700 Delegierten des National Council of Women in Portsmouth über die umfangreichen, in Glasgow unterstützten Wohlfahrtseinrichtungen für Seeleute. Der Rat verabschiedete daraufhin eine Resolution „für verbesserte medizinische und freizeitbezogene Einrichtungen zum Wohle der Seeleute“.

Wattie entwickelte in der Folge ein zentrales Interesse an der Verbesserung der Gesundheit von Frauen und Kindern in den ärmsten Slumgebieten Glasgows und wurde 1934 zur Principal Medical Officer (Maternity and Child Welfare) ernannt. Die Bedingungen von Armut und mangelhafter Hygiene erschwerten die Bekämpfung von Infektionen, doch Wattie und ihre Assistentin Margaret Barron (die ihr später nachfolgte) überzeugten die Glasgow City Corporation, in Ambulanzen und Gesundheitsaufklärung zu investieren. Dies führte zu einer Verbesserung der Mütterbetreuung und einer höheren Inanspruchnahme von Impfungen, wodurch die Diphtherie in der Stadt innerhalb weniger Jahre faktisch eliminiert wurde.

Wattie unterstützte Mary Barbour 1926 bei der Gründung der Women’s Welfare and Advisory Clinic, der ersten Familienplanungsstelle für verheiratete Frauen, die ausschließlich mit Frauen (Krankenschwestern und Ärztinnen) besetzt war, und unterstützte zudem Barbours Kampagnenarbeit für von Tuberkulose betroffene Menschen. Wattie sprach über soziale und öffentliche Gesundheitsmaßnahmen zur Prävention dieser tödlichen Krankheit, etwa 1939 auf der Conference of National Girls Clubs. Bereits 1913 hatte sie bei einer öffentlichen, vom Scottish Council for Health Education organisierten Versammlung in Motherwell über Tuberkuloserisiken referiert.

1936 sprach Wattie vor der Glasgow District Nursing Association über die Gefahren der gewöhnlichen Erkältung und stellte fest, dass „Kinder, die in überfüllten Wohnungen aufwuchsen und unzureichend ernährt und gekleidet waren, besonders anfällig für katarrhalische Infektionen seien“. 1941 setzte sie sich in dem Beitrag The Child Under War Conditions für die Schulspeisung ein und argumentierte, dass die Bereitstellung einer ausgewogenen Mahlzeit zum Ausgleich von Defiziten in der häuslichen Ernährung fortgeführt werden solle. Wattie widersprach zudem Beschwerden ländlicher Familien, denen zufolge schmutzige und ungebildete aus Glasgow evakuierte Kinder das Ergebnis „ineffizienter Mütter“ oder mangelhafter Organisation der Evakuierung seien, und plädierte stattdessen für die Beseitigung der innerstädtischen Slums: „Der aktuelle Bedarf besteht in aktivem Einsatz zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Kinder in den Black Spots“.

Wattie führte Haushaltshilfen für Wöchnerinnen ein (bekannt als die Green Ladies, nach der Farbe ihrer Uniform), die junge Mütter unterstützten, und richtete zudem vorübergehende Unterbringungsmöglichkeiten in Kinderheimen ein, wenn Mütter hospitalisiert werden mussten (etwa zur Geburt weiterer Kinder). All dies zielte auf eine Verbesserung der „Psychologie des Vorschulkindes und der für gesundes seelisches Wachstum günstigen Bedingungen“, wie Wattie es in einem Vortrag vor der Public Health Section der Royal Philosophical Society of Glasgow formulierte. 1949 führte sie den „großen Erfolg“ der Gemeindeschwestern auf die „ausgezeichnete Ausbildung“ durch das Queen’s Institute of District Nursing zurück.

1942 war Wattie zum Mitglied des interdisziplinären Panel Brains Trust zur Entwicklung Schottlands berufen, dem unter anderem Persönlichkeiten wie Tom Honeyman, Guy McCrone und Paul Vincent Carroll angehörten. Wattie wurde als eminently qualified in sas British Government’s Scientific Advisory Committee zur Säuglingssterblichkeit kooptiert, der im Februar 1944 dem Unterhaus Bericht über Maßnahmen zur Senkung der Säuglingssterblichkeit und über Pläne zur Gesundheitsverbesserung erstattete. Im folgenden Jahr war sie eines von fünfzehn Mitgliedern eines Ausschusses zur Untersuchung der Versorgung von Kindern, die eines normalen Familienlebens beraubt waren. Der Ausschuss war vom Secretary of State for Scotland Tom Johnston eingesetzt worden und umfasste unter anderem die Sozialreformerin May Baird sowie die Schriftstellerin Naomi Mitchison.

