Operaismus

Als Operaismus (italienisch operaismo) bezeichnet man sowohl eine neomarxistische Strömung als auch eine soziale Bewegung, die in den frühen 1960er Jahren im industriellen Norditalien entstanden ist. Der Begriff ist von dem italienischen Wort operaio (für „Arbeiter“) abgeleitet. In deutschen Publikationen wurde zeitweise die Übersetzung Arbeiterwissenschaft für die neomarxistische Strömung benutzt.

Begriff

In deutlicher Abgrenzung zur Kommunistischen Partei Italiens, deren politische Strategie ganz auf die Eroberung des Staatsapparats ausgerichtet war, gaben sich die Operaisten strikt antistaatlich und propagierten den Kampf gegen die Fabrikarbeit. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht stets die Subjektivität der Arbeiter, deren nicht immer offensichtlicher Kampf gegen fremdbestimmte Arbeit als treibendes Bewegungsmoment der Geschichte begriffen wird. Die Bewegungen der Kapitalseite und der kapitalistischen Gesellschaft sind als Reaktionen auf diesen Kampf der Arbeiter aufzufassen, nicht umgekehrt.

Internationale Aufmerksamkeit erregten die Operaisten ab Anfang der 1970er Jahre mit großangelegten und oft lang andauernden Bestreikungen von Automobilfabriken; wobei mitunter spektakuläre und rabiate Methoden bis hin zur Entführung von Managern angewendet wurden. Als Konsequenz ihrer Ablehnung der Fabrikarbeit gab es eine intensive Hinwendung zu sozialpolitischen Themen (vor allem Wohnverhältnisse und Krankenpflege). Zudem entstand eine vielfältige und entsprechend unübersichtliche Medienproduktion (vor allem Zeitschriften und Radiosendungen). Von den zahlreichen centri sociali, die in der Hochphase der Bewegung als Treffpunkte aufgebaut wurden, haben einige in italienischen Großstädten bis heute überlebt.

Wichtige Vertreter des Operaismus sind Romano Alquati, Antonio Negri, Raniero Panzieri und Mario Tronti. Weitere Vertreter sind: Aris Accornero, Franco Berardi, Sergio Bologna, Rita Di Leo und Alberto Asor Rosa.

Theoretischer Ausgangspunkt

Theoretischer Ausgangspunkt war die Anfang der 1960er Jahre von Raniero Panzieri gegründete Zeitschrift Quaderni Rossi (Rote Hefte) und deren Abspaltung Classe operaia. Die Entwicklung der Produktivkräfte folge nicht automatisch einem historischen Gesetz (Geschichtsdeterminismus), sondern müsse flankiert werden von einer beständigen Disziplinierung und Zurichtung der im Arbeitsprozess stehenden Personen. An dieser Stelle könnten daher Kämpfe zur Überwindung des Kapitalismus einsetzen. Arbeitsverweigerung, „Krankfeiern“, Sabotagen am Arbeitsplatz etc. würden die notwendige Disziplin zersetzen und die Entwicklung der Produktivkräfte stören. Dies könne zu Krisen und zu einer Revolution führen. Der Operaismus übte also eine Kritik der Arbeit. Als Mittel der Bewusstseinsbildung und der Agitation wurde von den Operaisten auch der bereits von Marx entwickelte „Fragebogen für Arbeiter“ verwendet. Über die teilnehmende Analyse der „Klassenzusammensetzung“ in sog. Militanten Untersuchungen sollte der spezifische Ansatzpunkt effektiver Kämpfe der Arbeiterschaft entwickelt werden.

Historischer Ausgangspunkt

Die Entstehung des Operaismus in Italien fiel mit einer Krise der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaften zusammen. Zahlreiche, besonders junge Arbeiter fühlten sich von ihnen nicht mehr vertreten, da die Brisanz des Problems der Fabrikdisziplin nicht erkannt wurde. So kam es zu wilden Streiks, in deren Folge die Autonomia, eine breite soziale Bewegung, entstand. Vor dem Hintergrund des „Heißen Herbstes“ (1969) bildeten sich neue Gruppierungen (siehe Potere operaio). In der theoretischen Diskussion wurde die Gestalt des „Massenarbeiters“ durch die Konzeption des „operaio sociale“ (gesellschaftlicher Arbeiters) basierend auf der Idee des general intellect von Marx ersetzt.

Die Autonomen agierten dezentral und militant. Nicht zuletzt über die Kriminalisierung – der italienische Staat und die Medien sahen eine direkte Verbindung zwischen bewaffneten Gruppen wie den Brigate Rosse und den Autonomen – wurde die Bewegung der Autonomia nach einem erneuten Aufflammen der sozialen Kämpfe 1977 schließlich durch den italienischen Staat massiv verfolgt und letztlich zerschlagen. Tausende wurden unter dem Vorwurf des Terrorismus oder auch nur der Sympathie mit Terroristen verhaftet, darunter der politische Theoretiker Antonio Negri.

Postoperaismus

Der Postoperaismus steht zwar in der Tradition des italienischen Operaismus, verbindet dessen Ansätze jedoch mit Aspekten des französischen Poststrukturalismus. Zentrale Begriffe des Postoperaismus sind: Empire, Bio-Macht und Bio-Politik, immaterielle Arbeit, Multitude und Souveränität.

Bekannte Vertreter sind neben Antonio Negri Michael Hardt und Maurizio Lazzarato. Eine Nähe besteht auch zu dem Philosophen Giorgio Agamben.

Literatur

Geschichte des Operaismus

Zeitgenössische operaistische Texte

Operaismus in Deutschland

Postoperaismus und Debatte um Empire

Einzelnachweise

  1. ↑ siehe Ulrich Heidt, Elisabeth Mangeng: Kapitalismustheorien, Abschnitt 10, "Die Arbeiterwissenschaft", in: Handbuch Politischer Theorien und Ideologien, Hg Franz Neumann, Rowohlt 1977. Heidt und Mangeng nennen die Arbeiten von Mario Tronti, Raniero Panzieri, Antonio Negri, Romano Alquati und Massimo Cacciari als "Kristallisationspunkte" dieser Richtung.
  2. ↑ Für ein frühes Beispiel aus dem Jahr 1969 vgl. Davide Serafino, Der Kampf gegen gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen am Beispiel von „Chicago Bridge“ in Sestri Ponente (Genua) 1968/1969, in: Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft I/2016; ISBN 978-3-86331-281-7.