Norbert Finzsch

Norbert Finzsch (* 1. März 1951 als Norbert Rollewitz in Köln) ist ein deutscher Historiker.

Wissenschaftliche Laufbahn

Norbert Finzsch studierte Germanistik vor allem bei Karl Otto Conrady und Geschichte bei Erich Angermann an der Universität zu Köln, wo er 1977 das Staatsexamen ablegte und 1980 promoviert wurde. Die Dissertation zur US-amerikanischen Geschichte trug den Titel Die Goldgräber Kaliforniens. Arbeitsbedingungen, Lebensstandard und politisches System um die Mitte des 19. Jahrhunderts und war kliometrisch angelegt. Von 1981 bis 1988 war Finzsch wissenschaftlicher Assistent bei Erich Angermann an der Universität zu Köln. 1983/1984 war er Stipendiat des American Council of Learned Societies an der University of California, Berkeley, 1986 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Sozialgeschichte des Rheinlandes im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Für seine Habilitation erhielt er 1990 den Köln-Preis.

1989 wurde er stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington, 1992 wurde er als Nachfolger von Günter Moltmann auf die Professur für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg berufen. 1995/96 startete Finzsch mit einer Gruppe von queeren Aktivistinnen eine Kampagne zum Erhalt von 80.000 Akten der Hamburger Justizbehörde aus den Jahren 1935 bis 1945, die vom Staatsarchiv der Stadt Hamburg vernichtet werden sollten. Diese Akten hätten Auskunft über die Verfolgungspraktiken des NS-Regimes gegen Menschen gegeben, die wegen §175 verurteilt worden sind. Es entspann sich eine monatelange Kampagne unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler, Aktivistinnen und politischen Parteien zur Rettung der Akten, die am Ende erfolgreich war. Die Reaktionen der Hamburger Universität auf diesen Vorgang veranlassten Finzsch, sich aus Hamburg wegzubewerben. Seit 2001 war er Professor für Angloamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln. Sein Arbeitsschwerpunkt war die Geschichte der USA und seit 2001 auch die Geschichte Australiens. Von 2005 bis 2007 war er Prorektor der Universität zu Köln. Zwischen 1996 und 2000 war Finzsch mehrfach Research Fellow an der University of California in Berkeley, sowohl am Center for German and European Studies wie auch als Visiting Professor am Center for International Government Studies. 2000 bis 2001 war er Gastprofessor an der Université Michel Montaigne in Bordeaux, 2003 Visiting Fellow des Humanities Research Centre an der Australian National University in Canberra, Australien. 2012/2013 nahm er eine Gastprofessur am Institute for European Studies der University of California in Berkeley als Distinguished Visiting Scholar wahr. Finzsch war von 2005 bis 2008 und von 2006 bis 2011 Teilprojektleiter in zwei Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Vom Oktober 2014 bis zum April 2015 war Finzsch Fellow des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „re:work“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2017 erhielt er den renommierten Meyer-Struckmann-Preis der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf für seine Leistungen im Bereich der Nordamerikaforschung. Mit Ablauf des Monats Juli 2016 ist Finzsch in den Ruhestand getreten. Im Wintersemester 2019/20 und im Sommersemester 2020 lehrte Finzsch Nordamerikanische Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Im Wintersemester 2022/23 lehrte Finzsch bei GeStiK – Gender Studies in Köln an der Universität zu Köln. Von 2022 bis 2025 war Finzsch Professor an der Sigmund Freud Privatuniversität Berlin im Fach Psychotherapiewissenschaft. Er war von 2024 bis 2026 Fellow des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ an der Universität Erfurt (SFB 294). 2025/26 lehrt er an der Universität zu Köln zur Geschichte der schwarzen Deutschen.

Privates

Finzsch ist seit 1998 mit der Historikerin Michaela Hampf verheiratet. Die Familie lebt in Berlin.

Forschungsschwerpunkte

Finzsch arbeitete zunächst als quantifizierender Sozialhistoriker der USA und Deutschlands, wandte sich unter dem Eindruck der poststrukturalistischen Theoriedebatte der Kulturgeschichte zu. Seine Arbeiten zur Geschichte der Afroamerikaner, der Gefängnisse und der Sexualität waren nachhaltig von den Arbeiten Michel Foucaults beeinflusst. Seit Ende der neunziger Jahre rückten Themen wie internationale und vergleichende Genozidgeschichte der USA, Australiens und Neuseelands in den Vordergrund, wobei Finzsch sich an den Theorien und Methoden der sozialökologischen Systemforschung („Social Ecological Systems“) orientierte. Seit 2011 forschte Finzsch zur Geschichte des „Freedmen’s Bureau“ in den ehemaligen Sklavenstaaten der USA und zur Geschichte der weiblichen Genitalverstümmelung (Klitoridektomie) in Frankreich, England und Deutschland. Die Studie zur Kliteridektomie wurde 2021 veröffentlicht. Seit 2021 forschte Finzsch zur Geschichte des Non-Binary-Gender im „Westen“. Die entsprechende Monographie ist 2024 im Transcript Verlag in der Reihe „Historische Geschlechterforschung“ erscheinen. Seit 2023 forscht Finzsch zur Geschichte der Ethnopsychoanalyse, besonders zu Georges Devereux und Louis Mars. Eine Neuauflage seines Buchs Von Benin nach Baltimore wird 2027 unter einem neuen Titel und Beteiligung zweier Koautorinnen (Michaela Hampf, Rahab Njeri) erscheinen. Zu Finzschs Schülern zählen Fatima El-Tayeb, Jürgen Martschukat, Olaf Stieglitz und Heike Bungert.

Schriften (Auswahl)

Monografien

Herausgeberschaften

Aufsätze (Auswahl)

Mitgliedschaften in Beiräten und Herausgebergremien

Einzelnachweise

  1. ↑ Klaus Bästlein: Zehntausend Akten – Millionen Fakten. Zum Erkenntniswert der Hamburger Strafakten aus der NS-Zeit. In: Joachim W. Frank und Thomas Brakmann (Hrsg.): Aus erster Quelle. Beiträge zum 300-jährigen Jubiläum des Staatsarchivs der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg University Press, Hamburg 2013, S. 125–142.
  2. ↑ Archivalische Entsorgung der deutschen Geschichte? In: stefanmicheler.de. Abgerufen am 14. April 2026.
  3. ↑ Historisches Institut: Nordamerikanische Geschichte. Abgerufen am 15. August 2019.
  4. ↑ DFG - GEPRIS. Abgerufen am 24. August 2026.
  5. 1 2 Kölner Universitätsmagazin, Nr. 7, August 2016, S. 59.
  6. ↑ Norbert Finzsch: Strukturwandel des Eigentums: Beteiligte. Abgerufen am 30. April 2024.
  7. ↑ Bei Finzsch abgeschlossene Dissertationen an der Universität zu Köln
  8. ↑ Taylor & Francis: Webseite der Zeitschrift "American Communist History". In: Learn about American Communist History. Taylor& Francis, 2025, abgerufen am 4. März 2025 (englisch).
  9. ↑ Norbert Finzsch: Vorstand. In: FG Geschlechterstudien. FG Geschlechterstudien, 2010, abgerufen am 5. März 2025 (ge).
Personendaten
NAME Finzsch, Norbert
ALTERNATIVNAMEN Rollewitz, Norbert (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Historiker
GEBURTSDATUM 1. März 1951
GEBURTSORT Köln