An der Sommerschule des Scottish Council for Health Education an der University of St Andrews im Jahr 1945 setzte sich Wattie dafür ein, dass Lehrkräfte in Hygiene ausgebildet werden sollten, und forderte „jede Schule müsse mindestens über Warm‑ und Kaltwasser sowie über Innentoiletten verfügen“, wobei sie feststellte: „Wenn jedes Kind dazu erzogen werden könnte, sich nach dem Toilettengang und vor den Mahlzeiten die Hände zu waschen, würde dies die Gesundheit des Landes revolutionieren.“

Wattie sprach sich zudem für eine angemessene Ausstattung der Schulen für Mädchen in der Pubertät aus und untersuchte 1949 für das Menstrual Hygiene Subcommittee der Medical Women’s Federation in 53 Schulen den Mangel Hygienebinden, Umkleidemöglichkeiten und sicheren Entsorgungsmöglichkeiten. Erst am 24. November 2020 verabschiedete das schottische Parlament (nach vierjährigen Debatten) einstimmig den The Period Products (Free Provision) (Scotland) Act, der den Kommunen eine gesetzliche Bereitstellungspflicht auferlegte und Schottland zum ersten Land der Welt machte, das kostenlose Menstruationsprodukte bereitstellt.

1956 berichtete die lokale Presse über Watties Presidential Address auf der Montrose‑Konferenz der Royal Sanitary Association of Scotland, in der sie die Notwendigkeit von Zusammenarbeit in sich wandelnden Zeiten zusammenfasste:

„The whole history of the child welfare movement has shown the enormous benefits we have reaped from the partnership of health and education working towards the creation of happy, healthy childhood and happy family life.“

„Die gesamte Geschichte der Kinderfürsorgebewegung hat die enormen Vorteile gezeigt, die wir aus der Partnerschaft von Gesundheitswesen und Bildung gezogen haben, die gemeinsam auf die Schaffung einer glücklichen, gesunden Kindheit und eines glücklichen Familienlebens hinarbeiten.“

– Nora Wattie
Nora Wattie bietet Thomas Thomson, dem Vorsitzenden des Gesundheitsboards Lebertran an, 1990

Von 1956 bis 1959 war Wattie Mitglied des Maternity Services in Scotland Committee, das zu den Anforderungen des National Health Service beriet und die Verwaltung der pränatalen Dienste sowie deren Anbindung an Allgemeinarztpraxen verbesserte. 1961–1962 wurde Wattie zur Präsidentin der Society of Medical Officers of Health gewählt – als zweite Frau überhaupt und als erste Schottin in diesem Amt.

1964 wurde sie für ihre Verdienste um die öffentliche Gesundheit zum Officer of the Order of the British Empire ernannt. Die Glasgow Evening Times erklärte sie zur Scotswoman of the Year.

Im Ruhestand entwickelte Wattie Gesundheitsbildungsprogramme für Schulen und Colleges. 1990 bot sie als Ehrengast bei einer Ausstellung des Greater Glasgow Health Board unter dem Titel Cod Liver Oil and Orange Juice anlässlich Glasgows Rolle als Kulturhauptstadt Europas dem Vorstandsvorsitzenden Sir Thomas Thomson öffentlichkeitswirksam einen Löffel Lebertran an.

Wattie starb am 14. Juli 1994.

Einzelnachweise

  1. ↑ J. J. O'Connor und E. F. Robertson: James MacPherson Wattie. In: MacTutor, Biographies. School of Mathematics and Statistics, University of St Andrews, März 2021, abgerufen am 23. März 2026.
  2. ↑ School Leaving Certificate Exams. Old Scottish Genealogy and Family History, abgerufen am 23. März 2026.
  3. ↑ University of Aberdeen. In: British Medical Journal Publishing. Band 2, Nr. 3161, 30. Juli 1921, S. 175, doi:10.1136/bmj.2.3161.175.
  4. ↑ Edinburgh Royal Infirmary. In: The Scotsman. 4. Juli 1922, S. 3.
  5. 1 2 P. A. Gardner: The Society of Public Health 1957–1997, Part 2 Some Notes on Some Fellows of the Society. In: Public Health. Band 114, 2000, S. 224 (191–226) (archive.org [PDF]).
  6. ↑ Roger Davidson: Dangerous Liaisons: A Social History of Venereal Disease in Twentieth-century Scotland (= Clio Medica. Band 57). Rodopi, Amsterdam 2000, ISBN 978-90-420-0628-7, S. 191 (google.de).
  7. ↑ Nora I. Wattie: Prevention of Congenital Syphilis. In: British Journal of Venereal Diseases. Band 20, Nr. 2, 1. Juni 1944, doi:10.1136/sti.20.2.61.
  8. ↑ Scotswomen At Portsmouth – Women Police. In: The Scotsman. 17. Oktober 1930.
  9. ↑ Discussion on the Prevention of Chronic Lung Diseases in Childhood. In: Proceedings of the Royal Society of Medicine. Band 35, Nr. 10, August 1942, S. 689–692, doi:10.1177/003591574203501016.
  10. ↑ Margaret Barron. HeraldScotland, 15. Juni 1999, abgerufen am 24. März 2026.
  11. 1 2 Meet the unsung health pioneer whose work helped wipe out deadly infection in Glasgow. Glasgow Times, 27. Juli 2020, abgerufen am 24. März 2026.
  12. ↑ Elizabeth Ewan, Sue Innes, Siân Reynolds und Rose Pipes (Hrsg.): The Biographical Dictionary of Scottish Women: From the Earliest Times to 2004. Edinburgh University Press, Edinburgh 2007, ISBN 978-0-7486-2660-1, S. 29.
  13. ↑ Solving the Problems of Adolescence, Conference of National Council of Girls’ Clubs, Growth of Nervous Diseases. In: The Scotsman. 10. Juli 1939, S. 13.
  14. ↑ Watch Your Health. In: Motherwell Times. 26. November 1913, S. 3.
  15. ↑ Danger of Common Cold, Share in Infantile Death-Rate, Glasgow Doctor’s Views. In: The Scotsman. 28. November 1936, S. 11.
  16. ↑ Communal Feeding, Local Authorities’ Opportunity, Post-War Service. In: The Scotsman. 18. September 1941.
  17. ↑ MattieTurnbull: Days of Apprehension and Adventure: Experiences of Scottish Child Evacuees During World War II. Dorrance Publishing, Pittsburgh, PA 2016, ISBN 978-1-4809-2695-0, S. 87.
  18. ↑ The Pre School Child, Importance of Welfare Work. In: The Scotsman. 18. November 1934.
  19. ↑ District nursing. In: The Scotsman. 15. Februar 1949, S. 2.
  20. ↑ Brains Trust on Scots affairs. In: The Falkirk Herald. 23. Dezember 1942, S. 4.
  21. ↑ Thomas Johnston: Orders of the Day – Infant Mortality, Scotland. mySociety, 16. Februar 1944, abgerufen am 24. März 2026.
  22. ↑ Infant Mortality, Scotland. In: Hansard. UK Parliament, 16. Februar 1944, abgerufen am 24. März 2026.
  23. ↑ Scots children's welfare. In: The Aberdeen Press and Journal. 20. April 1945, S. 4.
  24. ↑ Child Welfare. In: The Scotsman. 5. Februar 1945.
  25. ↑ Teaching of Hygiene, School Buildings a Handicap, Formation of Habit. In: The Scotsman. 3. September 1945.
  26. ↑ Eilidh Macrae: Exercise in the Female Life-Cycle in Britain, 1930–1970. Springer, London 2016, ISBN 978-1-137-58319-2, S. 64 (google.com).
  27. ↑ Mark Freeman: Sport, Health and the Body in the History of Education. Routledge, London 2016, ISBN 978-1-317-57601-3.
  28. ↑ Scotland becomes first nation to provide free period products for all. In: The Guardian. 24. November 2020 (theguardian.com).
  29. ↑ Megan Specia: Tackling «Period Poverty», Scotland Is 1st Nation to Make Sanitary Products Free. In: The New York Times. 24. November 2020 (nytimes.com).
  30. ↑ More Young Women are Marrying Early for Economic Reasons. In: Montrose Standard and Angus and Mearns Register. 20. September 1956.
  31. ↑ Supplement to the BMJ. In: British Medical Journal. 28. Februar 1959, S. 74.
  32. ↑ Nora I. Wattie: Maternal and child health services: in the future. In: Transactions of the Royal Sanitary Association of Scotland (Congress der Royal Sanitary Association of Scotland). 1945.
  33. ↑ Dorothy F. Egan: Whither child welfare? In: Public Health. Band 79, Nr. 1, 1964, S. 13–16, doi:10.1016/S0033-3506(64)80078-0.
  34. ↑ Supplement to The London Gazette. In: The London Gazette. Nr. 43343, 13. Juni 1964, S. 4951 (thegazette.co.uk [PDF]).
  35. ↑ The Corporation of the City of Glasgow (Hrsg.): Report of the Medical Officer of Health, City of Glasgow, 1963. Glasgow 1964, S. 13 (archive.org).
  36. ↑ Greater Glasgow Health Board Annual Report Statement of Accounts & Directory. Great Glasgow Health Board, Glasgow 1990, S. 20.
  37. ↑ Elizabeth M. Mackie und Scott Wilson: Obituary N. I. Wattie. In: British Medical Journal. Band 309, 12. November 1994, S. 1297.
Personendaten
NAME Wattie, Nora
ALTERNATIVNAMEN Wattie, Nora Isabel
KURZBESCHREIBUNG schottisch-britische Pionierin der Sozialmedizin
GEBURTSDATUM 20. Mai 1900
GEBURTSORT Edinburgh, Schottland, Vereinigtes Königreich
STERBEDATUM 14. Juli 1994
STERBEORT Glasgow, Schottland, Vereinigtes Königreich